Tamedia-Medienkonzern: Boni passati

Führendes Inland-Zeitungshaus streicht altes Entschädigungsmodell – Neu für alle Anteil am Firmenerfolg – Weiter sparen.

Die Tamedia gibt den Tages-Anzeiger heraus, kauft die Basler Zeitung und druckt dort die gleichen Inhalte wie in Zürich und in Bern. In der Romandie schliesst sie Blätter, kauft dafür Digitalportale.

Nun streicht das führende Inland-Medienunternehmen ihr bisheriges Bonus-Modell. Der Entscheid, dass sämtliche Manager und Mitarbeiter ab 2019 keine individuell festgesetzte Erfolgsbeteiligung mehr erhalten, wurde gestern dem obersten Kader mitgeteilt.

In diesen Stunden erfolgt nun die Orientierung der gesamten Crew (siehe Stellungnahme ganz unten). No more Boni im klassischen Sinn, heisst es beim börsenkotierten Unternehmen, dafür Anteil am Jahresgewinn.

Der Wechsel erfolge „kostenneutral“. Doch im Hintergrund läuft seit längerem eine grosse Sparübung, wie die Republik im Frühling ausführlich berichtete.

Grund ist der grosse Bruch in der globalen Medienbranche. Die Tamedia reagiert darauf zweifach. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren einerseits durch Zeitungs-Abbruch versucht, die grosse Wende weg von Print hin zu Digital zu schaffen.

Andererseits reduziert die Firma der vermögenden Verleger-Familie Coninx durch schleichenden Personalabbau die drückenden Lohnkosten.

Wie das jetzt angekündigte Ende der klassischen Boni dazu passt, bleibt abzuwarten. Ein Sprecher der Tamedia bestätigte gestern Abend nun, dass die Konzernleitung einen entsprechenden Beschluss gefällt habe. Er versprach für heute Antworten auf Fragen.

Die entscheidende Frage lautete, was der Hintergrund der Aktion ist. Ob es nur um die nächste Etappe im grossen Kostenabbau gehe oder ob noch anderes dahinterstecke.

Sicher ist, dass die Tamedia seit ihrem Börsengang vor bald zwei Jahrzehnten die Investoren enttäuscht hat. Ihr Titel kam nie mehr auf die damals erreichten Höhen.

Das Management unter CEO Christoph Tonini schaut dem nicht tatenlos zu. Es drückt die Fix-Saläre und Erfolgsentschädigungen als wichtigsten Ausgabeposten des Medienhauses. Zudem stellt die Tamedia-Spitze ständig weitere Zeitungen ein.

Andererseits kauft die Tamedia zu, was sie kann. Wichtigster Coup ist die Akquisition der Goldbach Gruppe, der Nummer 2 im Markt der Schweizer Fernsehwerbung.

Es ist wie beim Hasen und Igel. Immer, wenn der Hase im Wettrennen gegen den vermeintlich chancenlosen Gegner atemlos am Ziel ankommt, ist der Igel schon da.

Die Tamedia hechelt der Entwicklung mit neuen Digital-Medien wie der Hase hinterher. Sie kauft und kauft, schliesst und schliesst, kürzt und kürzt. Die Aktie bleibt stehen.

Dafür verdienen Tonini und seine Leute gut. Ihre Boni haben in der Vergangenheit relativ zur Grösse und Bedeutung des Unternehmens zu reden gegeben.

