Wie Wegelin vom Triathlon-Mann verraten wurde

Ein neues Dokument schildert Kommandoaktion der USA – im Zentrum: Kadermann Daniel Sprecher – Davoser lieferte Bank ans Messer.

Die Story des Wegelin-„Whistleblowers“ war in Umrissen bekannt. Doch jetzt kommen Details ans Licht. Diese könnten aus einem Grisham-Krimi stammen.

Im Zentrum steht Daniel Sprecher, ein ehemaliger Vontobel-Banker, der Mitte der 2000er Jahre zur Wegelin ging und ein Offshore-Team aufbaute.

Wichtiger Kunde von Sprecher war der Deutsche Stefan Seuss, ein Steueranwalt mit Operationsbasis Miami.

Die Amerikaner hatten Seuss wegen Geldwäscherei am Wickel. Da offerierte Seuss den USA, gegen Straferleichterung ein besonders lukratives „Ziel“ zu erlegen: die Bank Wegelin.

Wie er das tat und was die Amerikaner darauf an Geheimdienst-Operationen durchführten, geht aus einem im Internet aufgeschalteten Dokument hervor.

Dieses anonymisiert die Namen. „P-H“ ist Seuss, „P-W“ seine Frau Kathrin, die beim Plan mit ihrem Mann die Mata Hari spielte, „X“ ist Daniel Sprecher, der heute wieder im Business ist.

Die Bank Wegelin ist im Dokument das „Target“. Publiziert wurde es von einem amerikanischen Steuergericht, nachdem das Ehepaar Seuss für ihren Verrat eine Whistleblower-Prämie verlangte.

Sie war ihnen vom US-Steueramt IRS verwehrt worden. Die von den beiden Seuss‘ gelieferten Informationen hätten nichts beigetragen zum Einkassieren der 74 Millionen Dollar.

Dabei handelt es sich um die Strafe, welche die Wegelin-Partner zur Schuldabgeltung den USA bezahlen mussten.

Der Krimi um den verräterischen Wegelin-Banker, die kriminellen Herr und Frau Seuss, die skrupellosen Amerikaner und der geniale Schlachtplan beginnt auf Seite 5 des Dokuments.

„The Targeted Business“ schildert, dass es Seuss war, der den Amerikanern die Wegelin zum Frass vorwarf. Seuss erkannte das Potenzial im Konstrukt der unbegrenzt haftenden Partnerschaft der Sankt-Galler Privatbank, die 2012 unterging.

Würden die USA „criminal charges against the Targeted Business“ vorbringen, dann würden die Wegelin-Partner einlenken, und zwar „in order to avoid the loss of business to the Targeted Business, as well as to avoid personal liability“, steht im Dokument.

Doch Seuss machte die US-Häscher auf ein Problem aufmerksam. Zielobjekt Wegelin würde keine Operationen auf US-Boden durchführen, ihre Angestellten würden nicht nach Amerika reisen.

Das war streng verboten. Eine interne Richtlinie der zuständigen Leute innerhalb der Wegelin hatten längst Order gegeben, dass niemand mehr nach Übersee reisen dürfe.

Warum das Seuss wusste, ist klar. Er hatte schon Geschäftsbeziehungen zu Daniel Sprecher, als dieser noch für die Zürcher Vontobel-Bank tätig war.

Und noch etwas wusste er: Sprecher war ehrgeizig. Überall. Im Sport galt er als vergifteter Triathlet, im Business kannte er kaum Grenzen.

Kein Wegelin-Banker auf US-Boden, keine Geschäftsaktivitäten der Wegelin-Bank in Amerika. Was tun, um das „Target“ ins Messer laufen zu lassen?

Seuss hatte eine Idee. Er sagte den Behörden, er könne einen Plan aufstellen, um Sprecher in die USA zu locken. „And he did“, steht im File.

Sprecher, der aus der gleichnamigen bekannten Davoser Eishockey-Familie stammt, hatte Seuss schon viele Kunden gebracht und dafür vom deutschen Kriminellen Kickbacks erhalten, euphemistisch „Finders Fees“ genannt.

Einige dieser vermittelten Kunden waren US-Bürger. Pro Kunde erhielt Sprecher von Seuss 1’500 bis 2’500 Dollar.

