„Krypto-Nation“ Schweiz: Ein doppelter Fauxpas?

Unlängst auf der Crypto Finance Conference in St. Moritz wurde Bundesrat Johann Schneider-Ammann mit einem Preis für sein Engagement für die Krypto-Variante des dräuenden Digitalen Zeitalters bedacht. Sein Dank drückt sich aus in dem Geschenk einer Wortschöpfung von der Schweiz als „Krypto-Nation“, die sich aus dem erwachenden Tal – dem Zuger Crypto-Valley um genau zu sein – zu erheben anschicken soll.

So verdienstvoll wie ambitiös diese Wortschöpfung und der dahinter stehende Wille zur Innovation sein mögen, so unglücklich ist das Konzept der „Krypto-Nation“ hinsichtlich seiner Signalwirkung, insbesondere in Richtung USA – und zwar sogar in zweierlei Hinsicht.

Zunächst die Chronologie dieser etwas speziellen Wortschöpfung.

Die Grundfrage ist, ob man mit dem Organisieren von Geheimnissen auf dem bestmöglichen Weg ist. Auf die Möglichkeiten unethischer Verwendung der digital transparenten und schwer zu manipulierenden, aber gleichwohl für die Nutzer anonymen Blockchain- und insbesondere der Krypto-Währungen wie Bitcoin, wurde schon seit Jahren hingewiesen.

Prominente Kommentatoren waren der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in der New York Times, der bereits 2013 (sic!) vor Krypto-Währungen als ‚dem Bösen‘ warnte. Hinweise auf das Dark Net und allerlei bemerkenswert illegale und verwerfliche Aktivitäten wie Waffenbeschaffung für Terroristen, Kinderpornographie, Drogenhandel und organisierte Kriminalität wurden breit diskutiert, auch in der Wissenschaft.

Dass sich Krypto-Währungen auch zur Geldwäsche und zum diskreten, grenzüberschreitenden Geldtransfer einsetzen lassen, ist dabei zudem hinlänglich bekannt, gleichwohl weniger exponiert. Die Bitcoin-Geldautomaten und insbesondere die dort erhältlichen Paper wallets könnten viel davon berichten.

Ein neues Kapitel wurde jedoch mit dem noch jungen neuen Jahr 2018 aufgeschlagen, in welchem der Automatische Informationsaustausch (AIA) in Kraft trat. Es war am 2. Januar 2018 auf diesem Blog, dass Bitcoin & Co. als funktionale, wiewohl digitale Wiedergänger des Schweizer Nummernkontos beschrieben wurden.

Am 12. Januar dann wurde das Argument, Krypto-Währungen seien eine Bedrohung als das nächste „anonymous Swiss bank account“ von niemand geringerem als dem US Treasury-Secretary Steven Mnuchin vorgebracht.

Nachdem die USA so erfolgreich das Bankkunden-Geheimnis versenken konnten, darf man annehmen, dass – mit Hilfe der G20, wie Mnuchin erklärt – das Krypto-Regime der Zukunft nicht unbedingt ein neues Zeitalter des Nummernkontos 2.0 sein wird.

Die USA zeigen dazu ihre digitale Kavallerie. Man könne als einziges Land der Welt sämtliche Transaktionen der vermeintlich anonymen Krypto-Währungen überwachen, so Munchin. Was waren das doch für glorreiche Zeiten des berüchtigten Milchbüchleins in der Westentasche verglichen mit der allwissenden NSA, diesen Göttern auf der „Rückseite der Cloud“.

Dieser Status Quo – nehmen wir einmal an, Mnuchin vermag zu halten, was er ankündigt – lässt die schöne neue „Krypto-Nation“ Schweiz nun als doppelten Fauxpas erscheinen, wie ich in zwei Szenarien zeigen möchte.

Erstens:Krypto-Schwarzgeld in Zeiten des AIA und der bundesrätlichen Weissgeldstrategie. Die Blockchain-Technologie ermöglicht mannigfaltige Anwendungen, dazu zählt auch das Wiederauferstehen des Schweizer Nummernkontos 2.0. Wie wir seit dem Bloomberg-Bericht von Oktober 2017 wissen, nehmen es die Schweiz und das Crypto-Valley (noch) nicht sonderlich ernst mit der Regulierung von Krypto-Währungen, anders als insbesondere asiatische Länder, insbesondere Südkorea und China.

Dieses regulatorisch weite Feld führt traditionsgemäss zu Ansiedlungen von Unternehmen und Innovationen. Wenn man aber bedenkt, dass laut US-Finanzminister Mnuchin jeder Krypto-Intermediär wie eine Bank von den USA behandelt wird, dann braucht es nicht allzu viel Phantasie, um die nächste Postsendung von Übersee vorherzusehen – oder wird der Weckruf gar am WEF 2018 erfolgen?

