Wie Open Banking funktionieren müsste

Gestern war Schweizer Digitaltag. Die versammelte Prominenz aus Bundesbern und Paradeplatz-Zürich sang das Hohelied einer modernen, vernetzten und offenen Schweiz. In der Realität verschliessen sich aber gerade die Banken offenen Schnittstellen und damit innovativen Anwendungen, von denen letztlich alle profitieren. So lehnt die Finanzindustrie offene Schnittstellen für Fintech-Unternehmen ab, wie sie die Europäische Union in wenigen Wochen einführen wird.

Das helvetische Reduit-Verhalten prallt auf einen weltweiten Trend namens Open Banking. Open Banking müsste analog zu einem OAuth Verfahren funktionieren. Dabei sollte der Bankkunde direkt aus seinem E-Banking heraus einen dritten Dienst mit einem bestimmten Zugriffsrecht legitimieren können.

Beispiele: Erlaube meinem Treuhänder bis zum 30.6. Zahlungen bis zu einer Höhe von CHF 300 und einem Total bis zu 10’000 auszuführen; erlaube meiner Spesen-App Kreditkarten-Daten mit allen Details zu beziehen; erlaube meiner Portfolio-App, Daten zu meinem Depotbestand bis zum 3. Quartal zu beziehen.

Würde ein solches Open Banking auch bei uns eingeführt, hätte dies einen gewaltigen Innovationsschub zur Folge. Es kämen zahlreiche spannende Apps und Dienste auf den Markt, welche den Bankkunden von grossem Nutzen wären. Natürlich würde Open Banking allen interessierten Anbietern ermöglichen, Banktransaktionen noch effizienter und günstiger in der Buchhaltung zu verbuchen.

In der Informationsgesellschaft ist es zentral, dass die User jederzeit auf ihre Daten zugreifen und über deren Verwendung selber bestimmen können. Die Idee, dass Transaktionsdaten einer anderen Person als dem Kunden „gehören“ sollen, ist abwegig und passt nicht in die digitale Welt, in welcher Schnittstellen für neue Programme allgegenwärtig sind.

Die EU geht mit ihrer Payment Services Directive (PSD2) den entgegengesetzten Weg. Sie zwingt alle Teilnehmer des Finanzmarkts dazu, Schnittstellen zu den Kundendaten bereitzuhalten. Dass der Schweizer Finanzplatz hier abseitsstehen will, das hat die Bankiervereinigung frühzeitig mit einer Stellungnahme aus heiterem Himmel klar gemacht.

Bleibt der Bankenplatz bei seinem Njet zu PSD2, dann wäre das ein grosser Fehler. Verschliesst sich die Schweiz nämlich gegenüber der progressiven Europäischen Regelung, wird sie später wahrscheinlich weniger wettbewerbsfähig sein. Nicht nur die Banken wären davon betroffen, sondern auch die vielen innovativen Köpfe in der Schweiz, welche mit zukunftsträchtigen Ideen Start-Ups hochziehen möchten. So bliebe den Fintechs wohl nur der Weg, in der EU ihr Glück zu versuchen und dort neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Eines Tages wird dann ein Anbieter aus dem Ausland in den Schweizer Markt eintreten, der seinen Kunden ein umfassendes Oekosystem und attraktive Dienste bietet. Dann wird er den hiesigen Anbietern um Welten voraus sein.

So lange dies nicht geschieht, werden Schweizer ihre Zahlungen vermehrt über ausländische Anbieter abwickeln, welche bessere Möglichkeiten und ein tolles Oekosystem bieten. Einige unserer Kunden nutzen bereits heute den britischen Zahlungsverkehr-Service Revolut, der Kontenführung auch in Schweizer Franken anbietet und über eine umfassende Applikations-Schnittstelle verfügt.

Sowohl der Markteintritt eines neuen Players als auch die Abwicklung über ausländische Anbieter ist keine valable Alternative für den Schweizer Banken- und Arbeitsplatz. Deshalb wird letztlich nichts daran vorbeiführen, dass sich die Banken via Programmier-Schnittstellen öffnen. Ob PSD2 der richtige Weg ist oder nicht, kann hier offen bleiben. Klar ist jedoch: Kompromissloses Open Banking ist ein wichtiger Standort-Faktor für die Schweiz.

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4 Kommentare zu “Wie Open Banking funktionieren müsste

  1. Bis vor etwa 10 Jahren haben in der Schweizer Realindustrie alle auch kleinere Firmen ein vollintegriertes IT System wie beispielsweise SAP eingeführt. Sie wären sonst gar nicht mehr Q zertifiziert worden. Wenn ich höre dass in den Grossbanken, einem relativ einfachen Geschäftsmodel, noch mit SW Modulen aus den 90 igern gearbeitet wird und das obwohl man riesige teure IT Bereiche unterhält, dann verstehe ich, dass die sich nicht noch zusätzliche Schnittstellenprobleme aufladen wollte. Die Frage sei erlaubt, gibt es bei den Banken auch eine Q Zertifizierung nach einer relevanten Norm?

  2. Meine Worte: Die Regulierung mit PSD2 wird in Kürze ein grosser Vorteil der EU sein und die Schweiz verpasste es einen Nährboden für die nächste Generation FinTechs zu schaffen.

    Im schlimmsten Fall wird ein „Google-for-Money“ Unternehmen am Schluss eine kleine Schweizer Bank als rechtskonforme Verwahrungs- und Transaktionseinheit kaufen und den restlichen Markt versenken.

  3. Wir sprechen hier eigentlich nicht von ‚Banking, sondern von ‚Payment Services‘. Banken stellen normalerweise aber mehr Dienstleistungen zur Verfügung, als die Bezahlfunktionen (z.B. Vermögenswerwaltung). Für diese Payment Services gibt es heute allerdings noch keine Standards – weder technisch noch im Bereich Sicherheit. Es gibt Versuche wie Paypal oder via Altcoins wie Bitcoin oder Ripple, diese Payment Diensleistungen zu digitalisieren, aber das wird wohl noch ein wenig dauern. Und Schweizer Banken sind ja per DNA eher konservativ.

    Erst wenn man diese Infrastruktur zwischen Banken und Geschäften hat, kann man Vereinfachungen bei den Zahlungsabläufen tatsächlich einführen.

  4. Sie haben im Kern vollkommen recht! Danke für diesen gut verfassten Artikel.

    Ihre Beispiele zeigen aber ebenfalls wie veraltet unser gesamtes Wirtschaftssystem ist. Warum braucht es z.B. heute noch Treuhänder? Sie werden reflexartig sicher 10 Gründe finden. Alle werden jedoch die alte Welt bedienen/rechtfertigen.

    Setzen Sie den Gedankenhebel früher an.

    Mit Technologie können wir das Gesamtsystem neu bauen – ohne Bürokratie und überflüssige Arbeitsschritte. Ich habe als Mensch keine Lust, mein Leben mit täglichen forcierten Mikro-Entscheidungen in 100 Apps zu vergeuden. Bauen wir endlich sinnvolle Ökosysteme für Menschen und nehmen uns den Föderalismus als Beispiel. Dazu gehören ordentliche APIs 😉