Verstrickungen: Die Bank Leu, Teil fünf

Das Ende der ältesten Grossbank erfolgt rasch und schmerzlos – Dann kommen Eschers Sklaven-Investments zum Vorschein.

Auf meinen seltenen Besuchen im Tradingfloor der Ebene 11 im Uetlihof entdeckte ich 2014, in meinem letzten Jahr als IT-ler bei der CS, einen verlassen wirkenden Ex Leu-Mitarbeiter, mit dem ich das SLB Projekt vier Jahre vorher in der Urania Sternwarte gefeiert hatte.

Er wurde nach dem unschönen Ende von Leu übernommen, sagte er mir, sein ehemaliger Chef, den ich als engagierten und kompetenten Mitarbeiter in unserem Projekt kennengelernt hatte, sei auf Weltreise, der müsse zuerst mal Abstand gewinnen.

Zwei Monate später will ich ihn wieder besuchen, finde ihn aber nicht mehr, auch er ist weg.

Mit unserem kleinen IT-Team im CS-Tower haben wir bald alle Spuren von Leu, beziehungsweise der Business Unit 20, aus unseren Programmen getilgt. Noch einmal gibt es Frustrationen, weil kein Geld für diese wohlgemerkt verordneten Aktivitäten lockergemacht werden will.

Mittlerweile funktioniert die Firma so, dass die eine Hälfte der Belegschaft das Budget für die andere Hälfte organisieren und suchen muss, dabei aber in die Zwickmühle kommt, auf welches Budget sie diese Suche buchen kann.

Vor meiner Frühpensionierung 2014 sitzen wir im Café und sprechen über Leu. Ein Kollege macht eher beiläufig die Bemerkung: „Was passiert wohl mit dem Leu Archiv, da wäre vielleicht noch Brisantes zu finden.“ Ich frage nach: „Was für Brisantes?“

„Na über die Verstrickungen von Leu in den Sklavenhandel.“

Als Ethnologe, zu dem ich nach 30 Jahren IT – 20 davon bei Banken – wieder werden will, schäme ich mich, nicht bereits mehr über das Thema zu wissen, nehme es aber als Anlass, mich möglichst bald um Einsicht in dieses Archiv zu bemühen.

Erst mit der Zeit merkte ich, dass sich schon viele Historiker, Journalisten, und auch Politiker um Einblick in das Archiv der Bank Leu bemühten, gerade um das Thema „Bankenwesen und Sklavenhandel“ aufzuarbeiten. Ohne Erfolg, die CS weigerte sich standhaft, Einblick zu gewähren.

Obwohl von allen Seiten unbestritten war, dass Leu in der Zeit von 1755 und 1798 staatlich war und somit die Unterlagen eindeutig ins Staatsarchiv gehören würden. Der Elan der Forscher um die Öffnung liess langsam nach, und so wurde die offizielle Übergabe der Akten an den Kanton Zürich 2011 eine eher stille Angelegenheit.

Anlass für den unerwarteten Schritt der Credit Suisse war weder eine Petition aus dem Jahre 2007 noch das jahrelange Bemühen von Corinne Mauch und Historiker Hans Fässler, sondern alleine das bevorstehende Ende von Leu, wie man mir auf der CS sagte. Man kann noch andere Gründe vermuten, so zum Beispiel, dass die Bank zu der Zeit mit zu vielen anderen Öffentlichkeitsproblemen – wir erinnern uns an die USA-Busse – zu tun hatte, und froh war, ein für sie leidiges Thema vom Tisch zu haben.

Im Frühling 2016 sucht die freundliche Bibliothekarin des Staatsarchivs verzweifelt nach der Leu-CD. Mithilfe einer Kollegin wird sie gefunden, trotzdem muss ich erfolglos wieder abziehen, das einzig verbleibende Gerät mit CD Laufwerk ist ausser Betrieb. Bin ich der Erste, der sich damit beschäftigt?

Zu Hause vertiefe ich mich in drei Festschriften, die im Laufe der Geschichte für die Bank gemacht wurden. Die Ergiebigste ist die von 1905, Julius Landmanns 150-Jahre Schrift, die mir freundlicherweise vom historischen Archiv der CS überlassen wurde, ein sehr schön gemachtes Buch.

Darin lese ich auf Seite 66: „Ihr Einfluss auf das Zürcher Institut war so gross, dass man sich auf ihren Rat hin zu sehr riskanten Geschäften entschloss, wie z. B. zu Anlagen in den Aktien der dänischen asiatischen Gesellschaft oder zu Anleihen gegen hypothekarische Schuldverschreibungen von Plantagen auf der Insel St.Croix.

Mit „ihr Einfluss“ ist Iselin & Co in Dänemark gemeint, erwähnt wurde Reinhard Iselin in Teil drei dieser Serie. Die Insel St.Croix war von 1665 an im Besitz der französischen Westindien Kompanie, ab 1730 in dem der dänischen Westindien Kompanie. Es waren Zuckerrohr Plantagen, Peter von Scholten, der dänische Generalgouverneur schaffte die Sklaverei auf Saint Croix 1848 ab.

