Raiffeisen-IT: Chefs mit Karacho ins Ziel

Verantwortliche wollen 600-Mio-Avaloq vor Silvester überall eingeführt haben – 50 Banken übers Weekend migriert, damit 201.

Bei Raiffeisen steht das wichtigste Projekt der letzten Jahre vor dem Abschluss. Das neue Avaloq soll bis Ende 2018 bei allen 250 Raiffeisen-Banken in der Schweiz eingeführt sein und laufen.

Am Wochenende erfolgte Staffel 5. Dabei wurden 50 weitere Raiffeisen-Banken auf ACS überführt, welches in Anlehnung an ein Jointventure mit dem Software-Lieferanten Avaloq „Arizon Core System“ bedeutet.

Staffel 5 bringt das Total aller unter dem neuen System laufenden Raiffeisen-Banken auf 201. Laut einem Projektinvolvierten funktioniere das ACS bei allen Banken, die es in Betrieb genommen hätten, gut und schnell.

„Das Ganze ging zwar etwas länger und war etwas holpriger, doch für ein Projekt dieser Grössenordnung ist das Peanuts“, meint die Quelle.

Ein Kritiker sieht das diametral anders. Er berichtet von langen Gesichtern in den jeweiligen Raiffeisen-Banken, sobald sie mit dem neuen Avaloq, das über eine halbe Milliarde verschlungen hat, arbeiten müssten.

„Alles geht unglaublich langsam, die Leute drehen Däumchen, bis sie endlich den nächsten Schritt am Computer vollziehen können“, meint dieser Gesprächspartner.

Bei der Raiffeisen Schweiz in St.Gallen, wo die Verantwortlichen für das neue System sitzen, hält man sich bedeckt.

Früher wurde jeder Fortschritt im RaiWeb, dem Intranet der Raiffeisen, als riesiger Erfolg zelebriert. Bis dann klar wurde, dass der neue Computer die Hypo-Zinsen nicht richtig berechnen kann.

Das war im Frühling, und spätestens ab da wurde es ruhig auf dem RaiWeb. Die IT-Chefs unter Führung von Chief Operating Officer Rolf Olmesdahl hüteten sich, neue Jubelmeldungen zu verbreiten – zu gross war die Gefahr, sich damit rasch lächerlich zu machen.

Vom Frohlocker zum Schweiger: Olmesdahl, Mister IT (Bild: Raiffeisen)

Olmesdahl und seine IT-Freunde waren gebrannte Kinder. Das zeigt sich auch jetzt, da sie mit ihrem ACS scheinbar auf der Zielgeraden sind und ihr Baby erfolgreich auf die Welt bringen könnten.

„Letztes Wochenende wurden 50 Banken auf das neue System migriert“, sagte gestern Abend eine Sprecherin lediglich, und fügte an: „Mittlerweile laufen 201 Banken vollständig auf ACS.“

Zum nächsten Vorgehen wollte die Raiffeisen-Frau nichts Konkretes sagen. „Der weitere Rollout wird Schritt für Schritt entschieden.“

Ball flach halten, lautet die Order rund um Avaloq und Neusystem im Raiffeisen-Headquarter in der Gallus-Stadt. Lieber am Jahresende positiv überraschen als jetzt vorschnell in Jubelschreie ausbrechen.

Dafür gibt es auch keinen Grund. ACS ist ein Zangengeburt mit vielen Fragezeichen, unabhängig davon, ob der letzte Schritt mit den fehlenden 50 Raiffeisen-Banken noch vor Jahresultimo gelingt oder nicht.

Bei diesen handelt es sich um die grössten Banken innerhalb des Genossenschaftsverbunds. Wenn sie unter dem neuen ACS laufen, dann steigt die Belastung.

Man wird dann sehen, wie sehr der Avaloq-Computer mit einer so grossen und auf viele einzelne Banken unterteilten Gruppe zurecht kommt.

