Gehyptes Migros-Fintech im Eimer

Finly war Vorzeige-Startup des Riesen. KMUs konnten Kundenguthaben vorfinanzieren. Nun ist Finly leise entschlafen.

Finly klingt nach neu, digital, aufstrebend. Nun erscheint bei Eingabe von finly.ch Anderes: „Wir haben unseren Service Mitte 2020 eingestellt.“

Dem Startup, das Kundenrechnungen vorfinanzierte, ging in der Krise schnell die Luft aus. Trotz seiner reichen Mutter: Finly ist eine Tochter der Migros.

Das Aus von Finly wirft ein Schlaglicht auf die hochgelobten Fintechs der Schweiz. Diese gelten seit Jahren als Zukunftsmotor für den Finanz- und Wirtschaftsplatz.

Nun kämpfen viele ums Überleben. Wie schnell das Ende kommen kann, belegt der Fall von Finly.

Finito Finly (finly.ch)

Das Unternehmen übernahm gegen eine Gebühr ab 0,5 Prozent Forderungen von KMUs gegenüber Kunden. „Nie wieder auf Zahlungseingänge warten“, lautete das Versprechen.

Man spricht von „Factoring“. Die Firmen erhalten vorab ihre Geld vom Finanzierer und können so weiter ihr Geschäft vorantreiben. Der Mittler, hier also Finly, treibt dann das Geld bei den Kunden ein.

Für seine Arbeit und das Risiko, dass der Kunde nicht zahlt, erhält er eine Gebühr.

Factoring ist zu Big Business geworden. In die Schlagzeilen geraten sind in der Schweiz rund um Factoring Ruvercap und die Credit Suisse.

Mit Finly wollte die Migros digital auf Touren kommen.

„Wer hätte es gedacht: im Spätherbst 2019 hat die Migros Gruppe still und heimlich ihr erstes (?) Fintech lanciert, und zwar nicht irgendeins – mit einem Factoring-Tool für Einzelforderungen hat sich der orange Riese eine ziemlich komplexe Domaine ausgesucht und macht dem bisherigen Platzhirschen Advanon das Terrain streitig“, schrieb die Tech-Seite Finwize.ch.

Ein halbes Jahr später zog die Migros den Stecker. „Mit Finly hatten wir einen Factoring Service entwickelt, der es Kunden (Schweizer KMU und Freiberuflern) ermöglicht hat, ihr Umlaufvermögen zu optimieren und ihr Debitorenmanagement auszulagern“, sagte gestern ein Migros-Sprecher.

„Durch schnelle und einfache Prozesse und gegen eine geringe Gebühr konnte Finly seinen Kunden so Planungssicherheit durch Zahlungseingang nach Rechnungsversand anbieten, um allenfalls weitere Überbrückungsfinanzierungen zu vermeiden.“

„Zwar sehen wir für dieses Startup weiterhin verbundenes Potenzial im Markt, dennoch haben wir entschieden, das Thema zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiterzuverfolgen.“

„Grund ist insbesondere die unsichere Wirtschaftslage in Zusammenhang mit der Coronapandemie und der damit verbundene Bedarf für die Leistungen von Finly.“

Aus den Worten folgt: Den Schweizer Fintechs stehen schwere Zeiten bevor.

Kommentare

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  1. Die Migros ist ein schwerfälliger Dinosaurier geworden. Wir alle wissen was aus den Dinos geworden ist. Schade um Duttis Vermächtnis.

  2. Der Hype um Fintechs entpuppt stets schnell als Luftnummer, denn in der Realität fehlt es immer am Branchenwissen und hochgerechnete Ertrags-Zahlen, basierend auf irgendwelchen statistischen Zahlen die als Potential herangezogen werden, lassen viel Investorengeld sprudeln. Beim kleinsten Gegenwind, nun eben in Form der Corona-Krise, in der die Zahlungsfähigkeit der Schuldner vorübergehend schwächer wird, klappen die Investoren den Schirm wieder zu und flüchten anstatt sich durchzubeissen und dann in guten Zeiten wieder vom Good-Will der Kunden zu zehren den man sich in schlechten Zeiten erarbeitet hat. Auch Factoring ist eine Form von Kreditgeschäft und dieses ist systemrelevant in guten wie in schlechten Zeiten. Da kann man sich eben nicht einfach so davonschleichen!
    Von Migros hat man in letzter Zeit viel Negatives gehört, siehe auch die Probleme im Internethandel die bei weitem noch nicht gelöst sind oder die Probleme mit ihrem Präsidenten einer Genossenschaft in der Westschweiz, etc.

  3. Nicht mal mehr Mohrenköpfe können diese grotesk überbezahlten Migros–Mänägerli mit McK im Nacken verkaufen, schon gar nicht ein Fin –Startup zum Fliegen bringen. Wie heisst die Präsidentin schon wieder ?

