Berufliche Fitness (19): Entscheiden unter Unsicherheit

Wer erinnerst sich nicht genüsslich an Godi Dienst und sein Wembley Tor, das 1966 England zum Fussball-WM Titel verhalf? Da steckte alles drin, was der Fussball bieten kann: Drama pur, und am Ende gewannen auch noch die Richtigen; was will man mehr?

Das Beispiel bietet anschauliche Parallelen zum Entscheiden in beruflichen wie auch in privaten Angelegenheiten, wie wir im Folgenden zeigen werden.

Wenn Sie also ohne vollständige Informationen oder angesichts anderer Widerwärtigkeiten (Zielkonflikte, moralische Dilemmas, Paradoxa) entscheiden müssen, ist es hilfreich, sich verschiedene Faktoren ins Bewusstsein zu rufen.

a) DIE SITUATION AN SICH, hier im Besonderen

– die Wichtigkeit der Sache; ein WM-Final ist kein Grümpelturnier – der Entscheid also landesweit von dramatischer (auch wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher) Bedeutung

– der Öffentlichkeitsfaktor; kann der Entscheid versteckt werden (Postauto), oder wird er sofort (in diesem Beispiel hier) oder höchstwahrscheinlich irgendwann später (Postauto und viele andere Beispiele gerade hier in IP) doch sichtbar (gemacht)?

– die persönlichen Konsequenzen; werde ich Held oder Buhmann, befördert, aufs Abstellgleis gestellt oder rausgeschmissen?

– die Auswirkungen (I) für die anderen Beteiligten: Bei einem klaren Spielstand oder zu Beginn des Spiels hätte der Entscheid höchstwahrscheinlich weniger weitreichende Folgen gehabt

– die Auswirkungen (II) für die anderen Beteiligten: Hier aber ging es um Weltmeister oder nur Zweiter

– die Fallhöhe könnte grösser nicht sein (wobei der Sieger nicht wie beim Eurovision Song Contest das nächste Turnier organisieren muss, darf)

– die Revidierbarkeit des Entscheids; ist an sich nicht möglich (Tatsachenentscheid), allerdings wurde kürzlich eine entsprechende Regeländerung per Twitter eingeführt, um – wie es offiziell hiess – „dem Trend hin zur Berücksichtigung alternativen Fakten zu folgen“, was auch von den Sponsoren sehr geschätzt werde

– die Beeinflussungen von aussen; Pfeifkonzert, „Schiedsrichter ans Telefon“-Rufe (der Vorläufer des Videobeweises), verbale und körperliche Bedrängung durch Spieler und Trainer waren schon damals üblich

– die Gefährdungen von Leib und Leben; wobei 100’000 Zuschauer damals weniger bedrohlich waren als aufgebrachte Spielerväter und -mütter heutzutage an Schülerturnieren

– der Zeitdruck; dieser ist enorm, Sie müssen praktisch sofort entscheiden

– die Persönlichkeitsstruktur; beispielsweise zeige ich allen, dass ich kein „Heimschiedsrichter“ bin oder mich für Minderheiten einsetze

– der Entscheid selber ist eigentlich simpel; nur ja oder nein – bekannte Ansätze der Entscheidungstheorie (wie die Nutzwertanalyse (NWA) oder der Analytic Hierarchy Process (AHP)) bringen uns hier übrigens nicht weiter.

b) IHRE OPTIONEN

– Zeit gewinnen, ist der erste Gedanke; Sie können allerdings nicht abwesend, überlastet oder mit Wichtigerem beschäftigt sein oder neu terminieren, sondern hier auf dem Platz höchstens …

– … zusätzliche Informationen durch Befragung des Linienrichters einholen (damit gewinnen Sie Zeit, erfahren hoffentlich, was Sie nicht gesehen haben und präsentieren sich als aktiven Zuhörer) …

– … mit dem Nachteil, dass Ihre Unsicherheit sichtbar wird …

– … und dem Vorteil, dass Sie Ihre Verantwortung delegieren können

– während Sie also zum Linienrichter traben (machen Sie einen kleinen Umweg und täuschen Sie eine tapfer ertragene kleine Verletzung vor – Anschauungsunterricht gibt es bei jeder Spielerauswechslung einer führenden Mannschaft –; mit der dabei oft zu sehenden peinlichen Aufforderung ans Publikum, Beifall zu spenden, wäre ich allerdings äusserst zurückhaltend, mindestens zu diesem Zeitpunkt) …

– … geht Ihnen Folgendes durch den Kopf:

– welche Regel(n) hier relevant ist (sind) und ob und wie sie angewendet werden sollen und für wen sie gelten (Compliance); im Fussball, vielleicht mit Ausnahme der Abseitsregeln, und im Gegensatz zur Finanzwirtschaft, ist das eine relativ einfache Sache; die Herausforderung ist das Erkennen der Situation

– dabei können Sie auf den gesunden Menschenverstand oder Ihre (Lebens-)Erfahrung zurückgreifen – was wir sinnvollerweise auch häufig tun; hier aber ist das nur bedingt zielführend, da ein Ball durch Drall und anderes sehr ungewöhnliche, den eigenen Erfahrungen widersprechende Wege einschlagen kann (oder können Sie wie weiland Fredi Bickel einen Corner absichtlich (!) direkt ins Tor schiessen?)

