Bruggisser, Ospel, Sepp Blatter, Vincenz – Abheben ist kein Naturgesetz, sondern Grössenwahn

Auch auf IP werden alle Artikel über Raiffeisen oft so abgeschlossen: Immerhin muss man Pierin Vincenz zugutehalten, dass er Raiffeisen zu dem gemacht hat, was sie ist, zu der drittgrössten und heute systemrelevanten Bank der Schweiz.

Das ist verdächtig ähnlich, wie vor drei Jahren beim Sturz von Sepp Blatter. Immerhin habe der die FIFA zu einem Milliarden-Unternehmen gemacht. Noch ein bisschen weiter zurück, und wir sind bei Marcel Ospel, der die UBS immerhin zur Nummer Eins der Welt gepuscht habe. Vor 10 Jahren erlebte das Land die Folgen.

Wieso sagt man nicht von Philippe Bruggisser, dass er die Swissair wenigstens von einer nationalen Fluggesellschaft zu einem internationalen Konzern gemacht hat? Klar, weil es dort total daneben ging, nicht nur fast.

Dass es aber das gleiche, gierige und rücksichtslose Streben nach Grösse und Wachstum ist, das dahintersteckt und kritisiert werden müsste, wird nicht erwähnt.

Dabei wäre Bruggisser noch der Unschuldigste, weil er wohl nur eine Managementstrategie von aussen, von McKinsey eingeflüstert, umgesetzt hatte.

Was den moralisch und teilweise strafrechtlich in Ungnade gefallenen Wirtschaftslenkern zugute gehalten wird, ist gerade die Ursache für den Skandal: ihr teilweise gelungener Versuch, grössenwahnsinnige Ideen umzusetzen.

Diese Gesinnung ist doch das Übel, das früher oder später in die Katastrophe führt.

Ich suche verzweifelt nach einem Beispiel, wo eine Firma oder Organisation bescheiden und zurückhaltend geblieben ist, bei ihrem Stammgeschäft und ihren Stammkunden. Klar, man findet sie nicht, alle aufgekauft, in grösseren Konzernen aufgegangen und geschluckt.

Aha, wird jetzt wohl eingeworfen: Das ist doch der Beweis, dass man nur mit Grösse im Dschungel des Kapitalismus überleben kann. Der Grössere frisst den Kleineren, das sei in der Natur auch so.

Vielleicht in der Natur, werde ich dann einwerfen, wobei es wohl auch da nicht ganz stimmt; denn ich vermute mal, am Schluss gewinnen doch die Viren.

Aber es wird gerne so getan, dass auch die Wirtschaft den gleich gefrässigen Gesetzen unterliegen würde, wie sie ein Hai in einem Fischteich durchzusetzen pflegt: Friss oder stirb.

Als Aussenseiter und Ethnologe möchte ich hier den berühmtesten Ethnologen zitieren, der mit der Mär von diesem ‚“esellschaftlichen Naturgesetz“ aufgeräumt hat – was allerdings noch nicht zu den Ökonomen durchgedrungen zu sein scheint.

Er hat nämlich nach vielen Studien postuliert, dass die komplizierten Verwandtschaftsstrukturen von Stammesgesellschaften auch dazu dienen, sich gerade nicht zu entwickeln, sich dem „Grösser werden“ zu entziehen. Er formulierte es, auf den Punkt gebracht, unvergleichlich elegant so: „Es würde einen modernen Geist erstaunen, welche Anstrengungen wilde Gesellschaften unternehmen, dem Wandel zu widerstehen.“

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14 Kommentare zu “Bruggisser, Ospel, Sepp Blatter, Vincenz – Abheben ist kein Naturgesetz, sondern Grössenwahn

  1. Aha… aber dann dürfte man sich um den Fall von FAGMA (Facebook, Apple, Google, Microsoft, Amazon) „freuen“… Was danach kommt lässt nur zittern.

  2. Gute Analyse, was fehlt ist die Ursachensuche. Der Grund für die sich immer wieder wiederhohlenden Megaabstürze liegt ganz einfach beim psychologischen Typus dieser grössengetriebenen Firmenlenker, Berater und Politiker. Informieren Sie sich über diesen Typus Mensch und es wird Sie nichts mehr erstaunen. Solange diese Art sich halten kann, wird sich gar nichts ändern.

  3. Berechtigte Frage!
    Und durchaus auch eine Überlegung wert: wieso ist eine Sowjetunion zerfallen in viele kleinere Einheiten, dito Jugoslawien? Warum ist die Schweiz international nach wie vor erfolgreich? Wieso kam es zu einem Brexit? Katalonien?
    Grösse allein ist so wertvoll wie Gewicht: für einen Wrestler definitiv wertvoller als für ein Model auf dem Laufsteg – immer alles eine Frage des Standpunkts!

