KPMG & Co. in Krise, Aufsicht mit Filz

Revisionsaufsicht in Bern hätte bei Post-, Raiffeisen- und weiteren Skandalen viel zu tun – Verbandelte Revisoren ganz oben – Selten Strafen.

Frank Schneider ist der Mark Branson der Auditors und Revisoren. Als Chef der Eidgenössischen Revisionsaufsichtsbehörde, kurz RAB, muss er sicherstellen, dass KPMG & Co. sauber arbeiten.

Tun sie das? Und falls nein, interveniert die RAB von Frank Schneider entsprechend? Die Fragen stellen sich, weil sich die Skandale mehren, bei denen grosse Revisionsfirmen wichtige Rollen spielen.

Im Postauto-Skandal mit den 200’000 gefälschten Subventions-Buchungen und der Aduno gerät die KPMG ins Schussfeld. Bei der Raiffeisen ist es die PwC. Dort taucht auch die Ernst & Young auf, die für Pierin Vincenz Aufträge ausführte.

Die KPMG ist zudem in einen globalen Skandal geraten. Das Unternehmen muss scharf auf die Bremse stehen und Hunderte von Leuten entlassen. Weniger im Fokus steht Deloitte als Kleinste der Big 4, wie die führenden Revisionshäuser in der Branche genannt werden.

Wenn man schaut, wer ganz oben in der Revisionsaufsicht RAB sitzt, angefangen mit deren Chef Schneider, dann scheint einem das Wort Filz für einmal keine allzeit bereite Plattitüde.

Schneider und weitere RAB-Kader sind Beamte mit langen Karrieren in den grossen Revisionshäusern, die heute ihren ehemaligen Kollegen auf die Finger klopfen müssten.

Schneider selbst wurde vor 11 Jahren zum Chef der RAB gewählt. Damals war er 39 Jahre alt, heute entsprechend 50. Die Handelszeitung verfasste im August 2007 ein Porträt und schrieb:

„(Schneider) war früher zehn Jahre als Wirtschaftsprüfer für PricewaterhouseCoopers tätig und von 2002 bis 2006 in leitender Funktion im Bereich Aufsicht der Schweizer Börse SWX.“

PwC, wie PricewaterhouseCoopers abgekürzt heisst, ist die führende Schweizer Revisions- und Beraterfirma. Sie hat den grössten Anteil an Mandaten und ist besonders stark bei den vielen KMU.

Was fehlt, ist ein Revisionsmandat bei einer der beiden Grossbanken. Die PwC musste Vorlieb nehmen mit dem Revisionsauftrag von der Schweizerischen Nationalbank und … der Raiffeisen-Gruppe.

Dort erlebt die Schweiz einen Zerfall in Echtzeit – zumindest was die Reputation angeht. Was sah die PwC all die Jahre, als Ex-Raiffeisenchef Pierin Vincenz seine Macht ausspielte? Hat die PwC je interveniert – bei der Kreditvergabe an verbandelte Geschäftsleute, bei Interessenkonflikten, bei den Spesen?

Die PwC war auch im Fall um Philipp Hildebrand wichtig. Sie versuchte Ende 2011 mit einer Sonderprüfung, den damaligen Präsidenten aus der Schusslinie zu bringen.

PwC ist somit in Form des Chefs der Revisionsaufsicht ganz oben „vertreten“. Wie steht es mit den anderen grossen Revisionsfirmen?

Da wäre die Ernst&Young, kurz EY. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Markt Schweiz aufzurollen und die PwC endlich an der Spitze abzulösen.

Das Vorhaben ist bis jetzt nicht geglückt. Derzeit muss EY um ihren zweiten Platz bangen. Dafür geniesst sie Special Connections direkt hinauf in die Geschäftsleitung der RAB, der Aufsicht der Revisoren.

Dort sitzt mit Martin Hürzeler als Chef von Financial Audit, also des zentralen Teils der ganzen Aufsicht, ein Ex-Mann von Ernst&Young.

Dann noch Heinz Meier, der Dritte im Bunde mit ehemaliger Karriere bei einem der vier grossen Revisionsunternehmen.

Meier war wie sein Chef Schneider bei der PwC, bevor er via weitere Berufsstationen vor 3 Jahren die Leitung von Regulatory Audits bei der Aufsicht übernahm.

