Präsident Scheidt hat Vontobel geschnappt

Deutscher nutzt Führungsvakuum bei Zürcher Privatbank, Patriarch Hans Vontobel vertraut Rotarier-Freunden.

Über der Zürcher Gotthardstrasse braut sich ein Sturm zusammen. Der überraschende Abgang des beliebten Private-Banking-Chefs Peter Fanconi reisst alte Wunden bei der Bank Vontobel auf.

Im Zentrum steht die Machtpolitik von Präsident Herbert Scheidt. Der Deutsche hat in den letzten Jahren, als er CEO war, das Vertrauen von Senior Hans Vontobel gewonnen. Die Kür zum Präsidenten vor 11 Monaten war die Belohnung für Scheidts „Pflege“ des Seniors.

Meist heisst es, der 95-jährige Vontobel würde immer noch den Takt angeben. Das stimmt kaum. Laut Insidern mischt sich Vontobel nicht mehr ins Tagesgeschehen ein. Uneingeschränkter Machthaber ist Scheidt und ein paar vom alten Vontobel handverlesene Rotarier. Unabhängige und kritische Geister wurden hingegen in den letzten Jahren systematisch abgesetzt.

Der junge CEO Zeno Staub, der nicht zum Klüngel gehört und als intelligent gilt, schaut dem Treiben stumm zu. Er will seine eigene Karriere offenbar nicht gefährden.

Das Problem ist ein vierfaches.

Erstens ist Scheidt beim Personal umstritten; zweitens fährt Scheidt mit der kleinen Vontobel eine Grossbanken-Strategie; drittens hat Scheidt Vontobel in eine gefährliche Abhängigkeit von Minderheitsaktionärin Raiffeisen geführt; viertens würde ein Einbrechen der Erträge im erfolgreichen Strukturierten-Business die Gruppe wohl in die roten Zahlen befördern.

Gestern flatterte ein 6-seitiges Schreiben einer „Gruppe aktiver Investoren“ ins Haus. Dieses soll an weitere Redaktionen sowie an Vontobel-CEO Staub und Vontobel-Revisorin Ernst&Young verschickt worden sein.

Adressiert ist der Brief an Finma-Chef Patrick Raaflaub. Kritisiert werden unter anderem Missachtung von Minderheitsaktionärs-Interessen, die Qualifikationen von Scheidt und weiteren Vontobel-Verwaltungsräten, mögliche Eigeninteressen der Revisorin sowie mangelhaftes Risikomanagement.

Die Finma wollte keinen Kommentar abgeben, ein Vontobel-Sprecher sagte, die Bank wisse nichts vom Schreiben und würde anonyme Dokumente auch nicht kommentieren. Er drohte mit rechtlichen Schritten, falls die Behauptungen das Unternehmen und die betroffenen Führungspersonen diffamieren würden.

Vontobel-Kenner sind mit den Problemen an der Spitze des Instituts vertraut, das hinter Julius Bär als bekannteste Zürcher Privatbank gilt.

Die kaum freiwillig erfolgte Trennung von Private-Banking-Chef Fanconi könnte nun einen Stein ins Rollen bringen, sagt einer der Vontobel-Insider.

Fanconi sei bekannt dafür gewesen, dass er intern kein Blatt vor den Mund genommen hätte. Ein ständiger Kritikpunkt ist offenbar Präsident Scheidt.

Kleines und Grosses gibt zu reden. Nach seiner Wahl zum Präsidenten im Mai 2011 machte Scheidt seine persönliche Assistentin zur neuen Sekretärin des Verwaltungsrats.

Graziella Zambiasi löste den langjährigen Generalsekretär Beat Hunkeler ab. Der Jurist geht zurück ins Rechtsteam der Bank, wo er früher schon tätig gewesen war.

Legendär ist Scheidts Beraterstab. „Scheidt beschäftigt Heerscharen von Stabsleuten und Beratern“, sagt die Vontobel-Quelle.

Stabsapparat und Generalsekretären-Wechsel verstärken Scheidts Ruf als Machtpolitiker. Doch bedeutungsvoller sind die übrigen Probleme.

Unter Scheidts Führung hat es Vontobel verpasst, sich eine fokussierte Strategie zu geben. Trotz ihrer beschränkten Grösse wollen die Zürcher sowohl im Private Banking als auch im Asset Management und im Investment Banking mitspielen. „Scheidt spielt Grossbank“, sagt dazu die Quelle.

Im Unterschied zu Julius Bär, die sich über die letzten Jahre vom Gemischwarenladen zur echten Privatbank gewandelt und den Bereich Private Banking ausgebaut hat, hinkt Vontobel im Geschäft mit den Vermögenden hinterher.

Knapp 30 Milliarden verwaltete Vermögen im Private Banking per Ende 2011 sind wenig nach einem 10-jährigen Effort. Scheidt trägt als Private-Banking-Mann die direkte Verantwortung dafür.