Das grosse Problem ist die Geschwindigkeit. Avaloq stammt aus der Privatbanken-Welt und gilt als führend für Wertschriften-Aufgaben.

Harzig entwickelte sich Avaloq im E-Banking, so bei der Luzerner Kantonalbank, und im Kreditgeschäft zahlte die Firma mit dem groben Zinsfehler bei Raiffeisen viel Lehrgeld.

Für das Softwarehaus ging die Rechnung trotzdem stets auf. Die Entwicklungskosten für ein System, das nun nicht mehr nur kleinere und mittelgrosse Banken umfasst, sondern die Nummer 3 der Schweiz, liess man sich finanzieren.

Durch ihre Kundin, sprich die Raiffeisen-Gruppe. Der Genossenschaftsverbund spendierte Hunderte von Millionen Franken für die Weiterentwicklung von Avaloq – vom Anbieter für kleinere Geldhäuser zum Komplett-Softwarehaus.

Was aber erhalten die Genossenschafter wirklich für die stolze Summe? Das ist die entscheidende Frage. Und hier könnte die Antwort ernüchternd ausfallen.

Die Abläufe mit Avaloq scheinen schwerfällig, die Wartezeiten lang, die Schulungen für die Mitarbeiter anspruchsvoll.

Zwar hat die Raiffeisen einen neuen, glänzenden Rolls Royce als Computer. Doch wirklich davon profitieren können nur wenige – hauptsächlich die Chefs in St.Gallen.

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26 Kommentare zu “Raiffeisen-IT: Chefs mit Karacho ins Ziel

  1. Also das neue Computer-System von der Raiffeisen ist zum heulen. Es ist kompliziert und alles geht zu lange. Und ich bin mit Raiffeisen ohne Bankschalter gar nicht mehr zufrieden, obwohl die Digitalisierung eigentlich praktisch ist …( aber eben auch gefährlich. Ein Knopfdruck – und alles ist weg).
    Zuerst rüstet man überall in den Dörfern mit Raiffeisen-Filialen auf, dann schliesst man eine Bank nach der Andern. Es ist sowieso schon längstens Zeit für eine Reinigung im Finanzsektor. Mein Grossvater, der heute Ururgrossvater wäre, traute den Banken noch in den 50er/60er -Jahren nicht (15 Jahre n.d.Krieg) . Das hat sich dann geändert. Aber heute wären seine damaligen Gefühle wieder top aktuell.

  2. Funktioniert es nun schnell oder langsam?! Eine Person sagt langsam, eine Person sagt schnell. Was für ein peinlicher Bericht…
    Am besten Fragen sie doch bei der Raiffeisenbank Goldach nach – ich hörte es läuft einwandfrei seit einigen Monaten.

  3. Die Stunde der Wahrheit naht für Avaloq. Wenn das System bei der Raiffeisen letztlich doch nicht skaliert, so wird das verheerende Konsequenzen für das Unternehmen haben.

    Das ist wohl auch der Grund, wieso man von Francisco Ferrari nichts mehr hört.

  4. Hoffentlich werde ich als „normaler“ Kontoinhaber auch Mal informiert was für ein Einfluss diese 600 Mio.für Avaloq auf die zukünftigen Abschlüsse haben wird. Bzw. was wird eingespart oder was wird beeinflusst ?

  5. ja viele rauchende bankangestellte kennen den schönen und sehr lauten ferrari hat er den sportauspuff zu weihnachten 2014 bekommen ?

  6. hatte on der Vergangenheit einige Jahre mit Avaloq zu tun und es Geknorze, das System halbwegs am Leben zu halten. Jeden Abend beim Daychange ein Stossgebet und 3 Ave Maria. Tja, ich wurde eingeholt aus der dunklen Vergangenheit, meine RB hat migriert (mitten im Monat) und mir Kontoabschlüsse zugestellt. Ich werde die Zinsabrechnungen von Hand nachrechnen, garantiert.

