Es gäbe da ein paar Fragen, Herr Kurer

Hohe Verantwortung gleich hohes Gehalt: So die Mär bei Kurer&Co – Nur: Keiner trägt Verantwortung – UPC-Deal bald doch?

Letzte Woche noch freuten sich die darbenden Printmedien der Schweiz; sie wurden mit ganzseitigen Zusatzinseraten beglückt. Bei einem Streuverlust von geschätzten 99,99 Prozent teilte darin Sunrise ihren Aktionären, ihren Kunden, der Zukunft und der ganzen Schweiz mit, wie toll doch der Ankauf von UPC sei.

Jedes der sündhaft teuren Inserate endete mit der Zusicherung: „Die Aktionäre stimmen am 23. 10. 2019 über den Zusammenschluss ab.“ Wenn man sie liesse. Aber am Vortag der geplanten Abstimmung trat Kurer dann auf die Notbremse. April, April, die Aktionäre stimmen nicht ab.

Die Aktionäre als Besitzer von Sunrise dürfen zwar ungefragt die Millionen blechen, die alleine das Werben um Zustimmung zum Deal kostete. Aber ein Wörtchen beim Deal mitreden, wo kämen wir da hin, dachte sich Kurer.

Warum genau durften denn die Eigentümer von Sunrise nichts dazu sagen, ob sagenhafte 6,3 Milliarden ausgegeben werden oder nicht? Selten hörte man eine merkwürdigere Begründung: „Aufgrund klarer Hinweise von Aktionären“ sei der Verwaltungsrat zum Schluss gekommen, dass eine „deutliche Mehrheit die Kapitalerhöhung nicht unterstützt“.

Na und? Wieso ist das ein Grund, die Versammlung, die für teures Geld beworben wurde, einfach abzublasen? Das angemietete Hallenstadion blieb leer, Catering, Bühnenaufbau, Bestuhlung, Lautsprecheranlage, Videoscreen, alles für die Katz.

Stellen wir uns nur vor: Aufgrund klarer Hinweise von Stimmbürgern ist die Regierung zum Schluss gekommen, dass eine deutliche Mehrheit die AHV-Abstimmung ablehnen will. Also streicht dann die Regierung einfach die Abstimmung? Unvorstellbar. Aber bei Sunrise Realität.

Es gibt noch mehr Fragen, die Kurer beantworten müsste. Welche „klaren Hinweise“ hatte er denn? Noch bis kurz vor dem Tritt auf die Notbremse sagten er und sein CEO im Chor, dass von wenigen, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen alle Investoren bei Sunrise für den Deal seien.

Daher können also diese „Hinweise“ nicht gekommen sein. Und Aktionärsstimmen, die schriftlich vor der Versammlung eingereicht wurden, die dürfen natürlich nicht vorher ausgezählt oder eingesehen werden. Verboten. Also bleibt die Frage: Woher die Vermutung, es werde abgelehnt?

Dazu sagt Sunrise: „Der Verwaltungsrat verfügt über aggregierte Stimmeninformationen“ und legt Wert auf die Präzisierung, „dass der Verwaltungsrat keinerlei Informationen darüber hatte, wer wie abgestimmt hat und das Stimmgeheimnis jederzeit vollumfänglich gewahrt ist.“

Es gibt aber noch mehr. In bestem Juristendeutsch fängt die Mitteilung über die Absage so an: „Sunrise stimmt einem weiteren Zusatz des Aktienkaufvertrags zu, mit welchem Liberty Global der Annullation der ausserordentlichen GV zustimmt.“

Das heisst auf Deutsch übersetzt: Der Verkäufer Liberty ist einverstanden, dass die Abstimmung abgeblasen wurde. Aber: Wie sieht diese Zustimmung genau aus? Was wurde da vereinbart? Wer glaubt, dass die knochenharten Verhandler von Liberty aus reiner Menschenfreundlichkeit zustimmten? Müsste diese Vereinbarung nicht ebenfalls offengelegt werden, als ad hoc Mitteilung?

