Ist die Schweizer Armee kein Talentpool mehr?

Die Schweizer Armee macht mit Verteidigungsminister Guy Parmelin einen Anlauf zur Modernisierung. Der Bundesrat hat soeben Parmelins Amtsführung bestätigt. Bleibt unsere Milizarmee ein militärischer Faktor und kann die Privatwirtschaft mit den Offizieren noch etwas anfangen?

Noch vor drei Monaten zogen Offiziere der Schweizer Armee durch das Land, um Unternehmer und Spitzenmanager davon zu überzeugen, dass die Offiziersausbildung ihrer Kader der beste Weg sei für deren späteren Erfolg. Gleichzeitig empfahlen sie ihre Militärkollegen für Zivilkarrieren, denn die Aus- und Weiterbildung der heutigen Generalstabs-Schule übertreffe hinsichtlich der praktischen Führungsschulung alles, vor allem diejenige der MBA-Schulen.

Sie knüpften damit an, was für die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts noch galt: Schweizer Offiziere waren in vielen Schweizer Firmen das Rückgrat des Managements. Wer bei der damals grössten Bank der Schweiz, der Bankgesellschaft (SBG), nicht Offizier war, machte keine Karriere. Gleiches galt im global erfolgreichen Konzern der Winterthur-Versicherungen und der Swissair. Alle drei Firmen gibt es heute nicht mehr. Sie sind untergegangen oder wurden übernommen.

Die Legende von der hochstehenden Schweizer Offiziersausbildung war von der Wahrheit nur wenig entfernt. Der damals noch existierende Schweizer Generalstab, dem deutschen Generalstab vor dem 1. Weltkrieg in engerem Rahmen nachempfunden, war tatsächlich eine strenge Schule für angehende Spitzenmanager. Daraus entstand als höchste Stufe die „heilige Dreieinigkeit“ als Unternehmer-Offizier-Nationalrat in ein- und derselben Person. Die Schweiz wurde in ihrer Hochblüte weit über hundert Jahre von solchen Männern geführt. Man nannte sie die „Stahlhelm-Fraktion“.

In der letzten Generation zerbrach dieses Führungssystem; zum einen, weil die Armee mit über einer halben Million Soldaten zu teuer wurde; zum anderen, weil viele der besten Schweizer Firmen sich im offenen Ausverkauf befanden. Ausländisches Kapital strömte in die Schweiz. Deutsche, französische, holländische und amerikanische Kapitalisten, später auch Araber, Inder und Chinesen, kauften sich die schönsten Stücke der Schweizer Wirtschaft. Die Schweiz wurde globalisiert.

Die Schweizer Manager, einst die besten der Welt genannt, so mein Kollege Dr. Egon Zehnder, der heute seine Pensionierung geniesst, erlebten ihren Abstieg. Im Wettbewerb mit vorwiegend angloamerikanischen oder deutsch-holländisch-skandinavischen Managern fielen sie immer rascher zurück. Was als Heimvorteil betrachtet wurde, veränderte sich zum strukturellen Nachteil.

Die Nachfrage nach dem Schweizer Offizier als Fachmann für Management ging so rasch zurück wie es heute die Alpengletscher tun. Der Schweizer Generalstab, dessen Bedeutung von vielen leider nicht mehr adäquat eingeordnet wird, ist heute als Führungseinheit in Vergessenheit geraten.

Die übrig gebliebene Generalstabsschule erfreut sich einer guten Nachfrage. Sie sieht sich allerdings neuen Herausforderungen gegenüber: Banken und Versicherungen suchen indische Mathematik-Genies oder polnisch-ukrainische Software-Entwickler. Wo einst stabile bis starre Strukturen herrschten, fliesst heute alles. Der „senkrechte Manager“ gehört der Vergangenheit an.

Die Schweizer Armee als einer der wichtigsten Talentpools der Schweiz existiert nicht mehr. Schlimmer noch: Jede fünfte Offiziersstelle ist nicht mehr besetzt und jeder zehnte Soldat fehlt. Also ist man weniger denn je geneigt, daraus die Besten noch abzuziehen, um sie einem ungewissen Schicksal in der Privatwirtschaft auszusetzen.

Die Flucht aus der Armee, wie sie vom Präsidenten der Offiziersgesellschaft, Oberst im Generalstab Stefan Holenstein, festgestellt wurde, ist eine Tatsache. Sie ist aber aus meiner Sicht keine Flucht in Spitzenpositionen der Wirtschaft, sondern eine Flucht vor der Desorganisation der Armee, die für zu viele als militärisches Geheimnis gilt.