  4. Dieses Angebot der Migros scheint wenig Sinn zu machen im Produkteportfolio.
    Es wäre wohl zielführender die Gruppe würde sich auf die Digitalsierung ihrer Geschäfte konzentrieren und die das Cumulus-Konto zum Bankkonto aufpeppen…

  5. Dieses neudeutsche Wort „Startup“ kann man schon gar nicht mehr hören! Momentan gibt es massenweise vollmundig und grossspurig angekündigte Jux-Neugründungen von häufig schon mehrfach gescheiterten Leuten, die besser die Finger davon lassen würden. Bei vielen dieser „Startups“ stinkt schon von Anbeginn an die unseriöse Vorgehensweise zum Himmel!

    • Und wissen Sie was? Bei vielen der etablierten Banken stinkt es schon jahrelang mit all den gescheiterten Möchtegernwichtigtuern.

  6. So wie ich das sehe, hat die Migros Digital Solutions AG hier gar nichts selbst entwickelt. Hat lediglich versucht, die Software (https://www.finly.io/) und das Konzept in der Schweiz, unter dem Namen «finly.ch», an die KMUs zu bringen. Der Schaden dürfte sich in engen Grenzen halten.
    Den Service zu schliessen macht Sinn. Dank dem Lockdown gab es ja nichts mehr zum Fakturieren. Die Einnahmen werden heute via Kurzarbeit und Corona Notkredite generiert. Absolut unseriös und reisserisch ist es, wenn Herr Hässig von diesem einen Fall ableitet, dass die ganze Fintech Branche überflüssig sei.

    • Migros Digital Solutions erfindet oder entwickelt nie selber etwas. Sie suchen nach Ideen und versuchen diese in der CH dann umzusetzen. Auch wenn die Mitarbeiter von Migros Digital Solutions es gerne so darstellen, als wären sie kreative Köpfe, welche neue Ideen hätten.

  7. Ok. Nach den diversen Desaster bzw PR-GAU: Mohrenkopf, Papiersäcke, Plastikmüll-Entsorgung, hat die Migros (endlich!) den PR-Lautsprecher in den Keller entsorgt. Ein Spaghetti- und Schuhverkäufer übt sich in der lateralen Factoring Marktentwicklung, ist wie Swisscom mit FMCG-Siroop, einfach nur noch peinlich

  8. Die meisten Schweizer „Fintech“-Digi-Pigi-Spielzeugläden sind reine Kapitalvernichtung: Sie erwirtschaften keine WERT-Schöpfung, sind unnötig und füllen lediglich die fetten Brieftaschen der „Digital-Hype-Manager“.

  9. Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach Herrschaft, Reichtum und Vergnügen sowie mit einem starken Hang zum Nichtstun auf die Welt.

    Voltaire (1694 – 1778), eigentlich François-Marie Arouet, französischer Philosoph der Aufklärung, Historiker und Geschichts-Schriftsteller

  10. Dabei hat die Migros hat mit der Migros Bank eine sehr erfolgreiche, da bodenständige Tochter, die auch Firmenkredite vergibt. Es muss angenommen werden, dass man sich von aussenstehenden Digital-Genies zum Aufbau einer separaten Fintech-Bude überreden liess, ohne die Migros Bank zu konsultieren (ihren Gewinn nimmt man aber sehr gerne). Das sagt viel aus über die Kompetenz des gegenwärtigen Managements. Immerhin wurde die Übung relativ schnell abgebrochen. Die Abtretung von Forderungen ist dasselbe wie ein Kredit, mit lächerlichen 0,5% Zins ist das von Anfang an ein Verlustgeschäft.

  11. M. I. G. R. O. S.

    Immer mehr kleine Töchter;
    Verursachen neue Löcher.
    Die Genossenschaft waltet,
    Strukturell vieles erkaltet!

    Die MIGROS am Abspecken,
    Gleichzeitig am Aushecken:
    Alle Felder sind schon besetzt,
    So wird von Ort zu Ort gehetzt.

    ORF

  12. Ohne nun explizit die Situation bei finly.ch zu kennen, ist wohl anzunehmen, dass das Debitorenrisiko sich negativ zu den von den KMUs geforderten Gebühr entwickelte.

    Stecker ziehen und Lichter löschen war dann wohl leider mangels Alternativen die einzige Lösung.

  13. Trotz dem Herrn Doktor Rainer Baumann als Chef der Migros Informatik? Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen!

  14. Für mich folgt noch etwas ganz anderes daraus: um Migros‘ Finanzen steht es derzeit nicht rosig. Tafelsilber wird verscherbelt. Projekte, die nicht schnell genug den Break-even erreichen werden eingestellt.

    Der Trost für die Migros Chefs: sollte es noch schlimmer werden, kann man davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der Gruppe als „systemrelevant“ eingestuft wird, und die Migros vor dem kompletten Aus gerettet werden wird.

  15. Ein Fintech kann auch sterben, was ist daran so Besonderes? Vielen Banken stehen schwere Zeiten bevor.

    • Na, die grossen Banken sind gerade wegen Corona super save, sprich too big to fail, da die Notkredite über sie laufen…