Neuer Swatch-Tempel als Verkaufssignal

Nix mehr mit Piratenflagge: Nick Hayek klotzt heute mit Swatch-Gigantismus – Headquarter glänzt, Aktie darbt.

SWATCH habe nie eine Heimat gehabt, nur viele zugemietete Gebäude, sagte Nick Hayek (64) am Donnerstag bei der offiziellen Eröffnung des neuen Hauptsitzes in Biel BE.

„Jetzt haben wir alle Marken, die das Herz der Swatch Gruppe sind, erstmals unter einem Dach“.

Der SWATCH-Hauptsitz kostete 220 Millionen, entworfen von einem japanischen Star-Architekten. Als 240 Meter langer Wurm liegt er im Grünen – Analogien zur SVP-Kampagne müssen zufällig sein.

Vor über siebzig Jahren hat C.Northcote Parkinson in „Parkinson’s Law“ am Beispiel der Englischen Kolonialverwaltung demonstriert, dass eine Verwaltung jährlich wächst, auch wenn ihr Aufgabenbereich schrumpft.

Wurm als Fanal? (Swatch)

Weniger bekannt ist sein Kapitel über Hauptsitze im gleichen Buch: „Plans and Plants – or the Administration Block“.

Zuerst beschreibt er den chaotischen Zustand des produktiven Startups – die Garagen von Silikon-Valley lassen grüssen oder Ueli Pragers berühmte Mövenpick-Baracke.

Und dann zeigt er, dass ein perfekt geplantes Hauptquartier meist erst dann realisiert wird, wenn eine Institution vor dem Kollaps steht.

Die Liste seiner Beispiele ist lang: Der Petersdom in Rom und der Niedergang des Papsttums; Versailles und der Niedergang der Französischen Monarchie; Der Völkerbund war schon am Zerfallen, als sein Genfer Palast 1937 eröffnet wurde.

Weitere Beispiele sind verschiedene grossartige Verwaltungsgebäude in London und Indien.

2017 bis 2019: Swatch minus 38%, SMI plus 5% (Swissquote)

In Bern baute der stolze Monopolbetrieb ASCOM in den Achtzigerjahren einen postmodernen Prachtssitz mit Eingangstreppe und skulpturaler Eingangspartie aus gestreiftem Botta- Marmor und Glas.

Schon bei der Einweihung musste ich an Parkinson denken, und bald danach begann der schmerzhafte Abstieg zum mühsam sich über Wasser haltenden Nischenanbieter.

Parkinson schliesst sein Kapitel über Hauptsitze so: „Wenn wir ein Beispiel solcher Planung sehen (…) schütteln die Experten unter uns traurig ihr Haupt, decken ein Tuch über den Leichnam und stehlen uns auf den Zehenspitzen ins Freie.“

Nicht ohne vorher noch die Aktien verkauft zu haben, möchte man anfügen.

Der ganze Text von „Parkinson’s Law or the Pursuit of Progress“ findet sich online hier.

Kommentare

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  1. Eigentlich ist es mir immer noch nicht klar ob das neue Gebäude nur der Hauptsitz von Swatch, also einer Marke der Swatch Group, oder der Hauptsitz der Swatch Group ist, der sich ja in der Seevorstadt in Biel befindet. Von einem Zügeltermin ist mir jedenfalls nichts bekannt.

  2. Ich denke nicht nur im Headquartier sondern in sämtlichen Gebäuden von Swatch Gruppe müssten PV Solar Module montiert werden.
    Swatch könnte damit eine Kleinstadt mit Solarstrom versorgen.
    Also los mit etwas Mut: „Meyer Burger zukaufen, Solarmodule mit Swatchtechnologie produzieren, nutzen und Swiss Madelabel vertreiben.

  3. Ganz schwacher, polemischer Artikel dieses abgehalfterten Grünen-Politikers. Aber es war schon immer so im Journalismus: Linke müssen weniger leisten, um akzeptiert zu werden vom Justemilieu. Richtige Gesinnung ist die halbe Miete.