Das Militärdepartement (VBS) weiss offiziell nicht, weshalb diese Flucht aus der Armee eingetreten ist. Weil vor allem der intelligente Nachwuchs den militärischen Leerlauf scheut, bleibt das Mittelmass zurück. Allerlei Missgriffe und Skandale sind die Folge; früher nannte man das „die Italianisierung der Armee“, wo viele Generäle immer weniger Soldaten kommandieren.

In einer Studie der ETH Zürich, die der Schweizer Armee schon immer nahe stand, wird beschwörend zitiert, dass 84% der Schweizer die Armee für notwendig halten. Das heisst aber nicht, dass man dort auch selber einen Beitrag leisten möchte. Die Führungskompetenz wird heute andernorts gesucht. Weil seit der Bankenkrise die „Masters of the Universe“ diskreditiert sind, hat auch der MBA-Titel viel von seiner Attraktivität verloren.

Was lernen wir daraus? Gerade das Aufbauprogramm für die mittleren und oberen Kader der Schweizer Armee muss nach globalen Massstäben erfolgen. Ansätze wurden gemacht, aber das meiste liegt noch im Argen. Eine echte Armee-Kaderschule, wie die früheren Generalstabskurse einmal waren, ist dringend notwendig; sei es wegen der Leistung, die damit in der Schweiz erbracht werden kann oder sei es auch nur, damit Schweizer Offiziere im internationalen Austausch gegenüber ihren ausländischen Kollegen nicht abfallen.

Die Schweizer Wirtschaft hat sich vom Schweizer Offizier weitgehend verabschiedet. Die meisten Unternehmen wollen sie nicht mehr, und die Armee kann nicht wirklich liefern. Damit ist der Armee neben der Landesverteidigung die grösste aller Aufgaben gestellt: Die Schaffung Schweizer Führungskräfte, die global wettbewerbsfähig sind.

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8 Kommentare zu “Ist die Schweizer Armee kein Talentpool mehr?

  1. Cetero censeo. Selbstverschuldet wehrlos werden wir in den nächsten Krieg oder flächendeckende, chaotische, mit Gewalt verbundene Zusammenbrüche mit all ihren Gräueln, Leiden und Zerstörungen mit hineingerissen und dann auf sehr, sehr schmerzvolle Weise lernen, dass eine „Kriegsverhindernde“ Armee unendlich viel billiger gewesen wäre.

  2. Mit dem Ausweis einer Karriere in der Schweizer Armee ist in der heutigen globalisierten Wirtschaft kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ich kann mich noch bestens an ein Bewerbungsgespäch in den Neunzigerjahren erinnern, als mir der Personalchef klipp und klar erklärte, dass seine Firma prinzipiell keine Offiziere einstelle, da sie nicht gewillt sei, die militärdienstbedingten Absenzen vom Arbeitsplatz hinzunehmen. Ein fachkompetenter Dienstverweigerer hingegen, welcher mindestens drei Jahre berufliche Auslanderfahrung und fliessende Beherrschung der englischen und französischen Sprache in Wort und Schrift vorweisen könne, sei hochwillkommen; für militärische Führungserfahrung hingegen bestehe in seinem Betrieb keinerlei Bedarf.

  3. Ein unbestreitbarer und einzigartiger Mehrwert der militärischen Führungsausbildung ist die praktische Führungserfahrung, der vom 20 jährigen Gruppenfüher bis zum 45 jährigen Kommandant greift. Und damit haben wir noch nicht von der eigentlichen Bürgerpflicht gesprochen. Friede, Freiheit und Stabilität sind auch für Unternehmen unbezahlbare Werte. Wenn die Besten einer Unternehmung eine militärische Kaderlaufbahn verfolgen nützt es dem Land und dem Unternehmen.

  4. Kommt in die Armee, der Dienst am Vaterland (politisch korrekt?) wird Euch im Zivilleben NICHT gedankt!
    Ich habe die RS vor 20 Jahren abverdient und den Sinneswandel hautnah miterlebt. Am Anfang schätzten es die Personalchefs, wenn einer weitergemacht hatte, dann kippte es: „Müssen Sie in’s Militär? Ja!? – dafür haben wir keine Zeit, vergessen Sie den Job. Daher schätzen wir Ausländer, die kennen keine Dienstpflicht“ oder „Pfui, ein militanter Waffennarr! Sicher gewalttätig.“ Als Militärdienstpflichtiger musste ich bald feststellen, dass ich bei Bewerbungen nur noch mit Notlügen eine Chance hatte. Spassig wurde es dann bei der Ankündigung des nächsten WK beim Arbeitgeber: „Sauerei, Betrug, das geht nicht etc“.
    Manchen Leuten heutzutage – insbesondere auch Frauen – würde der Militärdienst nicht schaden, dann kämen sie vielleicht wieder von ihrem hohen Ross herunter.

