Italiens Bankenkrise 2.0: Die Hütte brennt

In vielen Euro-Staaten, insbesondere im Süden Europas, sieht es alles andere als rosig aus. Die Verschuldung der EU-Staaten steigt weiterhin kontinuierlich, während sich die Arbeitslosenzahlen in Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland nach wie vor auf einem extrem hohen Niveau und die Industrieproduktion (Italien beispielsweise auf dem Niveau Mitte der 1980er) auf einem äusserst niedrigen Level befinden.

Nichtsdestotrotz können sich Staaten wie beispielsweise Italien oder Spanien immer günstiger verschulden. Dies bedeutet, obwohl es in dem Land wirtschaftlich immer weiter bergab geht, wird man mit immer niedrigeren Zinsen belohnt. Das ist volkswirtschaftlicher Irrsinn.

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Das mit 2,24 Billionen Euro (über 136,5 Prozent des nominalen BIP – erlaubt sind eigentlich laut Maastrichter Kriterien gerade einmal 60 Prozent) verschuldete Italien kämpft vermehrt mit seinen maroden Banken und deren faulen Krediten. Die Frage die einem hier sofort ins Auge springt: Wie soll ein so immens verschuldeter Staat seine maroden Banken retten? Weder kann Italien sich das leisten, noch wäre es konform zum geltenden EU-Recht. Wieder einmal müsste man Gesetze brechen, um die Banken zu retten – und zwar die extra gerade erst geschaffenen EU-Abwicklungsrichtlinien im Zuge der europäischen Bankenunion.

Prophylaktisch hat man in Italien schon mal die stolze Summe von 350 Milliarden Euro in eine Bad Bank ausgelagert. Gelöst wurde das Problem damit freilich nicht – es wurde lediglich in die Zukunft verlagert und auf die Bürger abgewälzt. Im Juli 2016 wird die Misere der italienischen Banken offiziell amtlich. Auf Grund der hohen Anzahl von doubtful debts (notleidende Kredite von Unternehmen und Privatpersonen, die seit mehr als 90 Tagen nicht mehr bedient werden) drohen zahlreiche italienische Banken – welche de facto Pleite sind – umzukippen.

Die offizielle Summe bewegt sich bei 360 Milliarden Euro. Das sind circa 21 Prozent aller Kredite in Italien. Italienische Banken haben haufenweise Kredite an Kunden vergeben, die diese nun nicht mehr zurückzahlen können. Damit ist jedoch das Ende der Fahnenstange offensichtlich noch nicht erreicht, denn zahlreiche Banken lassen anscheinend wegen der äusserst niedrigen Zinsen „den einen oder anderen“ Kredit ohne Tilgung – dass also die Bankkunden nicht mehr zahlen – weiterlaufen. Die Überraschung dieses Irrsinns wird uns eher früher serviert werden.

Bereits 2014 haben wir in unserem Buch „Der Crash ist die Lösung“ folgendes geschrieben: Italiens Banken stehen vor gewaltigen Problemen. Die Entwicklung der notleidenden Kredite bei italienischen Banken ist seit 2009 von knapp 40 Milliarden auf einen Rekordwert von über 160 Milliarden Euro gestiegen. Damit sind 9,7 Prozent aller Verbindlichkeiten italienischer Unternehmen und Privatschuldner „unter Wasser“. Sollte es mit der wirtschaftlichen Entwicklung weiter bergab gehen, was mehr als wahrscheinlich ist, wird das gesamte italienische Bankensystem implodieren.

Entweder das, oder es wird wieder von den Steuerzahlern Italiens und Europa kostspielig reanimiert. Der folgende Chart zeigt, warum es geradezu dazu kommen musste. Die Wirtschaft Italiens befindet sich seit Jahren im Abschwung und in einer Rezession (orangene Linie). Dadurch verlieren immer mehr Menschen ihren Job – die Arbeitslosenquote ist auf einem Hoch von über 12 Prozent, und bei der Jugendarbeitslosigkeit hat man ein historisches Rekordhoch von 44 Prozent erreicht. Wer aber arbeitslos ist oder keine Aufträge mehr erhält, verdient kein Geld mehr und kann folglich seine Kredite nicht mehr bedienen (blaue Linie). Das ist nicht „rocket science“, sondern logischer Sachverstand. In dieser destruktiven Abwärtsspirale befindet sind Italien seit Jahren.

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Fakt ist: Im Währungskorsett der EZB wird Italien niemals auf die Beine kommen, sondern von Krise zu Krise stolpern – bis zum bitteren Ende. Zweifellos ist das politisch motivierte Währungsexperiment Euro viel zu stark für Italien.

