Migros – Die „No Mercy“-Bank der Schweiz

Ferrari-Liebhaber Nedwed liquidiert Wertschriften-Depots renitenter Kleinkunden – will Retros – „Faire Gebühren“.

Gottlieb Duttweiler wollte zeitlebens eine Migros für die Kleinen. Seine Nachfolger in der Migros Bank schmeissen just diese Wehrlosen auf die Strasse.

Passieren wird das ab dem 30. September. Wer bis dann den neuen Depotvertrag der Migros Bank nicht unterschrieben hat, muss sich einen neuen Finanzpartner suchen.

Hintergrund ist die grosse Retro-Gebühren-Debatte. Dabei geht die vermeintlich soziale Bank gnadenlos vor.

„Ab Ende September beginnt die Migros Bank, Depots ohne neuen Depotvertrag zu saldieren“, sagt ein Sprecher auf Anfrage.

„Sollte der Kunde bis zu diesem Datum den Depotvertrag immer noch nicht zugestellt haben oder keinen Auftrag zum Transfer der Wertschriften erteilt haben, werden die noch vorhandenen Titel im Depot veräussert.“

Besonders brisant ist, dass der Kunde – darunter langjährige Partner – alle Risiken tragen. „Den Verkaufszeitpunkt legt die Migros Bank eigenständig fest“, bestätigt der Sprecher. „Mögliche Kurs- oder Währungsrisiken trägt der Kunde.“

Wie die Migros Bank das grosse Retro-Thema umsetzt, das nach einem Bundesgerichtsurteil von 2012 die Schweizer Gebührenlandschaft umpflügt, hat zu einem Aufruhr in der Kundschaft geführt.

Das Verhalten der Migros-Bank-Chefs grenze an „Nötigung“, meint stellvertretend einer. „Dies entspricht in keiner Weise dem genossenschaftlichen Gedankengut.“

Bei der Migros Bank am Steuer sitzt kein Duttweiler mehr, sondern ein Nedwed. Harald Nedwed, CEO der Migros Bank, der statt im Lastwagen zu den Leuten zu fahren, mit dem Ferrari durchs Baselland braust.

Nedwed und seine Bank haben ihren Kunden mehrfach Mahnbriefe geschickt, zuletzt diesen Sommer.

Als selbst das nichts nützte, griffen sie zum Telefon und riefen bei den Kunden zuhause an. Sie forderten diese inständig dazu auf, den neuen Depotvertrag rasch zu unterzeichnen.

Der Widerstand dagegen muss gross sein. Nur so lassen sich die Anstrengungen erklären.

Mit dem neuen Vertrag verlangt die Migros Bank von ihren Kunden explizit das Einverständnis, als Bank weiter Retro-Zessionen von Produkteanbietern für sich einzukassieren.

Andere Häuser wie die Bank Coop verzichten auf sämtliche Retros und geben diese unaufgefordert an ihre Kunden weiter. Ihren Retro-Verzicht nutzen sie für laute Eigenwerbung.

Auch die Migros Bank startete ins neue Retro-Zeitalter mit einer PR-Offensive. Als erstes Institut verkündete sie Anfang 2013, alle Kunden mit einem Mandat auf 10 Jahre zurück zu entschädigen.

Der Auftritt erzielte die gewünschte Wirkung. Doch der Migros Bank kostete ihr vermeintlich kulantes Verhalten ein müdes Lächeln.

Gerade mal 4 Millionen musste die Bank dafür aufwerfen.

Es förderte zutage, was schon zuvor zu erwarten war. Das Finanzinstitut des sozialen Kapitals ist keine Privatbank und hat entsprechend wenig Kunden mit einem Verwaltungsmandat.

Anders sieht es bei der Retailklientel aus.

Es sind die kleinen Kunden, die bei der Migros Bank im Zentrum stehen, gleich wie beim Finanzhaus von Konkurrentin Coop.

Beide Banken zählen zusammen mit den führenden Kantonalbanken und der Raiffeisen-Gruppe zu den führenden Retailhäusern der Schweiz.

Bei den unzähligen Kleinkunden geht es für die Migros Bank ans Eingemachte.

