Marktschreier oder Trend

An Börse tummeln sich Aufschneider – Wer ihnen folgt, ist selbst schuld – Entscheidend für Gewinn ist Wissen um Trends.

Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass das Geschäft mit Aktien tatsächlich immer dümmer wird.

Nach jeder noch so kleinen Marktbewegung erscheint irgendwo ein dreifach gegelter Besserwisser und erklärt, aus welchem Grund die Bewegung zustande gekommen war und wozu es führt, wenn das so weitergeht – für alle, die es dann noch interessiert, weshalb man besser vorher hätte kaufen oder verkaufen sollen.

Das sind die „Experten“, die noch nie länger als 15 Minuten auf einem Tradingfloor waren, denn ihre Selfies aus dem Handelsgetümmel sind schnell gemacht.

Sie sehen denn auch aus wie die der Instagram-Touristen in Hallstatt. Die Botschaften sind dann auch meist nicht sehr tiefsinnig und transportieren eine Sicht, die denen der Ost-Apparatschiks aus den 80ern gleicht.

Es gibt einen klaren Kauf- oder Verkaufsgrund – und der Markt hat dem gefälligst zu folgen. Doch wenn die Sache so klar ist: Warum kommt dann überhaupt ein Handel zustande und findet sich eine Gegenseite? Sind die anderen schlichtweg uninformierte Banausen?

Märkte sind unangenehm komplex. Wo ein Käufer ist, da findet sich auch ein Verkäufer, und hätten nicht beide gute Gründe, käme es nicht zum Handel.

Natürlich setzen Spekulanten nicht nur auf sinkende Kurse, und wäre mit einer Position Gold auf sichere Weise Geld zu verdienen, dann könnte auch eine Goldmine ihre Ware erst später verkaufen.

Ein frei organisierter Markt basiert auf einem Netzwerk verschiedenster Meinungen und Visionen, nicht auf einem von oben verordneten „Grund“.

Weisheiten vom Guru: Erdkugel wird Scheibe (Twitter)

Ist zum Allgemeingut geworden, dass die Aktienpreise nur noch steigen, und jeder kann dafür zehn Gründe aufzählen, dann sind alle Investoren im Markt, die sich einen Kaufgrund aufbinden lassen wollen.

Sie haben ihre Aktien von anders Handelnden und Denkenden erhalten, die ihnen später, nach ausreichend grossen Kursabschlägen und neu gefundenen Verkaufsgründen, die Hand reichen.

So geht es immerzu, zuletzt Anfang Juli, als die vermeintlich einzige Anlagealternative in Aktien zu bestehen schien. Ich hatte damals hier auf diese klar erkennbare Überhitzung hingewiesen – und wahrscheinlich haben Sie es ja auch selbst miterlebt.

Im August und September gab es Kursrückschläge (negative Kursgewinne). Von den Kaufargumenten mit der einzigen Alternative war dann nichts mehr zu hören oder zu lesen. Stattdessen gab es Warnungen aller Art, wonach die Kurse weiter fallen könnten.

Darum wird dann auch betont, die „Einschätzungen bleiben weiter vorsichtig“ – wobei sich fragen lässt, womit sich das „weiter“ in diesem Satz rechtfertigen lässt. Die Antwort darauf kann man sich ersparen. Konstanz und Konsistenz sind ohnehin etwas anderes.

Ich habe auch noch nie erlebt, dass einer dieser Marktschreier später mal auf früher abgegebene Gründe Bezug genommen hätte. Weshalb auch?

Denn nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne der Masse ist kurz, auch das Erinnerungsvermögen. Ausserdem gibt es schon wieder die nächsten News, aus denen sich wahlweise neue Kauf- oder Verkaufsgründe ableiten lassen.

Man muss nur abwarten, damit man damit nicht auf der falschen Seite argumentiert.

Der erfolgreiche Investor weiss es schon lange: An den Finanzmärkten gibt es Trends. Hinge die Kursentwicklung tatsächlich in hohem Masse von den einzelnen News ab, dann wäre der Kursverlauf mehr oder weniger zufällig.

Dann liessen sich auch in einer Kursgrafik umgehend, treffsicher und auf den Tag genau die Auswirkungen der vielen wichtigen News erkennen.

Versuchen Sie es einfach mal – es wird Ihnen nicht gelingen. Und weil es Trends gibt und so ein Trend verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft, reagieren Märkte auf ähnliche News auch nicht immer gleich.

Belastende Nachrichten wirken auf einen resilienten Markt anders als auf einen, der geschwächt und deshalb exponiert ist.

Es ist möglich, den Marktzustand festzustellen. Aber dazu wird teures Fachwissen benötigt, das mitunter auch nicht so leicht zugänglich ist und sich sowieso nicht in einem Satz vermitteln lässt.

Abenteuerliche Börsen-Storys dagegen liefert der Markt frei Haus, und sie passen auf eine knackige Headline. Das wiederum verspricht Klicks, besonders wenn man die Voten zusätzlich auch über möglichst alle sozialen Medienkanäle gleichzeitig verteilt. Aus Stroh mach’ Gold.

Kommentare

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  1. Eine jahrelange konsistente Anlagestrategie ist der beste Schutz für das Vermögen. Wo sind all die Fabers, Zulaufs und andere Schwarzamler im Jahr 2019 bei diesen guten Börsen. Die poppen alle wieder auf, wenn der Markt mal 3 – 4% korrigiert. Mit Optimismus habe ich langfristig Geld verdeint. Mit Pessimismus verliert man langfristig Geld.