Zudem wird in dieser knappen Mitteilung darauf hingewiesen, dass der Kaufvertrag im Fall noch bis Ende Februar 2020 gültig sei. Und der VR-Präsident Kurer lässt sich mit der Meinung zitieren, dass er zwar seine eigene Absage der Versammlung bedauere, aber weiterhin „von den Gründen der Übernahme überzeugt“ sei.

Stimmt es da wirklich, dass der Deal nun tot ist, wie der CEO von Sunrise sagt? Nicht nur Finanz und Wirtschaft vermutet, dass sich Jurist Kurer vielleicht noch ein Hintertürchen offen gehalten hat. Denn die Aktionäre haben ja, nach feiner Anwaltslogik, nicht nein zum Deal gesagt, Kurer wurde auch nicht abgewählt.

Was spräche also dagegen, weiterhin Stimmrechte und Aktien zu kaufen, wie es die am Deal lebhaft interessierte UBS schon länger tut, bis man dann „Hinweise“ hat, dass es eine Mehrheit gibt?

Es gäbe aber noch eine ganz andere Variante. Schliesslich wurde die Höhe der Kapitalaufnahme schon von 4,1 Milliarden auf 2,8 und durch das Angebot von Liberty, mit einer halben Milliarde einzusteigen, auf faktisch 2,3 Milliarden abgesenkt.

Sollte Kurer nun beschliessen, dass sich der Deal doch eigentlich auch ohne Kapitalaufnahme stemmen liesse, dann hätte das einen grossartigen Vorteil: Die Aktionäre müssten dazu nicht befragt werden.

Aber so fleissig Kurer im Vorfeld Interviews gab, in der NZZ, in der Weltwoche und sonst wo, um mit kühnen Versprechungen für den Deal zu werben und dunkle Wolken im Falle einer Ablehnung an die Wand zu malen, so verschlossen ist er seit seiner Absage. Kein Wort mehr von Kurer, der Auster.

Dabei müssten diese Fragen dringlich beantwortet werden, damit Aktionäre und vor allem auch die Mitarbeiter von Sunrise endlich wissen, woran sie sind.

Die Mitarbeiter von Sunrise und von UPC waren Kurer in der ganzen Schlacht um die Übernahme von UPC herzlich egal. Die Aktionäre nun auch? Aber noch wichtiger: Wer übernimmt denn nun die Verantwortung für dieses Milliardendebakel? Für die Kosten? Für die Schäden? Etwa nur die Besitzer von Sunrise? Ungefragt?

Kommentare

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  1. Severina Pascu erwähnte gegenüber den Mitarbeitern, das Ergebnis des elektronischen Voting war für Sunrise vor der GV einsehbar. Daher die kurzfristige Absage. Ob dies rechtens ist, ist eine ganz andere Frage.

  2. Der VR hat zur GV eingeladen. Dann hat der VR die Aktionäre wieder ausgeladen. Folglich gab es die traktandierten Beschlüsse nicht. That’s it, lieber Professor Kunz.

    Kann der VR denselben Antrag wieder stellen? Ja, das könnte er sogar, wenn die GV den Antrag abgelehnt hätte. Folglich gibt es hier kein Juristentrickli. Aber wenn der VR so hin und her macht, werden wohl auch die übrigen Aktionärsberater die Ablehnung empfehlen.

    Im Militär haben wir gelernt, dass zu jeder Befehlsausgabe das Kapitel „was nachher?“ gehört. Hier lautet die Frage, wie es mit Sunrise weitergehe.
    – einfach im geschützten Markt weiter geschäften?
    – doch noch einen Sprung versuchen?

    Die Frage „was nachher“ stellt sich aber auch LibertyGlobal. Die wollen die UPC nicht mehr. Um sie schön zu machen, hat UPC Aktionen durchgeführt, bei welchen Neukunden gegenüber Altkunden etwa 1’000 sparen. Trotzdem ging die Kundenzahl zurück. Nun werden die Altkunden erst recht unzufrieden sein und abspringen. Ergebnis: UPC steht vor noch grösseren Schwierigkeiten als bisher. Bedeutung: Der Preis von UPC ist (nur schon wegen dieses Zusammenhangs) gesunken. Hinzu kommt noch der Abschlag für die «verschmähte Braut». Folglich muss LibertyGlobal sich bewegen, sonst droht eine Abwärtsspirale.

