Es sind immer die Besten, die den Braten riechen und vorzeitig kündigen

Die tüchtige Führungskraft kann sich nichts Besseres wünschen als eine Krise. Wenn an der Spitze des Unternehmens die Stars fallen, ist die Zeit für den Nachwuchs gekommen. Für einen solchen Zustand gilt höchste Alarmstufe: Wie muss ich mich vorbereiten, vernetzen und Zeichen geben, dass ich der Richtige bin?

Drei aktuelle Beispiele, eines davon aus der Politik, verdeutlichen die Brisanz dieser Vorgänge:

Alfred Heer, Zürcher SVP-Nationalrat und Europa-Abgeordneter, ein „Chrampfer“, möchte Chef der SVP-Fraktion in Bern werden. Das ist eine bedeutende politische Aufgabe. Ihm steht Thomas Aeschi, sein Innerschweizer Kollege, im Weg, der von Parteistratege Christoph Blocher schon zum zweiten Mal auf die Piste gebracht wird. Beide müssen in der Fraktion Punkte sammeln, um zu gewinnen, dürfen aber nicht zu viel Ehrgeiz erkennen lassen.

Im VW-Konzern, der ordentliche Zahlen vorgelegt hat, ist immer noch unklar, ob Konzernchef Matthias Müller wirklich jene Schuhnummer hat, die Martin Winterkorn während Jahrzehnten gezeigt hat. Das ist für die obersten Führungskräfte des Konzerns eine Katastrophe, denn sie müssen sich Gedanken machen, ob sie bei VW noch eine Chance haben oder besser gleich in ein anderes Unternehmen wechseln. Sprechen dürfen sie mit niemandem darüber, es sei denn mit ihrer Ehefrau oder dem persönlichen Executive Search-Berater. Eine Lage, die dem Konzern eher schadet.

Sergio Ermotti, CEO des UBS-Konzerns, hat zweimal hintereinander „nicht ausgeschlossen, die grösste Schweizer Bank könne auch ins Ausland abwandern“. Die Schweizer Öffentlichkeit und speziell die Politiker traf dies wie ein Hammer, sehen sie sich doch immer noch als Retter des Konzerns, als die Schweizer Steuerzahler 68 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellten, um den selbstverschuldeten Untergang der UBS zu verhindern.

Die Verunsicherung ist gross, wenn auch niemand sie zeigen darf mit dem Risiko, sonst auf eine Abgangsliste gesetzt zu werden.

Diese Krisen sind vordergründig ärgerlich. Sie treffen jene hart, die aus dem Rennen um die vorderen Plätze ausscheiden müssen. Sie machen alle hungrig, die den Sprung nach oben erwarten.

In vielen Schweizer Konzernen spielen sich sogar Doppelkrisen ab, weil oft die Schweizer Führungskräfte, die sich als Karrierekandidaten sehen, von ebenso intelligenten und fleissigen, aber billigeren Ausländern überholt werden.

Jeder ausländische Topmanager stellt seine eigene Mannschaft zusammen. Ein Amerikaner bringt vorzugsweise Amerikaner mit, ein Engländer seine Kumpels aus London, ein Deutscher seine jungen Stars aus Frankfurt.

Diese Doppelkrise ist deshalb eine Chance für unseren Führungsnachwuchs. Wer durch diese Betondecke durchkommt, ist ein Siegertyp.

Historisch interessierte Menschen werden sich daran erinnern, dass man sich schon in Grimms Märchen durch einen Berg von Reis durchfressen musste, um auf der anderen Seite ins Paradies zu kommen.

Für die Unternehmensleitung ist es wichtig, die Krise rasch einem Ende zuzuführen; nicht dass die Mitarbeiter alle flüchten würden, aber es sind immer die Besten, die man eigentlich halten möchte, die den Braten riechen und die vorzeitige Kündigung einreichen.

In der Krise zeigt sich, ob das Vertrauenskapital eines Unternehmens ausreicht, um Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre bei der Stange zu halten.

Sehr gut gelungen ist dies der Schweizer Sika-Gruppe, die sich von der Gründerfamilie verraten und von den vor der Tür stehenden französischen Neu-Aktionären bedroht fühlt. Die Konzernleitung, man möchte sagen „mit Schweizer Entschlossenheit“, hat sich bisher gegen den Finanzdeal zur Wehr gesetzt. Die Gerichte müssen entscheiden, wer sich korrekt und nach Gesetz verhalten hat.

