Berufliche Fitness (20): Entscheiden anhand von Macht- und Risikoüberlegungen

Stadler Rail mit Peter Spuhler an der Spitze war auf dem Weg, einen Milliarden-Deal mit dem Iran abschliessen zu können, wenn da nicht ein Donald Trump dazwischengefunkt hätte. Das Erschreckende dabei: Ein Schweizer Unternehmen, in einem Land beheimatet, das sich seiner Unabhängigkeit und Souveränität rühmt, wird wohl oder übel vor der Weltmacht USA kuschen müssen, indem es die Vertragsverhandlungen mit dem Iran nicht weiterführt und der Auftrag somit an andere – vermutlich die Chinesen, die technologisch auf Augenhöhe spielen – gehen wird.

Oder kann sich das Unternehmen auf die Eigenständigkeit und Neutralität der Schweiz wie auch deren Guten Dienste berufen und auf Nachsicht hoffen respektive sich straflos über die Sanktionsdrohungen der USA hinwegsetzen? Kann es dieses Risiko eingehen?

Die fremden Richter, welche über die Strafe entscheiden, sitzen weder in Strassburg noch in Luxemburg oder Brüssel, sondern in Washington. Sie tragen keinen Talar, und um Richter im eigentlichen Wortsinn (Recht anwenden und sprechen) handelt es sich nicht. Im Gegenteil: Es sind einfach die realen Machtverhältnisse und deren brutal-eigenwillige Ausnutzung, dem wir nichts entgegenzusetzen haben.

Das Verhältnis zur EU ist komplexer, weil wir dort (noch) einigermassen ernst genommen werden und weil es unzählige Optionen mit all ihren Vor- und Nachteilen gibt. Die EU übt ihren Machtüberschuss natürlich auch aus (wenn auch subtiler, beispielsweise Anerkennung der Börsenäquivalenz), es gibt aber immerhin nach wie vor die Möglichkeit, respektvoll über gegenseitige und gegensätzliche Interessen zu verhandeln.

Interessen verteidigen – nicht Positionen –, das wäre eine Verhandlungstaktik, die uns weiterbringen würde (als P.S. finden Sie am Schluss das berühmte Orangenbeispiel aus dem Harvard Konzept). Also: Bei den flankierenden Massnahmen auf den 8 Tagen (= „Position“) zu bestehen, bringt weniger, als die „Interessen“ (kein Lohndumping) auszuhandeln.

Gescheiter wäre es ohnehin zu schauen, wie das andere Länder in der EU machen, beispielsweise die Franzosen, deren Arbeitsmarkt ja weit weniger liberal ist als unserer, so dass davon auszugehen ist, dass wir mit deren Auslegung der Entsenderichtlinie (der vergleichbare Interessen zugrunde liegen) bestens leben könnten.

Können wir Schweizer so verhandeln oder fehlen uns die Fähigkeiten dazu? Jakob Kellenberger (Bilaterale I) und Michael Ambühl (Bilaterale II) konnten es … sie haben ihre Arbeit in schweizerisch-hartnäckig-unauffälliger Art gemacht; was für ein wohltuender Unterschied zu den Selbstdarstellern verschiedenster Couleur heutzutage.

Nebenbei bemerkt: Vielleicht sollten wir auch lernen, nicht immer der Klassenbeste zu sein, wenn es um die Umsetzung von Elementen geht, die uns nicht 100%ig passen. Und ein Swiss-Finish ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei.

Dabei könnten der STAAT / die UNTERNEHMEN / die GESELLSCHAFT wohl Arbeitsplätze schaffen, auch für Ü50, wenn