*

Nach 9 Uhr meldete sich der Tamedia-Sprecher. Die Mitarbeiter hätten zunächst ins Bild gesetzt werden müssen, vorher habe er nicht Stellung beziehen können. Hier sein Statement:

„Die Integration verschiedener Firmen hat zu einer grossen Vielfalt an Reglementen und zu einer unterschiedlichen Handhabung von Kaderfunktionen geführt. Durch die angekündigte Anpassung sollen alle Mitarbeitenden in vergleichbaren Funktionen die gleichen Anstellungsbedingungen erhalten.“

„Das neue Kadermodell soll zudem die unternehmerische Haltung der Kadermitarbeitenden weiter fördern und das Denken und Handeln auf die übergreifenden Unternehmensziele ausrichten. Aus diesem Grund haben wir entschieden sämtliche Kadermitarbeitenden am gleichen Ziel zu messen: Dem Ergebnis von Tamedia.“

„Es handelt sich um keine Sparmassnahme. Sämtliche Anpassungen werden pro Mitarbeitenden jeweils kostenneutral umgesetzt, so dass der Jahreslohn insgesamt gleich bleibt.“

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20 Kommentare zu “Tamedia-Medienkonzern: Boni passati

  1. Was alle schweizer Verleger nicht verstanden haben ist die Preisgestaltung. Fuer ein digitales komplett Abo gibt es genuegend Kaeufer wenn es billiger ist – so um die Fr 100 pro Jahr. Die grossen Zeitungen verlangen alle ueber Fr 200. In Zeiten von Gratisnews bin ich schon bereit etwas zu bezahlen fuer einen journalistischen Mehrwert aber nicht mehr so viel wie frueher. Zugegebernmasse in groesseren Maerkten aber die New York Times und die Times fahren genau mit diesem Model nicht schlecht. Sie steigern Abozahlen, generieren mehr Werbung und (ueber-)kompensieren somit die tieferen Aboeinnahmen.

  2. Grundsätzlich finde ich das Vorgehen gar nicht so verwerflich – aber warum die Mitarbeiter immer für dumm verkaufen?

    Wenn jemand ein Fixgehalt hat, und ohne zu fragen jetzt auf einmal 15% davon nur noch gezahlt werden, wenn die Firma auch ihr Ziel erreicht – dann ist das in meinem Augen schon eine Sparmassnahme – für schlechte Zeiten. Und diese Flexibilität, die man sich davon erhofft – die könnte man den Mitarbeitern ja auch offen kommunizieren.

  3. Kein Wunder, dass der Tagesanzeiger sparen muss. Die rote Sauce, die er täglich über die Leser ausgiesst ist für die, die nicht ohnehin fanatische Linke sind, schwer erträglich. Sollte der Kauf der BaZ durch Tamedia genehmigt werden, ist es mit der Meinungsvielfalt in den Schweizermedien praktisch aus und damit auch mit der Demokratie die ohne objektive Berichterstattung eine Farce ist. Denn auch die durch Zwangsgebühren finanzierten öffentlichrechtlichen Medien vertreten einseitig linkes Gedankengut, trotz Konzessionspflicht zur ausgeglichenen Berichterstattung.

    • Das sind traditionelle Mainstreammedien. Diese sind eh tot.
      Schweizer Fernsehen: Wird vielleicht noch in Pflegheimen in der Demenzabteilung geschaut. Aber auch nur weil es die Pflege einstellt. Sogar meine 85 jährige Mutter und ihre Freundinnen (alle noch rüstig) sind nun auf Netflix und Spotify umgestiegen.
      Tageszeitungen: Auflage im freien Fall. Für Meinungsbildung kaum mehr relevant.
      Die Zukunft gehört ganz klar unabhängigen Einzelkämpfern wie Hässig. Der in der Schweizer Finanzbranche bereits mehr Einfluss hat als jedes andere Medium (Jüngstes Beispiel: Abschuss von Ebnetter-Hunziker).
      Wann gründen endlich innovative und aggressive Journalisten ähnliche Formate für den öffentlichen Dienst? Für Verkehr? Usw.? Das wären doch riesige Märkte!

  4. Hoffentlich hat darum endlich mal ein guter Journalist den Mut, etwas selber zu gründen. Besser als in einer serbelnden Zeitung sein Dasein zu fristen.
    Wir brauchen ein „Inside-Bundeshaus“, das die Skandale und Schweinereien in Bern aufdeckt, analog zu Inside-Paradeplatz.
    Und Hässig beweist ja, dass man als Einzelkämpfer extrem erfolgreich sein kann – IP hat ja deutlich mehr Klicks als FuW, HandelsZeitung oder Bilanz.