Drei von 5 Mitgliedern der obersten RAB-Führung – eine schöne Mehrheit – haben somit ihre Karriere bei jenen Firmen gemacht, über die sie nun wachen müssen.

Zwei weitere, die dort aber mit den Bereichen Recht und Zulassung über weniger exponierte Funktionen verfügen, hatten ihre Karriere im eidgenössischen Justizamt oder anderswo gemacht.

RAB-Chef Schneider schildert seine Organisation als schlagfertig – trotz diesen Verbandelungen.

„Die RAB hat im Jahr 2017 alleine im Bereich der Rechnungsprüfung 15 Inspektionen durchgeführt und dabei 48 Mängel aufgedeckt, welche die betroffenen Revisionsunternehmen bereinigen müssen“, meint er in einer Mail-Antwort von letzter Woche auf Fragen.

„Ebenfalls im Jahr 2017 hat die RAB 15 Verweise erteilt und 13 Zulassungen entzogen.“

Dass die Öffentlichkeit davon nicht so viel mitkriege, hänge mit dem Gesetz zusammen.

„Das Revisionsaufsichtsgesetz ist vom Gesetzgeber mit Blick auf die öffentliche Kommunikation zurückhaltend konzipiert worden“, sagt Schneider. „Für die Information der Öffentlichkeit verlangt das Gesetz ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse.“

Dass die Aufsicht Leute aus der Branche benötige, sei normal. „Jede Aufsichtsbehörde ist auf Mitarbeitende mit einschlägiger Ausbildung und Erfahrung angewiesen“, hält RAB-Chef Schneider fest.

„Es ist auf Grund der Marktstruktur im Bereich der Wirtschaftsprüfung kaum möglich, Experten zu rekrutieren, die keinerlei berufliche Erfahrung bei einem der grossen internationalen Revisionsunternehmen gesammelt haben.“

Gerade der Fall des Ex-KPMG-Partners Daniel Senn, der kürzlich vom Bundesstrafgericht wegen Insiderdelikten verurteilt wurde, zeige, wie seriös und hart die Aufsicht arbeite, meint RAB-Chef Schneider.

„Der Medienberichterstattung zum Fall Daniel Senn kann entnommen werden, dass die RAB dessen Zulassung für drei Jahre entzogen hat.“

„Das Verfahren wegen Insiderhandel wurde von der RAB zur Anzeige gebracht, da für Delikte in diesem Bereich ausschliesslich Strafverfolgungsbehörden zuständig sind.“

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23 Kommentare zu “KPMG & Co. in Krise, Aufsicht mit Filz

  1. KPMG und PwC sind heutzutags immer noch, was die Schweiz einmal war. Die Luxusmätressen der Wirtschaft, diskret und verschwiegen, mit excellenter Kundschaft. Der Bedarf ist da, die Preise sind dementsprechend.

  2. Herr Hässig: Tausend Dank, dass Sie immer wieder Stories zu den Big-4s bringen.
    Aus eigener Erfahrung kann ich versichern: Es gibt weniger Firmen, die verwerflicher und unmoralischer sind als diese Unternehmen.
    Intern herrscht ein System der Ausbeutung. Mit den Kunden, die man eigentlich prüfen sollte, wird geküngelt. Und im Advisory werden permanent Erkenntnisse aus der Prüfung verwendet.
    Bleiben Sie dran!

  3. Es braucht eine Gesetzänderung. Die RAB soll sich primär um die Prüfer von Publikumsgesellschaften kümmern und nicht um nicht umsetzbare QS Richtlinien, auf die Spitze getriebene Fragen zur Unabhängigkeit, Zulassung, etc. im KMU-Bereich. Die RAB hat in den letzten Jahren primär ein früher bestens funktionierendes KMU-Prüfungssystem mit echtem Mehrwert für den Prüfkunden zerstört. Dies mit tatkräftiger Unterstützung seitens Big4 gesteuerter EXPERTSuisse.

  4. Die RAB ist auch so eine Stelle, die die Arbeit an L.Hässig ausgelagert hat und vor sich her pennt.
    – Wer hat die Verstrickungen von Revisor PwC-Rütsche zu Raiffeisen aufgedeckt?
    – Wer die Verbindungen von KPMG zu Angola-Bastos?
    – Wer die Verbindungen zwischen EY-Stalder und Vincenz?
    – Wer die seltsamen Vorgänge bei BKB/BankCoop und der feudal entschädigten EY?
    – Wer die Deals von KPMG Südafrika in der Schweiz bekannt gemacht hat?
    – (Liste beliebig fortsetzbar)
    Herr Schneider, erbringen Sie überhaupt irgendeine darüber hinausgehende Leistung?! Haben Sie z.B in den Fällen KPMG (Post), EY (Raiffeisen/Aduno) und PwC (Raiffeisen) überhaupt mit Ermittlungen angefangen?