Drittes Kernproblem: Scheidt hat Vontobel an Raiffeisen gebunden. Genossenschafts-Banker Pierin Vincenz lagerte seine Wertschriftenabwicklung und Teile der Produktentwicklung an Vontobel aus, im Gegenzug kriegte er eine Minderheit an Vontobel.

Wenn Vincenz seine neue Notenstein Privatbank mit dem Private Banking von Vontobel verschmelzen will, bleiben Scheidt nur zwei Optionen. Er kappt sofort die Seile zu Vincenz, dann verliert er die lukrativen Aufträge, und die Erträge stürzen ein. Andernfalls bleibt er „gefangen“, dann dürfte die vielbeschworene Unabhängigkeit bald zu Ende gehen.

Das vierte Kernproblem ist die Gewinn-Abhängigkeit vom Investment Banking, genauer vom Derivate-Shop unter Roger Studer.

Der mache sein Business „saugut“, sagt die Vontobel-Quelle. Mit knapp 100 Millionen Gewinnbeitrag zum Gruppen-Vorsteuergewinn von knapp 150 Millionen war Studers Laden im 2011 mit Abstand der wichtigste im Vontobel-Reich.

Ein Markteinbruch im Derivategeschäft oder ein grosser Verlust in diesem riskanten Business würde vermutlich die ganze Gruppe in die roten Zahlen befördern.

Ex-Vontobel-Spitzenleute, die Hans Vontobel in den letzten Jahren auf die drängenden Fragen ansprachen, sind längst von Bord. Die neuen Chefs stammen alle vom Rotary Eins, der berühmtesten Schweizer Sektion des weltweiten Serviceclubs, wo sich Wirtschaftsgrössen immer am Freitag zum Netzwerken treffen.

Dort gehören Patriarch Hans Vontobel und sein Sohn Hans-Dieter zu den langjährigen Mitgliedern. Und dort sitzen mit Bruno Basler vom gleichnamigen Ingenieurbüro, Peter Quadri von IBM und Frank Schnewlin von der Basler Versicherung gleich 3 Vontobel-Verwaltungsräte.

Die Rotarier haben über die letzten Jahre bekannte und unabhängige Grössen im strategischen Obergremium der Privatbank ersetzt.

Bruno Basler, ein Ex-McKinsey-Berater, ist besonders einflussreich dank seiner Rolle als Vize der Vontobel-Stiftung, die einen Grossteil der Aktien der Bankengruppe kontrolliert.

Zusammen mit Präsident Scheidt können Basler und die weiteren Zürcher Serviceclub-Netzwerker den 8-köpfigen Vontobel-Verwaltungsrat kontrollieren.

Der letzte grosse Kritiker im VR scheidet demnächst aus. Es ist Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, der Platz macht für einen anderen Raiffeisen-Kadermann.

Für Vontobel ist Vincenz‘ Ausscheiden gefährlich. Der Bündner Grind hat Grosses vor im Schweizer Private Banking. Vontobel droht unter Scheidts Regentschaft zum Opfer zu werden.

Kommentare

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  1. vontobel ist eine alte zuercher traditionsbank und soll von einem schweizer management gefuehrt werden – raiffeisen (p vincenz und p gisel) waeren hier eine gute wahl

  2. Schade, dass wieder erstklassige Schweizer privatbank von einem deutschen wichtigtuer wie herr Scheidt runterrandaliert wird. Die familie vontobel hat ihr lebenswerk in voellig falsche haende gelegt

  3. Zeno Staub intelligent? – Mag ja sein (was immer „intelligent“ heissen mag, hat aber die Motivations- und Führungsstärke eines Schlucks abgestandenen Wassers… – Eher Typ „fleissiger Beamte“ bzw. Etappenhengst.

    • @Hans B. Kant: Ihr Kommentar lässt offen gestanden nicht auf einen überragenden Intellekt schliessen. Ist doch immer wieder erstaunlich, wie Neid und Missgunst die Menschen aufzufressen vermag. Ganz arm…

    • Herr „Saint“, sind Sie Zeno Staub? – Finde, Hans Kant hat recht. ZS ist fleißig, aber dennoch ein Etappenhengst und kein Leader. Das schleckt keine Geiss weg.

    • Zeno staub ist ein intelligencer buchhalter und controller aber sicherlich Kein gestandener privatbanker
      Ein Krasse fehlentscheidung der familie vontobel

    • Ihr müsst alle den Kommentar von ‚Saint‘ richtig lesen: Er sagt, „Kommentar lässt offen gestanden nicht auf einen überragenden Intellekt schliessen“. Damit meint er allenfalls, dass eben der ZS nicht intelligent ist – oder hat der Heilige da allenfalls etwas verklausuliert geschrieben und sich selber überholt… 🙂