„Tischlein Deck dich“- Finanzhokuspokus und warum ein Crash an den Finanzmärkten mehr ist als eine Wertkorrektur

1979 macht Jimmy Carter Paul Volcker zum Fed-Präsidenten. Die Weltwirtschaft leidet an Umverteilungsproblemen (von unten nach oben), Nachfrageschwäche und Inflation (eine klassische Kapitalismuskrise), der Interbankzinssatz geht auf 22% im US-Dollar hoch, die Bedienungskosten der Kredite an Lateinamerika (auf variabler Zinsbasis) vervierfachen sich in kürzester Zeit und zerstören die politische und ökonomische Kultur des Subkontinenten.

Die Geburtsstunde des Finanzhokuspokus hat geschlagen. Mangelnde Kaufkraft und damit verbundene Arbeitslosigkeit als Folge von Nachfrageschwäche wird mit Kreditvergabe übersteuert. Die Brot und Spiele Demokratie wird gerettet.

Die ersten Zinsswaps werden ausprobiert. Wetten auf die Zukunft mit Finanzmagie nehmen ihren Anfang – im grossen Stil. Die Rechner können problemlos mit immer grösseren Zahlen umgehen: dank Mikrochiptechnologie. Wirtschaftskrisen dürfen und müssen nicht mehr stattfinden. Marx wird ein weiteres Mal in die Mottenkiste der Ideologiegeschichte verbannt. Zudem zerfällt der Kommunismus der Nachkriegsversion überall.

Fast forward ins 2017. Der Finanzhokuspokus hat die reale Wirtschaft weltweit total verändert und sie dem Primat der Finanzen unterstellt. Ein unvorstellbar grosses Pyramidenmachwerk von mit Schulden generierten neuen Schulden (die alten als Deckung der neuen) finanziert die globalisierte Wirtschaft mit ihrer bekannten „Arbeitsteilung“ Ost-West. Alle wirtschaftlich relevanten Prozesse hinterlassen eine immer breitere Spur von Schulden, getreu dem Gesetz über den abnehmenden Grenznutzen.

Wo stehen wir heute?

Das Bankensystem hält ausserbilanzlich und ohne Risiko-Rücklagen weltweit 800’000 Milliarden Dollar Gegenparteirisiken für abgeschlossene Wetten auf Preisentwicklungen von Finanzprodukten, mit einer Seite als Prämien zahlende und der anderen als „versicherte“ Finanzinstitution oder Agenten. Wie gross ist das Ausfallrisiko von Gegenparteien? Niemand weiss es, und die Geschäfte sind zum Teil sehr komplex und intransparent.

In der realen Welt werden und wurden Risiken eingegangen, die sich wirtschaftlich nie rechnen (können), die aber „versichert“ sind; und zwar im grossen Stil. Damit wurde die Verschuldungsfähigkeit künstlich ausgedehnt, weit über die Belastungsgrenzen im Krisenfall. Das Risiko ist real, dass die „Versicherungen“ ausfallen werden, weil das bürgerliche Recht so ausgedehnt wurde, dass solche Geschäfte überhaupt rechtens sind. Wenn eine Bank ausfällt, kommt es sogleich zu einer flächendeckenden Systemkrise mit weiteren Bankenausfällen (Schneeballeffekt).

Der grösste Teil der Kreditgeschäfte ist gedeckt durch Finanzprodukte. Neue Kreditverhältnisse basieren auf in Wertschriften verpackte alten Finanzprodukten (hauptsächlich marktfähige Kredite), als Deckung unter Berücksichtigung einer Deckungsreserve.

Es ist bekannt, dass Euroclear errechnet hat, dass zur Deckung „verpfändete“ Wertschriften im Durchschnitt 30 neue Kreditverhältnisse „absichert“ (security lending).

Der Marktwert dieser Deckungsgeschäfte bestimmt, ob mehr oder weniger Deckung eingefordert werden muss. Viele Geschäfte laufen aber ausserhalb normierter Börsen ab (over-the-counter) und unterstehen keiner Kontrolle.

Und hier nun die Krux: In einem Finanzcrash kommen sofort „Versicherungs“-Ansprüche zum Tragen. Zudem werden jede Menge „Margencalls“ generiert und erfordern zusätzliche Deckung.

Dazu werden Liquidationen von „Wert“papieren ausgelöst, um Cash-Deckung anzuschaffen. 1987 konnte eine solche Lawine noch pariert werden mit dem damals frisch gekürten Kasinopräsidenten-Zauberer Alan Greenspan in der de facto Weltzentralbank Fed.

Seither sind die Volumen um mehr als das Tausendfache gestiegen. Zentralbanken sind zu Hedgefonds geworden und drucken enorme Beträge an digitalem Geld. Der Papiertiger EZB hat praktisch kein Eigenkapital, aber Euro gedruckt wie die Besinnungslosen und die Bilanz Richtung 3’000 Milliarden Euro aufgeblasen – mit was? Schulden aus EU-Ländern.

Geld ist zur Allegorie von rechtlich abgesicherten „Analogen“ und „Digitalen“ geworden, also geruchslosen Heissluftbewegungen, die keine der beteiligten Parteien als Ernst zu nehmende Verpflichtung versteht. (Das ist bei Wetten nicht ganz unüblich.) Das Dumme an der Geschichte ist eben, dass unsere tägliche Routine in der „Wirtschaft“ (kein Alkoholausschank, nur Geldmethadon) von dieser Heissluft-Spinnereiwelt zu 100% abhängig ist. Natürlich auch das ganze Rentensystem.