  7. Ich musst drei Wochen warten bis meine beiden Konten bei der Raiffeisen aufgelöst und das Geld überwiesen wurde. Sie hatten gerade „umgestellt“.

    Etwas harzig die Sache. Hätte wohl besser alles in Bar vorher abgehoben.

  8. Vom Frohlocker zum Schweiger. Ja, ja, spotten Sie nur, Herr Hässig:

    Verstehen Sie denn nicht: Ich bin traurig, dass mich mein treuer Freund Patrik verlassen hat. Wegen einer Frau! Mein Herz ist gebrochen. Mit wem gehe ich denn jetzt joggen?

    Und bald wird auch ACS flügge. Sofern es denn trotz seinem extrem langsamen Flügelschlag überhaupt fliegen kann.

    A propos Fliegen: Vielleicht fliege ich ja auch bald. Wer weiss? (Nein, nicht mit Patrik. Der ist ja schon geflog… äh … gegangen.)

    Over and out!

  9. avaloq ist für wertschriftenhäuser geeignet. ich weiss nicht was dieses system bei raiffeisen zu suchen hat. wahrscheinlich ist es darum gegangen, einen rolls royce zu installieren. passt zum firmengehabe in den letzten jahren. es braucht ein system, welches den spar- und hypothekenbereich richtig und zeitnah rechnen kann. rest hat priorität 5. also; kontoauszüge per 31.12.2018 gut prüfen. dieser film entwickelt sich mit sicherheit zur Serie:):):):)

    • Es ist darum gegangen, dass Vincenz und Staub sich zerkracht haben. Vincenz wollte dann alle Dienstleistungen, die Vontobel erbracht hat internalisieren. Dabei dachte er wohl, es ist eine gute Idee dazu dasselbe System zu nutzen, wie Vontobel.

    • Mit Verlaub: Avaloq als Rolls Royce für Wertschriftenhäuser zu bezeichnen ist wie McDonalds als Gourmettempel für Feinschmecker zu halten.

  10. Was heisst ACS Raiffeisen-intern schon wieder?

    Alli
    Computer
    Stönd

    Das Akronym passt doch auch in der Praxis gut…

    Ernsthaft: im Frontbereich (Schalter) und in der Anlageberatung (dafür wurde die Basis Avaloq ja auch entwickelt) läuft es nach einer Angewöhnung der Nutzer einigermassen rund; im Hypothekar- und Kreditbereich – nicht ganz unwesentlich für Raiffeisen – sind weder Performance, Abläufe oder Usability befriedigend. Mal abwarten, was am Jahresende beim Zinsabrechnungslauf geschieht… Hoffentlich läuft der ‚Töff‘ dann!

    Die vielen (Einführungs-)Verschiebungen und die dadurch sehr lange Phase zwischen Schulung (Sommer/Herbst 2017) und Einführung/Nutzung (Frühjahr bis Spätherbst 2018) führten dazu, dass sich die User unsicher fühl(t)en und auch mit wenig Motivation an die Sache gingen/gehen. Aber wie bei vielem wird man sich auch daran gewöhnen: Toll wäre einfach, wenn man mit einem neuen Tool mehr könnte, wie vorher und nicht weniger…

    Der schwerfällige Rolls Royce glänzt nicht wirklich; nur der Preis passt!
    Im Nachhinein ist vielen immer noch ein Rätsel, weshalb zwar eine Standard-Software gekauft wird, diese dann aber wieder derart umgebaut wird, dass man vielleicht doch eher etwas Eigenes entwickelt hätte… Ob da Goodies und Reisli für die Entscheidungsträger wichtiger waren als Nutzen und Benutzer…?

  11. Und jeden Tag grüsst das Murmeltier.

    Ist bei allen grossen Finanzunternehmen das gleiche: nach dem Go-Live verabschiedet sich die IT mit ihren PL’s, BA’s, Architekten, Consultants und CWR mit einem «Mission Accomplished», natürlich nach Einfahren der Ernte (Lob, Bonus, Beförderung).Das Business wird dem Schicksal überlassen, die BAU Kosten gehen durch die Decke.