– die Schweiz einen Handelskonflikt mit den USA gewänne
– wir Rüstungsgüter weniger restriktiv ins Ausland verkaufen wollten
– EWS das Bankgeheimnis erfolgreich verteidigt hätte (Vorbild: Asterix und Obelix)
– der Bundesrat (damals mit Christoph Blocher) 2006 die Gespräche über ein Freihandelsabkommen mit den USA nicht abgebrochen hätte
– wir heute ein Freihandelsabkommen mit den USA abschlössen (falls wir im Gegenzug Hormonfleisch importieren müssten, könnten wir über die Ems Chemie Sanktionen androhen, indem diese keine ihrer Spezialkunststoffe mehr an US-Firmen liefern würde)
– wir die Agrarwirtschaft (Bauern, Vor- und Nachgelagerte) weniger schützten
– das Schweizer Volk die Vollgeldinitiative angenommen hätte (wer weiss …)
– wir dem bedingungslosen Grundeinkommen zugestimmt hätten (wer weiss …)
– wir die Personenfreizügigkeit aufkündigten, ohne die Bilateralen zu verlassen
– wir das Rentensystem so anpassten, dass Ü50 keine Mehrkosten verursachen
– wir die Ü50 gesetzlich vor Entlassung, Mobbing, etc. bewahrten
– wir andere Politiker wählten (ich könnte es allerdings auch nicht besser – und Sie?)
– andere Länder uns lieb hätten statt nur auf ihren Vorteil bedacht zu sein
– die SNB … (dieses Thema bitte nicht!!! hier diskutieren)
– Sie finden sicher weitere Beispiele, bitte hier diskutieren

Natürlich können wir beispielsweise versuchen, über die WTO den Konflikt mit den USA zu entschärfen (was BR Johann Schneider-Ammann auch tut), und in vielen Bereichen sind auf sehr mühsamen Weg Kompromisse erreichbar; simple Lösungen gibt es hier in der realen Welt leider nicht.

Wo Staat, Unternehmen und Gesellschaft also die Macht fehlt, Dinge selbstbestimmt in die gewünschte Richtung zu lenken, oder wo es unsere beschränkte Risikofähigkeit nicht zulässt, allzu übermütig zu agieren, da dauert es halt sehr lange, bis sich etwas zum Besseren wendet.

Deshalb bleibt uns Individuen gar nichts anderes übrig, als sich auch auf uns selbst zu besinnen. Die SELBSTVERANTWORTUNG ersetzt zwar nicht die Bemühungen der Gemeinschaft, aber die Arbeit an uns selber ist wohl unser wichtigster verfügbarer Erfolgsfaktor. Der Erhalt der beruflichen Fitness ist dabei eine absolut notwendige Investition, wenn auch ohne Erfolgsgarantie.

Jeder der bisher 19 erschienen Beiträge zu diesem Thema beinhaltet mindestens einen konkreten Anstoss, eine überraschende Idee, eine kleine Ermutigung, ein praktisches Werkzeug. Dabei gilt: SELBST – ABER NICHT ALLEIN. Sie brauchen Unterstützung (Unternehmen / Chef, Familie, Partner, Kollegen, …), aber die Initiative kann bei jedem einzelnen von uns liegen.

Hier finden Sie eine Übersicht mit den Links zu den Artikeln. Machen Sie sich Ihre persönlichen Gedanken dazu – ein Sommerferienvergnügen, das sich lohnt.

P.S. Nun also noch das Orangenbeispiel, das häufig im Zusammenhang mit dem Harvard Konzept genannt wird (interessen- anstatt positionsbasiertes Verhandeln):

Zwei Schwestern zanken sich um eine Orange. Die Mutter schneidet sie und gibt jeder Tochter eine Hälfte. Eine der Schwestern hat es auf den Saft abgesehen und entsorgt die Schale, die andere bäckt mit der Schale einen Kuchen und wirft das Fruchtfleisch weg.

Die Lehre aus der Geschichte: Die Schwestern haben Positionen („Ich will die Orange haben“) formuliert, die nicht miteinander vereinbar waren. Hätten sie ihre Interessen geäussert („Ich möchte Orangensaft trinken“ bzw. „Ich möchte einen Kuchen backen“), wäre eine win-win-Lösung offensichtlich möglich gewesen.

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7 Kommentare zu “Berufliche Fitness (20): Entscheiden anhand von Macht- und Risikoüberlegungen

  1. Georg Weidmann…….

    ……das ist ja ein extrem wildes Durcheinander was Sie hier veranstalten.

    Grundeinkommen annehmen und……
    Blödsinn, alleine schon das hätte unser Modell nachhaltig zerstört, die Schweiz zugrunde gerichtet.
    Und noch was, mit Trump haben wir endlich einen Staatsmann an der Spitze der USA welcher rational denkt und arbeitet, ein Mann mit dem man sehr gute Lösungen vereinbaren kann.
    Bei Obama war das nämlich anders, der war ein Idologe und hat unserem Land massiv geschadet. Rationales wir bei dem nicht das entscheidende, er lit an der selben Krankheit wie unsere Bundesidioten.
    Aber eben, die Schweizer sind was das anbelangt nunmal einfach nur noch Schafsköpfe.