Es muss befürchtet werden, dass im bevorstehenden Finanzcrash flächendeckende Deckungsverkäufe getätigt werden müssen und das ganze Bankensystem praktisch total insolvent wird von einem Moment zum andern.

„Tischlein Deck dich“-Finanzhokuspokus hat seinen Preis. Vielleicht war da doch noch etwas in den Ideologien des 19. Jahrhunderts, das verdient, ernst genommen zu werden.

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7 Kommentare zu “„Tischlein Deck dich“- Finanzhokuspokus und warum ein Crash an den Finanzmärkten mehr ist als eine Wertkorrektur

  1. Jeder gewissenhafte Makro-Oekonom erkennt den gegenwärtigen Luftblasenzustand des Weltfinanzsystems. Die grosse Mehrheit der Euro-amerikanischen Bevölkerung ist jedoch an der Aufrechterhaltung dieses Trancezustandes interessiert. Ein platzen der Blase würde zum sofortigen Kollaps des gefühlen Wohlstandes führen. Sozialversicherungssystem würden wie Kartenhäuser zusammen fallen.

    So wer könnte am Ende dieses Rausches interessiert sein? Am ehesten
    asiatische Arbeiter, die immer noch für Schundlöhne echte Wertschöpfung schaffen. Unter der gegenwärtigen chinesischen Führung ist eine Revolte qualifizierter Elektronikarbeiter nicht zu erwarten.
    Saudi Arabien verkauft unersetzbares Erdöl gegen Papierdollars. Die Saudi-Hierarchie ist jedoch nicht berühmt für revolutionäres Verhalten.

    Auch Donald Trump scheint von seinen provokativen Wahlparolen zurückzuweichen. Von „make America great again“ schein er zu einem „make America wait again“ zu wechseln.

    Der Blasenrausch könnte noch etwas dauern, es sei denn…

  2. Ziemlich zutreffende Beschreibung der Situation. Im Falle eines Crashs werden die Notenbanken noch schneller Geld drucken und die Staaten notfalls die Schulden der Banken durch Garantien absichern. Bislang hat das immer funktioniert und keiner weiß, wie lang das so weitergeht. Das kann noch Jahrzehnte dauern. Und wie wird der Irrsinn dann enden? mit einer großen Depression oder mit einer großen Inflation? Keiner weiß das. Donald Trump könnte derjenige sein, der den Gordischen Knoten durchschlägt. Wenn er es schafft, die Globalisierung abzuschaffen, könnte es die große Inflation geben.

  3. Grüezi Herr Feuermann,

    Wenn Trump es wirklich ernst meint damit, den „Sumpf trockenzulegen“, dann muss er die noch immer extrem expansive Geldpolitik des Fed – so wie es damals Paul Volcker unter Jimmy Carter und Ronald Reagan Ende der 1970ger-, Anfang der 1980er-Jahre getan hat – sofort beenden. In diesem Fall aber bliebe weltweit kein Stein auf dem anderen. Fazit: es ist ein unlösbares Problem/Dilemma. Ja, wir brauchen ein Paradigmenwechsel.

  4. An den Aktienmärkten der westlichen Welt überwiegen die Haussejahre: für ein Baissejahr ergeben sich mindestens zwei Haussejahre in Zukunft.

    Unterstützt wird das weitere Wachstum der großen internationalen Börsenindizes und entsprechende nominelle Kapitalgewinne durch das Geldsystem mit Teuerung und die laufende Dividendenzahlung.

    Mittelfristig waren bisher alle Arten von Krisen, Korrekturen und Baissen stets glückliche Chancen für nachfolgende Übergewinne.

    Selbst die Weltwirtschaftskrise von 1929 währte „nur“ vier Jahre.

    Sicher gibt es heute Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal und Italien mit langjährigen wirtschaftlichen Krisen ebenso wie langjährigen Tiefsständen bei den nationalen Börsenindizes. Nur legen die wenigsten Wohlhabenden dieser Länder ihr Geld an den nationalen Aktienmärkten an, so wie sich in diesen Märkten auch nur wenige Spitzenunternehmen in ihrem Bereich mit internationaler Geschäftstätigkeit (z. B. Ausnahme Spanien – Inditex) befinden.

  5. ’’Der Fortschritt geschieht heute so schnell, dass, während jemand eine Sache für gänzlich undurchführbar erklärt, er von einem anderen unterbrochen wird, der sie schon realisiert hat.‘‘

    Albert Einstein
    * 14. März 1879 † 18. April 1955

    • Wirtschaft ist keine exakte Wissenschaft, dennoch steckt in der Finanzindustrie viel Mathematik auf die Hr Feuermann in seinem Artikel indirekt auch hingewiesen hat. Diese lässt sich auch mit noch so viel Fortschritt nicht ‚zurecht biegen‘, darin würde wohl auch Hr Einstein mit übereinstimmen, wenn er noch lebte.
      Das heisst jedoch nicht, das die Werten Herren Zentralbanker nicht versuchten, uns eines besseren zu lehren.