$350’000’000’000’000 – inklusive Swiss Banks

Skandal um getürkten Libor-Megamarkt erfasst UBS und wohl auch CS – untersuchende Weko überfordert?

Im Libor-Gate rollen die Köpfe. Zuerst in England bei Barclays, weitere dürften folgen.

Der Skandal um den zentralen Zinssatz mit Folgen für Kredite und andere Zinspapiere über weltweit USD 350 Billionen hat das Potenzial, der UBS ihr schönes 150-Jahr-Jubiläum zu verhageln.

Wieviel Schutz deren Selbstanzeige in der Libor-Affäre bietet, weiss niemand. Die Spitze der Bank schweigt – und verteilt 5-Franken-Tickets für Böötlifahrten.

Die Krise bahnte sich seit Monaten an, entlud sich dann aber über Nacht. Mit dem Donnerschlag von letzter Woche gegen die englische Barclays mit Rekordbusse und Rücktritt des Präsidenten rücken die übrigen involvierten Global-Players der Finanzindustrie ins Zentrum.

Mit dabei wie meist: die Schweizer Grossbank UBS. Auch deren Händler sollen systematisch die Zinsen zur Fixierung des Libor-Zinsen (London Interbank Offered Rate) gefälscht haben.

Die CS ist ebenfalls auf dem Libor-Radar gelandet, scheint aber weniger exponiert zu sein.

Glück oder Können? In Big Finance gilt: Je grösser, desto riskanter. Also UBS, nicht CS.

Das Ziel der Libor-Deals könnte kaum verwerflicher sein. Die Banker im Zinsengeschäft, das bei den meisten Häusern im umstrittenen Investmentbanking angesiedelt ist, konnten mit dem Murks eigene Grosspositionen retten. Diese hätten ansonsten weniger performt oder gar grosse Verluste erlitten.

Das Motiv? Bonus, was sonst?

Die Chefs schauten zu. Wie aktiv, müssen die Untersuchungen in England, Amerika, Kanada, Japan und der Schweiz zeigen.

Kein Gentleman’s Delikt. „Es geht um gigantischen Beschiss, um Manipulation von Zinssätzen durch etwa ein Dutzend Banken, die für Hunderte von Billionen von Kreditkarten, Spareinlagen, Moneymarket Funds, Hypotheken bis zu all den Zinsderivaten bestimmend sind“, schreibt ein Leser.

Wenn es dann, wie man wüsste, den Mann auf der Strasse – Konsument, Kleininvestor, Kleinsparer – direkt treffe und „misleading“ (irreführend) und „deception“ (Täuschung) als Reizwörter auftauchten, dann sei das für die US-Ermittler wie „Weihnachten“, meint der Kommentator.

Im Land der Sammelklagen sei zudem mit teuren Zivilprozessen zu rechnen.

Wirklich brutal würde es, wenn RICO ins Spiel käme. Gemeint ist der „Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act“, ein US-Gesetz von 1970, das sich ursprünglich gegen die Mafia richtete.

Am Ende der 1980er-Boomjahre wurde mit RICO der Junkbond-König Michael Milken zur Strecke gebracht. Milken erhielt 10 Jahre Gefängnis, war allerdings nach knapp 2 Jahren wieder auf freiem Fuss.

Milkens Drexel Burnham Lambert, lange eine Wallstreet-Ikone, ging Anfang 1990 Konkurs. Damit wurden Milken und Drexel schon vor 20 Jahren zu Ikonen der zerstörerischen Gier in der Finanzindustrie.

RICO ist für die Libor-Verdächtigten brandgefährlich. Das Gesetz kann die Finanzgiganten zu einer verschwörerischen Verbrecherbande stempeln, mit möglicherweise langjährigen Haftstrafen gegen die Verantwortlichen.

Während in den USA scharfes RICO droht, überlässt Helvetien die Aufarbeitung von Libor-Gate der branchenfremden Wettbewerbskommission (Weko).

Das erstaunt. Wie will eine Behörde, die sich um Autoimporte und Handy-Tarife kümmert, die Mutter aller Interessenkonflikte von Big Finance à fonds aufarbeiten?