  4. Immer wieder die gleiche Geschichte, wenn es den sogenannten „Executives“ in ihren Büros langweilig wird und – Anlagenotstand, Negativzins oder überraschendes Plus bei den Steuereinnahmen sei Dank – genug Gelld vorhanden zu sein scheint. Am Mythenquai plustert sich die Zürich-Versicherung zur Zeit mit neuem Hauptsitz auf, natürlich konzipiert von einem Star-Architekten, Schweizer Rück hat es ja mit neuem Glaspalast von Norman Foster vorgemacht. Am General-Guisan-Quai schräg vis à vis rotieren die Baukräne um die Wette, ob das Kongresshaus plus Tonhalle oder das Bürohaus Rosau eher fertig werden. Zur Zeit liegt das Bürohaus vorn. Die Abendsonne im edlen Hotel Baur au Lac ist natürlich Geschiche, dafür leuchten jetzt am Abend die Lampen der Überstunden machenden Bürolisten herüber. Fixfertig renoviert ist schon seit einiger Zeit gleich um die Ecke der Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank, aber leider, leider ohne Seesicht wie die bisher Erwähnten. Um dieses Manko zu kompensieren, werden von der ZKB jetzt 70 Millionen à fond perdu in ein Seilbähnchen über den See investiert (Transportkapazität 2’000 Personen PRO STUNDE! – Rendite egal, es geht um Höheres). Der Stadtrat gab seinen Segen, denn was gibt es Schöneres als Zeremonien wie den Ersten Spatenstich und Einweihung mit Schleifchendurchschneiden und Cüplischwenken. Frau Mauchs Termin beim (Star?-)Coiffeur steht schon fest, Hochbauvorsteher Odermatt wird seine Glatze auf Hochglanz polieren, alles paletti. – “Nobel geht die Welt zugrunde“ (Nicolai Wassiljewitsch Gogol, „Die toten Seelen“ 1842 ).

  5. Waren Sie unlängst in Biel?
    Sind Ihnen die vielen verlotternden Gebäude im Stadtzentrum aufgefallen (weil eine Autobahn durch die Stadt geplant ist)?
    Haben Sie in Biel auch nur einen Touristen gesehen?

    In der Stadt Bern hingegen wird fast jeder Pflasterstein periodisch restauriert – es „sprudelt“ viel Geld von Bund und Kanton, Biel hingegen wird total vernachlässigt, obwohl in Biel noch die verbleibenden (Kanton Bern hat einen der höchsten Steuersätze für Unternehmen) Industrieunternehmen und deren Arbeiter ihren Sitz in Biel haben und Bern zunehmend zur fast lupen-reinen Verwaltungsstadt wird.

    Das neue Gebäude lädt Touristen ein und macht die Stadt Biel attraktiver, auch für Menschen, die nicht unbedingt Architekturfans sind.

    Swatch ist zu grossen Teilen im Privatbesitz und investiert auch in die Forschung und Innovationen, z.B. Batterien. Deren Geschäftsmodell ist darum nicht unbedingt veraltet und durchaus zukunftsfähig.

    Wenn Sie „Verwaltung“ in Reinkultur visualisieren wollen, besuchen Sie Bern (!!!), wenn Sie sich hingegen für Industrie und Innovationen interessieren Biel.

    Ich finde also, dass Swatch nicht unbedingt ein passendes Beispiel ist für die durchaus lesenswerten Texte von Parkinson.

    • Was für eine Steilvorlag, liebst Mutti!
      Für die hohe Attraktivität der Stadt Biel steht auch ein SP-Politiker. Jahrelang vieles verpennt, wie die Penner vor Ort
      Ein Polit-Dinosaurier der auch am 20.10.2019 WIEDER (!) in den SR möchte. Name : https://www.hansstoeckli.ch › person
      Schulen bis Maturität in Nidau und Biel; Rechts- und Journalismusstudien in Bern … hauptamtlichen Gemeinderat, Finanzdirektor und Stadtpräsidenten von Biel …
      In den 80er-Jahren kam dann Hayek Senior nach Biel und sorgte mit SMH für frischen, wie über lebenswichtigen Wind in der Uhrenmetropole. Kaum vorstellbar wie die Stadt heute ausschauen würde ohne Renovation dieser bisher tragenden Zeitmesser Industrie. Nun SWATCH Group ist einer der Big Player heute – aber auch bei deren Brands ist nicht mehr als Gold was glänzt …

  6. Bravo Familie Hayek ! Diese Firma wird noch von Schweizern geführt. Sie lieber Herr Fierz haben sicher nicht soviel Arbeitsplätze geschaffen wie die Hayeks. Das ist eine soziale Leistung. Wo ist da Ihr Ausweis ? Wahrscheinlich im Nationalrat ausser Reden, nichts gewesen !

