Die geilsten Startups der Welt?

Sprengen Jungfirmen Milliarden-Grenzen, heissen sie Einhörner. Dann kaufen sie den Markt leer und lähmen Innovationen. Wann stoppen die Bürger sie?

Ohne Zweifel, auf den ersten Blick sind Unicorns die geilsten Startups der Welt. Sie wollen Blinde wieder sehen lassen (Orcam), in jeden Haushalt einen Roboterbutler bringen (Preffered Networks), unsere Zellen zu Medikamentenfabriken machen (Gingko BioWorks).

Geil sind die Unicorns natürlich auch, weil Investoren sie mit gigantischen Werten beziffern. In den Einhornclub tritt erst ein, wer mindestens eine Milliarde wert ist.

Während die Gewinner der Vergangenheit holokratische Experimente durchführen und digitale Offiziere ernennen, preschen die Einhörnigen einfach vor. Leidenschaftlich verändern sie die Welt. Eilig werden Zahnspangen (Smile Direct Club), Scooter (Lime) und Zigaretten (Juul) digitalisiert, Bürokratien abgebaut, Unsichtbares sichtbar gemacht.

Mit Hilfe von Daten führen sie zusammen, was zusammengehört. Wo die staatliche Infrastruktur verfällt, errichten sie Alternativen.

Für die Finanzindustrie sind die bunten Tierchen nur bedingt eine freudige Erscheinung. Gemäss CB Insights sind die meisten von ihnen Fintechs (49). Nicht alle werden überleben (70% der Einhörner fressen in ihrem Leben mindestens ein anderes), trotzdem ist das eine oder andere Startup schon heute zum bedrohlichen Konkurrenten gereift.

Klar, eine Grossbank könnte den einhörnigen Spielchen der Smartphone-Banken Revolut und N26 ein Ende bereiten. Aber …

… schnappen sich Google, Apple oder Facebook die Revolut-Braut, wird die Zukunftsparty schon deutlich interessanter. Nicht nur, weil die Techkonzerne die geballte Digitalkompetenz versammeln, sondern auch die Währungen der Zukunft kontrollieren: Daten, Zeiten, Identitäten, Kryptos.

Noch interessanter würden die so langweiligen Strategieworkshops, wenn sich zum Beispiel Novartis oder Nestle eine Challengerbank einverleibte.

Es entstünden ganz neue Kundenzugänge, Wertschöpfungsmodelle, Schnittmengen von Fähigkeiten, Daten-Banken. Innovation heisst unerwartete Kombination!

Relevanter für die Finanzindustrie dürfte der Auftritt der Einhörner im Arbeitsmarkt sein. Die forcierte Digitalisierung verschärft die Talentjagd, in allen Branchen gleichzeitig. Händeringend sucht man Datenanalystinnen, Blockchain-Spezialisten, Designerinnen virtueller Welten und überhaupt kreative Köpfe aller Art.

Sie alle werden es sich gut überlegen, ob sie sich ins Gehege der Banken und Versicherungen begeben sollen. Die Dinosaurier der Finanzindustrie – mit ihren bürokratischen Strukturen, lächerlichen Skandalen, von Managertypen alter Schule geprägten Kulturen und verzweifelten Versuchen, mit absurden Gebühren wieder Milliardengewinne zu schreiben – stehen nicht gerade für Innovation, Freiheit und Abenteuer. Attraktiver, einhörniger sind andere Arbeitgeber.

Noch wichtiger als die betriebswirtschaftlichen sind gesellschaftspolitische Fragen, welche die Einhörner aufwerfen – und die Finanzindustrie direkt tangieren. Sie finden sich zunächst in der Gestalt einer Einhornblase.

Der Wert von WeWork war zeitweise 47-mal so hoch wie das investierte Kapital. Im Schnitt übersteigt die Bewertung die Investitionen um das sechsfache, bei 413 Glitzertieren ist die Überbewertung beachtlich. Platzt die Blase, werden wir alle davon betroffen sein.

