Die inverse Zinskurve: Grund zu Panik

Langfrist-Schuldpapiere mit tieferem Zins als bei Kurzfrist-Bonds sind sicherer Indikator für Rezession.

Vermutlich sind die meisten Leser in den letzten Wochen über einen Artikel zur „inversen Zinskurve“ oder auf Englisch „inverted yield curve“ gestossen. Und vermutlich wurde recht kompliziert ein sehr einfaches Phänomen erklärt: nämlich dass man für Anleihen mit längerer Laufzeit logischerweise mehr Zinsen bezahlen muss als für Anleihen mit kürzerer Laufzeit, da es mehr unbekannte Ergebnisse gibt und die Verbindlichkeit länger andauert – sprich das Risiko grösser wird.

Ist dies nicht mehr der Fall (was historisch sehr selten vorkommt), ist – salopp gesagt – etwas nicht mehr in Ordnung. Und genau dies ist bei US Treasury Bonds (Staatsanleihen) und abgeschwächt bei japanischen Anleihen nun eingetreten.

Wie kann man nun feststellen, ob die Kurve „invers“ ist? Man geht auf die frei zugänglichen Zinstabellen wie Bloomberg oder – noch besser, weil direkt in Excel oder einem Programm integrierbar – verwendet die API von quandl.com.

Die folgende Tabelle habe ich aus meiner Applikation mit quandl als Datenquelle:

Die aktuelle US-FED-Rate beträgt 2.00-2.25% – die Zinsen einer 1-monatigen Staatsanleihe beträgt 2.4%, 2 Monate 2.42% usw., 1 Jahr 2.57%, und dann (Achtung) haben wir für die 2jährigen bis 7jährigen eine Anomalie, da diese weniger abwerfen als die 1jährigen.

Seit wann ist das so? Etwa seit Weihnachten. Wie ist das zu interpretieren? Mit Sicherheit kann man sagen, dass etwas „nicht in Ordnung“ ist. Durchaus zulässig ist wohl auch die Interpretation, dass der Markt erwartet, dass das FED entgegen seiner Ankündigung die Leitzinsen senken und nicht anheben wird.

Das macht das FED nicht „freiwillig“, sondern die US Notenbank wird vom Markt dazu gezwungen – im Normalfall, weil die Wirtschaft in einer Rezession steckt oder droht, in eine Rezession zu fallen. Ist die Zinskurve ein aussagekräftiges Instrument? Absolut – wesentlich treffsicherer als Konjunkturforschung und Ähnliches.

Was heisst das für den Aktienmarkt? Bisher ist noch jeder Rezession eine „inverse Zinskurve“ vorausgegangen, und entsprechend sind Aktienmärkte getaucht oder nahezu kollabiert. Also verkaufen?

Zwei Probleme dabei. 1. Timing: Nahezu alle Rezessionen erfolgten 6 bis 24 Monate, nachdem die „inverse Zinskurve“ aufgetaucht ist. Ob jetzt 6 oder 24 Monate, das macht aktientechnisch einen gewaltigen Unterschied, und dazwischen kann sich – in beiden Richtungen – viel tun.

2. Käme nun eine Rezession, wäre das die erste, in dem Algo-Trading und Passivinvestments weit über 50% der Transaktionen ausmachten. Und praktisch alle Märkte haben bereits um 20% korrigiert.

Meine Interpretation? Zur Zeit befinden wir uns in einer ausgesprochenen „High Risk“-Zone. Abgeleitet von der impliziten Volatilität unterschätzt der Markt (und auch die Politik) eher die Risiken, als dass er sie überschätzt. Würden sich allerdings die Zinskurve und Märkte überraschend bald wieder „beruhigen“, hätten die Bullen nochmals sehr gute Chancen.

Wahrscheinlichkeit viel, viel geringer als 50:50.

(Extrakt für Inside-Paradeplatz-Leser; Originalartikel mit Kommentar „Longterm-Investor“ und weitere Investmentsdetails, siehe Longterm-Investor.)

Kommentare

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  1. Die Kommentare der Leser zu den einzelnen Artikeln von IP sind immer blöder, verwerflich, nichts sagend oder falsch.
    Vielleicht wäre hier auch eine inverse Kurve angebracht. Ein Händchen mit dem Daumen nach unten und die Angabe von Minus-Punkten.

    • @Beobachter,

      Vielen Dank für den Hinweis. Sehr hilfreich. Die Fed kann die drohende Rezession und Aktienbaisse nicht mehr verhindern. Leider haben die letzten 10 Jahren ein Irrglaube zementiert, wonach eine Zentralbank, für steigende Aktienkurse zu sorgen hat. In den kommenden zwei Jahren werden die Ergebnisse der hochriskanten, unverantwortlichen und kurzsichtigen Geldpolitik, die seit 2008 das Bild in der westlichen „Welt“ bestimmt hat, sichtbar werden, insbesondere hier bei uns – „die Insel der Glückseligen“ – wo der ausscheidende Bundesrat und Unternehmer/Franken-Rüttli-„Laufbursche“ Herr Johann Niklaus Schneider-Ammann vor zwei Monaten gesagt hat; Zitat: „Die Schweiz ist ein Paradies“. Wir (Sie und ich) werden uns eines Tages an diesen Worten erinnern müssen.

