Auf die Story von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer gabs über 720 Online-Kommentare. Und einige Abo-Kündigungen.
Den jugendlichen Brandopfern von Crans-Montana war es laut Gujer „wichtiger, die züngelnden Flammen mit dem Handy zu filmen, als sich in Sicherheit zu bringen“.
Für den obersten Publizisten der Neuen Zürcher Zeitung ein „Sinnbild für eine enthemmte Spassgesellschaft und die Krise der Eigenverantwortung“.
Es sind solche Leitartikel aus der Feder des ersten Schreibers des helvetischen Eliteblatts, das 2030 sein 250-jähriges Bestehen feiert, die auf der Redaktion Fieberschübe provozieren.
„Keiner bremst Gujer“, sagt ein Gesprächspartner. „Die Kontrollen versagen.“ Im Walliser Skiort starben 41 junge Menschen, über 100 erlitten teils schwerste Verletzugen. Selber schuld, schien Gujer implizit zu sagen.
Gujer führt die NZZ seit 2015. Damals übernahm er nach einer Revolte gegen Vorgänger Markus Spillmann und dem missglückten Versuch von oben, Markus Somm zu installieren, das Kommando.
11 Jahre später gilt Gujer als Alleinherrscher, der mit Angst führt. „An Ressortleiter-Sitzungen staucht er Opfer vor allen anderen zusammen“, sagt der Insider.
Bald geht die Ära Gujer zu Ende. Und so fragt sich die Redaktion, wer auf den starken Kapitän folgt.
Am liebsten hätte der 63-jährige noch länger die Macht behalten, vermutet eine andere Quelle. „Doch mit diesem Plan ist Gujer gescheitert.“
Also sehe dessen Plan B vor, seinen wichtigsten Unterstellten in die Pole-Position für seine eigene Nachfolge zu schieben: Benedict Neff.
An Neff entzünden sich die Geister auf der Redaktion. Wegen dessen Umgangstons, den Kündigungen und Entlassungen – vornehmlich von Frauen – und dem publizistischen Kurs.
„Was Neff bringt, ist nicht mehr bürgerlich, sondern nationalkonservativ“, findet eine Person, die wie alle Auskunftspersonen nicht namentlich genannt werden möchte – aus Angst vor Nachteilen.
Neff, 20 Jahre jünger als Gujer, verkörpert die nächste Generation. Doch im Geist sei er ebenso ein rechter Hardliner wie sein Vorgesetzter.
2017 hatte der Schwyzer von der Basler Zeitung zur NZZ gewechselt, die ihn als Korrespondent nach Berlin schickte.
Nach drei Jahren in der deutschen Hauptstadt hatte Neff genug. Er wechselte zu Springer, wo er Mathias Döpfner, dem CEO des grossen Verlags, als dessen Stabschef den Laden schmiss.
Lang dauerte der Einsatz nicht. Schon 2021, im Folgejahr, kehrte Neff zur NZZ zurück. Von Gujer hatte er den Job des Feuilleton-Leiters in der Zürcher Zentrale erhalten – ein Sprungbrett für höhere Weihen.
Diese materialisierten sich im Frühling vor einem Jahr. Neff übernahm von Peter Rasonyi die Leitung des Auslandsteils.
Rasonyi galt als Urgestein der NZZ-Redaktion, mit langer Erfahrung als Wirtschaftsredaktor und Korrespondentenjobs in Berlin und London.
10 Jahre hatte Rasonyi ab 2015 das Ausland geleitet, unter ihm machten engagierte Frauen mit geübter Feder und tiefem Wissen Karriere.
Wenn Gujer im wichtigen NZZ-Ressort die Agenda bestimmen wollte, stellte sich Rasonyi vor seine Leute und bot dem Chef die Stirn.
„Er recherchierte das ganze Wochenende, um an der nächsten Sitzung nicht klein beigeben zu müssen.“
Es war ein Abnützungskampf gegen den grossen Gujer, der zuletzt mit der Verbannung des Unterstellten aus der Hauptredaktion endete.
Rasonyi wurde wegbefördert, zum Nischenprodukt „NZZ Pro“ als Co-Chef. Das Ruder im Ausland übernahm Benedict Neff, Gujers „Liebling“.
