Stossgebete

Wie jeden Tag schalte ich kurz vor 18:00 Uhr den kleinen DAB Radio ein und warte auf das „Echo der Zeit“, das Beste, was es in Sachen Nachrichten im Service public zu hören gibt.

Leider will der gleiche Service mir die Wartezeit mit dem immer gleichen Börsenbericht verkürzen: leichte Erholung der Börsenkurse in der Schweiz, das Seco erwarte nun doch wieder zweidreiviertel Prozent Wachstum anstatt nur zweikommasechs.

Dazu Stabilisierung der Kurse an der Wall Street trotz drohendem Handelskrieg, da die Beschäftigungssituation in den USA weiterhin gut ist.

Diese Wachstumsprognosen und Beschäftigunsgrad-Statistiken umrunden die Börsenberichte wie Planeten eine Sonne. Was da genau wächst und wofür wir 100% schuften sollen, das spielt offenbar keine Rolle, wenn es darum geht, ein börsenfreundliches Klima zu schaffen.

Hab ich ihnen eigentlich schon folgende Geschichte erzählt? Es war 1974, während der WM in Deutschland, ich war gerade an einem Segelfliegerkurs in Amlikon. Unser Fluglehrer erinnerte uns an einen Unfall, der sich vor einiger Zeit an gleicher Stelle ereignet hatte.

Ein erfahrener und ehrgeiziger Segelflieger kreiste wie gewohnt über dem Wald vor der nahen Anhöhe, wo normalerweise Aufwind zu erwarten ist. Und tatsächlich, der Steigungsmesser zeigte zwei Meter Höhengewinn pro Sekunde an.

Gebannt starrte der Pilot unablässig auf das Instrument, um die Zone der aufgehenden Luft nicht zu verpassen. Bis er endlich wieder einmal nach draussen schaute, und die Wipfel der Bäume sah. Der Flieger sei mit ein paar Prellungen davongekommen.

Der Steigungsmesser ist ein relativ simples mechanisches Instrument, das tatsächlich kaputt gehen kann. Ob wir so glimpflich davonkommen werden, wenn wir wie blöd nur auf diese Wachstumsprognosen und Arbeitslosenstatistiken starren?

Wieso werden eigentlich nicht andere Zahlen verkündet, wenn es darum geht, das Vertrauen in unsere Zukunft zu erhalten: die Preise für CO2-Zertifikate, ob die Zahl derjenigen, die unter dem Existenzminimum leben, abgenommen hat, die neuesten Firmen, die wirklich fairen Handel betreiben, der Leistungsgrad der neusten Solarzellen.

Die Forderung nach mehr Wachstum und Vollbeschäftigung als Basis dafür, dass es allen besser gehen wird, ist so dumm wie die Aussage „Wenn es Amerika gut geht, geht es allen gut“. Man sollte Wachstum als ökonomische Variable endlich streichen.

Aber klar, jetzt kommt der stärkste Gegenstich: Deine Pension profitiert doch auch von den steigenden Kursen. Ich habe langsam den Verdacht, dass die zweite Säule in der Schweiz nur darum eingeführt wurde, um allen Kritikern einer börsenhörigen Wirtschaft ein für alle Mal den Wind aus den Segeln zu nehmen. In gleicher Weise hat man früher Kritiker des europäischen Kolonialismus weggewischt: „Aber du profitiersch doch au!“

Sie können sagen, da sei ein blinder Prediger am Werk, ein ökonomischer Antichrist, ich aber sage ihnen, die täglichen Börsenberichte, das sind die Stossgebete unserer Religion Ökonomie.