Wieder einmal sieht man, dass die Krise – konträr zu den Behauptungen aus der Politik und Finanzwelt – nicht gelöst wurde, sondern dass man sich lediglich teuer, mit dem Geld der Steuerzahler, Zeit erkauft hat. Trotz der tatkräftigen Hilfe des Landesmannes und EZB Chefs Mario Draghi aus dem fernen Frankfurt in Form von Niedrig-, Null- und bald auch Negativzinsen sowie zahlreichen Geldspritzen stehen Italiens Banken am Abgrund.

Die Folgen eines Crashs einer oder mehrerer grösserer italienischer Banken sind heute nicht abzusehen. Deutsche Banken haben rund 84 Milliarden Euro in Italien im Feuer. Frankreich über 250 Milliarden Euro. Jetzt will die Regierung von Matteo Renzi geltendes Recht brechen und doch wieder mit Steuergeldern der maroden italienischen Finanzbranche helfen. Die italienische Bankenkrise hat durchaus die Kraft eine neue, sehr viel grössere Krise auszulösen.

Trotz der mehr als besorgniserregenden Situation verbreitet Italiens Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan Gelassenheit. Er betrachtet die Sorgen um Italiens Banken als übertrieben. Seiner Ansicht nach wird das italienische Bankensystem von aussen „völlig verzerrt“ wahrgenommen; die Institute seien durchaus „solide“. Böse Zungen sprechen in Anbetracht solcher Aussagen zurecht entweder von Realitätsverweigerung oder gar deren Verlust.

Doch auch Bundeskanzlerin Merkel macht sich offenkundig keine grossen Sorgen, denn anders ist ihre Aussage vom 12.07.2016 „Ich sehe keine krisenhafte Entwicklung insgesamt“ nicht zu verstehen. Diesbezüglich sollte die Kanzlerin nicht zu sicher sein. Nicht nur die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) halten die Probleme italienischer Banken für systemgefährdend. Angesichts des geringen Wirtschaftswachstums und der insgesamt desolaten wirtschaftlichen Lage Italiens wird es unserer Ansicht fast unmöglich für die Banken, aus eigener Kraft und zeitnah das Problem ihrer notleidenden Kredite zu lösen.

Nun ist guter Rat teuer. Der italienische Premierminister Matteo Renzi greift nach dem „alt bewährten“ – nach Staatshilfen. Jedoch kann er diese den Banken nicht so einfach gewähren, denn die EU-Staaten haben sich – nach den für den Bürger schwer vermittelbaren Bankenrettungen im Zuge der Euro-Krise – auf strikte Regeln bezüglich des Handlings strauchelnder Banken geeinigt.

Das Resultat dieser Einigung ist, dass im Zuge der „Haftungskaskade“ zuerst die Gläubiger (Aktionäre, Anleihenbesitzer und Sparer) für den Schaden aufkommen müssen, bevor der Staat zu Hilfe kommen „darf“. Premierminister Renzi fürchtet jedoch offensichtlich, dass zahlreiche Kleinsparer sich dies nicht bieten lassen und ihn aus dem Amt jagen werden. Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) – strikte Gegner des Euros – ist weiter auf dem Vormarsch und hat mehreren Umfragen zufolge sogar Renzis Partito Democratico (PD) als stärkste Partei überholt.

Bei der Regierung in Rom schrillen die Alarmglocken. Also muss dringend eine Alternative her – ein Schlupfloch in der EU-Regelung gibt diese her. Dieses Schlupfloch sieht folgendermassen aus: Banken können weiterhin mit Staatsgeld gerettet werden, wenn das „zur Abwendung einer schweren Störung der Volkswirtschaft eines Mitgliedstaats und zur Wahrung der Finanzstabilität“ dient. Dies bedeutet nichts weiter, als dass der Steuerzahler abermals der Dumme ist.

Die Bankenunion ist gerade ein Jahr alt und wird schon wieder zu Grabe getragen. Man bleibt dem Rettungsirrsinn treu und bricht offenbar auch in Zukunft weiterhin Gesetze am laufenden Band, um das marode Finanz- und Bankensystem weiterhin am Leben zu erhalten.

Wir sind gespannt, wann Merkel, Renzi und Konsorten umschwenken werden und uns erklären werden, dass die Rettung der italienischen Banken alternativlos ist. Wir sagen knallhart: Nichts ist alternativlos. Es muss ein Ende haben mit der unleidlichen Konkursverschleppung. Gründet „Good Banks“ anstatt „Bad Banks“, lasst Banken endlich pleitegehen und bringt die Verantwortlichen aus der Finanzwelt und Politik endlich hinter Schloss und Riegel. Ein Land hat uns vorgemacht wie das bestens funktioniert: das kleine Island.