Dieser würde „lieber Marathon laufen, als Gujer Paroli zu bieten“, sagt der Gesprächspartner. „Umgekehrt wird er in seinen eigenen Teamsitzungen giftig, wenn ihm jemand inhaltlich Paroli bietet.“
Vor allem Frauen bekamen das zu spüren. Mehrere haben die NZZ in den letzten Monaten verlassen – teils freiwillig, teils erzwungen.
Es seien „einige Klagen vor Arbeitsgericht“ hängig, sagt ein Insider mit Verweis auf Informationen aus Zürcher Anwaltskreisen. Die Kündigungen hätten das Potential, missbräuchlich zu sein.
Der wahre Grund für die Trennung sei nämlich nicht wie von der NZZ behauptet eine ungenügende Leistung. „Bei den Gekündigten handelt es sich durchs Band um fähige Journalisten“, so die Quelle.
Eine langjährige Redakteurin hatte im Wirtschaftsressort den Job verloren – auch sie sei, so heisst es, Opfer einer verschworenen Führungstruppe rund um Gujer geworden, die vor allem eines verbinde:
Unbedingte Loyalität zum Chefredaktor.
Ein anderer Abgang bei der NZZ hat in der Zürcher Medienszene für Aufregung gesorgt; jener von Hansueli Schöchli.
Schöchli war lange beim „Bund“, bevor er 2009 zur NZZ wechselte, wo er zu den bekanntesten Namen im Wirtschaftsteil zählt.
In diesen Wochen hört der Bankenkenner auf – nach 17 Jahren. Er habe genug von Gujer, ist aus der NZZ, die in Wirtschaftskreisen weiterhin grossen Einfluss geniesst, zu vernehmen.
Auf Fragen zu den Gründen von Schöchlis Abgang und jenen weiterer Redaktoren wollte eine Sprecherin der NZZ nicht eingehen. Zur Nachfolge Gujers meinte sie:
„Die Wahl der Chefredaktion liegt in der Verantwortung des Verwaltungsrats und erfolgt in einem geregelten Verfahren.“
„Schöchli“, sagt eine Quelle, „wollte nicht länger nach Gujers UBS-Pfeife tanzen.“ Der würde seine Leute auf UBS-Support trimmen.
Es gehe darum, der Bank publizistisch Sukkurs zu leisten in deren Fight um möglichst wenig Zusatzkapital.
Zum Eklat sei es gekommen, als Schöchli die für den Finanzplatz zentrale Frage nicht nach dem Gusto der Bahnhofstrasse beleuchtet habe.
So meinte der Journalist letzten Herbst, „die geplante Regelverschärfung beim Kapital“ würde laut Professoren „die Gesamtkosten der Bank nur in bescheidenem Ausmass erhöhen“.
Schöchlis Fazit: „Die UBS selber sieht das ganz anders. Die Kontroverse wird weiter schwelen.“
Für Eric Gujer sei diese Kritik bereits zu viel des Guten gewesen, ist von mehreren Seiten zu vernehmen.
Ebenso wenig Gefallen fand Gujer an Schöchlis Fragezeichen hinter den Ansichten eines Star-Historikers: Oliver Zimmer.
Der gehört zu den Stammgästen in der NZZ unter Gujers Führung. Der Gelehrte hält nichts vom EU-Rahmendeal.
Im Oktober kritisierte Zimmer im NZZ-Interview die „soziale Zweiteilung“ im Land im Zuge der starken Immigration; man müsse „nicht Sozialist sein, um das zu erkennen“.
Schon am Folgetag legte Schöchli Zimmers Thesen auf den Prüfstand. „AHV, Wirtschaft, Wohnungsknappheit: Die Einwanderung ist nicht an allem schuld“, befand der Wirtschaftskenner.
Dann schrieb Schöchli: „Die Einwanderung aus der EU ist in erster Linie eine Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Und diese spiegelt die wirtschaftliche Attraktivität der Schweiz.“
Eine Affront des Unterstellten gegen Gujer? Dass der Chefredaktor an EU-Kritiker Zimmer den Narren gefressen hatte, war allen bekannt.
