Am 3. August 1986 hatte ich auf der Dachterrasse an der Eidmattstrasse in Zürich mit 9 Personen einen ausgelassenen und schönen Samstagabend gefeiert. Dann ging ich ins Bett.
Um 4 Uhr erwachte ich aus dem Schlaf und hörte ein verdächtiges Knistern. Sofort rannte ich hinauf auf die Terrasse, die da schon im Vollbrand war.
Mit einem Gartenschlauch versuchte ich, das Feuer zu löschen. Dabei verbrannte ich mich innert kürzester Zeit durch eine Hitzewalze.
Die Brandursache konnte nie ermittelt werden, Zeugen gab es keine. Der Brandschutz vermutete, dass eine Kerze nicht ausgelöscht wurde und das Tischtuch in Brand setzte – mit den weiteren Folgen.
Mich lieferte man in die Brandabteilung der Universität Zürich ein, wo ich die nächsten 4 Wochen blieb.
Der Schock ist gewaltig, weil man sich als völlig Gesunder direkt als Schwerverletzter auf der Intensivstation wiederfindet.
Wie bei einer Querschnittslähmung.
Primär geht es zuerst ums Überleben. Verbrennungen 3. Grades können je nach Alter und betroffener Hautoberfläche ab 40 Prozent tödlich sein.
Durch Flüssigkeits -und Wärmeverlust und durch den gefürchteten Verbrennungschock mit Versagen von Nieren und Herz. Die ersten Tage sind meistens entscheidend.
In der ersten Woche ist man stark sediert und bekommt glücklicherweise vieles nicht mit. Die Haut ist das grösste Oberflächenorgan des Menschen.
Ist man drittgradig verbrannt, sind Oberhaut, Lederhaut sowie Unterhaut zerstört. „Es geht mir unter die Haut“, heisst es im Volksmund – wenn einen etwas richtig betrifft oder berührt.
Nach einer gewissen Zeit hat man an den verbrannten Stellen keine Schmerzen mehr. Die dafür benötigten Zellen gibt es nicht mehr.
Dafür schmerzen die Flächen dort, wo man die Haut für Transplantationen hernimmt, um die zerstörten Stellen abzudecken.
Bei mir war dafür der ganze Rücken und ein Oberschenkel nötig. Die Verbandswechsel sind derart schmerzhaft, dass sie unter Narkose im Operationssaal durchgeführt werden.
Bei schweren Verbrennungen operiert man in der Regel in Abständen – um die Belastung für den Kreislauf zu reduzieren.
Wegen der Infektionsgefahr durften mich nur drei Personen besuchen. Es gab eine Schleuse, in der die Besucher entsprechende Kleidung anzogen. Natürlich brauchte es auch einen Mundschutz.
Der Tag der Wahrheit und des Schreckens kommt, wenn man sich zum ersten Mal im Spiegel sieht und gewahr wird, dass man nicht mehr derjenige ist, der man war. Unauslöschlich.
Ich war erheblich im Gesicht verletzt, erkannte mich nicht mehr – die Hölle. Sodann bekam ich auf der Oberlippe ein Keloid – eine Wucherung, die gutes Gewebe zerstörte, ähnlich eines Hautkrebses.
Mit einer gewagten Operation und täglicher Bestrahlung konnte man diese stoppen.
Nachdem die akute Phase nach rund 4 Wochen abgeschlossen war, wurde ich entlassen. Es begann die eigentliche Rekonstruktionsphase – mit Operationen für die Verbesserung der Ästhetik.
Genannt Wiederherstellungs-Chirurgie.
Die Narbenbildung ist individuell verschieden, Alter und Geschlecht spielen eine Rolle. Um diese zu verbessern, muss man einen Kompressionsanzug anziehen, vegleichbar mit einem Stützstrumpf.
Je enger der anliegt, desto besser. Für mich war es eine besonders belastende Phase; ich fühlte mich stark eingeengt. Meine Narbenbildung war ausgepärgt stark, weshalb ich den Kompressionsanzug ein ganzes Jahr lang trug.
Nachts hatte ich eine Plexiglasmaske auf dem Gesicht, um die Narbenbildung im Gesicht zu verbessern.
Verbrennungen sind für die Medizin – je nach Schweregrad – eine Knacknuss. Aus meiner Sicht sind sie aber für den Betroffenen psychologisch eine noch viel grössere Belastung.
Warum?
Weil Verbrennungen je nach Ort und je nach der Schwere massive Vernarbungen hinterlassen können. Man muss von seinem internalisierten Selbstbild definitiv Abschied nehmen.
Jedermann hat ein solches Bild von sich. Für Narzissten ist ein Verbrennungsunfall nochmals härter zu ertragen als für einen „normal“ Strukturierten.