Seuss war wohl wegen dieser „Käuflichkeit“ von Sprecher sicher, dass der Wegelin-Banker seine Bank verraten würde, sobald die Amerikaner ihn bei sich hätten.

„We were very close, I knew that he is – even that he’s a super sports guy and * * * [triathlete] – whatever, he’s a weak person“, steht im Gerichts-Dokument.

„Like, he is not a strong person. He will fold and give up and work with the U.S. government. That’s one thing I knew about him.“

Der Steuertrickser fuhr fort in seiner Schilderung des Bankers: „And the other thing I knew about him, that he was very greedy and he was open to kickbacks, obviously, what we introduced here, and that he was very vulnerable to malice.“

Kurz: ein schlechter Mensch, so Seuss.

Daraus folgte der Deutsche, der mit seinem Vorhaben hoffte, im eigenen Prozess geschont zu werden: „So, when we throw the bone, he will bite the bone. And when we have him, he will, excuse my English, spill his guts.“

Knochen auswerfen, dann wird Sprecher zubeissen – und alles „kötzeln“.

Es folgte „The Plan“. Ein meisterhafter Komplott von mehreren Geheimdiensten.

Mit dabei: Die US-Behörden FBI und IRS, also das amerikanische Steueramt, sowie die Kollegen von England von der Metropolitan Police Service (Met).

Ziel war es, Sprecher in die USA zu bringen. Doch das ging nicht direkt.

Also erzählte Seuss dem Schweizer Banker von einem Kunden mit veruntreuten Geldern. Mit diesen sollte ein Flugzeugkauf für den Klienten finanziert werden.

Für seine Dienste würde er, Seuss, 1,2 Millionen Dollar erhalten. Das Geld würde auf ein Bahamas-Konto eingezahlt, dessen wirtschaftlich Berechtigter ein „old boarding school friend” von Seuss wäre.

Sprecher sollte nun diesen „alten Freund“ in London treffen, um die Geld-Überweisungen über das Bahamas-Konto aufzugleisen. Dafür würde Sprecher die Summe von 40’000 Dollar erhalten.

Hinter dem „old boarding school friend“ steckte ein Londoner Met-Agent. Der Geheimplan konnte also losgehen.

Dafür brauchte es Seuss‘ Ehefrau. Denn Seuss, der damals bereits in US-Haft gewesen war, konnte Amerika nicht verlassen. Also sollte Wegelin-Banker Sprecher die Frau seines Vertrauten treffen.

Das leuchte Daniel Sprecher ein. Im Februar 2010 war es soweit.

Katrin Seuss flog nach England und traf den Polizei-Agenten, der den Part des geheimnisvollen Beneficial Owner spielen sollte.

Vor ihrem Einsatz als Geheimagentin flatterten ihre Nerven.

„I was about 20 pounds less. I was scared. I was nervous.* * * It was obviously very important that I do a good job“, wird ihre Gefühlslage kurz vor dem Treffen mit Sprecher geschildert.

„So, I had to fly by myself. Agents didn’t fly with me, so I went to * * *. Obviously, I was in very bad shape, because I had to deal with * * * [petitioner husband’s arrest] situation“.

Die Agenten sagten ihr, dass 10 Geheimleute die Unterhaltung mit dem Wegelin-Banker heimlich aufnehmen würden. Ort des Geschehens: eine bekannte und stark frequentierte Hotel-Lobby.

Die Agenten trichterten ihr ein: sofort aufstehen und weggehen, wenn sie das Gefühl hätte, irgend etwas wäre faul.

Kathrin Seuss übte den ganzen Nachmittag vor dem Tag des Treffens. Sie wusste, was von ihr verlangt war.

Immer wieder müsste sie betonen, dass die 1,2 Millionen Dollar nicht sauber wären, dass darauf keine Steuern bezahlt worden seien und dass Wegelin-Mann Sprecher den Beneficial Owner (der ja ein Polizist war) treffen müsste.

Am Morgen ihres High Noons verkabelten die Agenten Frau Seuss, um das Gespräch mit dem Swiss Banker lückenlos aufzunehmen.

Dann war es soweit. Um 10 Uhr 15 tauchte Daniel Sprecher wie vereinbart in der Lounge des (nicht genannten) Hotels auf.