Hunderttausende von ihnen haben ihr Geld bei ihr, viele davon besitzen auch ein Wertschriftendepot – und sind damit direkt von der Retro-Debatte betroffen.

Das Urteil des Bundesgerichts umfasst formell nur Kunden mit einem Vermögensverwaltungs-Mandat (VV-Kunden). Diese müssen von den Banken zwingend entschädigt werden. Alle sind am Umsetzen des Urteils, wenn auch unterschiedlich schnell.

Umstritten sind hingegen zwei Punkte.

Ist die Rückerstattung für die letzten 5 oder 10 Jahre zwingend? Und: Gilt die Rückerstattung nicht nur für Kunden mit einem Mandat, sondern auch für solche mit einem reinen Beratungsvertrag?

Erfahrene Juristen, die das Urteil des höchsten Gerichts studiert haben, kommen unisono zum Schluss, dass die Banken umfassend die einkassierten Retros zurückerstatten müssen, also auf 10 Jahre zurück und inklusive Beratungskunden.

Die Migros Bank stellt sich hingegen auf den Standpunkt, dass dies offen sei. „Im Unterschied zu den VV-Kunden besteht bei den Depot-Kunden noch kein höchstrichterliches Urteil“, begründet ihr Sprecher.

Die Bank beruft sich auf andere Juristen.

„Verschiedene Rechtsexperten vertreten die Ansicht, dass bei der Betreuung eines Depot-Kunden – im Wesentlichen geht es oft nur darum, Empfehlungslisten abzugeben – nicht dieselben weitreichenden Treuepflichten bestehen wie bei einem VV-Kunden.“

Der Kern der Migros-Bank-Argumentation ist, dass man „fair“ zu allen Kunden sein wolle. „Banken, die auf Retrozessionen bei Depotkunden verzichten, erhöhen praktisch durchs Band die Depotgebühren oder führen neue Beratungsgebühren ein“, führt ihr Sprecher diesen Gedanken aus.

„Sie kompensieren damit zum einen den Ausfall an Retrozessionseinnahmen und zum anderen die nicht zu vernachlässigenden administrativen Kosten zur Feststellung, welche Kunden Anspruch auf die Retrozessionen haben.“

Dieses Vorgehen schaffe „Ungerechtigkeiten“.

„Denn höhere Gebühren treffen die gesamte Kundschaft, auch die vielen Kunden ohne retrozessionspflichtige Produkte. Diese machen gerade bei der Migros Bank einen hohen Anteil aus.“

Ferrari-Banker Nedwed präsentiert sich gerne als Retro-Pionier. In Tat und Wahrheit legt er das Urteil des Bundesgerichts so eng wie kaum ein anderer Banken-CEO aus.

Kommentare

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  1. Mit nur CHF 100 Kauf- und Verkaufskosten je Auftrag kann man nicht überleben. Aber auch die Migrosbank braucht Einnahmen, um alle Angestellten und Mieten bezahlen zu können. Also holen sie sich die Retro’s. Retro’s oder Gebühren rauf. Macht es einen Unterschied ? Nein, der Kunde muss es ja so oder so bezahlen. Es gibt halt nichts gratis, auch nicht bei der Migros

  2. Ping back: https://www.ktipp.ch/artikel/d/die-migros-bank-will-nicht-mehr-vorbild-sein/

    FINMA hat zwar Richtlinien erlassen, unter welche Bedingung die Bank ihre Kunde eine Verzichtserklärung runterjübeln kann d.h. sie muss transparent machen, wieviel die Kunden verzichten würde. Dies wurde von Migrosbank schlicht ignoriert und eine blanko Verzichtserklärung verschickt. Und FINMA tue nix dagegen??? Hmmm….

    Die Miggi Bank hat zwar günstige Kosten, ist aber auch ständig am Leistung abbauen. Sie mutiert langsam von Retail zu reine virtuelle Bank. Diese Niche ist aber bereits mit Bank zweiplus et al besetzt. Wird also Verdrängung nach unten wohl geben…

    • Sogar Bankschalter wurden eliminiert. Konnte man sich das Bankschalterpersonal nicht mehr leisten ?

  3. Es ist wie mit dem Obst bei der Migro. Kauft man es, ist es nicht reif. Wartet man dass es reif wird, beginnt es schon vorher zu faulen.
    Wie sagt man so schön? Der Fisch beginnt immer am Kopf zu stinken ….