In der Krise müssen alle „Stakeholders“ gut informiert werden, vor allem aber die eigenen Kader und die Kunden. Diese zu verlieren, hiesse den Untergang eines Unternehmens in die Wege zu leiten.

Weiter unten in der Hierarchie und ganz unten, beim globalen Fussvolk, spielt die Krise ganz oben kaum eine Rolle. Immer öfter ist man es gewohnt, fremden Herren zu dienen, und weiss meist gar nicht mehr, wem das Unternehmen gehört, dem man sein Leben opfert.

Information und viele gute Kontakte sind für einen Manager im krisenbehafteten Umfeld überlebenswichtig. Wie oft habe ich schon feststellen müssen, dass erfolgreiche Führungskräfte, die von einer Kündigung überrascht werden, nur einen ganz engen Kreis von Freunden und Bekannten haben.

Sie haben ihr weiteres berufliches Umfeld zu wenig gepflegt, haben einen zu tiefen Bekanntheitsgrad („Müller who?) und müssen lange auf das nächste Jobangebot warten. In unseren Hochrisikozeiten gilt, wie bei der Planung von Investitionen, ein breit angelegtes Kommunikationsprofil.

Schweizer Firmen haben früher mehr als heute in die Pflege des eigenen Managements investiert. Mit Chefgesprächen, Seminaren und Tagungen, mit gemeinsamen Erlebnisveranstaltungen und individuellen Fördermassnahmen wurde ein Korpsgeist geschaffen, den ich heute manchmal vermisse.

Der ambitionierte Einzelne lässt sich davon nicht beeindrucken. Er mailt nur im Notfall, aber klopft an alle Türen, um sich an geeigneter Stelle zu verankern. Öffnen sich die Türen nicht für ihn, weiss er, dass er sich bald einen neuen Job suchen muss. Hasta la vista, Baby!

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6 Kommentare zu “Es sind immer die Besten, die den Braten riechen und vorzeitig kündigen

  1. Die besten künden weil sie frustriert sind. Erstens werden nur die Ja Sager und Arschkriecher befördert. Man nennt das am selben Strick ziehen (oder im einzig, richtigen Netzwerk sein). 😉 Alle andern fliegen oder lässt man gerne ziehen. So können die unfähigen dafür umso gierigen Manager weiter ungehemmt abzocken. Und zweitens wird es den guten MA schwindelig, weil sie sehen was die Manager unter seriös arbeiten verstehen. Seriös arbeiten ist bei multinationalen Unternehmungen schon lange vorbei. Dort geht es nur darum, wie ich heisse Luft in den Aktienkurs bekomme. Denn auch für diesen Schein gibt es cash.

  2. Lieber Autor. nehmen Sie doch mal das Thema auf, warum sich die verbleibenden Privatbanken auf dem CH-Finanzplatz mit Leuten aus dem „Schlussverkauf“ bei den TBTF-Instituten bedienen. Wer in der Grossbank stecken bleibt nach 10, 15 oder mehr Jahren, wechselt mit der anerzogenen Boni-Attitude zu den Kleinen aber Feinen. Soweit so gut für den Arbeitnehmer.
    Weniger gut für das traditionsreich, inhabergeführte, ja familiäre und stolze Finanzhaus seit Jahren am gleichen Standort.
    Und weiterhin steht dann in der Corporate Borchure eher irreführend von „Unternehmer zu Unternehmer“ … oder so.
    Fazit: Etikettenschwindel im Privat Banking par excellence.
    Das wäre doch ein Mittwoch-IP-Statement wert, finden Sie nicht?

  3. @Thomas Bayer:
    Ihr Zitat „Für die Unternehmensleitung ist es wichtig, die Krise rasch einem Ende zuzuführen; nicht dass die Mitarbeiter alle flüchten würden, aber es sind immer die Besten, die man eigentlich halten möchte, die den Braten riechen und die vorzeitige Kündigung einreichen“.