  2. Bravo, Herr Vogt, stimmt genau.

    ca. 90% aller Finanzmarkt“news“ sind
    a) News von Gestern
    b) Irrelevant für Anlageentscheide.

    Und die allermeisten Vermögensverwalter vernichten mit Überaktivität und mangelndem langfristigen Nachdenken eher Wert als dass sie Wert schaffen; aber he, man muss ja etwas tun, insbesondere wenn man schon so gut bezahlt wird!

  3. Der gute CIO hat eine Methodik, die ihn zu jeder Zeit solide Firmen auswählen lässt. Market Timing wird unterlassen und keine Zeit für Headlines verschwendet. Ohne Quant geht das natürlich nicht und nur die wenigsten Analysten und PM haben das drauf.

  4. Der Optimist: „Das Glas ist halb voll“
    Der Pessimist: „Das Glas ist halb leer“
    Der Ingenieur: „Das Glas ist doppelt so groß wie es sein müsste“

  5. sehr wahr, was sie da schreiben. eigentlich binsenweisheiten, aber man muss es sich immer mal wieder vor augen halten. vielen dank!

  6. Hmmm die Börsen, sind die noch von ,,dieser Welt,,?
    Die führen doch innzwischen schon lange beobachtbar ein ,,Eigenleben,,.Innzwischen läuft der Handel weitestgehen über Rechnerprogramme, die zeitnah auf ,,Fehlentwiklungen,,reagieren und warnen.
    Die Zielsetzung ist leicht nachvollziehbar, das Ding
    darf unter keinen Umständen abstürzen.
    Müsste logo sein das währe, der Globale Suppergau.
    Da läuft eine ,,Geschichte,, die es in der vorm noch nie gab, und denn doch ein gewisses Mass an säuerlichem Respekt abverlangt.
    Die ,,Verantwortlichen,, haben es bis dato geschafft, das längst oberfaule obermarode Finanzsystem, diesen komplet aus dem Ruder gelaufenen Kapitalmarkt am laufen zu halten.
    Irgendwelche Progosen, wie lange das so funktioniert kann man sich glatt ersparen.
    Es funktioniert solange es funktioniert danach ist sense aus die Maus.Gewiss ist nur eines ,,Ewig,, wird das so nicht funktionieren, sanierbar ist das auch nicht.Sanieren ? Vergessen oh je, Glaube macht selig.

  7. Sehr geehrter Herr Vogt

    Ihre Zeilen sind wohltuend in einer Zeit, wo Regierungen (Zentralbanken) dafür geradestehen, dass private Vermögen vor einem Verlust zu schützen (2007 bis heute). Der Irrtum, dem die Banken und Finanzmarkt-Jongleure-Schreier erlegen sind besteht daraus zu glauben, dass sie dazu da wären, um aus Geld mehr Geld zu machen. Der Staat ist eben nicht das Bankensystem, sondern hat sich im Grunde genommen der Daseinsvorsorge seiner Bevölkerung zu widmen und nicht eine auf eine Unmöglichkeit gerichtete Vorstellung – dass aus Geld Mehr-Geld wird – durch Schuld- oder durch Bürgschaftsübernahme diese Handlungen zu neutralisieren. Die Medien befeuern das Ganze, da die wirtschaftlichen Abhängigkeiten erdrückend sind (in Frankreich z.B. besiten 9 Milliardäre 95% der Medienlanschaft). Ich möchte nicht wissen, wieviele Pensionskassen und die gesamte Geldanlagewirtschaft ihren Versicherten/Kunden in ein paar Jagren (vielleicht früher) sagen: Tud mir leid, wir können unsere Versprechen nicht einhalten!

  8. Ich habe auch noch nie erlebt, dass einer dieser Marktschreier später mal auf früher abgegebene Gründe Bezug genommen hätte. Weshalb auch?
    Denn nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne der Masse ist kurz, auch das Erinnerungsvermögen.

    Gilt auch für Politiker und Parteien … (Vor den Wahlen – nach den Wahlen)

    +

  9. Diese Plaudertanten ärgern mich auch aber schlimmer finde ich, dass Aktien wie Asmallworld kotiert wurden, da hat die Börsenaufsicht auch geschlafen. Und das schlimmste sind die Fakenews und Interviews, wonach Prominente mit Bitcoins noch reicher wurden. Wie kann ein normaler Mensch glauben, dass diese wertlosen und nutzlosen Kryptos ins unermessliche steigen.

    • Ich kenne Leute die ein Vermögen verdient haben mit Bitcoin und anderen Cryptos.
      Wenn Sie vot fünf Jahren eingestiegen sind haben Sie eine Granate verdient, ob das von heute aus in fünf Jahren so sein wird, werden wir sehen.
      Sagen wir mal, dass eine Verfünffachung eine Chance von 30% hat, dann haben Sie einen positiven Erwartungswert und können einen Teil Ihres Vermögens darin investieren.

  10. Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.

    Sir Winston Leonard Spencer-Churchill[1] KGOM CH PCc RA (* 30. November 1874 in Blenheim Palace, Oxfordshire; † 24. Januar1965 in London)

  11. „Die meisten Leute kommen nicht durch Spekulation zu Vermögen,
    sondern durch richtige Beobachtung langfristiger Trends.“

    Heinz Brestel
    * 12. Juni 1922 † 14. April 2009

  12. Selfies auf dem Trading Floor??Sie wissen das ca 80% vom Handel inzwischen von Computern durchgeführt wird? Basierend auf Algorithmen?

    • Und früher als es effektiv noch Trading Floors gab, war es in der Regel strikte verboten zu photografieren 🙂