Doch Schöchlis Konter entsprach der klassischen NZZ-Haltung: Frei seine eigene Meinung kundtun zu wichtigen Themen, mit Fakten belegt, immer aus liberaler Warte betrachtet.
Genau diese Grundeinstellung sei unter Gujer abhanden gekommen, befindet ein Gesprächspartner, der sich selbst als klassisch Mitte-Links stehend verortet, die NZZ aber wegen ihrer liberalen Ausrichtung stets geschätzt habe.
„Luchsinger, Spillmann, Felix Müller von der Sonntags-NZZ, sie waren liberale Schwergewichte“, führt der Beobachter aus. „Die wüssten mit Gujers und Neffs heutigen rechten Ideen nichts anzufangen.“
Wenn er könnte, dann würde er der NZZ zurufen: „Ihr müsst wieder liberal werden“.
Die zahlreichen Abgänge, nicht selten gefolgt von Klagen, und das als autoritär beschriebene interne Klima machen die Nachfolgefrage zum wegweisenden Entscheid.
Der Verwaltungsrat der NZZ verhalte sich angesichts der Bedeutung der Weichenstellung eigenartig passiv, findet ein Beobachter.
„Gujer will seine Nachfolge selber regeln, und der VR merkt es nicht“, folgert dieser daraus. Wer folge, falls es nach Gujer gehe, sei jedoch klar: Neff.
Dieser findet trotz seines Kaderjobs Zeit für Kolumnen als freier Autor im „Bote der Urschweiz“, wo er „zur Schwyzer Seele“ meint: „Mir gefällt die Mentalität: Freiheitsdrang und Widerspruchsgeist“.
Wird Gujer mit seinem Manöver zum Ziel kommen? Kürzlich sei Patrik Müller an der Falkenstrasse gesehen worden, geht um.
Müller ist langjähriger publizistischer Leiter von CH Media, einem grossen Verlagshaus mit Zeitungen von der Ostschweiz übers Mitteland bis ins Baselbiet. Die NZZ-Gruppe hält 35 Prozent am Unternehmen.
Die vor Wochenfrist per SMS verschickte Frage, ob er im Rennen sei um Gujers Nachfolge sei, liess Müller bis heute unbeantwortet.
Die NZZ ist eine hervorragende Zeitung. Die Aufgabe von Gujer ist es nicht sich Freunde zu machen sondern die Zeitung zum Erfolg zu führen und genau das macht er.
Am liebsten würde ich noch ein Zweit- und Drittabonnement absegnen.
NZZ – weiter so❤️
Der NZZ ist ein Schundblatt.
Journalisten wissen nicht was echte Arbeit ist (am PC lustig Schreiben ist es sicher nicht) und darum brauchen sie manchmal mehr druck.
Wenn er gegangen ist wird er bald vergessen sein.
Das wird ihn dann allerdings überraschen.
Gujer oder Gruyère?
Who cares?
Alles 🧀
Die NZZ ist durch, wie die FDP. Die sehen ihr Heil in der EU und in woker Schreibe. Selbst wenn Roger Köppel übernehmen würde, es hilft nichts mehr.
Der Liberalismus ist genauso tot wie die freie Meinungsäußerung.
Ich habe die NZZ nach dem Rücktritt von Willy Bretscher Anno 1967 gekündigt.
Neff ist brillant. Wirtschaftsliberal und nationalkonservativ. Nirgends gibts so viele Neider wie auf den Redaktionen. Die Sonntags-NZZ hat Narrenfreiheit, das Resultat ist nicht NZZ-like, sondern Beliebigkeit. Patrik Müller? Also sorry, das wäre der Totalabsturz für die NZZ.
Während der Coronamassnahmen hat mich vor allem die NZZ enttäuscht. Das verzeihe ich ihr nie, dass sie sich für diesen Seich komplett hat einspannen lassen. Und dabei auf jegliche Distanz und kritisches Denken verzichtete. Seit da ist sie für mich auf einer Stufe mit Blick, Watson und Nau. Und das bestätigt sie jeden Tag aufs neue, wie das pietätslose Gondelvideo wieder bewies.
Die NZZ war einst ein Vorzeigeblatt. Heute zu 80 % nicht mehr lesbar.
Nationalkonservativ ist doch super!