Zeno Staub erfindet das neue Gesicht der Schweizer Banker

Wer den Google-Hauptsitz am Zürcher Hauptbahnhof schon einmal besichtigen durfte, sieht dort wirklich viele „exciting“ Menschen, die aussehen, als würden sie sich gerade in Madeira in den Ferien befinden. Eine Spur eleganter und konservativer geht es in den Lounges von Novartis in Basel zu.

An beiden Orten wird die Atmosphäre der Entspanntheit sehr gepflegt. Eines haben Google und Novartis gemeinsam: Die Mitarbeiter sind jung, der Altersdurchschnitt sinkt in beiden Firmen laufend.

Sicher hat sich Zeno Staub, CEO der Vontobel Gruppe, eine der grössten Schweizer Privatbanken, in der letzten Zeit öfter in dieser anregenden Atmosphäre bewegt. Denn in seiner 1’600 Mitarbeiter zählenden Bank, die schon zur Zeit von Hans „Vater“ Vontobel durch ungewöhnliche Initiativen aufgefallen ist, will er nun den „Exciting Swiss Banker“ einführen: einen Mitarbeiter, der in der Bank und bei den Kunden durch Persönlichkeit auffällt, ein eigenes Urteil hat und selbständig Debatten führen kann.

Dieser Banker muss dann nicht die vorgeschriebenen Aktien anbieten und verkaufen, sondern darf auch einmal sagen, wie es die NZZ unlängst getan hat: Wer jetzt noch Aktien kauft, spielt das Spiel der Narren.

Das ist, nach vielen anderen seit zwanzig Jahren, ein neuer Umbruch an der Zürcher Bahnhofstrasse. Es steht zu befürchten, dass die Zeit der „Männer im grauen und blauen italienisch geprägten Flanell“ demnächst zu Ende gehen wird. Bisher waren Schweizer Banker meist etwas langweilig, wagten kaum ein eigenes Anlageurteil, sondern beriefen sich auf die volkswirtschaftlichen Abteilungen. Alleine schon die juristischen Risiken, wie sie von der eigenen Compliance-Abteilung vorgegeben wurden, machten den normalen Bankmitarbeiter immer kleiner.

Die Zeit der volkswirtschaftlichen Abteilungen ist schon lange zu Ende gegangen. Geblieben sind die Research- und Analyse-Abteilungen, aber auch deren Ruf ist fragwürdig geworden, denn sichere Vorhersagen wagte kaum mehr jemand. Im vergangenen Jahr lagen sehr viele Finanz-Analytiker falsch, sei es mit den Aktien- oder den Dollarkursen.

Nun sind die neuen, die „Exciting Swiss Banker“, ganz auf sich gestellt. Sie sehen sich auch einer Kundschaft gegenüber, die alles andere als „dull“ ist. Die arabischen Milliardäre strahlen vor Selbstvertrauen. Die Hundertschaften jüngerer deutscher, niederländischer oder spanischer Erben, die jetzt ihr meist väterliches Vermögen in der Schweiz sichern wollen, sind längst schon im sportiven Look unterwegs und stellen ihre Forderungen in einer Sprache, die nicht mit Bankbeamten-Deutsch oder „Business School English“ beantwortet werden kann.

„Exciting“ muss auf jeden Fall auch intelligent heissen, denn ich erinnere mich daran, wie einige Generaldirektoren klagten, man hänge nur deshalb teure Kunst in die Besprechungszimmer, damit ihre Mitarbeiter damit ein Gespräch und eine Beziehung aufbauen können. Die Eleganz eines Axel Weber, Tidjane Thiam und Sergio Ermotti, deren nationalökonomische und staatspolitischen Causerien meist nur einer kleinen Weltelite vorbehalten sind, soll jetzt auch die tieferen Beratungsstufen erreichen; was nicht heissen soll, einen bayerischen Fussball-Vereinspräsidenten in der Lederhose begrüssen zu müssen. Oder doch?

Zeno Staubs Initiative geht in die richtige Richtung. Wo die Welt bunter wird, müssen auch die Schweizer Bankiers mitziehen. Der Finanzplatz Schweiz hat in einem vieljährigen Ringen sein Gesicht verloren; jetzt muss ein neues aufgesetzt werden.

