Rathausobligationen: Die Bank Leu, Teil drei

Tief im freigegebenen Archiv der Bank Leu finden sich Erklärungen, wie das Zürcher Geldhaus zur stolzen Grossbank aufstieg.

1754 wurde die staatliche Zinskommission Leu gegründet und mit 50’000 Gulden öffentlichem Eigenkapital ausgestattet, um als Leu et Compagnie im Ausland Möglichkeiten für Zürcher Anleger – private und öffentliche – zu suchen, die im Inland keinen rechten Zins mehr für ihr Geld bekamen, weil es zu viel davon gab.

Eine Erfolgsgeschichte von Beginn weg, weil man der halbstaatlichen Leu weniger misstraute wie ansonsten privaten Banken grundsätzlich.

Die ersten Investitionen 1755 waren sichere Werte wie Französische Obligationen, Englische Annuitäten und Wiener Stadtbankpapiere. Bis 1771 konnte das Startkapital von 50’000 Gulden vollständig zurückbezahlt werden.

Weil es damals lange dauerte, bis Geld im Ausland administrativ, aber auch physisch, zum Anleger fand, wurden die ausgegebenen Obligationen – im Volksmund Rathausobligationen –

das erste Halbjahr nicht verzinst, dann mit 3% für Ämter, Zünfte und Stiftungen und mit 3,5% für Privatpersonen. Anleger konnten die Obligationen halbjährlich kündigen, die Kommission hingegen erst nach 4 Jahren.

Die Einlagen betrugen bereits 1758 183’000 Gulden, mehr wie das Dreifache des Grundkapitals. Daraufhin wurden die Bücher an zwei Annahmeterminen für weitere Zuflüsse gestoppt, weil die Anlagemöglichkeiten fehlten.

Die Marke erreichte 1762 dennoch 482’000 Gulden. Mit innovativen Ideen versuchte man, den Kundengeldzufluss zu stoppen: nicht via Zinsen, denn die waren fix, man nahm zeitweise nur noch Gelder von Armen und Waisen, später setzte man eine Obergrenze für Einlagen auf 500 Gulden.

Eine für heutige Verhältnisse exotische Situation, wo sich Banken nur noch für Superreiche öffnen. Es gab allerdings Kritik und die bürgerliche Forderung, das Geld frei investieren zu können. Schliesslich etablierte sich eine Obermarke von 2’000 Gulden, mit der alle einigermassen leben konnten.

1770 wurde die Million zum ersten Mal geknackt. Als die Limite für staatliche Fonds von 3’000 Gulden fiel, ging es noch schneller, 1780 stand die Kommission bei 2 Millionen, trotz weiterer Annahmestopps wegen der Revolution 1797 schliesslich bei 2,7 Millionen.

Die Anlage in England, damals mit Holland der einzige europäische Staat mit einem parlamentarisch kontrollierten Haushalt, war über die Jahre konstant hoch und in der damals üblichen Form einer Rentenverschuldung. Die Zürcher erhielten als Bestätigung lediglich die Kopie eines Eintrages bei der Bank von England, dafür aber regelmässige Zinsen.

Frankreich war unbestritten die führende Macht in Europa und bereits im 18. Jahrhundert überschuldet. Trotz etlicher Verluste liess sich Leu immer wieder verführen und engagierte sich wie selbstverständlich in grösserem Stile auch deshalb, weil Frankreichs Finanzsystem das am weitaus differenzierteste in Europa war.

In Österreich, der zweiten Grossmacht auf dem Kontinent, lag bis 1798 permanent 1/5 bis 1/4 aller Leu-Gelder, vornehmlich als Wiener Stadtbankobligationen und als Obligationen des Kupfer- und Quecksilberamtes. Substanziell war auch die Anleihe an die Tiroler Stände.

Berühmt natürlich die 30’000 Gulden Obligation der Kaiserin Maria Theresia aus dem Jahre 1758, die gegen hypothekarische Sicherheit bis Ende Jahrhundert stehen blieb.

Die ersten Inhaberpapiere mit Zinsbogen und Talons waren die sächsischen „Steuerscheine“. In Dänemark erwarb man die ersten Aktien als Beteiligung bei der „Bank in Kopenhagen“, die bis 1767 gute Dividenden abwarfen, dann in Schieflage geriet und – das gab es damals schon – vom Staat gerettet werden musste.

Dänische Anlagen wurden immer mit dem in Dänemark lebenden Schweizer Reinhard Iselin abgesprochen, der bei allen „Kapitalisten“ hohes Ansehen und Vertrauen genoss.

Manchmal flossen die Dividenden spärlich, im Fall der von Iselin geleiteten „dänischen ostindischen Kompanie“ manchmal sogar in Form von Naturalien. Die zweimal zwei Pfund feinstem chinesischen Tee gingen direkt zu Säckelmeister Leu von Zürich, ob er den Tee alleine getrunken hat, ist nicht protokolliert.

Fürsten und Klöster, vornehmlich in Deutschland, genossen bald mehr Vertrauen als Staaten, ihrer soliden hypothekarischen Sicherheiten wegen. Die Obligationen waren ein Zwischending zwischen Staats- und Privatkredit, der Schuldner war in der Regel formell der Fürst persönlich, und sie wurden mit dem Stande Zürich unterschrieben, weil sie oft auf Vermittlung des Säckelmeisters persönlich zustande kamen.

Grösster Schuldner dieser Art war der Fürst von Fürstenberg mit Sitz in Donaueschingen, dessen Schuld im Jahre 1782 immerhin 337’000 Gulden betrug. Solange die Sicherheiten stimmten, wurde auf politische Umstände keine Rücksicht genommen, auch die Gegner des Fürsten von Fürstenberg erhielten Kredit.

Einzelne Kreditgeschäfte zerschlugen sich, sei dies, weil die Fürsten nicht alle Bedingungen der Zinskommission eingehen wollten, wie bei einem Geschäft 1767 mit dem Fürst von Thurn und Taxis, oder weil die Zinskommission auf ein Gesuch schlicht nicht mehr eingehen konnte oder wollte. Leu war mittlerweile in Deutschland ein bekanntes und begehrtes Finanzinstitut.

Kommentare

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  1. Geniale Arbeit, Herr Saller.
    Ganz lieben Dank.
    Geld ausleihen im 18. Jahrhundert, mit all den Kriegen, Brandschatzungen, Seuchen und Hungersnöten…ein wirklich schwieriges Unterfangen. Man könnte von den damaligen Banquiers noch viel Risk Management lernen.

  2. Mein Freund Paul Getty, Gott hab‘ ihn selig, hatte es bei der Bestimmung seiner Ölmilliarden einfacher als ich.

    Wenn Paul morgens seinen Aktienbesitz an Tidewater oder Getty Oil kontrollierte, dann konnte er mir schon beim Mittagessen – das mir im übrigen bei ihm nie geschmeckt hat – sagen, wie reich er war.

    Ich habe da Schwierigkeiten.

    Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral Prinz von Thurn und Taxis
    * 5. Juni 1926 † 14. Dezember 1990

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13502007.html