Wanted: Informatik-Büezer

Informatiker sind auf dem Stellenmarkt der Schweiz zurzeit heiss begehrt, IT-Chefs überhaupt nicht. Das die Zusammenfassung einer Untersuchung der Analyse des Stellenmarkt-Monitors Schweiz der Universität Zürich.

Nun, was soll man dazu kommentieren? Meine Beziehung zur klassischen Schweizer IT-Branche ist wie die zu einer Ex. Am Anfang verspricht man sich, gute Freunde zu bleiben und sieht sich alle paar Wochen, dann werden daraus Monate; schliesslich sieht man sich nur noch zufällig bei einer Familienparty, an der man sich mit der Kollegin besser unterhält als mit der Ex.

So beschränken sich meine persönlichen Kontakte vorwiegend auf gelegentliche ausgedehnte Mittagessen: mit Kollegen in der Kantine der Schweizer Niederlassung eines „bekannten Suchmaschinenbetreibers“ oder aus statistischen Daten eines IT-Portals, welches ich betreibe.

Von ersterem erfahre ich, dass wegen der stark steigenden Mitarbeiterzahl und des wegen der Digitalisierung immer stärkeren Bezugs zu anderen Branchen (Musik, Film, Telekom, Service-Industrie) immer mehr Mitarbeiter – oftmals nolens volens – in Chefrollen geraten.

Aus dieser Ecke folglich keine Bestätigung der Aussage zur Verschiebung im Stellenmarkt. Aber: Viele von Ihnen haben wohl auch die Erfahrung gemacht, dass Linkedin und Xing, je länger Sie sich nicht mehr einloggen, desto mehr Ihnen E-Mails über „interessante Dinge“, sprich Jobwechsel, verschicken. Hier sehe ich in der Tat vermehrt IT-Line-Manager, die hohe Positionen bei Banken innehatten und zu mir vollkommen unbekannten lokalen Beratungsfirmen oder Zweitklass-Outsourcern wechseln.

Das wäre dann die Bestätigung des Trends.

Zudem: Unlängst habe ich in der Schweizer IT-Zeitschrift Netzwoche gelesen, dass für die Position des IT-Chefs der Stadt Zürich (Chef „OIZ“) 130 Dossiers von Bewerben eingegangen seien. Also wohl viele IT-Chefs auf Jobsuche. (Einen aus meiner Sicht sehr fähigen Chef kenne ich persönlich, der nach unzähligen Bewerbungsgesprächen die Suche abgebrochen hat.)

Wenn ich nun mit einrechne, dass viele Bereiche der Finanzbranche vom „Agility“-Virus befallen sind – einer Methode, bei der man per Definition mehr Rollen denn Chefs kennt – und sehr viele Bereiche der IT neue Rollen geschaffen haben, in denen es im Wesentlichen darum geht, Spezialtools vom Grafikprogramm bis zum Reporting-Tool zu beherrschen, wird die Sache allmählich klarer.

Ein letzter Punkt: Wenn Medien von „Informatikern“ berichten, umfasst das Rollenbeschreibungen vom Java-Programmierer über den „Kabelverleger“ bis zum Facebook-Marketing-Consultant. Ersterer wird zumeist über die Informatikabteilung „beschafft“ und braucht damit einen Chef, Zweiter ist in aller Regel Teil eines Outsourcing-Vertrags und braucht sehr wenig internes „Supervising“, und die letzte Kategorie (stark wachsend) wird von Fachabteilungen und nicht der IT bestellt.

Quintessenz: Die Ergebnisse der Studie decken sich durchaus mit meinen Erfahrungen. Ich glaube aber auch, dass die Medien einen Hype rund um den Informatikermangel inszenieren. In der „industrialisierten“ Informatik der Finanz ist für die klassische „IT-Entwicklungsabteilung“ mit hochqualifizierten, in Forschungsinstituten ausgebildeten IT-Wissenschaftlern kein Platz mehr. Und der frühere Allrounder, der von seiner Bank alle paar Jahre auf einem neuen Tool ausgebildet wurde, ist längst durch einen Contractor ersetzt worden.

Somit gilt vielfach: „Informatikermangel“ gleich „Contracting-Firma liefert mir nicht innerhalb von 5 Tagen einen Kandidaten mit Arbeitsbewilligung zu abgemachten Konditionen“. Oder irre ich mich?

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7 Kommentare zu “Wanted: Informatik-Büezer

  1. Tja, ich denke so ist es, aber nicht nur in der Informatik, auch im Handwerk und der Industrie ist es so.
    Bewerber mit kaum über 40 werden schon als „zu Alt“ abgelehnt……. währenddessen man im Fernsehen damals die Vertreter von Wirtschaftsverbänden klagen hörte, die Masseneinwanderungsinitiative der SVP würde den Industrie Standort gefährden.

    Für was habt ihr damals gestimmt….????

    Die „MEI“ Initiative war genau das was es brauchte, ……wird aber nicht umgesetzt.
    Unsere Politiker sind zu weiten Teilen Demokratieverächter (FDP) wenn nicht gar Demokratie-Missachter…..= linke Parteien.
    https://www.novo-argumente.com/artikel/die_schweizer_volksveraechter

  2. Sind das die Jobs, die Noser meint?

    Klingt nach einem Ticket mit Garantie zur vorzeitigen Ü45 Entlassung!

    >>
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  3. A) Ruedi Noser spricht seit Jahrzehnten von scheinbaren Informatikermangel.
    B) Wäre der Mangel echt, müsste gemäss dem Gesetz von Angebot und Nachfrage müssten unsere Löhne bereits exorbitant sein.
    C) Das sind sie aber nicht.
    D) Bei einem wahren Mangel würden auch Quereinsteiger intern ausgebildet (wie in den 70er bis 90er Jahren Physiker, Lehrer, etc.)
    E) Es werden weiterhin Ü50 in Weltkonzernen entlassen.

    Fazit: Der Mangel ist fiktiv um die Löhne tief und die Visaquoten hoch zu halten.

    • Genau …

      Die Gehaelter fuer Informatiker sind in Deutschland gleich hoch wie in der Schweiz und dass bei hoehere Lebenskosten …

      Dazu denken Firmen (viele IT Leiter) dass ein junior Informatiker aus near- oder offshoring genau so gut arbeitet als jemandem mit 10 oder 20 Jahre Erfahrung….

  4. NEIN Du irrst nicht. In den (Gross-)Banken Bewerbungsportalen werden z.B. Ü50 automatisch aussortiert, egal wie viel Java (oder umfassendere Programmier-) Erfahrung sie haben. Hauptsache billig. Und das beisst sich: billig + erfahren (aber Erfahrung bitte in genau der Version die ich grad benutze – morgen brauchen wir dann eine andere Version und deren Kenntnisse). Wieso teure Leute von hier wenn ich billige täglich wechseln kann? Kein Wunder dass seriöse fundierte CVs mit der Zeit gar nicht mehr eintrudeln …

  5. Du irrst dich nicht. Als ausgebildeter Wirtschaftsinformatiker (Uni) mit Kenntnissen auf allen modernen Tools und Methoden, bekommst Du nicht einmal ein Interview, wenn Du in der Schweiz geboren bist und einen Mitteleuropäischen Namen hast.

  6. Ja, du irrst Dich. Wir haben hier (Grossbank) seit Monaten diverse interne Dev (Java) und BA-Stellen offen, die spärlich eintrudelnden CVS erfüllen oft nicht mal die in den Ausschreibungen aufgeführten Anforderungen.