Beim zweiten Versuch klappt es, ich scrolle durch die verschiedenen PDFs, Hauptbücher mit Bilanzen und Konten nach Debitoren geordnet, Protokolle und Korrespondenz, und ein Urbarium mit Bildern der sorgfältig und edel gestalteten Staatsobligationen, diejenige von Kaiserin Maria Theresia besonders auffällig.

Die Handschriften sind schön, aber schwer zu entziffern, und ich bin kein Buchhalter, muss sogar Begriffe wie Soll und Haben wieder auffrischen.

Dann entdecke ich sie, die für die Erstellung des Archivs absichtlich abgedeckten Passagen aus den Kontobüchern, und sofort habe ich den Titel für meine Arbeit: schwarze Flecken. Sind das die von vielen Journalisten gesuchten Belege für die Finanzierung des Sklavenhandels durch die Bank Leu? Zu Hause durchforste ich das Internet zum Thema.

Bald muss ich einsehen, dass ich mit solchen Enthüllungen offene Türen einrennen würde. Das Thema Leu und Sklaverei scheint aufgearbeitet, bevor das Archiv 2011 öffentlich wurde. In der WOZ, im Tages-Anzeiger, in städtischen Protokollen, allen voran in Arbeiten von Historiker Hans Fässler werden drei Verstrickungen von Leu erwähnt und belegt, die in Verbindungen mit Sklavenwirtschaft standen, auch die oben zitierte.

Für die staatlichen Leu von 1755 bis 1798 gibt es zwei bekannte und direkte Verstrickungen in den Sklavenhandel. Die Aktien an der französischen „Compagnie des Indes“, die bis 1756 mehr als 45’000 Menschen aus Afrika in die Sklaverei verschleppte.

Dann durch den von Reinhard Iselin vermittelten Kredit an die Gebrüder Brown, der mit einer Sklavenplantage auf St.Croix abgesichert wurde. Im Leu Archiv ist die Kontoführung für die Gebrüder Brown ersichtlich (siehe Abbildung), die in anderen Texten als Kolonialisten und Kapitalisten der schlimmsten Sorte beschrieben werden.

So wurde 1773 David Brown von den Aktionären der „dänischen asiatischen Gesellschaft“ zum Governor of East India gewählt. Unter seiner Führung florierten die Kolonien, will heissen die Sklavenplantagen.

Iselin selber, der die Kontakte mit den Browns pflegte, wurde zu einem der wichtigsten Geschäftspartner für Leu und selber ein wichtiger Kunde der Bank. 1740 ging er nach Kopenhagen und gründete 1750 sein eigenes Bank- und Handelshaus.

Iselin hatte die Royal African Company mitbegründet und wurde später einer ihrer Direktoren, 1759 bis 1769 war er Direktor der „dänisch asiatischen Kompanie“. 1748 wurde er in die Zunft zur Safran in Basel aufgenommen und 1778 als Baron in den Adelsstand erhoben. Auch Iselins Konto findet sich natürlich im Archiv.

Mein Artikel von 2016 interessierte niemanden, klar, wenn man ohne neuen Skandal das alte nur auffrischt, wird man nicht gehört.

Dann lese ich im Magazin des Tages-Anzeigers vom 8. 7. 2017 den Titel „Das dunkle Geheimnis der Familie Escher“. Res Strehle schreibt über Heinrichs Eschers Sklaven auf einer Kaffeeplantage in Kuba. Eine ähnliche Story wie meine hätte werden sollen. Und er hat Beweise erbringen können, zitiert ebenfalls Hans Fässlers Arbeiten. Aus meinem Artikel wird definitiv nichts, niemand will das Thema zweimal im Blatt.

Ich motiviere mich weiter und kontaktiere den Historiker Michael Zeuske, der für mich die gleichen Archive auf Kuba wie für Res Strehle durchforsten will, auch Hans Fässler und Bruno Schletti, die ausgewiesensten Spezialisten zum Thema Schweiz und Sklaverei.

Vielleicht entdecke ich noch andere Leichen im Keller von Leu und sogar eine Verbindung mit Res Strehles Thema, denn bei einer weiteren Sichtung des Archivs finde ich Debitoren der Bank, die in keinen Artikeln und Jubiläumsschriften erscheinen, so in den 90ern des 17.Jahrhundert drei verschiedene Escher. Und die haben erst noch schwarze Flecken.

Nochmals im Archiv sitze ich enerviert über den Protokolleintragungen von 1768. Ich kann sie einfach nicht entziffern.

Ich studiere an der Verbindung zum Fall Escher. Immerhin ist der Name über all die Jahre präsent bei Leu wie kein Zweiter, allerdings: Wo waren die Eschers damals nicht dabei?