    • Absolut korrekt!
      Wir sind darum letztes Jahr auch weg von einer Big4 gegangen. Ich werde nicht sagen wohin (keine Schleichwerbung) aber ich kann nur sagen: Mehr Kompetenz (keine Universitätsabsolventen), günstiger und der Partner sitzt quasi im nächsten grösseren Dorf. Und die verwendeten Tools und Instrumente sind erst noch besser. Als grosses KMU kriegt man bei einer Big4 einen misserablen Deal. Ganz zu schweigen von den ständigen Skandalen bei den Big4s, die nicht zu meiner Firma passen.

  5. Korrektur: „Was fehlt, ist ein Revisionsmandat bei einer der beiden Grossbanken. Die PwC muss Vorlieb nehmen mit dem Revisionsauftrag von der Schweizerischen Nationalbank und … der Raiffeisen-Gruppe.“ Die PwC ist schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr Revisionsstelle der Schweizerischen Nationalbank. Das ist die KPMG.

  6. Es kommt mir vor, wie wenn ich das selbe Geschichtchen nun zum x-ten Mal lesen darf…!
    Warum nur kriege ich den starken Eindruck, dass Leute, die es bei einer der Big4 nicht ganz nach oben schafften (u.a. wohl weil das Peterprinzip bei diesen selbst für die Kantinen-MA offensichtlich war!), dann die Seite wechseln und vom Player zum Referee werden, um dort vielleicht gewisse Macht auszuüben?
    RAB, Finma, BAZL, BAG… die Liste der staatlich geschützten Werkstätten liesse sich wohl beliebig erweitern. Und alles bezahlen wir!

    • Sie haben ja keine Ahnung was in den Big-4s abgeht. Was ich in meinen 4 Jahren bei einem der Player gesehen habe…
      Herr Hässig kann gar nicht zuviel dazu schreiben.

  7. Es ist korrekt, dass jeder seriöse Prüfer seine Materie kennen muss, die Prozesse, die kritischen Punkte und auch Schlupflöcher. Theoretiker sind da fehl am Platze. Auch ein Fahrzeug-Prüfer kommt aus der Branche, hat selbst irgendwo in der Werkstatt gearbeitet.
    Aber klar, das Risiko besteht, dass er frühere Kollegen „in Schutz nimmt“ oder ein Auge zudrückt. Dass es nicht immer gut geht oder eben auch nach Jahren noch ans Licht kommen kann, wird jedem bewusst sein. Aber wer von uns fährt nicht auch 130-140 auf der Autobahn und argumentiert, dass gestern auch nichts passiert ist?!

    • Natürlich die E&Y unter der sachkundigen Führung von Marcel „Dealmaker“ Stalder.
      Die kassieren da eine hübsche Summe jährlich ab.

  8. Schneider. „Für die Information der Öffentlichkeit verlangt das Gesetz ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse.“ Da liegt Schneider falsch: Es braucht den Filz in dem sich Schneider suhlt und da wird das private Interesse viel höher gewichtet als das öffentliche. Hauptsache für Schneider, an den gutgefüllten Honigtöpfen zu sitzen und seine Freunde nicht zu verärgern. Ist Schneider auch Mitglied der CVP und Spezi von Frau Leuthard?

    • Das ist meist automatisch gegeben, wenn es sich um börsenkotierte oder bundeseigene Betriebe handelt. Schliesslich möchte der potentielle Investor solches ja vorgängig wissen und der Steuerzahler hat sowieso ein Recht zu wissen, was die von ihm finanzierten Mänädscher so machen mit den Steuergeldern. Die bemvormundende Haltung sollten sich die Behörden langsam abgewöhnen.

    • Herren Heinz Meier und Daniel Senn gut tun, wie „Figura“ zeigt …..

