Raiffeisen-Tresor-Raub: Gangster hatten ewig Zeit

Überfall in Basel brauchte keine Ocean’s 11-Genies – Denn Raiffeisen machte es bubbi einfach: ein Griff, ein Stemmeisen.

Die Raiffeisen erlebte Anfang 2018 ihre dunkelsten Tage. Ex-Chef Vincenz im Gefängnis, der Präsident, ein HSG-Professor, vom Hof gejagt. Und dann Basel.

In der Stadt-Filiale räumten Gangster gut 20 Schliessfächer. Alles weg: Gold, Münzen, Noten, Schmuck, Dokumente.

Seither ermittelt die Polizei. Erfolglos. Man habe bis jetzt keine Verdächtigen geschnappt, heisst es dort.

Für die betroffenen Raiffeisen-Kunden ist der Fall ein Desaster. Sie müssen ihrem gestohlenen Vermögen nachrennen.

Auch sie meistens erfolglos. Die Raiffeisen-Zentrale in St.Gallen zeigt sich wenig kulant. Wer nicht belegen kann, was ihm gestohlen wurde, erhält nichts.

Wie belegen, wenn alles schwarz ist? Nicht versteuert, nicht offengelegt? Not my problem, sagt die Raiffeisen.

So sehen die Kunden in die Röhre. Und die Raiffeisen spart viel Geld. Sie muss keine Hunderttausende oder Millionen an Schadenersatz aufwerfen.

Dabei war ihre Tresoranlage in Basel und an weiteren Orten, wo sie 7/24-Automaten angeboten hatte, alles andere als sicher.

8 Seiten Text, 21 Fotos, 0 Erkenntnis: Polizeibericht (IP)

Das zeigt der „Kriminaltechnische Untersuchungsbericht“ von Frühling 2018. Die Beamten fanden einen Hebel unter einer Hülle oben bei der Schiebetür. Diese Abdeckung konnte „manuell und ohne Werkzeug demontiert bzw. ausgehängt“ werden.

Hebeli hoch, Automatik deaktiviert: Schiebetür zum Schliessfach-Raum (IP)

Im Bericht steht weiter: „Auf der Rückseite der genannten Abdeckung, im unteren Bereich, konnten im Staub Griff­spuren festgestellt werden.“

„Es kann nicht beurteilt werden, ob die Griffspuren im Zuge einer allfälligen Demontage durch die Täterschaft oder durch einen Servicemitarbeiter entstanden sind.“

Legte man also den Hebel um, konnte man die „Glasschiebetür“ betätigen. Das taten die Räuber vermutlich. Und zwar so, dass sie danach ewig Zeit hatten, die Schliessfächer leer zu räumen.

Brad Pitt und George Clooney können von solcherlei nur träumen. Für ihren Casino-Raub im bekannten Hollywood-Streifen Ocean’s Eleven mussten sie sich einiges mehr einfallen lassen.

Die Raiffeisen-Panzerknacker hatten auch sonst leichtes Spiel. Kaum hatten sie durch den Hebel-Trick ihre Ruhe, holten sie die Schliessfächer per Lift aus dem Keller.

Dass sie Code und Nummer besassen, gelang wohl dank bekannten Methoden. Sie waren zuvor ein paar Mal im Raum.

Mal schauen, wie’s läuft: Probelauf eines Räubers (IP)

Nun tippten sie seelenruhig die Nummern ein und wartete, bis die Anlage ein Fach nach dem anderen zu ihnen brachte.

„Die Ausgabe eines Schliessfachs dauert in der Regel zwischen 30 und 90 Sekunden“, steht dazu im Polizeibericht. „Die Dauer hängt davon ab, in welchem Bereich des Tresors das ausgewählte Schliessfach ein­ gelagert ist.“

Hatten die Räuber die Metallbox schliesslich vor sich auf dem Tresen, brauchten sie nur noch ein kleines Stemmeisen anzusetzen – und schon lagen all die glänzenden Goldbarren und die glitzernden Klunker vor ihnen.

Kinderspiel für Hobby-Knacker: Aufgestemmtes Schliessfach (IP)

„Die unbekannte Täterschaft öffnete die Aussenbehälter der Schliessfächer mit Gewalt, in dem sie ein nicht bekanntes Werkzeug zwischen die Tür und das Gehäuse steckte“, hält die Polizei dazu in ihrem Bericht fest.

„Auf die­se Weise wurden die Wände des Aussenfachs verformt bzw. sie gaben nach.“

Niemand merkte auch nur das Geringste. Videokameras, Alarmanlagen, Sicherheitsdispositiv: alles da, alles nutzlos.