– somit ist im Vorteil, wer offen ist für Neues und aus anderen Gebieten Erkenntnisse anwenden kann (zum Beispiel Billard, Snooker – mit Einschränkungen)

– Gleiches gilt für Physik, wo die Regeln („die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten“, … Sie wissen schon) allenfalls für die Weltraumfahrt, nicht aber für den Fussball gelten mögen; wer kann und will schon wissen, was genau sich zwischen Latte und Torlinie alles so abspielt?

– Kompensation; Sie haben der anderen Partei einen ungerechtfertigten Penalty „geschenkt“ (was Ihnen in der Pause klar geworden ist) …

– kreative Alternativen: Sie erfinden ein Stürmerfoul oder eine Abseitsstellung (aktiv natürlich, nicht passiv) und geben so dem Geschehen eine unerwartete Wendung mit weniger weitreichenden oder passenderen Konsequenzen

– oft helfen gedankliche Hilfskonstruktionen („Im Zweifel für die verteidigende Mannschaft!“), Grundsätze (beispielsweise in der Erziehung und Personalführung) oder persönliche Überzeugungen (wie wir sie im letzten IP Beitrag beschrieben haben)

– ihre Gefühle wollen wir nicht ausser Acht lassen; früher erfahrene Beleidigungen der einen Seite, Sympathien für die andere Seite (rational begründbare wie „das hilft den Menschen im Land A aus ihrer Misere“; wobei Italien ja in Russland nicht dabei ist) – auch wenn wir wollen, können wir das nicht völlig unterdrücken

– Gouverner c’est prévoir: Vorbereitung ist alles – viele Szenarien können vorher durchgedacht werden, wobei wir hier in der Wirtschaft eindeutig im Vorteil sind, da Fussball völlig unberechenbar und komplex ist

– Kurz und gut … Sie wissen, wie Godi Dienst entschieden hat. Was wäre nun aber, wenn er auf dem Weg zum Linienrichter doch noch zu einem eigenständigen Entscheid gekommen wäre und gegen die Ansicht des Assistenten KEIN Tor gegeben hätte?

Arroganz oder Leadership?

Urteilen Sie selbst.

Zusammengefasst finden sich in diesem Beispiel unzählige übertragbare Ingredienzen von Entscheiden unter Unsicherheit:

– Umgang mit fehlenden Informationen

– Umgang mit Zeitdruck

– Frage der Öffentlichkeit (damit kann auch schon nur das eigene Team gemeint sein)

– Wichtigkeit des Entscheids

– Konsequenzen im engeren und im weitesten Sinn

– Revidierbarkeit

– Einflüsse und Erwartungen aller Art

– Regeln, Freiheitsgrade (was, innerhalb welcher Limiten kann ich entscheiden?)

– Worüber man nicht spricht (Kompensation, Bevorzugung, Sympathie)

– Persönlichkeit des Entscheiders, ethische und andere Grundsätze

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3 Kommentare zu “Berufliche Fitness (19): Entscheiden unter Unsicherheit

  1. Entscheiden unter Unsicherheit ..

    Fachliche & Branchen-Kenntnisse sind conditio-sinequa-non, am Ende ist es immer Leadership, der den Unterschied ausmacht ..

    Siehe Norman Schwarzkopf (RIP), a lesson in leadership:

    1. Führer führen Menschen, keine Maschinen oder Systeme ..

    2. Charakter: Mut zu besitzen, das Richtige zu tun ..

    3. Es ist wichtiger respektiert zu werden, als nur beliebt zu sein ..

    4. Belohnung der Führung kommt von der Führung selber ..

    5. Führer muss eingestehen können, wenn etwas nicjt funktioniert ..

    6. Das Umfeld muss erlauben, Klartext zu sprechen ..

    7. Führer setzen klare Ziele, Fokussierung ist oberstes Ziel .. Kommunikation!)

    8. Führer setzen hohe Ziele ..

    9. Anerkenne und belohne den Erfolg (nicht per se monetär!) ..

    10. Akzeptiere kleine Fehler und lerne daraus ..

    11. Sag Ihnen nicht im Detail, wie sie Ihre Arbeit zu tun haben ..

    12. Liebe Deine Mitarbeiter ..

    13. Wenn Dir Verantwortung gegeben wird, nimm diese sofort wahr ..

    14. Habe Charakterstärke, eine Voraussetzung den Mut zu haben, das Richtige zu tun ..

    Entscheidungsfreiheit hat nur derjenige, der Eigeninteressen ausblenden kann. Das Gegentei davon ist heute leider Standard ‚Mikro-Management‘.

    Vertraue Deinem gesunden Menschenverstand,

    MfG Industrial

  2. Sehr geehrter Herr Weidmann

    Ich finde Sie drehen sich mit Ihren Beiträgen im Kreis.

