Das Ende der Euro-Kursbindung

Im neuesten Inside-Video haben wir uns etwas zum Fenster hinaus gelehnt und vorausgesagt, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Bindung des Schweizerfrankens an den kranken Euro in den nächsten 6 Monaten aufheben werde. Nur einen Tag später wird dies zur Gewissheit.

Im grossen Interview in der NZZ am Sonntag empfiehlt Professor Ernst Baltensperger der SNB, die Mindestkursanbindung des Frankens an den Euro aufzuheben. Baltensperger ist nicht irgend jemand, sondern der führende wissenschaftliche Experte in der Schweiz für  Zentralbankfragen und für die Geld- und Währungspolitik.

Doch nicht nur das. Er ist seit Jahrzehnten der verlässliche Verbündete des SNB-Direktoriums. Er war an der Universität Bern Doktorvater und Lehrmeister von Thomas Jordan, mit dem er im Jahr 1993 eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Die Schweiz und die Bestrebungen zur Bildung einer Europäischen Währungsunion“ publizierte.

Im NZZaS-Interview antwortet Baltensperger auf die Frage, ob Jordan noch auf seine Ratschläge höre: „Wir tauschen unsere Meinungen immer wieder aus.“ Auf die Folgefrage, ob er den neuen Vorschlag mit Jordan diskutiert habe, sagt er: „Bis jetzt ergab sich keine Gelegenheit.“ Das ist kaum wörtlich zu nehmen. Oder dann ist die Übereinstimmung auch ohne Diskussion selbstverständlich.

Für Baltensperger bestehen drei grosse Risiken der Frankenbindung an die Schwachwährung Euro. Erstens besteht die Gefahr, dass die SNB die riesigen Devisenanlagen, die sie zur Verteidigung der Kursuntergrenze angehäuft hat und immer noch anhäuft, nicht rechtzeitig wieder abbauen kann.

Zweitens wird der politische Widerstand gegen die Aufhebung der Untergrenze desto grösser, je länger diese verteidigt wird. Das dürfte sich in den nächsten Tagen bereits zeigen. Die Gewerkschaften und „die Wirtschaft“ werden Sturm laufen.

Drittens kann die heutige SNB-Politik zu gesamtwirtschaftlichen Fehlentwicklungen führen, die schwer zu korrigieren sind. Baltensperger nennt als Beispiel die Fehlinvestitionen auf Grund des Nullzinses, insbesondere im Immobilienbereich. Demgegenüber betrachtet er das Risiko von Verlusten auf den riesigen Devisenbeständen als geringer.

Zu Recht stellt Baltensperger fest, dass das heutige Mindestkursregime „von Anfang an eine vorübergehende Notmassnahme für turbulente Zeiten“ war. Das hat man von der SNB leider schon lange nicht mehr gehört. Noch kurz vor Weihnachten sagte Thomas Jordan anlässlich der Einführung von Negativzinsen: „Die Nationalbank ist unverändert bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen, um den Mindestkurs mit aller Konsequenz durchzusetzen“.“

Da hätte er besser auf seinen Doktorvater gehört, der zu den Negativzinsen sagt: „Ich bin skeptisch. […] Negativzinsen können an den Märkten auch den Eindruck erwecken, man sei unsicher, ob die Mindestkurspolitik erfolgreich bleibt.“

Und was schlägt Baltensperger als neue Politik vor? Eine Senkung des Mindestkurses auf 1,10 Franken erachtet er nicht als sinnvoll. „Man könnte den jetzigen Mindestkurs durch eine Untergrenze für einen Währungskorb ersetzen, der beispielsweise je zur Hälfte aus Dollar und Euro besteht.“

Hier besteht ein Unterschied zu unserem Vorschlag, den Mindestkurs gegenüber dem US-Dollar festzulegen, und zwar auf 1 Franken pro Dollar. Das wäre sehr viel einfacher zu kommunizieren, und zur Überwachung bräuchte es nicht einmal einen Taschenrechner.

Wirklich grundsätzlich ist der Unterschied zwischen dem Baltenspergschen Währungskorb und der Geigerschen Dollaruntergrenze nicht. Das ist eher eine Frage der Grössenordnung.

Zur Erklärung ist eine Beurteilung der Lage vorzunehmen. Irrtümlicherweise nehmen wir häufig an, die SNB könnte den Wechselkurs des Dollar oder des Euro beeinflussen. Das ist falsch. Sie kann durch Währungstransaktionen nur den Wechselkurs des Schweizerfrankens beeinflussen.

Ob sie das durch den Kauf oder Verkauf von Euro oder von Dollar macht, spielt keine wesentliche Rolle, denn sie wird damit den EUR/US$-Kurs nicht verändern. Dies zeigt ein Blick auf den Devisenmarkt.

Der Devisenumsatz betrug im April 2013 5’300 Milliarden Dollar. Pro Tag, wohlverstanden. Davon entfielen rund 1’300 Milliarden auf den US$/EUR-Handel, und nur 3,4 Milliarden auf den Handel von US$/CHF und lediglich 1,3 Milliarden auf den EUR/CHF. Mit dem Franken bewegt man den EUR/US$-Kurs sicher nicht.

Ein Rechenbeispiel zeigt die Mechanik und den Unterschied zwischen den zwei Varianten: Heute hat der Baltenspergsche Währungskorb einen Kurswert von 1,10 Franken (1,20 CHF für den Euro, 1 CHF für den Dollar).