Grosskonzerne bauen Strategien auf den Versprechen der Einhörner auf, investieren in sie. Brisanter ist die für den Einhornkapitalismus typische Konzentration von Kapital und Daten. In Gefahr gebracht, kaufen Megaplattformen bedrohliche Startups einfach auf.

Facebook domestizierte Instagram, WhatsApp und Occulus Rift. Man wird nicht zögern, weiter einzukaufen. Nur wenige Züchter profitieren von den Gewinnen, wenn ein völlig überbewertetes Einhorn an die Börse galoppiert.

Aber wir alle leiden unter einer sinkenden Innovationskraft der Wirtschaft, wenn die Konzerne fetter und träg werden, wenn sie als blitzskalierte Monopolisten den Wettbewerb ausschalten.

Eine Gesellschaft, welche diese Nebenwirkungen verhindern will, wird dem Treiben der Einhörner nicht weiter tatenlos zuschauen. Dazu passt, dass Genf gerade Uber verboten hat.

Zwei Aktivitäten, um den negativen Einfluss der Einhörner zu verhindern, zielen ins Herz der Finanzindustrie.

Erstens müsste eine Gesellschaft, die keine weitere Konzentration von Kapital, Daten und Definitionsmacht will, die Geldströme aktiver lenken. Ohne zusätzliche Transparenz sowie Steuern auf Finanztransaktionen und dem Kapital der Superreichen scheint dies unmöglich.

Zweitens wird sie die Institution Bank von Grund auf neu denken wollen. Damit sind keine Smartphone Banken gemeint, sondern zum Beispiel von der Community gelenkte Projektbörsen wie wemakeit.

Im Kontext der Negativzinsen gewinnen beim Investieren materielle Entschädigungen ebenso an Bedeutung wie Beiträge für eine bessere Welt beim Surfen auf der grünen Welle.

Schliesslich scheint es (nicht nur für Banken) die Zukunft nicht nur digital zu denken. Mit der biologischen Revolution, der Gesellschaft der 100-Jährigen oder der ökologischen Wende gibt es drei Megatrends, die ebenso viel Disruptionspotenziale versprechen.

Die kapitalistischen und technophilen Scheuklappen der Jockey zwingen die Einhörner, die Zukunft sehr eindimensionalen denken. Das ist eine Chance für alle diejenigen von uns, die nicht an Fabelwesen glauben.

Einhornkapitalismus – Wie die mächtigsten Startups der Welt unsere Zukunft bestimmen, Nicolai Publishing, 27.90 CHF.

Kommentare

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  1. Es sind nicht nur sogenannte Einhörner, die ganze Branchen mit „Blitzkrieg-Mentalität“ zerstören.

    Zalando z. B. ist seine bist zu 80%-Rücklaufquote nur möglich aufgrund von Finanzinvestoren im Rücken und als Schuhversand wohl kaum ein „Einhorn“.

    Microsoft-Gründer Bill Gates machte sich zuerst öffentlich über Netscape lustig, daß sowas wie im Internet „sörfen“ nicht kommen werde, später packte er auf jeden Rechner mit dem Betriebssystem Microsoft gratis den „Internet Explorer“ drauf.

    Netscape konnte kein Geld mehr verdienen und war ruiniert.

    Auch hier die Strategie, einfach Geld zu verbrennen, bis der Konkurrent weg ist vom Markt.

    Später wurde Microsoft von der EU gebüßt für das unlautere Verhalten. Netscape war aber zu diesem Zeitpunkt schon (lange) tot.

    Inzwischen erfährt Microsoft, wie sich das anfühlt am eigenen Leibe, denn Google-Chrome verfolgt das gleiche Ziel, was Microsoft mit dem Internet-Explorer damals verfolgte: Marktanteile um jeden Preis.

    Google ist aber in anderen Bereichen viel verheerender.