  7. Ich habe das auf der Swatch – Seite wie folgt (sinngemäss!)kommentiert: Seit 6 Monaten trage ich eine „Apple Watch“ und sehe vorläufig keinen Grund daran etwas zu ändern…

    • Apfel-Watch? Früher spielte man mit einem Tamagotchi… Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.

    • Zuerst die Asuag / SSIH zerstört, anschliessend den Service von Omega in die ehemalige Ostzone ausgelagert und schlussendlich: null Innovation. Mein Trauerspiel mit meiner Omega will ich hier nicht ausbreiten aber es passt zu zahlreichen Kommentaren in Uhrenforen. (Heute trage ich eine schöne Citizen.) Die Hayeks werden eines Tages als die grossen Vernichter nicht nur der Schweizer Uhren-, sondern such der Präzisionsindustrie in die Geschichte eingehen. Fahren Sie einmal von Bettlach über Grenchen nach Biel. Da kommen Ihnen (falls Sie die Geschichte kennen) die Tränen. Analog zu Glasgow kann man die Region „the Corridor of Deprivation“ nennen. Und noch eine Frage: Weshalb hat die Schweiz keine Fanuc, Star Micronics, Citizen, etc.? Hätten wir alles auch haben können.

      FYI: Jede „Schweizer“ Uhr unter Fr. 500.– wird in Rotchina hergestellt. Die SMH hat dort mehrere Fabriken.

      Danke (((Hayek))) sr. selig und danke (((Hayek))) jr.

  8. Interessant. Stimmt, mit Ausnahme von Gebäuden der öffentlichen Verwaltung. Hier kann es nicht protzig und teuer genug sein. Letztes Beispiel: Kantonaler Justiz- und Polizei-Palast in Zürich. Preisschild: über eine halbe Milliarde!

    Bekanntlich kann die öffentliche Hand nicht Konkurs gehen. Diese wird (schleichend und fast unbemerkt) von den Steuerzahlern gerettet. Jedem Regierungs- oder Bundesrat sein eigenes Denkmal.

  9. Ich lese die Beiträge hier gerne, aber das ist totaler Blödsinn. Hayeks Swatch-Group ist eine einmalige Erfolgsstory, in der zweiten Generation hervorragend geführt.

  10. Andere Frage, wer trägt heute denn noch Swatch? Omega ist eine tolle Firma, läuft gut und damit können sie schöne Resultate erzielen, die sicher auch nachhaltig sind. Bis die nächste Wirtschaftskrise kommt und sich die Leute solche Uhren nicht mehr leisten können. Das sind sich die Investoren aber schon bewusst.

    • Die Gruppe ist sehr erfolgreich in Asien, wo wirtschaftlich die Musik spielt. Gerade CH-Uhren sind sehr begehrt. Dieses Know-how lässt sich nicht einfach digitalisieren. Hinzu kommt der Prestigewert. Deshalb hat Swatch überdurchschnittlich zugelegt bei den Exporten. Wir sprechen nicht nur von Omega und Swatch, sondern von 18 Uhrenmarken in allen Kategorien (Rado, Longines, Breguet, Blancpain, Tissot etc.). Die Hayeks machen alles richtig.

  11. Nun da ist aber jemand echt schlecht drauf! Auch wenn ich mir noch mehr Mut für eine ausgefallene Architektur gewünscht hätte, so finden ich es Gut das auch eine Schweizer Unternehmen sich, denn MItarbeitern und der Stadt mal etwas anderes Gönnt als Aktien Dividenden. Etwas was in der „schwarzen“ Zukunft des Verfassers auch anders genutzt werden kann. Sollte Swatch „wirklich“ irgendwann vor dem Ende stehen, wird auch etwas neues entstehen. Bis dahin sollten wir Respekt vor lokalen Unternehmertum haben, welches trotz anderen Trends immer Loyal zu Schweiz standen. Da könnten sich viele Label CH Finanzdienstleister und Banken eine Scheibe davon abschneinden. Davor ziehe ich meinen virtuellen Hut vor der Familie Hayek.