  9. Aussage dieses Artikels? Beamte werden angeprangert, Berufserfahrene (aufgrund deren Nähe) ebenfalls …!wie sieht denn eine Lösung aus ??? Treuhänder oder WP‘s von Kleingesellschaften? Oder völlig Branchenfremde (zB Ärzte oder Schuhmacher)? Sorry … Schuster bleib bei denen Leisten: da kommen nun mal international erfahrene Prüfer an erster Stelle.

  10. Ein weiteres Beispiel dafür, dass ‚regulatory capture‘ nicht nur eine Theorie ist, sondern sie durchaus real existiert.

  11. Habe jahrelang in der Branche als Partner gearbeitet – in mehreren Ländern. Die Aufsicht in der CH hinkt anderen Ländern um zig Jahre hinterher. In England werden die Big4 ganz anders und deutlich schärfer kontrolliert, gerade wenn es sich um kotierte Firmen handelt. Natürlich wissen das alle Big4 sehr genau, da sich die für regulatorische Fragen zuständigen Partner in jeder Big4 auf internationaler Ebene sehr detailliert austauschen. Danach richten sich dann die jeweiligen Vorgaben in den Ländern, auch im Umgang mit dem Regulator. Interessant ist, dass die internen Qualitätsprüfungen dann in einigen Ländern strenger sind, als die vom Regulator. In der CH ist dies wohl auch so. Wenig überraschend ist es wohl auch, dass jede Big4 ein reges Interesse daran hat, beim Regulator auch personell vertreten zu sein. Es gibt dafür auch explizite Programme, wer wo in welchen Gremien mitarbeiten soll…auch wenn jemand komplett zum Regulator wechselt, wird dies sicherlich nicht als Nachteil gesehen.
    Das ganze System der Aufsicht kommt den Big4 da sehr entgegen und sie wissen sehr genau, wie sie damit umzugehen haben. Also, alles kein Zufall oder eine Überraschung….

  12. verlangt das Gesetz ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse.“

    Wann hört diese Geheimniskrämerei endlich auf? Wann kommt endlich ein abschreckendes öffentliches „NAMING AND SHAMING“?

    Dies gilt auch für den Geheimbund FINMA, Finanzdepartement & Co.!
    Wie lange soll der feine Mark Boris Branson noch die Möglichkeit haben, Fälle wie „Bär mit diversen Spezialkunden“, „Mosambik/CS“, „Uli Hoeness/Vontobel/Bär/ZKB“ und weitere unter Ausschluss der Oeffentlichkeit im Interesse der involvierten Banken abzuwickeln?
    Wie lange noch sollen die notorischen Missetäter der CH-Finanzbranche ungestraft immer wieder neue Comebacks feiern dürfen?

  13. Die RAB ist wieder so eine zahnlose Überwachungsfunktion, wo vor allem Beamte mit sich selber beschäftigen. Ich wurde gegängelt, endlich das Häkchen auf der Website der RAB rauszunehmen, weil ich nicht mehr als Revisor tätig bin. Da ich das Passwort vergessen hatte, fragte ich um ein neues Passwort. Die RAB schickte mir nicht einen Link, um das Passwort zu ändern, sondern gleich das Passwort in Klarschrift in einem Email. Wenn ich dies als Qualitätsindikator der RAB nehme, dann ist es offensichtlich, dass die RAB nie und nimmer in der Lage ist, die komplexe Überwachung der Revisionsfirmen seriös abzuwickeln.
    Einem pensionierten Revisor (Daniel Senn) nach der gerichtlichen Verurteilung die Zulassung für 3 Jahre zu entziehen ist wohl eher als Witz, denn als Strafe zu verstehen und die Massnahme schon gar nicht als schlagkräftige Behörde zu beurteilen.

    • Sie beschweren sich, weil Sie einfachste Tätigkeiten nicht fehlerfrei ausführen können? Das sagt mehr über Sie als „Revisor“ aus, als Sie sich wünschen…

  14. Schön, dass dieser Filz mal zur Sprache kommt.
    Die RAB sollte schon längst mal Fälle wie Raiffeisen, Post, Aryzta und UBS durchleuchten.
    Insbesondere die „Channel 1“-Beratung gehört per sofort verboten!

  15. Was ist der Unterschied
    zwischen einer Hundehütte
    und einem Aufsichtsrat?

    Die Hundehütte ist für den Hund,
    der Aufsichtsrat ist für die Katz.

    Hermann Josef Abs
    * 15. Oktober 1901 † 5. Februar 1994