    Mit der Werbemacht reißt es Marktanteile an sich noch und nöcher und zerstört bestehende Werbemärkte. Auch große Medienkonzerne kommen dagegen nichtmal an.

    Es ist also kein klassisches Einhorn-Problem, auch, wenn die Einhörner hier am meisten auffallen.

    Es ist ein Problem das unlauteren Wettbewerbs.
    Und fehlender oder nicht durchgesetzter Gesetze gegen solchen unlautern Wettbewerb in diesen Formen wie oben beschrieben und im Beitrag geschildert.

  2. Zitat:

    „Zweitens wird sie die Institution Bank von Grund auf neu denken wollen. Damit sind keine Smartphone Banken gemeint, sondern zum Beispiel von der Community gelenkte Projektbörsen wie wemakeit.“

    Dazu:

    Wemakeit ist nicht von der „Gemeinschaft“ gelenkt.

    Sondern ist ein privatwirtschaftlich gelenktes Unternehmen.

    Und ein hochpolitisches noch dazu.

    Die politisch links-außen zu verortenden Chefs von Wemakeit brechen auch mal Sammlungen ab, wenn sich abzeichnet, daß Sammlungen, die ihnen politisch mißfallen, erfolgreich verlaufen.

    Das Komitee von „No Billag“ mußte dies leidvoll erfahren, daß sich Wemakeit nicht einmal an ihre eigenen Regeln halten und mittendrin nach erfolgtem Start aus politischen Gründen eine Sammlung abbrechen mit der Begründung, sie gefällt der Führung von Wemakeit politisch nicht.

    Das ist das genaue Gegenteil von „von der Gemeinschaft gelenkt“.

  3. Wir leben schon länger mit einer zunehmend aus dem Gleichgewicht gefahrenen Marktwirtschaft.
    Das Verhältnis Produktion und Konsum driftet auseinander.
    Das Angebot an Realgütern zu sinkenden Endpreisen und das Dienstleistungsangebot wird zunehmend umfangreicher.
    Der Gegenpart die Kaufkraft die Marktsolvenz ist deutlich ansteigend rückläufig, am erodieren.
    Die längst überbordende Geldpumpe konnte bis dato
    die erodierende Kaufkraft kompensieren.Wie lange noch, das ist die grosse Frage.
    Der Markt als Korrektiev-Faktor ist innzwischen bedenklich ausgehebelt.
    Megalacher,wetten, oh je jetzt drängen die Umverteiler
    aufs Spielfeld, Mottenkiste Realsozialismus.
    Das ist auch nicht die Lösung resp. eine Scheinlösung.
    Nur das wieder ins Lot fahren der Marktwirtschaft= ausgewogenes Verhältnis von Angebot und Nachgfrage= Konsumsolvenz könnte die Lösung bringen.
    Sehr wahrscheinlich auch das vergessen das ,,System,,
    ist innzwischen zu massiev in Schieflage.
    Das ganze verstärkt durch weitere umfangreiche Fehlentwicklungen.
    Startups und die Zukunft bestimmen???
    Hmmmmm auf den ersten Blick scheint das so.
    Auf den 2. Blick neeee,weil zunehmend das abhanden
    kommt,ohne das auch die nicht lebensfähig sind,den solventen Markt,Absatzmarkt.

  4. Ohje Herr Hässig, was haben Sie hier für einen Autor gefunden? „Preffered“ statt „preferred“, „Occulus“ statt „Oculus“… grauenvoll!

  5. Ein Artikel der mir aus der Seele spricht. Einhörner zerstören mit ihrer Blitzkrieg Mentalität ganze Branchen ohne je den Beweis antreten zu müssen langfristig profitabel zu sein. Der Investitionsnotstand dopt nicht überlebensfähige Firmen die mit dem Geldsegen Marktanteile kaufen. Profitabilität Nebensache schnell skalieren um klassische Konkurrenz mit finanzieller Ubermacht zu erdrücken… Derweil klassische Betriebe zwanghaft versuchen digital zu werden und schon nur an den nötigen Investitionen scheitern weil der Kapitalmarkt lieber dem hippen Startup als der klassischen Schreinerei Geld gibt.