    Ich bin ein grosser Befürworter und Verfechter von Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Viele Menschen wissen überhaupt nicht, was das genau ist, denn erfolgreich im heutigen System wird man nicht primär durch Eigenverantwortung und Denken, sondern durch Auswendig lernen, Glauben, Abstellen des Verstandes und Netzwerken bzw. Arschkriechen. Mit Ihren Schilderungen machen Sie jedoch ganz bewusst (?) ein Systemproblem zum individuellen Problem der Menschen.

    Wenn jemand arbeiten möchte, um in Eigenverantwortung sein eigenes Leben zu bestreiten, gestalten und finanzieren zu können, das System ihm jedoch keine Arbeit anbieten kann – völlig egal welche Qualifikationen dieser Jemand erfüllt, ihn dann auf’s Abstellgleis befördert und schlussendlich enteignet, muss man sich zwingend die Sinnfrage des Systems stellen. Nicht jeder hat einen IQ von 150, nicht jeder hat die besten Qualifikationen und schliesst seine gefakte Doktorarbeit mit „summa cum laude“ ab. Und trotzdem hat jeder Mensch und jede Menschin – nur um dem Genderwahn gerecht zu werden! – seine ganz persönlichen Stärken und Fähigkeiten, die er der Allgemheinheit zur Verfügung stellen, und somit sein Auskommen eigenverantwortlich generieren könnte.

    Die für die Allgemeinheit unnützesten Jobs, wie z.B. anderer Menschen Geld gassi führen, oder die Herstellung unnützer und umweltschädlicher Produkte werden am besten bezahlt, und von den für die Gesellschaft wichtigen Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Alten- oder Behindertenpflege oder Abfallentsorgung, kann man kaum wirklich leben.

    In wiefern sollte es uns als Kollektiv also weiterbringen, wenn sich alle bis zum Hirnkollaps weiterbilden, für Jobs die es gar nicht oder nicht mehr lange gibt?

    Von Lösungsansätzen wie bspw. vom bedingungsloses Grundeinkommen wollen wir nichts wissen, aber ein bedingungsloses Spitzeneinkommen für die Bewohner von geschützten Werkstätten, für Sesselwärmer div. Teppichetagen oder Räte der Grosskonzerne finden wir top!

    Sie kolportieren mit Ihrem Beitrag den Irrglauben, dass jeder mit entsprechender Ausbildung und Effort in diese Etagen vorstossen könnte, vergessen dabei jedoch, dass zwar jeder Lottomillionär werden kann, jedoch nicht alle! Und dass schlussendlich jeder selber Schuld daran trägt, wenn er keine Arbeitsstelle finden kann.

    Unsere Welt steht ziemlich Kopf, und in dem wir uns alle „weiterverbilden“, wird die Situation leider nicht besser…

  3. „Am Ende gewannen die Richtigen.“

    Mit diesem irrlichtenden Satz, provoziert der Autor Widerspruch, lässt den Verdacht aufkommen, seine auf den ersten Blick verführerisch gutklingenden „Erkenntnisse“ könnten auf schwachem Fundament fussen.

    Kraft seiner interpretativen Freiheit, die ihm niemand verwehrt, glaubt Herr Weidmann allerdings, aus Falschem Richtiges und Allgemeingültiges ableiten zu können.

    Das ist genauso daneben, als vergliche man Führungssituationen am Hauptsitz einer Bank mit denjenigen einer Heeresleitung in einer Kesselschlacht.

    Godi Dienst wollte zu Recht nicht auf Tor entscheiden, weil er sich nicht sicher war.

    Linienrichter Behramov, später wegen Korruption in anderer Fussballsache verurteilt und als Schiedsrichter lebenslang gesperrt, überzeugte den Schweizer Schiedsrichter Dienst, dass der Ball drin gewesen sei, was er, wie man heute weiss, nicht war.

    Ingenieure der Universität Oxford erarbeiteten in den 1990er eine Studie, die nachwies, der Ball sei nicht im Tor gewesen, sondern habe die vollständige Überschreitung der Linie um sechs Zentimeter verfehlt.

    Soviel, Herr Weidmann, zu „es gewannen die Richtigen“!

    Vielleicht hat der Autor auch eine süffige Erklärung dafür, warum seit diesem Geistertor 1966, die Engländer keinen Blumentopf zu gewinnen mehr in der Lage waren.

    Vielleicht hat das ja auch mit „Kompensation“ zu tun, die englischen Fussballerben der 1966 Beschenkten arbeiten womöglich durch regelmässiges Scheitern ihre Schuld seit 1970 an jedem Turnier ab.., hier aber dürfte wohl der Wunsch Vater des Gedankens sein.

    Immerhin dürfte es langsam reichen, alleine „Die Hand Gottes“ 1986 in Mexiko dürfte doch zehn Jahre nach dem magistralen Fehlentscheid von Wembley als mehr zufällige denn fällige, wer glaubt denn seit 1933 noch an Vorsehung, „Strafe“ gereicht haben.

    So gesehen, drückt doch verständlicherweise mancher den Engländern auch gegen die Deutschen die Daumen, auf dass die Besseren gewinnen – und eben nicht die „Richtigen.“