In der Gründungskommission von 1754 war der Name als einziger zweimal vorhanden, Altlandvogt Caspar Escher und Altsäckelmeister Conrad Escher. In den 1790er Jahren bezogen wie früher erwähnt drei Escher Kredite, drei Andere sassen in der Führung der neuen Privatbank.

Muss man da Insidergeschäfte vermuten? Mit einem Stammbaum aus dem Internet versuche ich, mich im Dschungel der Eschers zu orientieren, um zu Heinrich Escher, der mit seiner Plantage in Kuba den Weg für SKA Gründer und Zürcher Lichtgestalt Alfred Escher ebnete, eine Verbindung herzustellen.

Ich glaube, fündig geworden zu sein, Heinrichs Vater war ein gewisser Caspar Escher, 1755 bis 1831, und das könnte derselbe sein, der 1798 im Vorstand von Leu sass. Ich möchte meine Vermutung absichern und kontaktiere damit die Alfred Escher Stiftung, bekomme nie eine Antwort.

Meine Recherchen im Archiv verfliessen wie die Verästelungen eines Flussdeltas: Von 1780 bis 1796 investiert Leu in einen Kriegs-Fonds, Details nicht zu finden. Ich suche nach der französischen Revolution, sie ist in den Büchern nicht auffindbar. Ein „Graff von Fugger“, „Statthauptmann in Constantz“, bekam grosszügige Kredite, ich will wissen wofür.

Immerhin löst sich das Problem der schwarzen Flecken. Die sind tatsächlich systematisch, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Archiv, sind sowohl bei dubiosen wie völlig unverdächtigen Krediten vorhanden. Alle Daten ab 1798 sind konsequent abgedeckt, gemäss der Regel: Vor 1798 war Leu staatlich oder halbstaatlich und damit öffentlich geworden, nachher privat und weiterhin verborgen zu halten.

Ein „Skandal“ ist ein subjektives Etikett, das einer persönlichen Moral entspringt. Im Horizont von Bankern gibt es allenfalls Fehlinvestitionen, das ist heute so und war früher so. Hans Jacob Leu hätte die Bank definiert, so wie es heute Oswald Grübel bei seinen Auftritten immer wieder tut: aus Geld mehr Geld machen, und zwar im Rahmen des gerade gültigen Straf- und Zivilrechts einer jeweiligen Gesellschaft.

So werden denn weiterhin auch Verstrickungen in den Sklavenhandel ignoriert und allenfalls rechtfertigt: Das war halt damals so üblich. Wieso sollten wir besser sein als andere?

Ich tröste mich. Man kann nicht immer mit neu entdeckten Skandalen aufwarten, noch wichtiger ist vielleicht: dass man sie ab und zu wieder präsentiert und an die Oberfläche holt.

Literatur und Dokumente zum Thema:

Zinskommission Leu & Co., WII 21. – 21.10 im Staatsarchiv Zürich, Archiv der Bank Leu 1755 – 1798 auf CD

Hans Fässler, Reise in Schwarz-Weiss, Zürich 2005

Hans Conrad Peyer, Von Handel und Bank im alten Zürich, Zürich 1968

Res Strehle, Das Dunkle Geheimnis der Familie Escher, Das Magazin Nr. 27/28, 8. Juli 2017

Im Wechsel der Perspektiven, 250 Jahre Bank Leu, Zürich 2005

200 Jahre Schrift: Leu & CO 1755 – 1955, Denkschrift zum zweihundertjährigen Bestehen der Aktiengesellschaft Leu & Co Zürich, Prof. Dr. Theo Keller. Zürich 1955

Leu & Co. 1755 – 1905, Ein Beitrag zur Geschichte der öffentlichen und privaten Kreditorganisation, Dr. Julius Landmann, Zürich, 1905, Art. Institut Orell Füssli

Kommentare

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  1. „Ein Geheimnis eines langen erfuellten Lebens ist,
    jedermann alles zu vergeben,
    bevor man zu Bett geht!“

    Bernard M. Baruch
    * 19. August 1870 † 20. Juni 1965

  2. Einiges hat doch Neuheitswert: Als da wäre das konsequente Schweigen der Escher Stiftung zu soetwas trivialem wie einer Stammbaumanfrage. Auch das Aufnehmen in die Zunft Safran gibt zu denken. Wenn man Kolonialisten und Sklavenhalter finanziert, ist man dann nicht auch Kolonialist und Sklavenhalter? Der Banker sagt zu Recht nein. Was sagt der Spiegel am Morgen?

  3. „Man kann nicht immer mit neu entdeckten Skandalen aufwarten, noch wichtiger ist vielleicht: dass man sie ab und zu wieder präsentiert und an die Oberfläche holt.“

    … wie wahr. Vielen Dank, dass Du uns an Deiner Lebensgeschichte, Deinen Gedanken und Deinen Sorgen teilhaben lässt. So merkt man immer wieder, wie klein die eigenen Probleme doch in Wahrheit sind.