  4. In der Tat, viele Gebaren der Migros Bank grenzen / stellen möglicherweise Nötigung, usf. dar. Selbst wenn man bei relativen kleinen Abwicklungsfehlern reklamiert, wird man gleich damit bedroht, dass das Konto saldiert wird und man gem. neuem Depotvertrag dann die hohen Kosten des Depottransfers selber zahlen muss (womit Reklamationen effektiv beseitigt werden) – kaum im Sinne von Dutti, der Migros und allenfalls noch gesetzeswidrig – DAS sind die effective Gebaren der Migros Bank!

  5. Die Migrosbank legt das Bundesgerichtsurteil natürlich zu Ihren Gunsten aus und begibt sich auf eine rechtliche Gratwanderung: es gelte nur für VV-Mandate. Im Urteil ist jedoch darüber nichts explizit erwähnt. Implizit kann abgeleitet werden, dass das Urteil sinngemäss und verhältnismässig auf alle Anlageprodukte angewendet werden soll. Die Migrosbank spekuliert daher auf einen Präzedenzfall und hofft natürlich, dass ihre Auslegung des Urteils obsiege. Leider mehr als fraglich, da die Rechtsprechung in ähnlich gelagerten Fällen die Transparenz und Gleichbehandlung ins Zentrum stellt. Auch wenn die Migrosbank – aufgrund ihrer Rechtsberater – meint, sich auf der sicheren Seite zu wähnen, so ist damit ein zweites höchstrichterliches Urteil zur Klärung der Anwendung auf alle Finanzprodukte bereits präjudiziert. Und ob dieses dann im Sinne der Migrosbank ausfällt ist kaum zu erwarten. Offenbar wartet die Migrosbank auf einen Kläger, um hier ein für allemal Klarheit zu schaffen. Im übrigen läuft die Androhung auf Verkauf aller Wertschriften bei nicht Unterschreiben des Depotvertrags auf eine Nötigung hinaus und ist zudem einer Geschäftsführung ohne Auftrag gleichzusetzen, da Währungs- und Kursrisiko analog der Depotexekution dem Depotinhaber überbunden wird: eine unverhältnismässige Massnahme, die in der Praxis nur im Notfall angewendet werden darf. Auch dies kann mit Fug mit einer Klage erfolgreich angefochten werden. Es scheint, dass auch hier die Migrosbank auf Kläger wartet.

  6. ihr wisst wohl nicht was ihr wollt. immer fordert ihr transparenz und wenn eine bank transparent infortmiert und ihre retros ausweist (denn das macht die migrosbank im vorliegenden fall), dann ists auch wieder nicht recht. lieber hättet ihr jetzt, dass alle kunden kollektiv die mehrkosten tragen müssen? was denn nun jetzt????
    mal davon abgesehen, dass die ganze retrodiskussion eh eine frechheit ist. warum greift man sich eine wirtschafts sparte heraus, die als einzige (!) branche keine retros nehmen darf? alle anderen (autoverkäufer, baubüros, vericherungen, etc. etc. etc.) machen munter so weiter und keinen störts. ich zweifle schon langsam am iq des durchschnitts schweizers…

  7. Bei der Migros Bank macht man aus Diversifikationsgründen ein Sparkonto, sonst nichts! Ist mir lieber als bei einem Derivathaus mit einer tickenden Zeitbombe im Keller. Ah ja, wer teuere (Index-)fonds kauft ist selber schuld…

    • Naja damit will man wohl die Einstellung und Prioritäten des Migrobank Oberhauptes darstellen.
      Dutti war halt sozial eingestellt Ihm war Kohle nciht derartig wichtig und hat Sie wohl auch nie so zu schau gestellt wie die heutigen Cheff Idioten. Der jetzige ist wohl mehr auf schnelle Autos aus als auf eine Sozial geführte Bank. Aber ist klar Ferari kostet natürlich viel Geld, da kann man einfach nicht so sozial sein….