    Gegenüber Trump zählt aber eben das er einen Charakter erkennen will, eine Linie, gegenseitige Friktion bekommt ihm gut.
    Nur eben, bei uns findet man solche Diplomaten nicht mehr.

    Und noch was, Blocher war im Bundesrat, aber bei Abstimmungen Standes nahezu immer bei 5 zu 2 oder 6 zu 1.
    Was glauben Sie, dass er das Freihandelsabkommen damals verhindert hat….???
    Sie zeigen mit ihrem Kommentar, das sie auf Sozi-Rezepte reinfallen, und das wertet Ihren Artikel vollends ab.

  2. Ich fasse dies einmal wie folgt zusammen:
    Die Schweiz und somit jede/r Schweizer/in muss sich endlich entscheiden, ob wir selbstbewusst für unsere Werte einstehen wollen mit allen Konsequenzen oder ob wir einfach möglichst viel Geld wollen.

    Bisher haben wir uns in der Regel fürs Geld entschieden und verstehen nicht, warum uns die anderen Länder immer weniger ernst nehmen. Wer bei allen beliebt sein will und mit allen Geschäfte macht ist am Schluss von niemandem respektiert. Geopolitisch sind wir nun einmal kein Schwergewicht und wir haben uns auch nie darum bemüht, eines zu werden. Wir würden uns damit viel zu stark exponieren und müssten Verantwortung übernehmen.

    Trotzdem schwingt immer der Wunsch mit, mit den Grossen der Welt auf Augenhöhe zu diskutieren. Das ist nicht realistisch, solange wir weiterhin unsere Laissez-Faire-Neutralität leben.

    Insbesondere mit der Forderung nach mehr Rüstungsexporten gepaart mit unserem Einsatz für eine friedlichere Welt machen wir uns lächerlich. Da sollten wir uns schon entscheiden.

    Einen Handelskonflikt gegen die USA zu gewinnen ist in der aktuellen Situation auch eher ein naiver Wunsch. Wissen wir überhaupt, wie ein Handelskonflikt abläuft? Haben wir denn eine effektive Wirtschaftsspionage in den USA? Oder wollen wir die USA mit Daniel M. bezwingen? Kleiner Hinweis: Die US Administration weiss mehr über die Schweizer Unternehmen als die Bundesverwaltung. Sind wir froh, dass die Schweiz in den USA keine strategische Bedeutung hat und für ein wenig Geld relativ gut die Erwartungen der USA erfüllt. Sonst müsste unsere Regierung Probleme lösen, welche bedeutend komplexer wären als die Reform des Rentensystems. Wie das herauskommen würde, kann sich jeder selbst vorstellen.

  3. mit 10 fingern können die von ihnen genannten löcher des ch-siebes nicht gestopft werden. bleibt somit nur der monkey übrig. wir liessen uns 1x erpressen (cs/gut) mit bekannten folgen. stadler sollte den „iran-deal“ durchziehen, den us-cal-auftrag aus den büchern nehmen (ist, vermutlich, noch nicht im trockenen), die us-werkstatt schliessen (textilmaschinenindustrie lässt grüssen) und den bald startenden banknotenflieger von fra via zrh umleiten lassen = eur-vorauskasse (im „jordan“ steigt das wasser) oder vrenelis als barter-deal (ch-sparer würden jubeln) und eine lange nase richtung usd-clearing. win-win-win??!!??

    • Doch, doch, ich habe den (stark verklausulierten) Sinn schon verstanden: Wir sollen uns wieder auf unsere hergebrachten (und heute verkrüppelten) Werte besinnen, mehr Rückgrat („Kante“) zeigen und nicht wie eine Prostituierte für Geld alles (mit-)machen. Naja, in der heutigen Zeit wird das eher ein frommer Wunsch bleiben, vielleicht für immer.
      Die SVP (Blocher, der Kläffer) predigt das ja laufend, macht aber dann das Gegenteil (Spuhler, der Wirtschaftmann).
      Orangenbeispiel: Die eine Schwester wollte die Schale der (ganzen) Orange, die andere den Saft der (ganzen) Orange. Da sie nicht miteinander gesprochen haben, haben beide durch die Teilung der Orange verloren. Vielleicht ist das Beispiel so banal, dass es nicht einleutet.