    • Auch die Schreinerei bekommt Geld.
      Ein eBranding wird helfen
      Mit dem Hippie im WebShop klappts auch bei der eFinanzierung

  6. „Einhörner“ sind dasselbe wie die luftschloss.com IPOs in den Neunzigern. Wieviele davon existieren noch? Genauso werden sich die Einhörner die nur heisse Luft produzieren sich in ebensolche auflösen.
    Eine Firma ohne Kunden kann nicht überleben, und der Tag hat nunmal nur 24 Stunden. So gesehen ist das Potential der Kategorie Facebook und Co genau so durch die zur Verfügung stehende Zeit beschränkt wie dasjenige von [börsenzocker].com durch die Finanzen der Kunden oder [tollemedizinalforschung].com durch die Zahlungsbereitschaft der Krankenversicherungen.

    Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, auch nicht bei rosaroten Einhörnern…

  7. Wir dürfen nicht die Güte jeder Tat ermessen nach dem Ausgang des Erfolgs.

    William Shakespeare
    * 26. April 1564 † 23. April 1616

  8. „70% der Einhörner fressen in ihrem Leben mindestens ein anderes“. Dann müssten mehr als 140% Einhörner vorhanden sein. Oder die Statistik stimmt nicht so ganz…

  9. Und wo sieht der Autor jetzt das Problem? Es gibt keines, aber immerhin kann er sein Buch zum Verkauf anbieten.
    Für Einhorn reichts zwar nicht, aber für ein paar Franken Nebenverdienst schon. Die Lehre daraus: Es geht immer ums Geld, auch bei den Kritikern. Sie wollen alle Knete sehen.

  10. …was uns der Autor sagen will. Ist Facebook schlecht? Ist die Marktwirtschaft schlecht? Ist der Bürger zu dumm um selbst die Produkte / Dienstleistungen zu wählen? Kann der Staat es besser? Muss der Staat dem dummen Bürger sagen, was gut und was schlecht ist?

  11. Einhörner werden genauso von den Egos und der Hybris getrieben wie Konzerne. Die hohe Bewertung ist nichts anderes als eine Wetter auf Monopolgewinne (auch beschönigend Disruptive First Mover Advantage genannt).
    Mit einer ordoliberalen Marktwirtschaft hat das wenig zu tun…

    • Ich freue mich jedes Mal,wenn eines scheitert, vor allem dann, wenn sie uns eine schöne neue Welt versprechen und eine sinnentleerte, ungerechtere Welt bewirken, siehe Ueber oder wework, aber auch in China scheint man sehr bemüht zu sein, eine scheinheilige Sklavenwelt zu errichten (ueberwachungsstaat, oder diese überdimensionierten Nudelfilter, die den hochtrabenden Namen „KI“ tragen )

    • Scheinheilige Sklavenwelt: Die sozialen Aspekte dieser Entwicklung sind hier ausgeklammert. Jeder Mensch weiss alles, wird aber total entbildet. Der Mensch verblödet. Spielt der Mensch in einer Gesellschaft, welche durch ein paar Megakonzerne gesteuert wird, überhaupt noch eine Rolle?
      Können entbildete, verblödete Sklaven, welche beim Pendeln im Zug am Morgen schlafen und sich am Abend ermüdet wischend den letzten Blabla-Schrott reinziehen, überhaupt noch eine Rolle spielen? „Das ist eine Chance für alle diejenigen von uns, die nicht an Fabelwesen glauben“. Im Sinne dieses letzten Satzes des Artikels hoffe ich, dass „alle diejenigen“ nicht an Fabelwesen glauben. Aber die Entwicklung läuft zur Zeit anders.