  5. Alles in Allem macht es die Tamedia nicht gar so schlecht in einem höchst schwierigen Umfeld; im Vergleich zum Hüsch und Hott der RingierSpringer bestimmt einfallsreicher und kluger. Im Jahre 1933 erwarb der Tages-Anzeiger die Zeitschrift „Schäubli’s illustrierte Zeitung für die Schweizer Familie“ aus die später die „Schweizer Familie“ wurde. Dazumal ein mutiger Schritt in den Zeitschriftensektor vorzustossen.

    In all den Jahren musste sich der Tages-Anzeiger ständig neu erfinden. Denken wir nur einmal an den weggebrochenen Stellenanzeiger, der dazumal nahezu so dick wie die Zeitung selber war……….

    Hoffen wir, dass keiner dieser Schweizer Verleger schwach wird und Murdoch und Konsorten das Eintrittsticket für den Schweizer medialen Infotainmentmarkt gibt.

  6. Bei der UBS wurden mal 2.5 Milliarden an Bonus bei 2.5 Milliarden an Minus ausbezahlt, um die „besten“ Leute zu halten.

    Die Tamedia, noch gewinnschreibend, annulliert für alle den Bonus.

    Eine gegenteilige Einschätzung des Managements.

  7. Generell ist zu begrüssen, dass man endlich auf „Karotten“ verzichtet. Gute Journalisten sollten nicht fremd- bzw. clickgesteuert werden. Auch glaube ich – aber das ist zu beobachten – dass ein Verzicht auf den Akkordlohn auf der Teppichetage langfristig eher die Bezüge auf der Topmanagementebene korrigiert. Es ist nämlich viel schwieriger zu rechtfertigen, warum jemand mehr als 30 oder 40 mal so viel wie gute Mitarbeitende verdienen soll. Daher: die Massnahme ist zu begrüssen. Ob dahinter nun tatsächlich die Intention „Sparmassnahme“ steht halte ich eher für zweifelhaft. Vielleicht wollte man auch einfach endlich einen alten Zopf abschneiden.

    • vordergründig, nur eine show für dummies.
      danach gibts genügend „trickli“ in der buchhaltung,
      um den verlust dem topmanagement ausreichend
      zu kompensieren.

  8. TAMEDI-A ist an Obszönität nicht mehr zu überbieten.

    Eine menschenverachtende Geschäfts-Politik wie sie, zum Glück, kein anderes Unternehmen in der Schweiz betreibt.

    Entlassungen, Lohn-Vorenthaltungen wegen Streik im Waadtland, Bonikürzungen und und und. Dieser Laden wird sich noch überfressen vor lauter Gier und Fehlplanungen.

    Wer diese Zeitungen, Heftchen und Traktätchen noch abonniert , unterstützt die marodierende KOMEDI-A am Leben zu erhalten.

    • Tamedia ist ja führend im Abschaffen der Print-Medien – der alte Coninx würde sich im Grab umdrehen, wenn er sähe, was sein Sohn und sein Schwiegersohn (Suppenhuhn) aus diesem Laden gemacht haben, Ich habe schon vor Jahren sämtliche Abo’s der Tamedia-Käseblätter nicht mehr verlängert!

    • Die Geschäftspolitik passt sich den geänderten Bedingungen an. Aus meiner Sicht übrigens viel zu langsam. Tamedia geht hier sehr sozialverträglich vor.
      Das Unternehmen wäre mehr wert, wenn man ausser 20min alle Titel innert 3 Jahren schliessen würde und allenfalls noch den Tagi als nationalen Titel (mit je einem Regionalbund) herausgeben würde und sich dann voll auf den Digitalbereich fokussieren würde (wo heute schon die Mehrheit des EBITDA herkommt. Das Aufrechterhalten von Zeitungs- und Heftchen-Herausgabe ist mehr historischem Gedankengut geschuldet und wiederspiegelt nicht die Realität des geänderten Medienkonsums. Das zögerliche Vorgehen ist der Grund für die schlechte Aktienkursentwicklung.