Seuss und Sprecher „conversed in a foreign language“, steht im Protokoll. Auf Deutsch vermutlich.

Alles lief nach Drehbuch. „Over the course of an hour, petitioner wife was able to complete her talking points and record the incriminating conversation“, steht im Gerichtsfile.

Schon glaubten die Amerikaner sich am Ziel. Doch dann tat sich nichts. Da befürchteten die US-Ermittler, dass Sprecher nach dem Londoner Treffen „totally cold feet” gekriegt hätte.

(Weiter zu Teil 2.)

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12 Kommentare zu “Wie Wegelin vom Triathlon-Mann verraten wurde

  1. Alles redet über Korruption. Wenn ein Angestellter neben seinem Angestelltenverhältnis noch „Kopfprämien“ etc von Dritter erhält, ist er korrupt. Warum das nicht vom Arbeitgeber und von Gerichten geahndet wird, ist mir schleierhaft. Und wenn eine solche „Nebentätigkeit“ vom Arbeitgeber genehmigt war, dann sind sie es selber schuld.

    • Die Banken tolerieren solche Nebeneinkünfte sicherlich nicht: Profit beim RM und Risiko bleibt bei der Bank. Wenn es auffliegt riskiert der MA eine Verwarnung oder eine Entlassung. Strafbar ist er in der CH jedoch nicht. Wie bereits im Kommentar von 09.57 h gesagt.

      Wie der FIFA-Fall zeigt, versuchen die USA jetzt ihren diesbezüglichen Standard weltweit durchzusetzen.

  2. Wie der Ständerat gerade diese Woche wieder bestätigt hat, ist das hier beschriebene Geschäften von Daniel S. (auch Privatbestechung genannt) in der Schweiz weiterhin kein Problem.

    Gelernt hat der diese Praktiken offenbar in einem Vontobel-Team, welches während einer gewissen Zeit unter der Führung des heutigen VRP des FC Luzern stand. Ein weiterer Kollege (Roger K.) sitzt heute in Auslieferungshaft in Frankfurt. Und ein Dritter (René M.) hat schon früh Suizid begangen….

  3. Der Quell des Untergangs der Bank Wegelin war Teilhaber Hummler selbst. Mit Diffamierungen der USA in Vorträgen und seinem Anlagebrief zog er den Zorn der USA auf Wegelin.
    Siehe Google:
    „Im Geiste Hummlers“

    • Diffamierung der USA ist hart. Konrad Hummler hat regelmässig die Geld- und Fiskalpolitik der USA als Schall und Rauchpolitik (smoke and mirrors) bezeichnet. Dies jeweils gut begründet und fein argumentiert.

    • Diffarmierung ist ein hartes Wort! Konrad Hummler hat die US Finanz- und Geldpolitik als Smoke and mirrors (Schall und Rauch) politik entlarvet. Mit feiner Argumentation hat er die Schwachpunkte offengelegt und vor ungehedgten Anlagen im Dollar gewarnt. Das endgültige Urteil dieser Einschätzung ist immer noch ausstehend, die Argumente Hummlers waren aber ökonomisch korrekt.

    • Conny Hummler hat gar keine Schall- und Rauchpolitik betrieben! Ganz im Gegenteil – er hat die Wahrheit über die korrupte US-Politik ans Tageslicht gehievt!

  4. Aber Hallo Herr Hässig:

    Das heutige Thema ist doch, wie die Starjuristen aus dem Prime Tower die HSBC vor weiterer Strafverfolgung durch die Genfer Staatsanwalt („Swissleaks“) bewahren konnten, indem man einen für CH-Verhältnisse rekordhohen Ablasshandel über CHF 40 Mio anbot.

    Die für den Schlamassel verantwortlichen HSBC-Manager sind allesamt weich gelandet: Chef von SIX, Board JB usw.

    Bitte dran bleiben: Der nächste Montag kommt bestimmt!

  5. Jetzt bringen Sie Fortsetzungsromane wie ich vor 50 Jahren Micky Mouse-Heftchen gelesen habe. Ist das nötig?

    „(Teil 2 folgt.)“ im Artikel Sprecher/Wegelin

    Freundliche Grüsse