Avaloq in Deutschland: „Viel grösseres Fiasko“

Nach Crash 2016 droht erneut Absturz, jetzt mit Apothekerbank – Deutsche wollen Rolls-Royce, Schweizer liefern VW Käfer.

Die Informatik-Firma Avaloq riskiert in Deutschland ihr zweites Waterloo. Diesmal droht eine Misere, die den Crash mit der BHF Bank im 2016 sogar noch in den Schatten stellt.

Es geht um den Auftrag der ApoBank, das ist die Deutsche Apothekerbank, eine stolze Gruppe mit lukrativer Kundschaft.

Die Avaloq zog den Auftrag einer vollständig neuen Informatik nach dem Scheitern bei der BHF an Land. Nun warnen Avaloq-Spezialisten vor einem nächsten Absturz.

Das Problem sind diametral auseinander laufende Erwartungen. Die Avaloq will ihre Standard-Lösung einführen, die ApoBank verlangt eine genaue Kopie ihrer heutigen Spezialanforderungen.

Beides passt überhaupt nicht zusammen. In Workshops fühlen sich Avaloq-Teilnehmer wie auf einem anderen Planeten.

„Es wurde richtig peinlich bei der Aufzählung der Funktionalitäten, die für die Bank geschäftsnotwendig sind und der Frage, welche Daten dazu benötigt werden“, steht in einem Avaloq-Arbeitspapier.

Es folgt ein Bekenntnis der eindrücklichen Art. „Wir hatten schlicht keine Datenanforderung dafür.“ Sprich: Bisher war Avaloq im Blindflug unterwegs, nun zeigen sich ihre Spezialisten erschüttert.

Zwei Diagramme illustrieren die Schwere der Krise. Auf der einen Seite stehen die Avaloq-System-Architekten, die wie bei allen Kunden eine einfache Landschaft als Ziel präsentieren.

Auf der anderen Seite präsentieren die ApoBank-Informatiker ihr „aktuelles System“, das der Weichenlandschaft der SBB am Knotenpunkt Zürich-Hauptbahnhof entnommen sein könnte.

Hier haben zwei Partner – der Kunde ApoBank und die Lieferantin Avaloq – komplett unterschiedliche Erwartungen. Die Apo-Leute wollen die Milchstrasse, die Avaloq den Bodensee.

Die Auszüge aus den Workshops des Avaloq-Spezialisten lassen das Grauen auf beiden Seiten erahnen.

„Wir hatten schlicht keine Datenanforderung dafür“, steht an einer Stelle. „Auch auf Fragen wie: Welche Transaktionen wir denn benötigen. Und wir darauf antworten, wir können für Wertschriften keine Transaktionen importieren, war das Entsetzen darüber in den Gesichtern der IT zu erkennen.“

Fragen über Fragen, und keine Antworten. „Wir wollen nur die Assets mit den Positionen haben, die fragen uns nach risikorelevanten Kennzahlen, Historien für Meldungen“, steht andernorts.

Oder „die Berechnung zur Pfandbriefoptimierung“. Darauf das lapidare Eingeständnis des Avaloq-Manns: „Konnten wir natürlich nicht beantworten.“

Für den Spezialisten der Schweizer Softwarefirma mit Ambitionen auf Weltmarkt-Führerschaft führt das zu einem dramatischen „Fazit nach 3 Monaten Projekt Migration“ bei der ApoBank.

Das Vorhaben laufe auf „ein viel grösseres Fiasko als in der BHF Bank“ hinaus.

Dabei seien die Terminpläne beim aktuellen Projekt bei der ApoBank deutlich anspruchsvoller. „Hier wollen wir die ganze Bank migrieren und in nur zwei Jahren fertig sein.“

Ein Sprecher der Avaloq sieht keine Probleme. „Das ApoBank Projekt geht planmässig voran, die Komplexität war von Anfang an bekannt und wir arbeiten sehr eng und vertrauensvoll mit der Bank und unseren Projektpartnern zusammen“, meinte er auf Anfrage.

Angesprochen auf eine der Grafiken sagte der Sprecher: „Wie in grossen Transformationen üblich fliesst viel Arbeit und Zeit in die Planung der Projektphasen. Es gibt diesbezüglich nichts Aussergewöhnliches zu berichten.“

Auch die ApoBank sieht das Projekt auf Kurs. Zumindest offiziell, wie eine Stellungnahme ausdrückt.