Die Weissgeld-Strategie, die von UBS-Präsident Axel Weber zu Recht eine Strategie (in Abgrenzung zum Begriff einer Weissgeld-Realität) genannt wurde, wird folglich auch für die Digitalisierung in der ein oder anderen Form nach den Wild-West-Jahren der Krypto-Ralley für Blockchain-basierte Währungen einsetzen.

Wer da die „Krypto-Nation“ ausruft und diesen Appell nicht explizit mit der im Banking bereits Wirklichkeit werdenden Weissgeld-Strategie (es soll noch vereinzelte Zebras geben, hört man) verkoppelt, läuft genau in jene Wahrnehmungsdisposition, die mit der Fundamentalkritik Mnuchins an Krypto-Währungen einhergeht. Das ist mutig.

Zweitens: Geheimnisse, öffentlich bekanntgegeben. Vergessen wir nicht, dass die Wortwurzel von Krypto-Währungen das griechische kruptós ist, was „geheim“ oder „versteckt“ bedeutet. Gemeint war die Blockchain und ihre Verteilung auf möglichst viele Blöcke sowie das mathematische Rätsel, das die Miner zu lösen haben, um die Coin zu „heben“.

Sollte sich also nicht das erste Szenario der offiziellen Weissgeld-Strategie bewahrheiten, wäre es theoretisch möglich, dass man bewusst (auch) das besagte Nummernkonto 2.0 erschaffen möchte. Der gesetzliche Rahmen dazu wäre herstellbar, und in einem souveränen Land lassen sich im Rahmen und Namen der Rechtsstaatlichkeit und Unabhängigkeit entsprechende Spezialitäten ausbuchstabieren.

Dann aber – für dieses rein hypothetische Szenario – wäre der Begriff „Krypto-Nation“ denkbar ungünstig. Denn das Bekenntnis zum Geheimnis sollte man ebenso wie das Geheime selbst geheim halten. Ist es nicht genau jenes, was die Werbung zum Appenzeller Käse als kulturelle Chiffre ausgibt?

Diskretion ist und bleibt das A und O. Das Ausrufen der „Krypto-Nation“ mag an Investoren und Firmengründer das rechte Signal sein, an Kritiker hingegen ist es als kommunikatives Handeln Wasser auf die Mühlen der Vorurteilsbestätigung; warum sonst sollte Mnuchin das Klischee des Schweizer Nummernkontos bemühen? Technische Beschreibungen für das Phänomen gäbe es zuhauf, weshalb also den Brand „Swiss“ ins Scheinwerferlicht rücken?

Was also wäre die Lösung oder Alternative, wenn der Begriff „Krypto-Nation“ oder Crypto-Valley nicht optimal ist?

Die Blockchain-Technologie ist ihrem Wesen nach genauso das Gegenteil von Krypto, nämlich maximal transparent, da digital. Dieses Privileg der vollständigen Durchsichtigkeit der Blöcke steht laut Selbstbehauptung gegenwärtig nur der US-Regierung zur Verfügung.

Wäre es eine aussichtsreiche Wette, daran zu zweifeln? Wahrscheinlich nicht. Deshalb wäre der Bundesrat und danach auch die bundesrätliche Taskforce zum Thema Blockchain gut beraten, ihre Fokussierung ethisch sensitiv im Angesicht der Digital-Supermächte zu formulieren.

Ob Ripple als Banken Krypto-Währung schon reicht für einen Fahrplatz auf dem Zug in die Zukunft? Auch hier ist es Mnuchin selbst, der die Perspektive vorzeichnet, wenn er den Begriff der Krypto-Währungen durch jenen der Cyber-Währung ersetzt. Und wieder ist die Etymologie ein guter Ratgeber: Kubernan kommt aus der Seefahrt und heisst „steuern“ und wird in der Gegenwartssprache für computergesteuerte Prozesse verwendet.

Wenn die Weissgeld-Strategie also nicht nur im herausfordernden Zeitalter des konventionellen Bankings und seiner analogen Milchbüchlein-Logik Geltung hat, sondern auch im digitalen Zeitalter, dann wäre es Zeit für eine neue Storyline. In politisch und gesellschaftlich instabilen und kriegsverliebten Zeiten wie diesen gibt es eine erhebliche Menge Geld, die einen sicheren Hafen sucht.

Legal und rechtlich zuverlässig.

Warum also nicht die „Swiss-Cyber-Currency“ auf der Grundlage der Blockchain Technologie? Konvertierbar in Schweizer Franken und verknüpfbar mit dem Internet der Dinge – oder gar dem Internet der Menschen (Blockchain als digitaler Pass wäre in meinen Augen das Next big thing).

Zusammen mit den Banken, nicht gegen sie. Und für alles andere in stürmischen Zeiten gibt es weiterhin und für immer und ewig physisches Gold und Schliessfächer, was für eine potentiell dystopische Zukunft immerhin ein kleiner Lichtblick ist.

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14 Kommentare zu “„Krypto-Nation“ Schweiz: Ein doppelter Fauxpas?