Zwar zeigte die Weko kürzlich Zähne. Sie büsste BMW wegen Wettbewerbs-Behinderung beim Autoimport mit über 150 Millionen Franken.

Doch für die Libor-Ermittlungen scheinen die obersten Wettbewerbshüter eher eine Feigenblatt-Rolle zu übernehmen.

Jedenfalls fiel der Weko gestern nicht viel Erhellendes zum explodierenden Skandal ein.

„Es ist ein hochkomplexer Fall, bei dem wir alle beteiligten Unternehmen betrachten müssen und deren Einwirken auf den Wettbewerb untersuchen müssen“, meinte der Weko-Vizedirektor zu SF Online.

Harmlos mutet auch die lange Ermittlungsdauer an. Vor 2014 sei nicht mit Ergebnissen zu rechnen.

Vornehm wegschauen tut jene Stelle, die eigentlich in die Hosen müsste. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) überlässt die heisse Kartoffel den Weko-Kollegen.

Für UBS&Co. taucht trotz allem Hoffnung am Horizont auf: TBTP heisst sie – Too Big To Prosecute. Die Schweizer würden bereits zum zweiten Mal in den Genuss ihrer besonderen Grösse kommen.

Im US-Steuerfall kam die Grossbank rückblickend günstig davon. Sie kaufte sich mit 780 Millionen Dollar frei, ihre obersten Chefs durften in Frühpension. Vor dem Richter mussten sich nur Subalterne und Kunden verantworten.

Die Zeche bezahlte der Bürger und Steuerzahler – mit dem Ende des Bankgeheimnisses und dem Vertrauensverlust in den Rechtsstaat.

Nun wird Libor-Gate zum ultimativen Testfall. Die Härte der Massnahmen wird zeigen, ob Global Financing tatsächlich über dem weltweiten Recht steht.

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13 Kommentare zu “$350’000’000’000’000 – inklusive Swiss Banks

  1. Falls noch jemand hier vorbeisurft, ganz frisch von Reuters:

    U.S. prosecutors and European regulators are close to arresting individual traders and charging them with colluding to manipulate global benchmark interest rates, according to people familiar with a sweeping investigation into the rate-rigging scandal.

    http://www.reuters.com/article/2012/07/22/us-banking-libor-criminal-idUSBRE86L0CC20120722

    Beyond regulatory penalties and criminal charges, banks face a growing number of civil lawsuits from cities, companies and financial institutions claiming they were harmed by rate manipulation. Morgan Stanley recently estimated that the 11 global banks linked to the Libor scandal may face $14 billion in regulatory and legal settlement costs through 2014.

  2. Das Festlegen des Libor-Satzes hat nichts mit Investment Banking zu tun, wie in den vorstehenden Kommentaren erwähnt. Leider hat sich die Kultur und Mentalität im Banking in den vergangenen Jahren sehr verändert. Die Leute haben vergessen, dass dies ein Dienstleistungssektor ist, in dem es gilt, dem Kunden zu dienen. Anstelle dessen dient man sich selbst. Keine Regulierung wird etwas erreichen gegen eine solche Manipulation – leider. Es braucht ein Umdenken und dies wird wohl nicht von heute auf morgen stattfinden.

    • Sorry, keine Rechthaberei hier, aber wo werden mit den Billionen Zinsderivaten ‚gespielt‘, den ‚weapons of financial mass destruction‘? Wo in der Bank sind die Gegenparteien angesiedelt und wo werden die Zins-Gambles OTC gehandelt? Eben. Und diese Leute, wie sie richtig sagen, geben nicht nur den mafiösen Ton an sondern profitieren direkt, wenn sie Boguszahlen eingeben. Man lese nur die unglaublichen e-mails der Barclay Traders. Einzelfälle? Es darf gezweifelt werden. Aber warten wir jetzt ab. Es geht rasant und noch viele Vögel werden pfeifen.

    • Die alte Garde zieht leider bereits die Neuen nach, die dann übernehmen können. Es wird sich nichts ändern, solange es Banking in der heutigen Form gibt.