„Das Projekt geht planmässig voran und die Zusammenarbeit mit Avaloq und unseren Projektpartnern ist sehr eng und vertrauensvoll.“

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Kommentare

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  1. Es gibt Nichts was man nicht noch umständlicher machen kann. Alles unter dem Deckmantel der besseren Sicherheit. Ich war Kunde bis vorgestern.

  2. Wenn es einen Beitrag gibt, der einen korrekten Blick in die Zukunft geliefert hat, dann dieser.

    Wenn bei einer Bank „exotische“ Funktionen wie Firmenlastschriften nach Umstellung nicht funktionieren, wenn Sammellastschriften auf Termin vorzeitig, unvollständig und teilweise erneut am richtigen Termin durchgeführt werden, wenn Kontoauszüge nicht stimmen und Finanzsoftware, die die Apobank selbst vertreibt, nicht unterstützt wird, ist das mehr als erbärmlich

  3. Das System APOBANK ist seit Anfang Juni in Agonie auf der Inentsivstation, Prognose ungewiss. Das war dann wohl Scheitern auf der ganzen Linie
    Aber es wurden 500 Millionen an dieses IT_Unternehmen verschoben, das ist ein Fall zum Untersuchen.

  4. […] nur eben in modern. Hier kommt dem Erwartungsmanagement eine entscheidende Rolle zu, wie aktuell das Beispiel der ApoBank zeigt: Während die Avaloq ihre Standardlösung einführen will, verlangt die ApoBank eine Kopie […]

  5. Ich bin überzeugt, dass beide Akteure ApoBank wie auch Avaloq sich keine Blösse geben und alles daran setzen, damit die Migration ein Erfolg wird.
    Interessant ist nur wer hier gegen das NDA verstossen hat, und nicht aussagekräftige Internas wie Schaubilder weitergegeben hat. Sehr unprofessionell.

  6. Das ist fahrlässig, unverantwortlich und peinlich ein IT-Projekt ohne klares Anforderungsprofil aufzugleisen. Eine solche Dummheit muss bestraft werden.

  7. Und wie sieht es bei Raiffeisen aus ? An Pfingsten sollte es doch weitergehen mit der nächsten Ausbreitungswelle.

    Würde die Avaloq-Einführung auch ohne Patrik Gysel vollendet werden ?

  8. Die Apo-Bank verbindet Retail und Privatkundengeschäft. Das es insbesondere im Retail-Geschäft Anforderungen gibt, welche die Avaloq noch nicht kennt, ist irgendwie verständlich.

    Das man Fragen nicht immer Ad-Hoc beantworten kann in den momentan stattfindenden Workshops ist nur menschlich. Wichtig ist es hier demütig zu sein und weitere Abklärungen gegenüber dem Kunden zu versprechen. Avaloq hat hier manchmal den Hang etwas arrogant aufzutreten.

    Die beiden oben genannten Diagramme als Beweis für die Schwere der Krise heranzuziehen ist schlichtweg lächerlich. Die „aktuelle“ Gesamtarchitektur der Apo-Bank dürfte bereits eine starke Vereinfachung sein. Die Wirklichkeit ist sicher einiges komplexer. Genau das gleiche gilt für die Ziel-Architektur. Die Avaloq Darstellung stammt womöglich aus sehr frühen Zeiten des Projekts.

    Insgesamt ist das Projekt sicher eine grosse Herausforderung und birgt einige fundamentale Risiken, aber die Darstellung in diesem Artikel trifft die Wirklichkeit wohl nur sehr begrenzt.

  9. Es ist doch immer die gleiche Leier:

    Jede Bank mit einer über die letzten Jahrezehnte zusammengebastelten Lösung sucht eine kostengünstige Standardlösung, ist aber nicht bereit sich auch nur einen Yota an einen fremden Standard anzupassen.
    Von einer Überprüfung des Produkteangebots (Produktionskosten versus Ertrag) wollen wir schon gar nicht reden.

    Sales hat das Blaue vom Himmel versprochen, blauäugige Manager haben vollstes Vertrauen in die adretten Kravattenträger mit dem dicken Schlitten.

