Sunrise-Deal: Spezielle Dienste der UBS

Peter Kurer als Präsident der Mobilfirma will UPC unbedingt kaufen – Helfen ihm da alte Seilschaften in der UBS?

Geht das? Die UBS ist Aktionärin beim Telco-Anbieter Sunrise. Die UBS ist im Bankenkonsortium, dass die Finanzierung des 6,3-Milliarden-Deals stemmen soll, über den die Aktionäre nächste Woche entscheiden.

UBS ist Custodian für Aktiendepots. Das heisst, sie stimmt für die eigentlichen Besitzer ab, „im besten Interesse der Kunden“, sagt die UBS. Da sei das UBS-Management völlig unabhängig.

Völlig unabhängig von den Interessen der UBS? Die bei diesem Deal Multimillionen an Gebühren, Kommissionen, Fees verdienen würde. Wenn er zustande kommt.

Aber das ist noch nicht alles. Die Schweizer Börse listet alle grösseren Beteiligungen von bei ihr kotierten Firmen auf. Diesem Protokoll kann man entnehmen, dass die UBS am 17. Juli 2019 ein meldepflichtiges Ereignis auslöste.

Zum einen war das ein Leihgeschäft, zum anderen die Übertragung von Stimmrechten durch Dritte auf die UBS.

Damit erhielt UBS die Stimmen von 5,85 Prozent Sunrise-Aktien. Und ist damit der zweitgrösste Stimm-Aktionär – nach der deutschen Telco-Firma Freenet.

2,3 Millionen Aktien, die für 5,11 Prozent Stimmrechtsanteil stehen, lieh sich die UBS bloss. Den Rest machten Derivate und übertragene Stimmrechte aus.

Leihen bedeutet: Dann kontrolliert die UBS diese Stimmen. Und wirft sie für ein Ja zum Milliardendeal in die Waagschale.

2,3 Millionen mal eine Leihgebür von sagen wir ein Franken, das läppert sich.

Und dann noch dies. Aus verlässlicher Quelle wurde bekannt, dass die UBS mindestens in einem Fall einem Aktionär, der sich schon öffentlich gegen diesen Deal ausgesprochen hat, das Angebot gemacht hat, ihm seine Aktien und damit die Nein-Stimmen abzukaufen.

Über den Preis könne man verhandeln, soll die UBS gelockt haben. Ein solches Angebot wäre unanständig, unfein, moralisch fragwürdig – aber legal.

Auf Anfrage, ob sie solche Angebote gemacht habe, antwortete die Bank: „Das ist falsch.“ Also ein klares Dementi, dem glaubwürdige Aussagen diametral widersprechen.

Die UBS verstrickt sich in einen Stacheldrahtverhau von potenziellen Interessenskonflikten. Während, wohlgemerkt in der gleichen Bank, das Asset Management als Custodian ein Nein schmettert – wenn es der Empfehlung von ISS folgt.

Warum tut sich die UBS das an? Widersprüchliches Verhalten unter einem Dach, den Markt von Leihstimmen leerkaufen, möglicherweise Nein-Stimmen ein Kaufangebot unterbreiten?

Heute früh am Morgen überraschte Sunrise mit einer Pressemitteilung: Liberty Global will „bis zu 500 Millionen Franken in die bevorstehende Aktienausgabe investieren“.

Was vielleicht als Befreiungsschlag gedacht war, könnte sich als Bumerang erweisen. Aus gleich drei Gründen.

Erstens ändert sich der Deal, wie er seit Ende Februar unablässig angekündigt und verteidigt wurde.

Zweitens müsste, laut Kaufvertrag, das Quorum der Zustimmung auf Zweidrittel angehoben werden. Denn das wurde vereinbart, wenn Liberty Shareholder bei Sunrise würde.

Die Ankündigung lässt drittens vermuten, dass Sunrise gemerkt hat, dass es nicht genügend Interessenten an den auszugebenden neuen Sunrise-Aktien gibt.

Wie „The Market“ schon vor einem Monat völlig korrekt durchrechnete, war der Deal damals eigentlich schon tot – nur wollte das die Führungscrew von Sunrise nicht wahrhaben. Und versucht seither mit allen Mitteln, diese Leiche wachzuküssen.

„The Market“ kam schon damals auf die Zahl von 34 Prozent, die den Kauf ablehnen wollen. Diese 34 Prozent reichen „für das Aus“, schreibt „The Market“.

Und die Finanzplattform führte diese Recherche durch, bevor der Stimmrechtsberater ISS den Daumen über dem Deal senkte. Die Zahl sieht heute noch dramatischer aus.

Wenn man die Entwicklung des Aktienkurses von Sunrise in diesem Jahr betrachtet, stellt man fest, dass er sich immer dann nach oben bewegte, wenn sich ein dem Kauf kritisch gegenüberstehender Aktionär oder Fonds zu Wort meldete. Und tauchte, wenn die Führungscrew eine neue Durchhalteparole von der Brücke rief.

Wenn das alles nichts nutzt, was tun? Die beiden Freenet-VR sind schon längst bezüglich Kauf von UPC aus dem VR entfernt worden.