Dies, obwohl die Täter eine Verkleidung wählte, die jeder auch nur halbpatzig geschulte Sicherheitsmann hätte stutzig machen können. Immer lange Jacken um den Körper, immer eine Wollmützen auf dem Kopf, stets wuchtige Hornbrillen auf der Nase: wie im Film – einem aus hiesiger Küche.

Hallihallo, erkennt Ihr mich? (IP)

Und noch dies: Im Keller, wo der grosse Tresor der Raiffeisen Basel stand, aus dem die einzelnen Schliessfächer per Code und Lift geholt wurden, fand die Polizei rätselhafte Spuren.

„Gemäss erster Feststellung der Bankmitarbeiter wurde im Schliessfach-Ausgaberaum eine weisse, nach Chlor riechende Substanz über dem Ausgabegerät verteilt“, schreiben die Ermittler.

Es folgt Brisantes:

„Vor unserem Ein­treffen wurde der Raum bereits gereinigt. Durch uns konnten keine Rückstände dieser Sub­stanz mehr festgestellt werden, welche hätte gesichert werden können. Möglicherweise wur­de ein Chlorhaltiges Produkt verwendet um allfällige Spuren zu zerstören.“

Warum wurde der Tatort geputzt? Warum so, dass sich nichts mehr finden liess?

Die Raiffeisen wehrt sich gegen den Vorwurf, sie habe es den Räubern leicht gemacht, die Tresorfächer zu räumen.

“ Die Sicherheitsstandards der Raiffeisenbanken sind branchenüblich und auf dem aktuellsten Stand“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. „Weitere Details geben wir aus Sicherheitsüberlegungen nicht bekannt.“

Dann gibt die Raiffeisen doch noch so etwas wie einen Mangel zu. Der Sprecher führt nämlich das Folgende aus:

„Die 24h-Kunden-Safeanlage in Basel wurde unmittelbar nach Kenntnis des Vorfalls ausser Betrieb gesetzt. Sämtliche 24h-Kunden-Safeanlagen von Raiffeisen wurden im Nachgang überprüft, die notwendigen Schlüsse gezogen und entsprechende Verbesserungsmassnahmen getroffen.“

Es war also nicht alles top. Sonst hätte es keine „Verbesserungsmassnahmen“ gebraucht.

Trotz diesem Mangel zeigt sich die Raiffeisen Schweiz mit ihren teuren Anwälten von der unbeugsamen Seite. Schadenersatz ausschliesslich gegen Beleg.

Das sei immer so, meint der Raiffeisen-Schweiz-Sprecher. „Es ist üblich, dass Vergleichsgespräche vertraulich geführt werden. Grundsätzlich liegt die Versicherung der Safeinhalte aber in der Verantwortung der Kunden. Das ist branchenüblicher Standard.“

Kommentare

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  1. Falls das Foto von einer Kassette vom Einbruch in Basel stammt, muss ich feststellen, der Schliesszylinder ist von der Firma EUROLOOK hergestellt und kostet komplet ca CHF 7.00.
    Perfekt für ein Bankschlissfach

  2. Es werden mit Sicherheit die wahren gestohlenen Werte deklariert werden, und auch von der Bank vergütet. Denn in diesen Kreisen kommt es selbstredend nicht vor, dass Vermögenswerte nicht deklariert werden oder anderweitig Steuerhinterziehung begangen wird. Das machen immer nur die Anderen.

  3. Die Bank sollte entweder den belegten Schaden zurückzahlen oder eine Pauschale (ähnlich einer Konventionalstrafe) von mindestens 10’000 pro Kunden bezahlen. Das sollte ein Richter anordnen, denn die Anlagesicherheit war eindeutig völlig ungenügend und grobfahrlässig schlecht. So schlecht, dass kaum ein Kunde dieses Risiko korrekt einschätzen konnte. Die Tresorkunden haben ein Recht auf Privatsphäre. Die implizite Annahme, dass ein Kunde keinerlei Werte verloren haben könnte, ist gänzlich irrsinnig. Der Umstand, dass die Anlage einem angeblichen Branchenstandard entsprechen soll, würde ich als unerheblich ansehen. Im Gegenteil! Die Folgenlosigkeit eines solchen Vorfalls dürfte in Zukunft das Sicherheitsniveau eher noch belasten.

  4. Hierbei handelt es sich um einen handelsüblichen 24h Tresor, wie er bei vielen Banken in der Schweiz verbaut ist. Dieser kann genau so und nicht anders gekauft werden.

    • Also das Thema finde ich brandheiss und die Fotos interessant.
      Und dass Raiffeisen offenbar Spuren vernichtet hat ist – erstaunlich.