  10. Hört sich an wie eine Sammlung von Klischees. Ist in der Branche ja durchaus üblich, dass der Vertrieb erstmal alle Anforderungen abnickt, und erst bei der Umsetzung festgestellt wird, dass es doch nicht so leicht geht.
    Ist von Außen auch schwierig zu beurteilen, inwiefern es sich hierbei wirklich um größere Probleme handelt, oder ob es einfach um Reaktionen auf die üblichen Überraschungen handelt.
    Ich kann mir auch nicht ganz vorstellen, dass ein Unternehmen, dessen Kerngeschäft Bank-IT ist, fest davon ausging, dass Banken sich durch Standardlösungen ohne Anpassungen abspeisen lassen, da Banken traditionell die IT als Unterstützung ihrer Prozesse begreifen, und wenig gewollt sind, ihre Prozesse den Vorgaben der IT zu opfern.

  11. Die Frage ist doch eher aufgrund welchen Pflichtenheftes die ApoBank die Anbieter-Evaluation vorgenommen hat. Es kann da nicht darum gehen die heutige Systenlandschaft 1:1 nachzubilden, sondern die notwendigen Funktionen bereitzustellen auch wenn das System ein anderes „Gleisbild“ hat. Wie meist in solchen Fällen liegt das Problem auf beiden Seiten. Der Kunde kann seine Bedürfnisse nicht formulieren, weil die aus seiner Sicht ja logisch und selbstverständlich sind werden sie nicht ausgesprochen. Und der Lieferant sieht die vorhandene Funktionalität und die Flexibilität seines Produktes zu optimistisch. Und zuviel nachfragen will keiner, denn das könnte ja die Evaluation und das Geschäft verderben. Also gilt „Augen zu und durch“.

    • … einfachste Prozessmanagement-Grundsätze nicht verfolgt! Anforderungen -> Preis & Termin & Mitwirkleistungen + Risiken
      Dann das ganze absegnen, sauber mir Meilensteinen planen und konsequent umsetzen (inkl. Reporten)! Weiss doch heute schon jedes Kinde. Oder?

  12. Was macht man (Avaloq) in einem solchen Fall ? Richtig, man wirbt den Banken ihre IT-Mitarbeiter ab, die kennen bei der Implementierung den Schrott und sollen es richten. Im Falle der RB bedeutet dies eine grössere Abwerbung/ Abwanderung der IT-Fachleute – nur wer ist so blöd und wechselt in einen solchen Laden ?

    Vielleicht erliegt die CH-Bankenwelt gerade einem üblichen Irrtum, Kosteneffizeinz ist ja schön und gut, aber wenn durch wegfallenden Steuerbetrug die Differenzierung verloren ging, dann muss man halt Kunden mit besserer (legaler) Performance überzeugen können, Software alleine und Kostenabbau wird’s wohl kaum richten. Mfg industrial

  13. Offensichtlich hat hier keiner die Ist-Architektur der BHF je gesehen.
    Dagegen ist der „Züricher Hauptbahnhof“ eine Bushaltestelle…
    Vielleicht liegt das Problem ja auch in der Naivität der Avaloqer.

    • seems temenos is trapped in big trouble around fidessa – stock price reacts already

  14. Deutsche wollen Rolls-Royce, Schweizer liefern VW Käfer –> vermutlich zum gleich Preis! Ein wahrlich interessantes Angebot aus der Autobauernation schlechthin …

  15. Wie soll das Projekt besser wetden, sind ja zum Teil die gleichen Leute wie bei BHF drauf. Problem ist, dass um solche Aufträge zu bekommen Implementierungskosten viel zu niedrig geschätzt werden. In D kann man kein Geld verdienen mit Bankensoftware dafür sind bestehende Rechenzentren viel zu günstig.
    @LH: TCS & Accenture bei PF: so geht das.

  16. Irgendein ahnungsloser Manager bei der Apobank hat wohl einfach unterschrieben, ohne die IT zu fragen.

    Dieser Manager-Typus ist sehr häufig, und deshalb tippe ich darauf, dass es so war.

    • Kombiniert mit einem „Alles kein Problem“ Sales Droid ergibt das dann ein toxisches Gemisch, welches von den Leuten auf den unteren Chargen auf Ex getrunken wird. Entsprechende Magenverstimmung und Kater eingeschlossen.
      Die Chefetage tut sich ja üblicherweise schwer, einen Marschhalt einzulegen und den Fail im ersten Akt einzugestehen. Die Grösse haben leider nur die Wenigsten…

    • Irgendein ahnungsloser Verkäufer bei der Avaloq hat wohl einfach die Weltherrschaft versprochen, ohne die IT zu fragen.