  12. „Der SWATCH-Hauptsitz kostete 220 Millionen, entworfen von einem japanischen Star-Architekten.“ Das alleine ist eigentlich schon ein Witz. Wenn dieses unsäglich hässliche Wurmding wenigstens noch irgendwie ansehnlich wäre… Aber das Ding musste ja wie die Swatch-Uhren auf Teufel komm raus irgendwie originell, laut und schrill sein… herausgekommen ist wieder mal etwas schrecklich Geschmackloses aus dem Haus Swatch. Schade um den Konzern.

    • Eine schrille Launigkeit……..in der Tat. Sieht auch ziemlich billig aus. Selbstverliebte Architektur.

      Stilstudie: 99% Swatch, 1% Breguet

    • Die Selbsterkenntnis von Shigeru Ban über seinen Swatch-Wurm-Palast in Biel (Interview im Tagesanzeiger):

      “Der technologische Fortschritt verbessert die Architektur nicht. Als wir vor vielen Hundert Jahren mit weniger Technik bauten, war die Qualität der Architektur höher. Heutzutage entwerfen wir dank des Computers einfach und schnell, aber die Bauqualität nimmt ab“.

  13. Wenn das Gebäude 100 Jahre bleibt, dann kostet es pro Jahr
    nur 2,2 Millionen.
    Swatch zahlt es ja aus eigenen Reserven.

    Die ETH Lausanne (EPFL) hat Facilities gebaut,
    die viel teurer sind. Auf Kosten des Steuerzahlers.

    • Kennen Sie ein Gebäude (!) aus 1919, die ohne jegliche Renovation und Sanierung noch heute ihren Zweck erfüllen?

      Persönlich fallen mir Denkmäler, Sakralbauten und Mausoleen ein:

      http://tchorski.morkitu.org/6/laeken-03.htm

    • auf 50 Jahre, normaler Fabrik-Immo-Abschreiber, sinds dann 4.4 Mio + ordnungsgemässer Unterhalt = 5 im Jahr. Bezahlbar aus der Portokasse solange eine Breguet 5060, welche vor Hayek 3’500 (mit handgefertigtem Werk) im Retail kostete zu 30’000 (inkl. automat. gefertigtem 150 CHF Werk) verkauft werden kann. CH Uhrenindustrie entwickelt sich zu Automobil 2.0.

  14. Guten Tag Herr Fierz
    Eine Firma könnte man noch erwähnen: Arbonia
    Herr Oehler hat seiner Firma Arbonia einen wunderschönen Glaspalast als neuen Firmensitz am Bodensee gegönnt. Natürlich mit Luxuswohnung im oberen Stock.Auch flossen Firmengelder nach St.Gallen zum neuen Fussballstadion. Aber dann ging es mit Arbonia bergab: „Parkinson-Law“.

  15. Ja, ich las Parkinson‘s Buch seinerzeit. Sehe seine Feststellungen oft bestätigt.
    Klassischer Fall: Aufblähen der Verwaltungen! Besonders fällt die Stadt Zürich auf.

  16. Oder noch dies: in Biel wird auf biblischen Gigantismus gemacht, während in Hongkong seit mehreren Monaten die Verkäufe um 50% und mehr einbrechen. Fazit: der Zenith ist längstens überschritten. Die gilt übrigens für das gesamte Uhrenbusiness ohne Ausnahme!

    • Weiss nicht von wem Sie sprechen ? Ich kenne eine mit über 1000 Angestellten welche noch ununterbrochen neue Mitarbeiter einstellt und Lieferfristen für alle Modelle hat. Die Erfolgsrechnung ist seit Jahrzenten tief schwarz und die Angestellten sehr gut bezahlt.

  17. Ausgezeichneter Artikel, der es in sich hat. Der Ascom-Hauptsitz ein Bern ein gutes Beispiel für mangelnde Bodenhaftung. Der pompöse Meyer Burger-Tempel in Gwatt, Thun ein weiteres Beispiel in diesem Kapitel der Verblendung.

    Denken wir auch an die einstigen Überflieger Kodak, Rank Xerox und die alte Nokia. All diese und etliche Andere haben es in ihrem Stolz verpasst, sich neu zu erfinden.

    Über Architektur kann man sich ewig streiten. Die meisten dieser Gilde kommen ohnehin von derselben Denkschule. Charaktervolle, unverwechselbare, städtebauliche Gestaltung sieht definitiv anders aus. Dieser Swatch-Palast mag innen wohl grosszügig und effizient konzipiert sein, aber es verfehlt seinen sterilen Gesamteindruck nicht. Nie scheint bei diesen Architekten das Vorhandene gut genug zu sein, immer muss ein „Fremdkörper“ entfernt, eine städtebauliche „Situation“ „geklärt“ werden. Dabei ist die Umgebung dort ja bestimmt auch Heimat für Normalsterbliche.