Bis man akzeptieren kann, dass man einen Teil seiner bisherigen Identität für immer verloren hat, vergehen Jahre.
Geprägt durch äusserst heikle, innerpsychische Vorgänge, die schwere Kränkungen bedeuten und mit entsprechender Trauer verbunden sind.
Verbrennungen 3. Grades begleiten einen lebenslänglich .Weil man sie sieht. Vor allem im Gesicht. Bei mir täglich beim Rasieren.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die vielen verletzten Jungen in Crans-Montana Glück im Unglück hatten.
Wir haben ein ausgezeichnetes Spitalwesen mit fähigen Medizinern. Die Kompetenzzentren in Lausanne und in Zürich leisten Ausserordentliches.
In Brasilien, wo ich lebe, sind die Spitäler schlechter auf Grossereignisse mit so schwer Verbrannten vorbereitet.
Wir hatten 2013 in Santa Maria in der Diskothek „Kiss“ einen ähnlichen Unfall wie jetzt in Crans-Montana, mit über 242 Toten. Ein Musiker hatte Pyros in die Menge geworfen.
In der Nachbehandlung brauchen die Opfer viel Geduld mit dem Abheilen der Narben. Entscheidend ist die Betreuung durch geschulte Psychologen, die Familie und Freunde.
Eine liebevolle, empathische Begleitung ist zentral. Sein geliebtes Selbstbild zu verlieren, tut psychisch lange unvorstellbar weh.
Auch ich besuchte einen Psychiater, der mich monatelang unterstützte und mir half, das Trauma zu verarbeiten.
Die Verletzten von Crans können auf grosse Solidarität zählen. Man darf verbrannte Menschen nicht stigmatisieren und sie nicht als Invalide behandeln.
Die Medizin ist heute auf einem Niveau, auf dem auch nach schweren Verbrennungen gute Resultate erzielt werden können. Wichtig ist nie aufgeben, nach vorne schauen – und vor allem wenig Selbstmitleid zu haben.
Es ist vergeudete Zeit, zu lange nachzudenken, warum es einen traf und andere nicht.
Dem damaligen Chef der Verbrennungsabteilung des Universitäts-Spitals Zürich, PD Dr. Georg Zellweger, bin ich mein Leben lang dankbar für das, was er und seine Abteilung für mich getan hatten.
Es braucht viel Zeit, ein solches Unglück zu verdauen. Aber selbst ein schwerer Unfall darf nie Anlass sein, der Zukunft nicht positiv entgegenzublicken.
Unser Leben ist das Wertvollste – wie und wo auch immer. Die Crans-Montana-Opfer sind jung, ihre Chancen stehen aufgrund ihres Alters viel besser; auch für die Verarbeitung dieses Traumas.
Wir tun gut daran, den inneren Wert eines Menschen mehr als seine Hülle zu schätzen. Haut ist Haut. Charakter, Herzensbildung und Fähigkeiten viel wichtiger.
Wie kam es denn zu diesem Vorfall in Crans, wenn in der Schweiz doch immer alles von höchster Qualität ist? Spitäler, Professoren, Polizei, Feuerwehr?
Diese Frage wäre es doch mal wert erforscht zu werden.
Die Idioten sind eben auch erstklassig.
Eindrückliche Schilderung Herr Neff. Sekunden die das Leben verändern.
Ich erinnere mich immer an die Bahnkatastrophe von Kaprun. 155 Tote. Ein Heizlüfter in der Bahn löste den Brand aus, die Menschen liefen wie die Lämmer einer dem anderen nach, also nach oben, im eigentlichen Kamin, anstatt entgegengesetzt d.h. talwärts sich zu retten. Konklusion: Nie machen was alle machen!
Die 12 Personen waren im hinteren Teil und konnten sich früh in Sicherheit bringen. Viele waren eingeschlossen. Bei einem Vollbrand gegen das Feuer laufen machen wohl die wenigsten. Aber in geschlossenen Räumen ist der Rauch genau so tödlich.
Die Heizung wurde fährlässig eingebaut, sie war für Fahrzeuge nicht zugelassen und entzündete das Hydrauliköl. Alle Angeklagten wurden später freigesprochen, auch mit der Begründung dass es eine Standseilbahn gewesen sei die nicht als Fahrzeug gelte.
Danke für diesen angemessenen und reflektierenden Beitrag.
Mal ein sinnvoller artikel
Und gleichwohl sin iditoten wieder am kommentieren
…und zwar mit wirklich wichtigen Inhalten! sinnvolle Inhalte!
Sehr geehrter Herr Neff, Ihre Zeilen berühren mich sehr. Es tut mir von Herzen leid, was Ihnen geschehen ist. Danke für Ihren Mut, Ihre Gefühle und Empfindungen mit uns zu teilen. Ich wünsche Ihnen nur das Beste.