    Einzige Lösung wäre, dass die IT Implementer über mehrere Jahre für ihre Lösung verantwortlich sind. und ihre Leistung am BAU Erfolg gemessen wird. Würde auch die Qualität der Lösung enorm steigern. Aber eben, da tummeln sie sich längst beim nächsten Groundhog Day rum…

    • … das setzte ja voraus dass das Senior Management bereit wäre weiterhin die genannten PLs und BAs zu bezahlen (für eine aus dessen Sicht wenig wertschöpfende Aufgabe), anstelle sie so schnell wie möglich für das nächste Projekt zu verwenden bzw. auf die Strasse zu stellen.

    • Wenn ein IT-Implementierer, der schon zu lange für die Entwicklung gebraucht hat, noch weitere Jahre mit der Wartung bezahlt verpflichtet, dann würde der Falsche damit belohnt.

    • Gerne würde ich von Murmeltier Murmeli mal ein grösseres IT-Projekt genannt bekommen, dass wie geplant abgeschlossen wurde, und für das „die IT“ (also die genannten Projektleiter, Architekten, Entwickler etc.) auch Lob in irgendeiner Form erhielten, oder gar Bonus & Beförderung. Ich arbeite seit Jahrzehnten in der IT und habe es noch nie erlebt. Denn es gab immer, wirklich immer irgendwelche Unzufriedenheiten, Verzögerungen, Extrawünsche, Hab-ich-doch-anders-gemeint, War-doch-schon-immer-so, Na-müsste-doch-viel-schneller-sein usw. Die Gründe dafür sind wirklich vielfältig und werden natürlich immer bei anderen gesucht.

      Und ja, „die IT Implementer“ bleiben in einer gewissen Form verantwortlich. Doch mache Dich mal schlau, was hinter einem „Werkvertrag“ steckt.

      Die von @Unrealistisch gebrachte Anmerkung kann ich auch nur unterstreichen. Der Auftraggeber will nie für Standby & Händchen-halten bezahlen, warum sollen die Leute also vorort bleiben

  12. Wie ich in jüngster Zeit regelmässig höre, sind die „umgestellten“ Banken zufrieden mit der neu eingeführten IT.

    Vom Hörensagen lernt man lügen…?

  13. Kommt mir vor wie die USA, die durch Pentagon und NASA technologische Entwicklungen durch Milliardeninvestments bei den grossen Rüstungs- und Raumfahrtskonzernen erst ermöglichen, wo ihnen allerdings am Ende nichts davon gehört und man dann von den Firmen bei der Serienlieferung und beim Support nochmals schwer zur Ader gelassen wird. – Oder erhielt PV Avaloq-Anteile?

  14. Der Ohlmensdahl gehört auch zur Ära Gisel/Vincenz: Auch ihn sollte man schnell ersetzen.
    Aber bitte erst mal den Poerschke und Schaub rauswerfen, das ist vordringlicher.

    • Aber, aber: Der Poerschke weiss doch zuviel. So einen Mann kann man doch nicht einfach auf die Strasse setzen. Das System muss doch seine Mitglieder schützen. Das hat sich ja jahrzehntelang weitherum bewährt.
      Und in der Schweiz ist dieses Prinzip noch völlig intakt. Beweis: Der Teflon-Guy mit seiner ASE-Vergangenheit, der es sogar zum VRP einer systemrelevanten Bank geschafft hat.

  15. Die Antwortzeiten im Avaloq werden immer ein Problem sein. Das haben auch Kantonalbanken erlebt. Dass zuwenige IBM-Cores vorhanden sind und damit zuwenig Rechenleistung stimmt, aber wesentlich für die schlechte Performance ist die veraltete Avaloq-Architektur. Francisco hat die letzten 30 Jahre nichts dazugelernt…