    Die Dienstabteilung „Stadtentwicklung“ von Biel-Bienne ist über dieses vulgäre Wurmgeschenk nicht zu beneiden.

    • Biel und „Stadtwentwicklung“ etwas Dümmeres gibts wohl nicht. Ein Bieler der seinem Haus einen schönen dunkelorangen Anstrich verpasste, wurde angeklagt und dazu gezwungen sein Haus neu zu streichen. Das Haus ist jetzt hellgrau und der Bieler ist ausgewandert.
      Monatelang wurde der Bieler Bahnhofplatz durch ein als Kunst bezeichnetes Barackendorf verunstaltet.

      Andere Städte sind stolz auf farbliche Tupfer im Stadtbild, z.B. Kapstadt, Burano bei Venedig. Die Bieler sind eben so grau wie der Nebel der 5 Monate über der Stadt liegt.

  18. Da kommt mir nachfolgende Geschiche in den Sinn:

    „Es waren einmal sieben Zwerge, die lebten hinter den sieben Bergen. Tag für Tag suchten sie im Bergwerk nach Gold. Jeder der Zwerge war rechtschaffen, fleissig und achtete den anderen. Wenn einer von ihnen müde wurde, ruhte er sich aus, ohne dass die an-deren ihm zürnten. Wenn es einem an etwas mangelte, so gaben die anderen bereitwillig und gerne. Abends, wenn das Tagwerk geschafft war, assen sie einträchtig ihr Brot und gingen zu Bett. Am siebten Tage jedoch ruhten sie. Doch eines Tagesmeinte einer von ihnen, dass sie so recht nicht wüssten, wieviel denn geschafft sei, und begann, die Goldklumpen zu zählen, die sie Tag für Tag aus dem Bergwerk schleppten. Und weil er so mit Zählen beschäftigt war, schufteten die anderen für ihn mit. Bald nahm ihn seine neue Arbeit so in Anspruch, dass er nur noch zählte und die Hacke für immer beiseitelegte. So entstand das Controlling. Nach einer Zeit hob ein Murren an unter den anderen Zwergen, die mit Argwohn auf sein Treiben schauten. Dieser erschrak und verteidigte sich, das Zählen sei unerlässlich, so sie denn wissen wollten, welche Leistung sie vollbracht hatten, und begann, den anderen in allen Einzelheiten davon zu erzählen. Und weil er nicht erzählen konnte, während die anderen hackten und hämmerten, so legten sie alle ihre Schaufeln beiseite und sassen am Tisch zusammen. Damit fand das erste Meeting statt.
    Die anderen Zwerge sahen das feine Papier und die Symbole, aber schüttelten die Köpfe, weil sie es nicht verstanden. Es dauerte nicht lange, dass der Controller forderte, die Zwerge, die tagein, tagausschufteten, mögen ihm ihre Arbeit beweisen, in dem sie ihm Zeugnis auf Papier ablegten über die Menge Goldes, die sie mit den Loren aus dem Berg holten. Und weil er nicht verstehen konnte, warum die Menge schwankte, berief er einen unter ihnen, die anderen zu führen, damit der Lohn recht gleichmässig ausfiele. Der Anführer nannte sich Manager und legte seine Schaufel nieder. So arbeiteten also nur noch fünf von ihnen, allerdings mit der Mass-gabe, die Arbeit aller sieben zu erbringen. Die Stimmung unter den Zwergen sank, aber was sollten sie tun? Als der Manager von ihrem Wehklagen hörte, dachte er lange nach……und erfand die Teamarbeit! Doch die rechtschaffenen Zwerge waren sich uneins darüber, wer von ihnen welche Aufgabe im Team zu erbringen hatte. Sie haderten miteinander und baten den Manager um eine Lösung. Da der Manager auch nicht wusste, wie er die Arbeit im Team sinn-voll und gerecht aufteilen sollte, grübelte darüber und ersann, dass ein jeder von ihnen sich spezialisierte und gemäss seinen Talenten nur einen Teil der Arbeit erledigte. So entstand der Taylorismus. Aber ach! Das Tagewerk wurde nicht leichter und wenn einer von ihnen krank wurde, wussten die anderen weder ein noch aus. Als der Manager sah, dass es schlecht bestellt war um seine Kollegen, bestellte er einen von ihnen zum Gruppenführer, damit er die anderen ermutigte. So musste der Manager nicht mehr sein warmes Kamin-feuer verlassen. Leider legte auch der Gruppenführer, der nunmehr den