In den Vertrag wurden so viele Zahlungen eingebaut, wenn er nicht zustande kommen sollte, aber eine wichtige Klausel, die den Rückzug ermöglicht hätte, ausgelassen, dass Kurer sicher hoffte, mit dem Argument punkten zu können: Man mag ja dies und das am Kauf zu meckern haben, aber jetzt noch aussteigen, das würde sehr teuer.

Aber er musste zur Kenntnis nehmen, dass auch diese Drohung nicht verfing. Da bleibt eigentlich nur eins: Kann man die Aktionäre schon nicht überzeugen, kann man sich ihre Stimmen leihen, gegen Gebühr, versteht sich.

Cui bono, wem nutzt es, wenn der Deal durchkommt? Die wenigen Nutzniesser sind schnell aufgezählt. Der VR-Präsident hätte eine siegreiche Schlacht geschlagen. Zwar auf Kosten der Aktionäre, aber irgendwoher muss der Ausdruck Stimmvieh ja kommen. Kurer könnte als grosser Dealmaker abtreten, nicht als kleiner Verlierer.

Sonst noch jemand? Ach, natürlich, der Verkäufer. Liberty Global ist in ganz Europa dabei, Kabelnetze abzustossen. Und John Malone, der Besitzer von Liberty, gilt als einer der besten und härtesten Verhandler auf der Welt.

Da wären Malone 6,3 Milliarden Franken als Zustupf sehr willkommen. 2005 die damalige Cablecom für 2,8 Milliarden kaufen, 14 Jahre später für 6,3 Milliarden verkaufen.

Vor dem Hintergrund neuer Technologien, die das Kupferkabel so alt aussehen lassen wie eine Dampflok im Vergleich zu einer Elektrolokomotive.

Schon alleine zwischen dem Signing Ende Februar dieses Jahres und dem beabsichtigten Closing im November hat sich einiges getan.

Das führt zur Frage, ob die UBS diese Aktionen auf eigene Kosten und eigenes Risiko durchführt – oder noch ein Sicherheitsnetz eingespannt hat. Also einen Beneficial Owner in der Hinterhand hält, der im Worst case die Rechnung der UBS begleicht.

Könnte dieser Schatten den Namen Freiheit trage? Oder auf Zuruf den Kopf wenden, wenn man Malone sagt? Wie heisst es in Krimis so schön: Motiv, Mittel, Gelegenheit. Auch das wäre genauso legal wie das Anmieten oder das Kaufen von Stimmen.

Nur: Sollte es so sein, dann hätte Liberty einen Anteil an Sunrise erworben, direkt oder indirekt. Und da ist der 89-seitige Kaufvertrag kristallklar: Sollte das so sein, würde das Quorum der für den Kauf nötigen Stimmen an der GV von der einfachen Mehrheit auf eine Zweidrittelmehrheit hinaufgestuhlt.

Kommentare

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  1. Das Ganze wird immer undurchsichtiger. Und das Bacom hat das alles auch noch abgesegnet! UBS, Kurer, wäre nicht überrascht, wenn der Bacom Absegner nicht auch schon beim Swissair Debakel dabei gewesen wäre. Alte Verlierer Seilschaft halt.

    Also wenn der Deal zustande kommt weiss ich was ich zu tun habe. Bye bye UPC, die Zukunft heisst Salt. Spare erst noch Geld.

  2. Es geht hier nicht um Technologie und Innovation, sondern

    es geht um Ego, Macht und Geld.

    Liebe Aktionäre: auf dieser Basis ist euer return on Investment negativ.
    Und nur jener der Seilschaft Kurer, UBS etc. positiv.

  3. Sehr interessanter Artikel, sehr lesenswert. Vielen Dank dafür.

    Warum sind Sie die einzige Seite, die von der Zweidrittelmehrheit berichtet? Ist dieser Vertrag irgendwo einsehbar?

    • Das Alpha-Tier bei der Swisscom ist H-U Loosli. Keine Fantasie, keine Visionen, keinen Weitblick. Dazu Null Kenntnisse von IT und quasi Null Sozialkompetenz. Eine IT Firma braucht mindestens IT Versteher und ganz sicher Visionäre. Dazu ist Swisscom viel zu teuer. Wenn Sie weiter überteuerte Produkte kaufen wollen wo das Geld wohl nur in wenige (Teppichetagen) Taschen fliesst …. Bitte sehr!

  4. Das dürfte denn doch zutreffend sein,das die Kabeltechnik in dem Geschäft so langsam verschwindet.
    So wie das dargelegt ist,kann man darauf schliessen das es im Kern darum geht, eine Bude mit eingeschränkten Zukunftschancen noch möglichst vorteilhaft für den Verkäufer abzustossen.Ein klassisches Schwarzpeterspiel am Ende bleibt einer in dem Fall einige als die Dummen und Verlierer zurück.Der ganze Hik-Hak um die Sache deutet darauf hien, das da noch nicht so sicher ist,wer den da am Ende der Dumme ist, resp. ein Pokerspiel läuft.

  5. Mir reicht die Tatsache, dass eine berüchtigte, unfähige Beratungsunternehmung (ich sage nur „Swissair“) die Synergien gerechnet hat.
    Ein ganz klares NEIN! Und Kuret soll die Konsequenzen ziehen!