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9 Kommentare zu “Zeno Staub erfindet das neue Gesicht der Schweizer Banker

  1. Werter Hr, Hugenschmidt

    Ihnen kann man auch alles auftischen. Das ist ein reiner PR-Gag von Vontobel. Der Trend geht seit Jahren (bei allen Banken) genau in die andere Richtung: wehe wenn es einer wagt, selbständig und gegen die Managementstrategie etwas zu sagen. Das ist dann einer, der sich nicht einfügen kann, einer der nicht umsetzt, was das allwissende Management beschlossen hat. Fazit: Klingt gut und hipp, hat aber absolut nichts mit der Altags-Realität zu tun.

    „weiss der eigentlich, wer seinen Lohn bezahlt?“ heisst es dann.

  2. …immer noch gelte wie bisher, „more of the same“ bei den Privatbanken. Besonders wenn es um neuartige Szenarien oder einen zeit- wie Prospects-bezogenen Approach gehe. Das hat mir mal ein anerkannter Zürcher-Headhunter dargestellt. Auch VONTOBEL wird hier an der more of the same- „Bänker-Hierarchie“ scheitern. Die MD brauchen die RM’s Wasserträger um ihr Chef-Kompensation-Modell abzusichern und am Leben zu erhalten. Von Teppichetage zu Teppichetage „the same p. like every year“ … um noch den Neujahrsklassiker zu bemühen.
    Fazit: Wer morgen mit 300 Maserati-Multimillionären aufschlägt,
    weiss auch bei VONT keiner wohin damit. (ist ein LIVE-Case.)

  3. Was genau neu am Approach des Vontobel-CEOs sein verschliesst sich mir komplett. Ein bisschen Marketing, eine unglaubwürdige Wertediskussion, die überhaupt nicht mit der Vontobel-Kultur übereinstimmt, lösen beim Autoren dieses Beitrages offenbar bereits Glücksgefühle aus.

  4. Zu diesem Konzept gehört ein aufgeklärter Bankkunde, der bereit ist, völlig eigenverantwortlich zu handeln. Aufgeklärt heisst: Der Kunde hat klare Vorstellungen über seine Bedürfnisse, klare Zielsetzungen, was er wann mit welchen Risiken erreichen will. Der Kunde hat vollständige Transparenz über die Finanzvehikel (Produkte), deren Kosten und Risiken. Und: Er handelt diszipliniert. Eigenverantwortlich heisst: Er informiert sich selber und handelt selbständig, er delegiert nichts und trägt die Konsequenzen seines Handelns. Sein Bankier ist kein Verkäufer, kein Produkteberater: er ist dazu da, alle obigen Voraussetzungen herzustellen und bestenfalls als Zweitmeinungsbildner zu fungieren. Die Bank hat die Transaktion als best execution auszuführen. Utopie? Ja, heute noch!

  5. Alle so enstpannt hier!? – Wird hier im Beratungsgespräch etwa statt Kaffee getrunken Gras oder Crack geraucht?

  6. „Exiting Bankers“ sind m.E. eine zwingende Voraussetzung für den langfristigen Erfolg des Schweizer Private Bankings.

    Aber in vielen Instituten wird eher die Uniformität verlangt und gefördert.

  7. Was sich Vontobel hier vornehmen will, praktizieren die unabhängigen Vermögensverwalter schon seit über 20 Jahren. Man sieht oft, dass die Banken zum Teil sehr weit von den (jungen) Kunden weg sind.

  8. Aktuell wächst eine junge Generation heran, die Banken nur noch aus dem Internet kennt.

    Da man heute Bankverbindungen international über das Internet begründen kann: Was ist hierbei der Vorteil von Banken am Finanzplatz Schweiz?

    Es gibt ja durchaus diverse Leute mit Millionen im Depot, die keinen Banker mehr persönlich kennen.

  9. Ich hoffe das klappt für Vontobel.

    Exciting mag man oberflächlich zu entdecken. Schaut man aber nur etwas genauer hin bleibt nicht mehr viel übrig.

    Die Entspanntheit finde ich allerdings auch ein wichtiges Thema.
    Hat man die richtigen Leute (mit den Anreizen wurde es ja schwierig, kein Geld und fast alle sind schon genügend befördert) sorgt dies bestimmt für mehr Produktivität.

    Dafür muss aber erstmal eine passende Grundstruktur vorhanden sein.
    Bei den Grossbanken ist diese nicht Existenz. Da ist fast niemand mehr entspannt.

    Es wäre schön wenn dies kleinere Banken bewerkstelligen können.