    Takt angab, die Schaufel nieder und traf sich mit dem Manager öfter und öfter zu Meetings. So arbeiteten nur noch vier Zwerge. Die Stimmung sank und damit als bald die Fördermenge des Goldes. Als die Zwerge wütend an seine Bürotüre traten, versprach der Manager Abhilfe und organisierte eine kleine Fahrt mit dem Karren, damit sich die Zwerge zerstreuten. Damit aber die Menge Goldes nicht nachliess, fand die Fahrt am Wochenende statt. Und damit die Fahrt als Geschäftsreise abgesetzt werden konnte, hielt der Manager einen langen Vortrag, den er in fremdartige Worte kleidete, die er von einem anderen Manager gehört hatte, der eine andere Mine befehligte. So wurden die ersten Anglizismen verwendet. Eines Tages kam es zum offenen Streit. Die Zwerge warfen ihre kleinen Schaufeln hin und stampften mit ihren kleinen Füssen und ballten ihre kleinen Fäuste. Der Manager erschrak und versprach den Zwergen, neue Kollegen anzuwerben, die ihnen helfen sollten. Der Manager nannte das Outsourcing. Also kamen neue Zwerge, die fremd waren und nicht so recht in die kleine Gemeinde passten. Und weil sie anderswaren, musste einer der vier verbliebenen Zwerge für diese Anführer werden, der an den Manager berichtete. So arbeiteten nur noch drei der ursprünglich sieben Zwerge. Weil jeder von ihnen auf eine andere Art andere Arbeit erledigte und weil zwei verschiedene Gruppen von Arbeitern zwei verschiedene Ab-teilungen nötig werden liessen, die sich untereinander nichts schenkten, entstand unter den Augen des Controllers bald ein reges Konkurrenz-denken unter ihnen. So wurden die Kostenstellen geboren.
    Jeder sah voller Misstrauen auf die Leistungen der anderen und hielt fest, was er besass. So war ein Knurren unter ihnen, das stärker und stärker wurde. Um die ärgsten Unstimmigkeiten zwischen den Gruppen zu schlichten, wurde einer der „alten“ Zwerge zum Koordinator berufen. Alle Zwerge trafen sich fortan regelmässig bei ihm zu Mediations-zirkeln. Die beiden Zwerge, die noch arbeiteten, erbrachten ihr Tagwerk mehr schlecht als recht. Weil sich die Manager und der Controller ratlos zeigten, beauftragten sie einen Unternehmensberater. Der strich ohne die geringste Ahnung hochnäsig durch das Bergwerk und erklärte den Managern, die Gründe für die schlechte Leistung seien darin zu suchen, dass die Zwerge ihre Schaufeln falsch hielten. Dann kassierte er eine ganze Lore Gold als Honorar und verschwand. Einer der beiden noch arbeitenden Zwerge vom Stammpersonal wurde zum Multiplikator für korrektes Schippenhalten ernannt. Währenddessen stellte der Controller fest, dass die externen Mitarbeiter mehr Kosten verursachten als Gewinn erzielten, deshalb entliess er sie. Der Führer, der die externen Mitarbeiter geführt hatte, wurde zweiter Controller. So arbeitete nur noch ein letzter Zwerg in den Minen. Tja, und der lernte in seiner kargen Freizeit, die nur noch aus mühsam errungenen abgebummelten Überstunden bestand, Schneewittchen kennen, die ganz in der Nähe der Mine ihre Dienste anbot. Dort holte er sich bei ihr den Siff und verreckte elendig. Die Firma ging pleite, die Manager, Gruppenführer, Controller, Mediator und Multiplikator fanden sich mit grosszügigen Summen gegen-seitig ab und verpissten sich ins Ausland, um der Anklage wegen Untreue zu entgehen, und diese deprimierende, aber wahrheitsgetreue Mär ist aus.“

  19. Die Menschen sind nicht immer,
    was sie scheinen,
    aber selten etwas besseres.

    Gotthold Ephraim Lessing
    * 22. Januar 1729 † 15. Februar 1781