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8 Kommentare zu “Stossgebete

  1. Die Firmen und Staaten wachsen nicht freiwillig und die steigende Börsen sind nicht die Ursache, eher ein Symptom. Wachstum ist nur wichtig, weil man durch den exponentiellen ansteigenden Zins und Zinseszins durch Verschuldung gezwungen ist ständig mehr zu Wachsen, ansonsten würde das System zusammenbrechen – was auch ca. alle 75 Jahre geschieht. Da auf der Erde das Wachstum begrenzt ist. Das Wirtschaftswachstum ist keine natürliche Funktion, die aus Innovation heraus resultiert, sondern sie besteht aus Zwang und sie bringt auch nicht wirklich Innovation hervor, sondern sie führt zu Mittelmässigkeit.

    Da Zins und Zinseszins mit der Kreditvergabe nicht mitgeschöpft werden, werden Firmen und auch Staaten dazu gezwungen, das Geld für die Zinskosten immer aggressiver zu erwirtschaften – um das Geld anderen wegzunehmen.
    Massenentlassungen, ständige Umstrukturierung in den Betrieben, Fusionen und Firmenverkäufe, auch Kriege sind die Folgen von Zins und Zinseszins!

    Die US-Steuerzahler bezahlen aktuell jährlich 1 Billion Zins und Zinseszins nur für Schulden. Das bedeutet, dass die USA immer mehr Kriege führen müssen, um die Zinsen und Zinseszinsen erbeuten zu können. Ansonsten sind die USA zahlungsunfähig. Die USA versuchen schon lange über Economic Hitman (siehe Buch und Doku auf YouTube) Ressourcenreiche Länder in eine hohe Verschuldung zu treiben und danach werden die Länder über Ratingagenturen angegriffen. Womit sich die Zinssätze verschlechtern und Schulden erhöhen, bis sie unbezahlbar sind und das Vermögen des Landes für ein Butterbrot verhökert wird – siehe aktuell Griechenland. Diese Spiel betreibt die USA fast mit jedem Land, nur mit Libyen (zu Zeiten von Gaddafi), Syrien, Iran, Russland und Nordkorea funktionierte dies nicht, weil diese Länder eine sehr geringe Staatsverschuldung haben. Zufällig sind dies alles die größten Konfliktstaaten.

    Sobald die Schulden höher sind als das Wirtschaftswachstum, dann wird es brandgefährlich und diesen Zustand haben wir etwa seit 1985. Wenn man betrachtet, was seither politisch, wirtschaftlich geschah und in immer schnelleren Abständen immer mehr negative Ereignisse geschehen, dann sieht man wie gefährlich das aktuelle Geldsystem ist. Am Ende dieser Entwicklung steht immer entweder ein Supercrash und oder ein weiterer Weltkrieg.

    Global gesehen haben wir einen durchschnittlichen Zins auf Staatsschulden von etwa 9-13 Prozent. Die Auswirkungen davon sieht man täglich in den negativen Berichten der Nachrichten, nur dass niemand die wahren Ursachen erklärt. 105 Länder sollen kurz oder unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit der Zinsen und Zinseszinsen stehen. Aus dem Kopf sollen glaub 21 Länder bereits Zahlungsunfähig sein.

    Die exponentielle Funktion wird immer wieder unterschätzt. Ein Beispiel: Wenn ein Staat einen Kredit von 1 Million zu 9 Prozent aufnimmt und weder Zinsen und Zinseszinsen an die Bank bezahlt, dann verdoppelt sich die Schuld nach 9 Jahren. Nach 13 Jahren wird sie verdreifacht, nach 17 Jahren vervierfacht, in 50 Jahren werden daraus über 74 Millionen, nach 100 Jahren sind es 5 Milliarden.

    Argentinien hat mit 25 Prozent die höchsten Zinsen auf Staatsschulden. Bei 25 Prozent schlägt die erste Verdoppelung der Schuld schon nach 4 Jahren zu, nach 10 Jahren hat man aus einer anfänglichen Million Schuld schon 9.3 Millionen. Argentinien hat so keine Chance je wieder hochzukommen und das ist von den USA gewollt. Argentinien hat 2016 $133 Milliarden neue Schulden aufgenommen. Seither hat die USA die Leitzinsen für den Dollar erhöht. Dies wird vielen Ländern hart zusetzen.