    Übernimmt LibertyGlobal mehr von einer analogen Kapitalerhöhung? Das macht nur Sinn, wenn LG sich verpflichtet, die neuen Sunrise-Aktien wenigstens 5 Jahre zu behalten. Wenn LG den Markt nach der Kapitalerhöhung flutet, werden Alt- und Neuaktionäre grosse Verluste erleiden.

    Wie könnte Kurer die Aktionäre sonst noch zur Annahme bewegen? Ein Unternehmer weiss, dass immer alle Beteiligten zufrieden sein müssen, wenn die Geschäfte fortgeführt werden sollen. Mit Machtspielchen und Täuschung gelingt das nicht. Folglich muss auch Kurer sich bewegen.

    Ob er das tut? Er ist ein Spezialist für Powerplay und manchmal mehr an Sieg und Macht als an guten Ergebnissen für alle interessiert. (So wurde er auch UBS-Boss.) Ich frage mich deshalb, ob er vielleicht versucht, an der ordentlichen GV die Aktionäre mit der Konventionalstrafe zu weichzuklopfen, die er völlig unsinnig mit LG vereinbarte: ein minimal geändertes Projekt und die Androhung schwerer Nachteile bei Ablehnung und schwuppdiwupp…?

    Es könnte klappen, aber Sunrise würde enormen Schaden nehmen, denn die vorgeschlagene UPC-Übernahme ist schlecht.

  3. Wie wäre es, wenn man jetzt den Spiess umkehren würde: Cablecom übernimmt Sunrise und listet sich an der Schweizer Börse. Oder es gibt eine Fusion unter seinesgleichen. In beiden Fällen müsste Cablecom zunächst verselbständigt, also aus Liberty, herausgelöst werden. Was meinen Sie dazu, Herr Zeyer?

    • Dazu meine ich: niemals. LG trennte sich gerade in halb Europa von seinen Kabelnetzbetreibern.
      Denn man wird nicht aus Zufall Milliardär wie Malone. Der war sogar bereit, noch eine halbe Milliarde auf den Tisch zu legen, damit der Deal flutscht.
      Malone weiss zwei Dinge: Kurer will diesen Deal ums Verrecken.
      Und niemand würde ihm jemals 6,3 Milliarden für UPC zahlen. Ausser Kurer.
      Also wird folgendes passieren. Freenet wird ausbezahlt oder ausgebootet. Was sind schon rund 900 Mio. bei einem Extraprofit von 2 Milliarden? Genau, eine nicht geplante Bezahlung. Aber es bleibt ja noch genügend im Kässeli.

  4. Das war wohl die einzige und letze Möglichkeit Liberty zurück an den Verhandlungstisch zu bringen. Von dem her haben sich damit beide Gesellschaften einfach etwas Zeit gekauft um über die Bücher zu gehen. Würde mich nich überraschen wenn jetzt Liberty mit einer substanziellen Beteiligung an new Sunrise einsteigt oder Freenet auskauft. Aber da Herr Kurer ja wahrscheinlich unbedingt die volle Kontrolle wollte konnte es überhaupt zu diesem Schlamassel kommen.

  5. Zum Glueck gibt’s da einer, der sich erfrecht, jenen, die weniger mit Kompetenz in Sachen Unternehmensfuehrung glaenzen, dafuer umso mehr mit hoher Kompetenz in Selbsbereicherung brillieren, auf den Schlips zu treten.

    • An dem ist gar nichts ‚jovial‘. Er ist kühl (oft falsch) berechnend und arrogant bis über die Schmerzgrenze.

    • Kurer tritt sicherlich nicht zurück. Warum denken Sie, dass die GV abgesagt wurde? Genau, weil Kurer dort abgewählt worden wäre.