Wie schnell es gehen kann, erlebte ich kürzlich bei der Geburtstagsfeier meiner Tochter. Eine Kerze im Glas mit dekorativer Birkenrinde ummantelt, begann plötzlich zu brennen. Zum guten Glück entdeckte ich es sofort und konnte diese Kerze löschen. Man muss höllisch aufpassen, mit Kerzen, so romantisch dieses Licht auch ist. Dieses Accessoire habe ich sofort entsorgt. Herr Neff gratuliere für ihren informativen Bericht. Danke und ihnen nur das Beste.
Bei allem Respekt für den Autor und sein erlebtes.
Es kommt mir aktuell vor wie bei Corona Zeiten wo jeder noch seine Expertise mitteilen muss.
Brandexperte Anonymling@
Sie, Anonymling, stellen ein Brandopfer das für sein ganzen restliches Leben gekennzeichnet und schreckliches durchlebt hat, als Experte dar. Sie ziehen sogar den Vergleich mit diesem überbordendem Corona-Theater.
Von Empathie haben Sie noch nie etwas gehört, ja existiert gar nicht in ihrem Wortschatz. Gefühle gegenüber anderen Menschen sind Ihnen komplett fremd. Moralische Verkommenheit – Nihilismus pur!
Juhui auch Neff hat noch einen Beitrag geliefert. Jetzt fehlen noch Geiger, Stöhlker, Stahel, Russian Market, Presta, Feusi und Streule. Luki muss nur noch frei schalten!
Dabei wären die Plapperi die noch auf den Zug aufspringen nicht nötig! Hässig hat mit seinen Artikeln zu CM bewiesen das er schnell recherchieren kann, Quellen hat, weiss wo nachfragen, die wichtigen Fragen stellt. Sogar der TA hat sich auf Infomationen von IP bezogen!
Wer das Schicksal eines Menschen, der ein Leben lang von einem schweren Unfall gezeichnet ist, mit einem solchen Kommentar verhöhnt, hat jegliches Mass an Anstand verloren.
Niederträchtiger geht es nicht mehr. Scham ist ein Fremdwort für sie.
Victor Brunner der Nihilist!
Was für eine moralische Verkommenheit. Ihr empathieloses Geschwafel lässt einem mit Schaudern zurück. Schämen Sie sich in Grund und Boden!
Lieber Herr Neff,
Sie sind das beste Beispiel der Überwindung einer schrecklichen Situation. Sie haben eine wunderbare Familie gegründet und sind durch Ihre vielfältigen Interessen in Kunst und Architektur intellektuell Spitze. Ein Vorbild für die nun leider versehrten Jugendlichen. Danke sehr für diesen wichtigen Beitrag !
Das tut mir Leid für Sie und wünsche Ihnen nur das Beste. Zudem erklärt das ja so einiges. Aber das muss ich dennoch los werden: „… feierte eine ausgelassene Party am Samstagabend——- als ich um 4h erwachte“. Wie passt das zusammen? Eine ausgelassene Party fängt doch erst um 4h morgens an und geht bis vormittags.
… wie man sich als schwer(st) verletztes Brandopfer fühlen muss, dessen Haut grösstenteils drittgradig verbrannt ist, weil die Vorstellung allein schon extrem erschreckend ist. Die Schmerzen extrem, die Schäden lebenslang, das eigene Sein in Frage gestellt und das Äussere entstellt.
Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, was den meist jungen Überlebenden in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren bevorsteht, wohl meistens lebenslang, dann können auch einem unbeteiligten Leser der Schreckensnachrichten die Tränen kommen.
Das darf nie mehr passieren!
Ihr Missglück in Ehren, aber ist es nicht etwas pietätslos, vor dem Hintergrund dieser massiven Tragödie eine Me-Too-Geschichte zu platzieren?
https://www.20min.ch/story/intensivstation-brandopfer-sind-im-tiefschlaf-damit-sie-keine-schmerzen-spueren-103479233
https://www.blick.ch/schweiz/westschweiz/wallis/helikopter-sanitaeterin-jael-messerli-30-war-in-der-inferno-nacht-im-einsatz-als-wir-die-ambulanz-tuer-oeffneten-bin-ich-erschrocken-id21567169.html
Das Leid der Opfer und der Angehörigen ist unermesslich. Für Rettungskräfte, Ärzte und Pflegepersonal ist es auch sehr belastend.
https://www.blick.ch/schweiz/ich-weiss-dass-es-ein-megaschwerer-weg-wird-mafalda-da-silva-baptista-25-macht-opfern-von-crans-montana-mut-id21567639.html
Einfach ist es so oder so nicht für die Brandopfer. Ich wünsche den Betroffenen viel Kraft, Durchhaltewillen und dass sie hoffentlich irgendwann wieder gut leben können.