      Dieser Verkäufer-Typus ist sehr häufig, und deshalb tippe ich darauf, dass es so war.

    • Die apoBank nutzt keine über Jahre zusammengebastelte Lösung, sondern eine Maßgeschneiderte Individuallösung eines genossenschaftlichen Rechenzentrums.
      Die Naivität und Kosteneinsparungsinteresse des apoBank Vostands hat dann (völlig gegen jegliche Lebenserfahrung) dazu geführt, dass der Zuschlag an die Avaloq ging.
      Natürlich mit unhaltbaren Versprechungen, aber es schien mir noch um Eitelkeit zu gehen.
      Das aktuell betreibende Rechenzentrum bietet eine Fall-Back Lösung, sollte die Migration nicht funktionieren.
      Diese lässt man sich dann sehr teuer bezahlen, was nachvollziehbar und komplett zu Lasten der apoBank geht.
      Der Vostand wird hier natürlich nicht belangt.

    • nun, wenn die skizze der aktuellen systemlandschaft stimmt, wäre ich als bank ebenfalls von der fiduca weggegangen. weniger zürich hb, eher deutsche bahn, wie es scheint.

    • An Insider:

      Wir schreiben jetzt den 08. Juni A.D. 2020.

      Die Migration IST gefloppt – wie es vorhersehbar war.

      An Kosten (bzw. entgangenen Dividenden) sind den apoBANK-Anteilseigenern nun ca. 500 Millionen Euro entgangen.
      Der Vorstand wird auf die drei IT-Firmen zeigen. Peter-Prinzip – man kennt das.

  17. Herr Hässig Sie sind ein wahrer Kennder von IT Architektur:

    „Auf der anderen Seite präsentieren die ApoBank-Informatiker ihr „aktuelles System“, das der Weichenlandschaft der SBB am Knotenpunkt Zürich-Hauptbahnhof entnommen sein könnte.“

    Schöner und lyrischer hätte man es nicht beschreiben können. Eine Wucht als Analytiker sind Sie.

    • Das Stichwort „Avaloq“ erzeugt Traffic auf Insideparadeplatz.
      Da wird dann halt auch geschrieben, wenn es nix zu schreiben gibt. Ist ja nicht das erste Mal…

    • Ohje… den Artikel musste ich auch 2 Jahre nach seinem Erscheinen nicht lange suchen. Ich glaube die Einzigen, denen in großen Unternehmen noch weniger zugehört wird als den Informatikern, sind die Datenschutzbeauftragten.
      Das jetzt nach der Panne die Funktionalität massiv eingeschränkt ist, das ist ja offensichtlich. Aber das könnte auch nur die Spitze des Eisberges sein: Hoffentlich kommt (oder kam) es hier nicht auch noch zu einem zusätzlichen Daten-Leck.
      Wobei ich jetzt gar nicht weiß, was ich als schlimmer empfinden würde? Ein paar falsche Buchungen oder eine Man-in-the-Middle Attacke mit einem im harmloseten Fall „nur“ einmaligem unbemerktem Abgreifen von Daten?
      Ich schätze, das hängt vermutlich von der Höhe der falschen Buchungen oder der Informationen, die z.B. Verwendungszwecke preisgeben und der Relevanz für den Kontoinhaber, ab.

      So richtig lustig wird es dann, wenn man als „digitaler“ Kunde der Apobank (evtl. auch bei anderen Banken) Falschbuchungen vor einem Gericht nachweisen will: die PDF-Kontoauszüge sind hier bis heute nicht korrekt signiert: es gibt keine Signatur, sondern die Dateien wurden bisher nur mit einem Kennwortschutz versehen, der die PDFs vor einer Änderung schützen soll.
      Einen Kennwortschutz kann aber jeder auf ein selbsterstellte PDF legen. Dadurch werden diese PDFs aber leider nicht revisionssicherer. Das geht nur mit einem Zeitstempel oder (besser und) einer Signatur.

      Ein Kontoauszug der Apobank als PDF-Datei könnte somit als Beweismittel vor Gericht nicht taugen, um seine Rechte durchzusetzen und ggf. Geld zurückzufordern, dass bei der Umstellung im Mai im Nirvana verschwunden ist.
      Ein Schelm wer dabei böses denkt.
      Wirecard lässt grüßen 😉