    Das dieses Geldsystem nicht funktioniert kann man anhand von Zins sehr leicht mathematisch beweisen. Aber keine Partei, kein Banker oder SNB-Chef, noch Medien sagen auch nur ein kritisches Wort zu Zins und Zinseszins. Zinskritiker werden gar in die rechte Ecke geschoben, damit man nicht darüber diskutieren muss.

    Von einem Bankinsider weiß ich, dass in den Banken die Teppichetage bestens Bescheid wissen, was Zinsen verursachen. Die mittlere und untere Riege hat davon keine Ahnung. Dieser Insider fragte das Management, wie sie Zinsen mit ihrem Gewissen verantworten können, er wurde darauf von Management verwarnt, er solle die Klappe halten.

    • Eine sehr gute Analyse, ich bin vollkommen mit ihnen einverstanden. Es kann gut sein, dass der nächste Zusammenbruch der letzte sein wird.
      Vielen Dank für den kompetenten und ausführlichen Bericht.
      Toni Saller

    • Sie schreiben hier nur über den monetären Aspekt. Man müsste in den ganzen Überlegungen auch die stetig steigende Produktivität einbringen. Diese führt zu einem Warenüberschuss, tiefen Preisen, (ist toll im ersten Moment) und erodierenden Margen. Nur das heisst, dass weniger Menschen benötigt werden, dass mit dem halben Arbeitsaufwand die Arbeit getan ist und die Menschen entlassen werden. Das gilt nicht nur für Banker, das gilt für die Werber und Marketingleute und eigentlich für alle Berufe. Jetzt trifft es erst mal die Alten. Aber diese Barriere wird laufend nach unten geschoben. In Kürze werden wir auch 20% Einkommenslose Mitmenschen haben. Die hohe pseudo Beschäftigung kommt daher, dass noch viel Geld bei der Nachkriegsgeneration ist. Diese finanzieren ihren Jungen und teils auch für sich selber die ICH AG. Aber in absehbarer Zeit sind auch diese Vermögen verpufft. Was dann????

  2. In der Tat lassen sich sehr viele Leute von all den veröffentlichten Werten manipulieren.

    Und was ich besonders erschreckend finde, die Profis am meisten.

    Wenn dann mal Zweifel kommen, redet man sich ein, dass der Markt ja nach den veröffentlichten Zahlen regiert und nicht nach der Realität.

    Eine jahrelange solche Tätigkeit in Addition mit der Propaganda von Staat und Medien führt dann zu einer substanziellen Hirnwäsche.

    In den nächsten Jahren werden diese Menschen eine ganz schwere Zeit haben da ihr gesamtes Weltbild kolossal zusammenstürzen wird. Sie merken, dass alles auf dem Kopf stand.

    • Danke, für die realistische Analyse. Hoffentlich werden SIE erhört. Die Zahlen der ausgesteuerten über 50-jährigen wäre ebenfalls ein wichtiger Indikator um zu sehen wo der Schuh wirklich drückt.

    • Danke, für die realistische Analyse. Hoffentlich werden SIE erhört. Die Zahlen der ausgesteuerten über 50-jährigen wäre ebenfalls ein wichtiger Indikator um zu sehen wo der Schuh wirklich drückt. M.Gasser

  3. Liebe SRG. Börsenberichte im Radio und auf SRF (vor Tageschau)
    bitte einsparen. Und die Billag um ca. CHF 25.00 verkürzen.
    Wenn ihr noch die herzigen „Reislis in alle Welt“ von ‚Mona und so‘ einspart, sparen wir auch nochmal einen 25er. NB: Macht doch diese Reislis in Koopertion mit Schweiz Tourismus – die wollen und bekommen 240Mio Werbegeld vom Bund, da kann man abschöpfen.
    Sonniger Sommer – strahlende Börsenkurse online.