    Nun, was sie da schreiben hatte vielleicht einmal Gültigkeit bis vor 30 oder 40 Jahren, heutzutage gibt es möglicherweise noch einzelne Geschäftsführer/Patrons, die dies allenfalls noch so handhaben. Da in der aktuellen Zeit jedoch die überwiegende Mehrheit der Unternehmensleitungen von mittelgrossen und grossen Firmen aus Managern besteht, zählen heute ganz andere Prioritäten:
    – Die Geschäftsleitung will nicht die besten MA, sondern diejenigen, die in der Lage sind, ihren Job einigermassen zu erledigen, jedoch nicht so gut sind, der eigenen Manager-Position gefährlich werden zu können!
    – Man möchte auch keine MA die bei der Arbeit etwas studieren, sondern lediglich solche, die Befehle ausführen!
    – Man will nicht die besten MA, sondern die billigsten, selbst wenn sie nicht mal die Unternehmenssprache verstehen!
    – Kündigungen an MA werden im Gegensatz zu früher, heute als positiv bewertet, denn diese haben einen stärkenden Einfluss auf den Aktienkurs und somit auch auf das eigene Portemonnaie!

    Wer als Kunde mit mittelgrossen oder grösseren Firmen zu tun hat, weiss in den meisten Fällen wovon ich rede, denn praktisch NICHTS funktioniert so wie besprochen und vereinbart, irgendwo steckt immer der Hund drin: falsche Papiere, falsche Ausführung, falsche Adresse, falscher Artikel, Dysfunktion, nicht zeitgerecht, mangelnde interne Kommunikation, mangelndes Kundenverständnis, mangelnde Qualität, etc. etc.

    Aber eben, so etwas wie Qualität zählt heute nicht mehr, wichtig ist nur noch der eigene Profit – und dies auf Kosten der Allgemeinheit!

    • Grüezi@Visionär,
      Ich möchte zu Ihrer zutreffenden Analyse noch einen sehr wichtigen Punkt hinzufügen. Die Interessen des PE-Fonds haben absolute Priorität gegenüber denen der Unternehmen!. Diese Interessen werden mit massivem Druck auf das Management der Unternehmen durchgesetzt. Die Fondsmanager sorgen dafür, dass die persönlichen Interessen des Managements gleichgeschaltet werden mit denen des Fonds. Hierzu wird das Management mit einigen Prozent (in der Regel 5 – 10 Prozent) an dem Unternehmen beteiligt. Gegebenenfalls werden hierfür kostengünstige Kredite gewährt. Auch diese stellen sicher, dass das Management des Unternehmens sich den Wünschen der Fondsmanager nicht widersetzt. Dennoch ist eine hohe Fluktuation in der Unternehmensleitung ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen bei Unternehmen, die im Besitz von Private Equity Gesellschaften sind.
      Sie grüssend

  4. Ich habe Ihren Beitrag jetzt 3x gelesen. Was wollen Sie damit bewegen? Das BlaBla alter, weisser Herren Berater auf toten, verrotteten Rösser reitend braucht diese Welt nicht mehr.

    Reden Sie Klartext. Bringen Sie Mehrwert oder schweigen Sie.

    Schon mal was von Frauen gehört? Eignen sich bestens für die Führung im 21. JH, dem weniger gierigen Zeitalter.

    Statt ‚Hasta la vista, Baby!‘ ein herzliches ‚Go home, old man!‘

    • Liebe BFF

      Vermutlich bist du eine frustrierte Geschlechtsgenossin von mir, die auf der Karriereleiter stehengeblieben ist oder nie draufklettern konnte. Lies doch den guten und stringenten Beitrag von Thomas O. Bayer nochmals 3 Mal, vielleicht erkennst du dann den Mehrwert.

      Ach ja, und in einem einzigen Artikel braucht man nicht alle Themen aufgreifen, die es zu thematisieren lohnt. Zu der von dir in den Raum gestellten Frage «Schon mal was von Frauen gehört? Eignen sich bestens für die Führung im 21. Jahrhundert, dem weniger gierigen Zeitalter» ist ja gerade ein Thomas O. Bayer überhaupt nicht angreifbar. Lies doch mal auf seiner LinkedIn-Seite seinen von durchschlagendem Erfolg gekrönten Artikel «Was Frauen 50+ der Wirtschaft bringen», der u.a. auch von der Basler Zeitung unter dem Titel «Lieber eine Chefin» (11. Oktober 2017) veröffentlicht wurde und aktuell auch auf http://www.wildemilde.com abrufbar ist. Melde dich dann doch nochmals. Hau nicht auf die wenigen ein, die auf unserer Seite stehen und uns tatkräftig unterstützen! Und grenze nicht aus, das magst du doch auch nicht.

      Trotzdem liebe Grüsse
      Sabine