  5. Wenn mir das passieren würde, dann würde ich eine Raiffeisenfiliale überfallen und mir das Geld zurückholen. Wenn es gut geht ok, sonst Knast… was solls. Dann wird der Staat für mich sorgen.

  6. Raiffeisen ist nicht wirklich mehr eine Genossenschaftsbank. Die ganze Bankleitung von Basel sollte per sofort freigestellt werden! Jetzt wo es wichtig wäre, VERANTWORTUNG zu übernehmen, ziehen sie alle wortwörtlich den „Schwanz“ ein. Wie kann man da als Bankleitungsmitglied noch ruhig schlafen? Nun hat man die Anwälte von Walder Wyss AG, Basel, beauftragt, möglichst keine Schadenersatzforderungen zahlen zu müssen. A pro po Walder Wyss – Wer sitzt in St. Gallen im Verwaltungsrat? Ja, Frau Karin Valenzano Rossi, Partnerin von Walder Wyss(Säu-Häfeli,Säu-Deckeli). Die massiven Sicherheitsmängel sind so offensichtlich und trotzdem ist die Raiffeisen nicht gewillt, die betroffenen Kunden angemessen zu entschädigen. Für mich ist das ein Armutszeugnis!

    • Also bitte: Ich muss doch belegen können, was es im Schliessfach hatte!? Oder füllen diese Kunden keine Steuererklärung aus???

  7. Und immer ist die Branche am eigenen Versagen Schuld.
    Weshalb hat Raffeisen nicht zu einem Einbruchstest geladen, bevor man Tresore vermietet. Dann hätte man wenigstens den Stand der Posttechnik gehabt.

  8. Wie kamen sie an die Codes? wahrscheinlich Tage davor eine Mini Video-Kamera installiert die die Tastatur-Eingaben der Kunden gefilmt hatte….

  9. Das verblüffenste an dieser Geschichte ist, dass die Bankräuber im Safe einer Bank noch was gefunden haben was sich lohnt mitzunehmen..

  10. war wohl eher üblicher Standard für Raiffeisen… unsere Kollegen in der angelsächsischen Welt würden von „reputational damage“ sprechen. Wieso sollte man zu Raiffeisen gehen wenn aufgrund der zahlreichen Vorfälle das Vertrauen weg ist?

    • Ich habe volles Vertrauen in Raiffeisen.
      Diese Tresoranlage hat mit Raiffeisen ja relativ wenig zu tun, diese wurde ja eingekauft.

  11. Safe : Sicher aber Fehler einkalkuliert!

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    Dass die Raiffeisen mit allen Mitteln sich dagegen stemmt Verluste auszugleichen, ist naheliegend.

    Diese Signatur zieht sich doch durch den ganzen Laden. Selbst stümperhaftes Selbstverschulden wird durch ihre Rechtsabteilung und teure Anwälte ad absurdum geführt. Zum Schaden hat der Kunde auch noch einen aussichtslosen Kampf gegen die Raiffeisen-Zentrale.

    SAFE : Saubere Angelegenheit für Enteignete!

  12. Wo ist das Problem? Wer nichts zu verstecken hat, reicht die Belege ein. Wer etwas zu verstecken hat, hätte es besser verstecken müssen.

  13. Zusammenfassung: Extrem gute Kenntnis über die Sicherheitsvorkehrung und Abläufe. Beseitigung der Spuren bevor Spurensicherung Arbeit aufnehmen konnte durch Reinigung. Beute unauffindbar.
    Was schliesst daraus der durch unzählige Krimis geschulte Beobachter?

    • Habe ich auch sofort gedacht. Gerade die Sache mit der Spurenbeseitigung ist etwas – erstaunlich…

  14. Schon lange nichts mehr über die Raiffeisen geschrieben, so müssen alte Geschichten wieder herhalten. Well done lh

  15. Das ist die Arroganz und Dummheit der Banken. „Die Sicherheitsstandards der Raiffeisenbanken sind branchenüblich…“, sagt man und meint eigentlich: Wir leben heute (noch) gut vom (schwarzen) Vermögen unserer Kunden. Nicht unser Problem. Die können sich eh nicht wehren.

    Warum bringt man sein Geld denn auf die Bank? Damit es etwa sicher verwahrt wird? Das gilt auch im digitalen Zeitalter. Hallo? Aufwachen!!!!!

  16. Schönschwätzer und Schönwetterkapitänchen allenthalben, und wenn es dann ans Liefern geht oder ans Durchstehen harter Momente (siehe auch der „3-Sternegeneral“ (den müsste man wohl sofort ersetzen wenn im Ernstfall die Blauen Bohnen flögen), der sich auf ein Ruheplätzchen in Washington zurückziehen darf): der epische Ränzler! Fehlanzeige auf der ganzen Linie.