  5. Die Schaffung Schweizer Führungskräfte, die global wettbewerbsfähig sind, ist in keinster Weise die Aufgabe der Armee. Da wäre das Schweizer Bildungssystem gefragt, welches aber leider die Entwicklung der letzten 20 Jahre vollkommen verschlafen hat. Die neuen Führungskräfte der ETH sind ausländische Top-Forscher, welche ein tolles Umfeld vorfinden – ähnlich Real Madrid oder FC Bayern für Fussballer, allerdings bezahlt vom Staat.
    Die Entwicklung hat sich abgezeichnet. Als ich in Mitte der 90er mein ETH-Studium abgeschlossen habe, waren die Funktionäre (Stab) dort alte Militärköpfe, die nur noch mit nationalen Absteigerfirmen vernetzt waren. Als die neue Generation junger Professoren von Stanford & Co bestens vernetzt mit Google, Microsoft und Disney kamen, wurde die alte Garde sprichwörtlich in die Besenkammer gesperrt (sprich emeritiert und jederzeit „willkommen“ – Schreibtisch zwischen Kopierer und Toilette).
    Die HSG tickte etwas anderes .. die lauschen noch Vorträgen von Ackermann & Co! Das Resultat ist bekannt:
    „Während an der ETH Zürich die Sektkorken knallen dürften, gibt es für die HSG vor allem eins: Luft nach oben.“
    https://talendo.ch/de/karriere-mag/2015/10/01/weltweites-uni-ranking-eth-in-den-top-ten-hsg-abgeschlagen

  6. Wenn ich so an meine Militärausbildung zurück denke (ca 10 Jahre her), war ich schockiert von dem Chaos welches da herrschte.
    Damals mussten die Off und UOff nur 7 Wochen RS machen bevor sie in die jeweilige Kaderschule gingen. Dies hat sich auch danach gezeigt. Erfahrung = 0, Kommunikation = 0 und Planung = -20
    Es hat gerade so hingehauen, dank den „neuen Funkgerät“ 079 und dem instant organisieren. Diese Leute hätte ich mir nie im privaten als Kader gewünscht. Aber leider haben dieselben chaotischen Art von Leuten es, auch ohne Armeeausbildung, in unsere Teppichetage geschafft…

  7. Die Wirtschaft hat sich von der Landesverteidigung verabschiedet. Sie glaubt ohne Sicherheit auszukommen. Sie rennt lieber dem Raubtierkapitalismus nach. Der Ausverkauf der Heimat blieb nicht ohne Folgen. Dieser Ausverkauf wurde auch von der Politik betrieben. Bundesrat Ogi hat die Zerstörung der Armee eingeleitet. Zum Pistenstampfen ist gerade noch recht. Im Bundesrat ist Internationalismus trumpf. Jeder Aufbauversuch einer schweizerischen Armee wird durch das EDA torpediert. Nur noch Kooperation und nochmals Kooperation. Die NATO wird uns schon helfen. Sich selber am Riemen reissen und selber für unsere Sicherheit sorgen, das war einmal. Die Wirtschaft schaut nur noch für sich, alles Andere ist ihr scheiss egal. Verantwortung über nehmen? Fehlanzeige! Die Finanzen sicherstellen für die Armee? Fehlanzeige. Personal für den Dienst in der Armee freistellen? Fehlanzeige. Für was habe ich mich denn für die Armee eingesetzt, wenn man heute derart von dieser Wirtschaft im Stich gelassen wird. Die Frage sei erlaubt: Hat es noch einen Sinn sich für diese Wirtschaft einzusetzen? Wo st die Solidarität geblieben?

  8. Die Generalstabsausbildung ist zur Menschen-Führung in grösseren Organisationen ein Asset. Dafür sollten auch sog. Credit Points nach Bologna System angerechnet werden, damit ein Anreiz zur militärischen Weiter-Ausbildung (=Einkommensverzicht) geschaffen wird. Wer diese Ausbildung durchlaufen hat, verfügt über grosse und erprobte Belastungsfähigkeit; d.h. erprobte soft Faktoren. Ein Garant für erfolgreiche Gesamt-Betriebsführung ist dies allerdings auch nicht.

    Für den Erfolg z.B. eines eines Investmentbankers oder Finanzanalysten wäre eine Generalstabsausbildung eher ein overkill, da dort andere Qualifikationen als reine Menschen-Führung im Vordergrund stehen. Die zu Führenden agieren weitgehend selbständig, sozusagen market driven auf der Basis von Zielvereinbarungen. In diesem Umfeld wird eine zivile Zusatzausbildung (Tertiärstufe) in Verbindung mit Auslandaufenthalt bei einer ersten Adresse höher gewichtet als eine militärische Führungsausbildung ohne die genannten skills.