  9. Aha, ein Medienhaus, das zeigt wie es geht: In den guten Jahren garnieren die Oberen dicke Boni, die unteren idR gar nichts oder kärgliche Krümel. Und genau! In schlechten Jahren sollen, ja müssen dann auch die Oberen verzichten – in genau demselben Verhältnis, wie sie in den guten Jahren profitieren.

    Bravo.

  10. Ich bin auch überrascht, dass ein börsenkotierter Konzern auf Erfolgsbeteiligung in Form von Boni für gute Mitarbeiter verzichtet.

    Trotzdem finde ich ihren Artikel wenig sachlich.
    Tamedia hechelt meiner Ansicht nach der Entwicklung der neuen Digital-Medien nicht hinterher – sondern hat immer wieder bewusst und rechtzeitig ein Gespür für die nötigen Transaktionen gehabt.

    Zudem ist das Medienhaus heute grundsolide aufgestellt und hat seit Jahren hohe konstant gute Gewinne (trotz laufender Investitionen in die digitale Transformation).

    Wenn man die Börsenkapitalisierung von 1.3 Mrd CHF anschaut, wird schnell klar, dass da viel Potenzial besteht.
    Alleine homegate und jobcloud dürften soviel Wert sein. Dazu kommt ricardo (welches immer noch viel Potenzial bietet).

    Alles andere gibt es dann gratis obendrauf und da gehört immerhin 20min als erfolgreiches on- und offline Medium dazu. Von der Dominanz im sonstigen Zeitungsmarkt und einigen interessanten Digitalbeteiligungen ganz zu schweigen.

    Im Werbemarkt ist man zudem mit der Übernahme von Goldbach auch top aufgestellt.

    • @ onliner: Wie sich Ricardo mit dem neuen Gebührenmodell „gratis einstellen / 9% Verkaufsgebühr mit Cap erst bei Fr. 190.00“ entwickeln wird steht nach meinem Dafürhalten noch in den Sternen.

    • @onliner
      Sie haben es auf den Punkt gebracht. Ausgerechnet ein linkes Blatt zeigt es den anderen, wie man im Mediengeschäft erfolgreich wirtschaftet und Gewinne erzielt. Martin Kall hat als CEO die Wende zum Guten eingeläutet, indem er konsequent nur diejenigen Publikationen am Leben erhalten hat, die langfristig erfolgversprechend waren. Alle anderen Titel wurden abgestossen oder eingestellt. Neben seinem scharfen Zahlenverstand hatte er auch die strategische Weitsicht, 20min zu kaufen und die Weichen in Richtung der digitalen Welt zu stellen. Nicht Verliebtheit in das Verlegerische hat ihn angetrieben, sondern die Zahlen unter dem Strich. Tonini als sein langjähriger CFO hat das teilweise gut verinnerlicht. Deshalb ist Tamedia immer noch erfolgreicher als jeder andere Medienkonzern.

  11. Immer wieder belustigend, wie einem diese Topmanager eine Fusion und eine Übernahme nach der anderen mit ‚Effizienzsteigerung und Synergienutzung‘ verkaufen, dann aber diese nie abliefern, sondern immer noch mehr Übernahmen und Fusionen und Sparübungen machen müssen, bis am Ende nur eine Firma bleibt, die auch nicht rentiert. Aber die Leute glauben das immer wieder aufs Neue…

    • Tja, die Krönung der Schöpfung wählt auch immer die selben Lügenparteien und -personen ins Parlament und in die Regierung, unter der Prämisse dass alles besser wird, obwohl im Grundsatz klar ist, dass diese Teil des Problems sind…