Steigt der Dollarkurs gegenüber dem Euro um 10 Prozent und bleibt der Franken bei 1,20 Euro, steigt der Kurswert des Korbes auf 1,15 Franken. Damit müsste die SNB den Mindestkurs um 4,5 Prozent erhöhen.

Legt die SNB dagegen einen Mindestkurs von 1 Dollar fest, dann sinkt der Wert des Währungskorbes auf 1,05 Franken. Der Euro würde bei dieser Lösung von 1,20 auf 1,09 Franken sinken. Die Geigersche Lösung ist damit einfacher und wirkt stärker als der Währungskorb. Und von der nächsten Eurokrise wären wir damit im Windschatten des Dollars bestens abgeschirmt.

Zum Thema der schweizerischen Wechselkurspolitik bleibt eine grundsätzliche Anmerkung. Die Schweiz verfolgte seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1973 eine Politik des starken Frankens.

Mit der starken Währung ist seither eine einzigartig erfolgreiche Wirtschaft verbunden. Innovative und wettbewerbsfähige Unternehmungen, Vollbeschäftigung und hoher Wohlstand sind das Ergebnis dieser Politik.

Der Übergang zu einer Politik des schwachen Frankens im Herbst 2011mwar im Sinne einer vorübergehenden  Notmassnahme vertretbar. Der Zeitpunkt für eine Rückkehr zu den alten Tugenden ist jetzt gekommen.

Mit dem Übergang zu einer Kursuntergrenze von 1 Dollar, welche in nächster Zeit kaum in Gefahr kommen sollte, sollte es der SNB auch möglich sein, Devisenanlagen zu verkaufen und ihre überdimensionierte Bilanz allmählich wieder zu reduzieren.

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6 Kommentare zu “Das Ende der Euro-Kursbindung

  1. Jede Form von Anbindung des CHF an irgendeine Währung ist Quatsch und so musste auch der Euro-Mindeskurs scheitern. Niemand kann sich auf Dauer gegen den Markt stemmen, schon gar nicht die kleine Schweiz mit ihrer kleinen Volkswirtschaft. Seit dem IWF-Beitritt der Schweiz und der damit erzwungenen Aufgabe des Goldstandards, der Abändunderung des Nationalbankgesetzes muss die Nationalbank den Bundesrat VOR wichtigen Massnahmen nicht mehr informieren. Seit 2011 ist die SNB selbst zu einem der grössten Spekulanten geworden und hat so ihre eigentliche Aufgabe sträflich vernachlässigt. Ihre gigantischen Fremdwährungsbestände kann sie jetzt nur noch mit massiven Verlusten abbauen, was den EURO weiter schwächen wird. Die künstliche Festsetzung eines EURO-Mindestkurses war eine Schnappsidee wie sie nur einem Akademiker einfallen kann. Vielleicht sollte sich die SNB in Zukunft mit der Chinesischen Zentralbank beraten, deren Mitarbeiter allesamt im HANDEL gearbeitet haben und deshalb aus eigener Erfahrung wissen, wie Märkte funktionieren.

  2. In den Berichten der Journalisten über die Pressekonferenz Jordans am Mittag war nichts zu lesen, dass jemand gefragt hätte, warum nicht der Vorschlag Baltensperger’s realisiert wurde.
    Wie soll man sich das erklären?

  3. Ich glaube, dass die SNB gerade noch einmal „die Kurve gekratzt hat“. Die Buchverluste, die sie zunächst einmal hat, sind durch Spekulationsgewinne gedeckt. Wenn natürlich Spekulationsgewinne ausgeschüttet wurden, dann ist das ein anderes Problem.

    Weiters glaube ich, dass die Märkte die Schweiz neu bewerten werden. Man wird sich fragen, ob der extreme Erfolg der Schweiz fortgesetzt werden kann. Man wird sich fragen, ob die Schweizer Exportwirtschaft in eine Krise mit der verbundenen Arbeitslosigkeit stürzen wird. Man wird sich Fragen, ob Schweizer Immobilien wirklich so viel wert sind, wie sie derzeit in Devisen erscheinen.

    Und wer weiß schon: vielleicht wird sich ein Run IN den CHF drehen in einen Run AUS dem CHF?

    • Ja genau, diese eine Kurve wurde gerade noch knapp rechtzeitig genommen.

      Ob die Buchverluste wirklich gedeckt sind, wage ich solange zu bezweifeln bis das Gegenteil bewiesen ist!

      Wenn ‚die Märkte‘ den CHF neu bewerten, fliesst immer auch sehr viel frommer Glaube und das Verhalten der Lemminge mit ein: Kurz und gut – niemand weiss es im Voraus auch nur annähernd.

    • @Trickler
      Man muss nur schauen, wieviel Rückstellungen die SNB den Währungsrisiken seit dem Mindestkurs zugeführt hat und wievel sie an Devisenkurs-Gewinnen verbucht hat. Und das dann vergleichen mit dem Eigenkapital per Monatsende (Ausschüttungen zurückgerechnet).

  4. EinSchritt in die richtige Richtung aber auch vollkommen falsch. Keine Anbindung des CHF an irgend eine Währung oder Währungskorb. Der Markt muss es richten. Diue bisherige Politik hat einen Ausstieg aus derselben sehr schwierig gemacht. Nun kommt ein Ende (hoffentlich!!!) mit Schreken, aber lieber noch das als umgekehrt.
    Die SNB-Spitze muss man unbedingt in die persönliche Haftung nehmen. Was die getan haben, kann nicht unter „ist halt schief gelaufen“ oder „Dummheit“ abgetan werden. Das war höchst unprofessionell und ungetreue Geschäftsführung!