    • Bitte mich nicht falsch verstehen, die Aktivitäten von Investment Banking wie M&A, Anleihen emitieren, usw. sind „standard“ Aktivitäten einer Bank, und absolut legitim solange sie im vernünftigen Ausmassen stattfinden. Das „importierte“, spricht amerikanische, Investment Banking das momentan in grosse Mode ist bei unsere Grossbanken hat, meiner Meinung nach, diese Unart bei uns erst etabliert, auch durch den Zustrom von angelsachsische IB’lers. Plötzlich regiert Gier statt Bescheidenheit, es wird nur kurz-fristig gedacht, alles gehebelt bis geht nix mehr, und dies auf „lose“ Fundament. Es ist alles ein riesiges Schneeballsystem geworden, irgendwann gibt’s nur eine riesen Pfütze von Schulden und wir Steuerzahler können darin ausbaden.
      Nicht nur bei Libor, auch bei Eurex wird geschummelt. Wer weiss was heutzutage noch „manipuliert“ werden. Alles ist recht wenn es darum geht, das eigene Bonus aufzupolieren.
      Sie haben Recht, es braucht ein Kultur(rück)wandel. Aber ich sehe momentan leider niemand, der uns zurück ins Licht führen kann…

  3. Waaaahnsinn. Investment Banking wird immer mehr zu Pandora Kiste. Welche Depp hat dies überhaupt in der Schweiz importiert? Man!
    Eigene Ideen haben, statt Nachmachen, das ist wahre Führung. Und nicht wieviel kann ich in meine Tasche scheffelt.

    • Frag mal den Carnaval de Bâle Drümmeler* und sein Buddy Christoph, wie das so war, damals, als er (der Christoph) nicht verdauen konnte, dass die alte UBS ihn im VR ausgrenzte, wegen der EWR Abstimmung. Und wie – unglaublich aber wahr – die Umbaubaracke SBV von der Äschenvorstadt das solide Paradeplatzpferd SBG übernommen, und dann prompt, wallstreetig-nvestmentbanking-acquisitionsgrössenwahnsinnig, verwuffelte,

      *Übrigens öffter anzutreffen auf dem Golfplatz Saanenmöser-Les Hauts de Gstaad, wenn Du ihm eine persönliche Frage stellen willst. Clubhaus ist öffentlich zugängig.

  4. Während der „brave“ Schweizer harte Massnahmen gegen ein paar mittellose Asylanten und kleine Sozialhilfebetrüger fordert, blüht das organisierte Verbrechen im Dunstkreis von Grossbanken, FINMA und SNB, die alle mit Bängster-Paten durchsetzt sind.

  5. Kann uns dies als Bürger noch erschrecken? – Nein, es ist ein weiteres Kapitel im Buch der Gier und der geschmierten Politik.

  6. Glass-Steagall muss wieder her! Auch in der Schweiz. Endlich weg mit dem Investment ‚Banking‘, den Traders, und zwar so, dass sie bankrott und auch ins Gefängnis gehen können, ohne die Volkswirtschaften zu zerstören.

    Es tut einfach verdammt weh, wenn – wieder einmal – wegen einer solchen Shysterbande die richtigen Banquiers, die vielen tausend professionellen Mütter, Väter sich schämen müssen, ihren Kinder zu sagen, wo sie arbeiten.

    NB: Danke schön, Phil Gramm, Ex US Senator, Glass-Steagall Wrecking-Ball, mitverantwortlich für das grösste Finanzdebakel seit der 30er Depression – und, per Zufall, Vice Chairman der Investment Bank divison von UBS!

  7. …lustig wird es in Amerika. In Europa sind die Bussen „Peanuts“ (ca. CHF 90m im Fall Barclays), aber in den USA langen dann wohl gleich zwei Behörden parallel richtig fett zu.

    • Wer denn sonst?
      Was können die sonst – ausser fingerpointing!
      Anklagen – Vergleichen – Geldeinfordern und wegtauchen! Dann den nächsten Deal vorbereiten die Europäer reinlaufen lassen und wieder klagen – Ein schönes Perpetuum mobile!!!