  8. ich für meinen teil begrüsse das vorgehen der migros bank sehr, denn nur so kann der gleichmacherischen vorschriftslawine der FINMA überhaupt etwas entgegengehalten werden.
    es wundert mich auch nicht mehr, dass dieselben falkenschweifs & co. hier darüber motzen, dass die fondskunden weiterhin retros „bezahlen“ müssen, dafür aber die nicht-fonds-investoren in den genuss günstigerer depot-gebühren kommen. im nächsten beitrag wird l.h. dann wieder über all die banken herziehen, die zwar retros eliminieren, aber dafür dem kleinsparer die depotgebühren erhöhen, um die kosten zu decken.
    da ist mir die ehrlichkeit der m-bank doch viel lieber, egal, ob da der CEO ferrari oder golf fährt.

    • Migrosbank? Da würde ich kein Konto machen und wenn es nur noch Grossbanken wie UBS und CS gäbe!

      Wird mir schon fast schlecht, wenn ich an die Situation denke, dass ich eine Hypothek abschliesse oder einen Fonds kaufe und der Berater zu mir sagt:“Hönd sie mir gad no d Cumulus-Karte?“

      Nein Danke!

    • @Clude
      Sie sind ja bestens informiert. Jedenfalls zu meiner Zeit hat uns die Cumulus-Karte nie interessiert. Aber wenn Sie bereit sind für den Aktienkauf deutlich mehr zu bezahlen als via EBanking (CHF 40.00) oder via Kundenberater (CHF 100.00) dann gehen Sie nur zu den schuldigen Grossbanken….

    • @ Clude: Rabattmarken und -hefte gab es schon ganz früher, aber natürlich nicht bei den Banken: heute ist es die Migrosbank mit Cumulus und die Bank Coop mit Supercard, welchletzteres bekanntlich zu einem peinlichen Debakel führte. (Ist das Verfahren wegen fahrlässiger Bankgeheimnisverletzung eigentlich abgeschlossen?)

      Die Ironie an der Geschichte ist, dass es genau Duttweiler war, der damals von den üblichen Rabattsystemen in anderen Geschäften nichts wissen wollte, für seine Waren nur effektive Nettopreise verlangte und (unter anderem) damit Erfolg hatte.

    • @Ex-Migrosbänker: Auszug aus der Homepage der Migrosbank

      So punkten Sie während besonderer Aktionen

      Noch mehr Cumulus-Punkte können Sie während besonderer Aktionen der Migros Bank sammeln. Etwa beim Abschluss einer neuen Hypothek. Oder wenn Sie bei uns ein Vorsorgekonto eröffnen. Beachten Sie dazu unsere Beilagen zu den Kontoauszügen. Weitere Informationen finden Sie jederzeit auf unserer Internetseite.

    • @Clude
      Was ist schlecht daran, wenn ein Kunde beim Abschluss einer Dienstleistung zusätzlich Punkte für was auch immer sammelt.

      Sie als RB’ler wissen ja, wie das geht. Dazu brauche ich nur auf der Raiffeisen-Webseite die Mitglieder-Vorteile sowie das Memberplus-Programm anzuschauen. Also sachlich bleiben und nicht einfach „dreinhauen“. Danke!

    • @clude: ich weiss nicht, wo Ihr problem mit cumulus-punkten oder coop-superpunkten oder ubs-key-punkten oder swiss-meilen kommt, aber niemand zwingt Sie, irgendwas zu sammeln.
      wenn Sie lieber höhere kommissionen und gebühren bei ubs, zkb oder cs zahlen, be my guest!

  9. Das nennt man Vertragsfreiheit! Zudem, solche höchstrichterlichen und oftmals realitätsferne Entscheide verursachen nicht selten unangenehme Folgen für die „Schwächsten“. Das gleiche gilt für die Regulierungsflut der FINMA/SNB; gut gemeint ist nicht immer gut gemacht und führt IMMER zu höheren Kosten. Immer!

  10. Was erwartet Ihr überhaupt von einem Harald Nedwed? Leute, schaut doch einmal woher der kommt und insbesondere, das Werkzeug im Hintergrund was er mitbrachte in die Micros! Abgesehen davon, das er Ferrari fährt und damit klar zeigt was er für ein gigantisches Problem hat- wenig! Die Idee des Micros Gründers ist schon längst ausgehöhlt und nicht erst begonnen, mit der Übernahm vom Denner…..!