Die beiden Ökonomen, Querdenker, Redner und Honorarberater Matthias Weik und Marc Friedrich schrieben 2012 gemeinsam den Bestseller “Der grösste Raubzug der Geschichte – warum die Fleissigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“. Es war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2013.

In ihrem zweiten Buch, „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten, haben sie unter anderem die EZB Leitzinssenkung und Minuszinsen für die Banken, die Absenkung des Garantiezinses bei den Lebensversicherungen sowie den Ausgang der EU-Wahl richtig prognostiziert. Der Crash ist die Lösung war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2014.

Im Mai 2016 ist ihr drittes Buch „Kapitalfehler – Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“ erschienen, welches es auf Anhieb auf die Spiegelbestsellerliste geschafft hat.

Weitere Informationen über die Autoren finden Sie unter: www.friedrich-weik.de und www.facebook.com/friedrichundweik/.

Matthias Weik und Marc Friedrich sind Initiatoren der Petition „EZB Stoppen – wir zahlen nicht für Eure Krise.

Kommentare

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  1. Das eigentliche Problem ist, daß viele Italiener nachrangige Bankanleihen mit 5% bis 8% Zinsen gekauft haben.

    Normalerweise würden diese im Verlustfall wie Eigenkapital abgeschrieben, wodurch daß Eigenkapital der Bank geschützt, die Anleihenkäufer jedoch plangemäß ihre Anlage verlieren.

    Um diese spekulativen Fehlinvestments zu retten, soll der italienische Bankensektor nun von staatlicher Seite rekapitalisiert werden.

    Ich gestehe den italienischen Kleinsparern zu, daß die Nachranganleihen nicht zielgruppengerecht und in 1.000er Stückelung verkauft wurden, so daß sie für viele erreichbar waren, die besser die Finger davon gelassen hätten. Heute sind für nachrangige Bankanleihen 100.000er Stückelung üblich.

    Der deutsche Staat hat einst die Käufer von sog. „Schrottimmobilien“ nicht entschädigt und der italienische Staat sollte hier auch zurückhaltend sein.

    • Tja, viele Individuen scheinen mit dem Begriff „Risikoprämie“ als Teil eines Haben-Zinses nicht vertraut zu sein. – Gerne eine hohe Rendite privat abschöpfen, wenn es dann aber in die Hosen geht und sich das Risiko manifestiert, dann sollen dann die anderen bitte in die Geldbörse greifen und das Risiko herausnehmen? Hä?!!! – Armleuchterkapitalismus! Ne, ne, liebe Freunde! Schreibt Eure Hochzinsbonds alleine ab und gut ist!

  2. Die Kreditvergabepolitik in Italien gleicht einem Bazar. Sowohl Privatkredite wie auch Hypothekarkredite werden nach Vitamin A vergeben.
    Fast kein Italiäner besitzt einen Mietvertrag.
    Alles eine Frage der Zeit bis es implodiert…

    • Ich fürchte, Spanien ist auf dem gleichen Weg. Die erzählen immer von Wachstum, wir sind auf dem richtigen Weg, es geht aufwärts, was bewirkt, dass die Verschuldung von Privaten noch mehr steigt, da alle wie Häfelischüeler denken, ja, wenn’s aufwärts geht, kann ich mir den neuen Merz schon leisten…dabei sinken die Arbeitslosenzahlen nicht, es werden Generationen kommen, die nie in einem geordneten Arbeitsprozess waren, und die Privat- und Staatsschulden steigen immerfort. – Die Politiker sind Lügner (Crisis, que crisis?). Und die EU ist kräftig am Demütigen der stolzen Spanier (Bussen, nein keine, dochdoch, nein doch keine, aber wehe….) Danke, Marc Friedrich, für die Analyse, Fortsetzung folgt hoffentlich.

    • Die jüngere Generation wird sich mangels Arbeitsplatz(-sicherheit) und (Lebens-)Einkommen nicht zu vergleichbaren kreditfinanzierten Exzessen hinreißen lassen wie ihre Eltern einst.

      Außerdem die internationale Transparenz durch das Internet, die bei solchen Geschäften auch eher hinderlich ist.

      Die aktuellen notleidenden Kredite werden im Nullzinsumfeld während der letzten 20 Jahre egalisiert.

      Die Entwicklung während der letzten 20 Jahre in Japan kann Vorbild sein.

    • solange es kein Helikoptergeld oder Grundeinkommen gibt, wird den Jungen gar nichts anderes übrig bleiben als sich zu verschulden.

      Selbst in Deutschland hört man, dass sich immer weniger 2 Mahlzeiten am Tag leisten können (ist natürlich auch eine Frage der Priorisierung der Ausgaben).