  1. Die inszenierte Euphorie der Zuger, des Bundesrates und sonstiger lustigen Fasnächtler zeigt mit erschreckender Klarheit, das keiner von denen sich für die Weiterentwicklung der Realwirtschaft einsetzt, sondern wie eh und je dem leichten Geld nachrennt. Können in Zug ja auch ebensogut das Kasino- oder Bordellvalley ausrufen. Das einzige was hier ausser Verlusten bleiben wird ist ein Ruf- und Vertrauensverlust der Schweiz.

  2. Kryptos oder meinetwegen cyberwährungen sind genauso geld wie geld (siehe diebstähle und börsen) also ist doch klar, dass die fruher oder später genauso von den regierungen beherrscht, kontrolliert und manipuliert werden.

  3. Herr Professor, Zukunftsprognosen und Warnungen des Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman haben etwa die Relevanz von Mike Shiva, sagte Krugman doch noch 1998(!):

    By 2005 or so, it will become clear that the Internet’s impact on the economy has been no greater than the fax machine’s.

  4. Eine Geld-Idee, unabhängig von nationalen Zentralbankern und damit Politiker ist an und für sich begrüssenswert. Physisches Gold kommt der Idee relativ nahe, ist aber im Falle grosser Transaktionen unpraktisch.
    Die Blockchaintechnik erlaubt es die Gold-Idee digital darzustellen. Bitcoin kommt dieser Idee des elektronischen Goldes am nächsten, ist aber in der Praxis immer noch schwerfällig. Ich warte deshalb derzeit auf ein Bitcoin2 light (bitte empfehlen sie mir nicht Ripple, da zentralkontrolliert und deswegen qualitative weit von der elektronischen Gold-Idee entfernt.)

    • Wenn es stimmt, was der US Finanzminister punkto transparenz zu cryptos gesagt hat, dann hätte auch eine bitcoin 2 light keine Chance. Denn gold ist gold und nicht transparent. Zeit, in die Reservate zurückzukehren.

    • @little big horn: Eine gute Verschlüsselung und ein dezentralisiertes Netz nähern Bitcoin (2 light) dem Charakter von Gold. Die Richtung stimmt also.

  5. Ich wäre stattdessen für ein Trump Coin. Damit könnte der potus noch reicher werden und seine jünger konnen das tc direkt minen aus dem nichts.

  6. banken sind verkäufer und keine sozialen berater. vergessen sie dies nie. meistens passieren die gebühren indirekt und der normal-kunde sieht dies nicht. auch denken sie daran, sie sind kein kunde wenn sie geld aufs sparkonto legen, sondern sie sind kreditgeber, der einer drittpartei, also der bank, einen kredit zu 0 prozent ausleiht, und dafür noch mittels gebühren bezahlen muss. Mehr unter derkursstimm .ch. schräge welt. alles angefacht von den zentralbanken, unser heutiges fiat-papiergeldsystem steht in einer sehr reifen phase und muss erneuert werden. noch mehr schulden bringen die wirtschaft nicht weiter. warum sind die zinsen 0, wenn wir schon so lange einen aufschwung haben.

  7. Ein schöner Traum, die Swiss Cyber Currency. Zu früh allerdings. Erst müssen die bestehenden Cryptos zeigen was sie können – oder eben nicht. Und wie der neue US Protektionismus darauf regiert, steht auch noch in den Sternen

  8. Für Deutschland gilt z.B.:

    https://www.gesetze-im-internet.de/bbankg/__35.html

    Sollen sich die Juristen drum kümmern, ob die Verwendung von Cryptos in Deutschland legal ist.

    Mal sehen, ob und ggf. wann Papa Staat mit der Faust auf den Tisch haut. 🙂

    Einige meinen ja, dem Staat, oder den Staaten, werden wir es jetzt mal so richtig zeigen, wir machen jetzt unser eigenes „Geld“.

    Ich erlaube mir, an die „Machttheorie des Geldes“ zu erinnern.

  9. Schneider – Ammann kommt mir langsam vor wie Winkelried damals in Sempach.

    Wer holt den armen Mann zurück von der BitCoin-Charme-Offensive? Im Park-Hochhaus in Zug gibt es noch freie Penthouses, wohin der Alt-Bundesrat nach seinem Rücktritt zügeln könnte, um von dort oben das Zerbrechen dieser Tulpen-Manie aus nächster Nähe erleben zu können. Nachbarschaftlich und vis-a-vis zu Kaspar Villiger.

    Zug wäre m.E. besser dran, Alt-Bundesräte zu sammeln als für Gammel-Krypto-Miners zu werben. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und dieser dürfte nicht mehr weit sein………..

    • Wer aber vorher 1000% zugelegt hat, kann dies verkraften. Über diesen Bericht werden wir in 10 Jahren schmunzeln. Die KYC-Regeln sind heute schon vorhanden.