    • Der Vergleich mit der Sowjetunion hinkt sehr. Erstens ist die Sowjetunion gar nie wirklich zerfallen, sondern es war ein Trick, um den Westen militärisch nachlässig zu werden zu lassen. Die meisten Satellitenstaaten der Sowjets arbeiten immer noch eng für die Russen, abgesehen vielleicht von denjenigen, die zu Natostaaten wurden.
      Die Strategie die dahinter steckt nennt sich die kommunistische Langzeitstrategie, darüber gibt es zahlreiche gute Bücher, u.a. Thorsten Mann, andere siehe Link:
      http://www.ausmeinersicht.com/Golitsyn.htm

  4. Der Verfasser in hohen Ehren, aber er macht, zumindest bei SWISSAIR, einen kapitalen Fehler:

    Brugisser war wohl CEO damals. Ausgeheckt hat den desaströsen Plan aber die US-Beraterfirma McKinsey (wen wunderts), das oberste Organ der Swissair, der VR inkl. VRP hat dann zugestimmt und CEO Brugisser damit beauftragt diesen auszuführen.

    Diese Verwaltungsräte sind dann aber schnell zurück getreten resp. abgehauen als Schieflage offenbar wurde oder/und haben ihre Wertsachen, Häuser schnell-schnell ihren Ehegatten überschreiben lassen, wie z.B. Moritz Suter (!!)

    Ganz grosse Ausname: Die grossartige Vreni Spörri welche nachträglich freiwillig 1M zurück bezahlte. Chapeau!

    • Dazu möchte ich zwei Punkte erwähnt wissen:
      1. Es war nur Thomas Schmidheiny der eingestanden hatte, dass er Fehler machte. Er bedauert heute noch, dass er sich bei der Swissair als VR einspannen lies. Hat er sich seit dieser Zeit ja auch völlig zurück gezogen.
      2. Vreni Spörri hat die 1 Mio. die sie angeblich zurück bezahlt hatte über synthetische Kredite finanziert, von der Steuer absetzen konnte und- dies führte dazu, dass sie die 1 Mio. dem Steuerzahler so entzogen wurden. Für sie, ein Nullsummen Spiel!

    • Ihren Kommentar in Ehren aber sie scheinen vom Verhältnis zw. Hrn. Ph. Bruggisser und „seinem“ VR keine Kenntnisse zu haben. Ph.B. hat es verstanden, den VR so zu manipulieren, damit er abgesegnet bekam was er für richtig hielt. Und dies beinahe ausnahmslos.

      Das gleiche Schema bei den „Presidents Meetings“ mit den CEOs/VRPs seiner zugekauften Airlines. Darunter war MS eindeutig einer der Lustigsten wenn auch nicht kompetent und üblicherweise schlecht vorbereitet.

    • Habe ich geschrieben:
      … Dabei wäre Bruggisser noch der Unschuldigste, weil er wohl nur eine Managementstrategie von aussen, von McKinsey eingeflüstert, umgesetzt hatte …

  5. Ja, diesen Grössenwahn, Herr Saller, hat im sprichwörtlichen Sinne der Chef von „Goldmann-Sachs“, Lloyd Blankfein, deutlich artikuliert mit der Selbsteinschätzung, dass er nämlich „Gottes Werk“ verrichte. Solche Menschen haben mit ihrer Bereicherungs- und Wachstumsmentalität jegliches Mass zur Mitte, zu einer gewissen Genügsamkeit, verloren. Es fehlt ihnen auch die Distanz zum eigenen Handeln und sie lassen sich lediglich vom internationalen Wettbewerb, dem Shareholder-Value und der Höhe des eigenen Bonus antreiben. Solche Beispiele – die leider immer häufiger werden – stellen ja auch Ehrlichkeit, Bescheidenheit, soziale Verantwortung und Genügsamkeit in Frage, was gesellschaftliche Auswirkungen hat: es führt schliesslich zu einem grenzenlosen Egoismus, zur moralischen Verwahrlosung und Brutalisierung unserer Gesellschaft. Wir betreiben einen moralischen Darwinismus, meinen immer besser zu werden und wundern uns wenn es schief geht.

  6. Es ist ja nicht so, dass das Gegenteil von Grössenwahn Schrumpfung bedeutet. Nicht jede Wachstums- und Innovationsmotivation muss gleich gefährlich sein.
    Gefährlich wird es immer dann, wenn das Vorgehen als alternativlos dargestellt wird (ist es nie!) oder die Vorgänger bzw der Wettbewerb nur Deppen sind bzw. man(n) der Welt endlich zeigen will, wie man(n) es richtig macht und das immer gleich mit dem ganz grossen Besen.
    Es gibt eine Vielzahl von Unternehmen, die ganz vieles richtig machen. Bezeichnenderweise brauchen diese aber nicht den Glamour, die Medien und internationale Konferenzen, um sich im Neid oder der Zuneigung anderer zu suhlen.

  7. Da gibt es durchaus gute Beispiele für KMU’s, denen es mit der erreichten Grösse super geht, MA anständig entlöhnt werden und Kunden, Chef und MA zufrieden sind. Z.B. Mohrenkopf Dubler! Es gibt lesens-/hörenswerte Interviews mit Robert Dubler zu finden, in denen er erklärt, warum die erreichte Firmengrösse die perfekte ist, weshalb ständiges Wachstum nichts bringt, und wieso er Ende Monat seine MA in Bar (!) ausbezahlt…

    Von diesem wirklich guten Unternehmer könnte noch so mancher Manager, der unter Hybris leidet, äusserst Interessantes lernen…

  8. Gut gesagt und endlich mal wieder.
    Small is beautiful!
    Ob die Suche nach einem kleinen Unternehmen, das so bleiben will, erfolglos sein müsse?
    Das glaube ich nicht, sie schreien wohl weniger, also müsste man sie suchen gehen!