      Beobachten Sie aufmerksam die Börsenberichtertsattung. Sie werden feststellen, dass noch immer die „Bullen“ das Bild dominieren. Die weit verbreitete Sorglosigkeit und Zuversicht, dass die Kursverluste bald wieder aufgeholt werden, ist typisch für die Frühphase einer sehr starken Baisse. Die Verschuldungsquote weltweit gemessen am BIP, hat bereits im letzten Jahr die 200%-Marke gerissen. Interessant wird es noch werden, wenn die Immobilienbesitzer hier bei uns feststellen werden, dass das aktuelle Modell dazu führen muss, den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum am eigenen Leibe festzustellen – fast keine Immobilie gehört hier wirklich der Bevölkerung. Viele Indikatoren weisen also daraufhin, dass zunächst noch die Ersparnisse geplündert bzw. umverteilt werden und dannach der Sozialstaat gekappt wird.

  2. Sehr geehrter Herr Michael Bischof,

    Besten Dank für Ihre Bemühungen das Thema in verständlicher Weise zu erklären. Sie tun GUT daran, die Menschen zu warnen und auf diese – wie – anderen Verwerfungen hinzuweisen. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es immer die sog. „Finanz Innovationen“ der „Bänker“ waren die zu Krisen geführt haben. Das Interbanken-System, Derivate, Optionen, Zertifikate, Swaps u.a. ebenso wie für den Handel mit Devisen. Die moderne Geldwirtschaft ist einem Spielcasino gleich organisiert. Das zum Verteilen verfügbare Kapital ist auf unterschiedliche Spieltische aufgeteilt, an denen Geld gegen Finanzprodukte eingetauscht wird. An den einen wird Geld gegen Aktien getauscht, an anderen Tischen Geld gegen Anleihen, an wieder anderen werden Derivate gegen Geld getauscht oder auch Geld gegen Geld in form von Devisen. Sobald die Geldbesitzer mit ihrem Geld von einem Tisch zum anderen wechseln, fallen die Tauschkurse am verlassenen Tisch. Am Tisch mit dem Geldzustrom steigen die Kurse. Es ist ein System kommunizierender Röhren. Der Geldstand in den einzelnen Röhren verändert sich ständig, das Gesamtvolumen im Casino Finanzwirtschaft ändert sich nur, wenn Geld aus der Realwirtschaft hinzukommt oder an diese abfliesst. Vor allem wir in der Schweiz sitzen in der Falle, in dem wir es einer kleinen „Clique“ erlaubt haben unsere Arbeitsleistung/Vermögen (AHV-Anlagefonds, 2. Säule usw.) in diesem Sumpf versickern zu lassen. Leider hat die Schweiz keinen Verfassungsgericht, daher man nicht eine Verfassungsbeschwerde einreichen kann, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Die bestehende Finanzarchitektur wird in dieser Form nicht mehr lange bestehen können und die Folgen werden uns alle treffen.

    • @ Plato

      Bullshit

      Das huere Gegüsel ii dene Dezimale. Nimme en Bleistift und zeichne die Kurve ii.

      Aber Du und Anderi leset da wieder Weltgeschichte druus uuse.

      Dummschnurre isch niid wirklich es Asset.

  3. Es stimmt alles was Sie sagen….aber die Zinskurve ist seit 10 Jahren durch Käufe der FED „manipuliert“ worden, somit auch für eine experte der Fixed Income ist es schwierig zu richtige Schlussfolgerungen zu kommen. Einiges darf man nicht vergessen: die Wahrscheinlichkeit ein soft Landing, wenn nicht eine Rezession ist in unsere Marktmodelle bei 60 % ….und wir waren selten falsch…auch in 2007 nicht! Gute Investments, ich würde aber nicht zukaufen…vielleicht abwarten, eher sehr defensiv fahren! Happy day!🤣🤣😁

    • Krisen und daraus resultierenden Unterbewertungen kommen von ganz allein.

      Wichtig ist nur UNTEN verlustfrei flüssig zu sein.

      P.S.:

      Die Börse ist wie ein Paternoster. Es ist ungefährlich, durch den Keller zu fahren. Man muß nur die Nerven behalten.

      John Kenneth Galbraith
      * 15. Oktober 1908 † 29. April 2006

  4. In aller Regel zeigt eine Inversität an, dass die Notenbank – aus konjunkturellen Gründen – etwas auf die Bremse steht. Ausgehend von den USA so geschehen. That’all.
    Es geht daher um eine gewollte Konjunkturverlangsamung des FED und nicht um eine Rezession. Ob das Timing in diesem Umfeld richtig gewählt wurde, darüber lässt sich allerdings streiten.

    Aber eine Rezessionspanik lässt sich aus der gegenwärtigen Situation noch nicht ableiten.

    • F.H.,

      mag sein – aber noch gefährlicher ist m.E. die Einstellung der Akteure auf dem Bondmarkt, diese stellen sich darauf ein, dass die wirtschaftliche Aktivität abkühlen wird und die Notenbank der Wirtschaft mit Zinssenkungen unter die Arme greifen muss. Die US-Kurveninversion signalisiert derzeit also, dass der Wirtschaft nach ihren zehn fetten Jahren nun eine magere Zeit bevorstehen wird, um einen Euphemismus zu benutzen. Sehen Sie sich die Verschuldung an. Ich war über die Festtage in Zypern. Ein befreundeter „Bänker“ hat uns gesagt: In Zypern sollen etwa 250’000 Immobilien vor der Zwangsversteigerung stehen. 800.000 Menschen leben in Tschechien in Pfändung. Italien hat gestern die Bank Carige quasi verstaatlicht. Da wird man dann weitere Hilfspakete benötigen….

  5. Vielen Dank Herr Bischof,
    Endlich ein Profi, der es einem normalen Menschen auch in einfacher Sprache erklären kann (und darum auch die Materie versteht).
    Dieser Artikel war lehrreich & lesenswert.

  6. Man sieht, was man sehen will!
    By the way ist die FED-Fund Rate nicht 2.00/2.25%, sondern 2.25/2.50%. Am 19. Dezember gab es eine Sitzung des FOMC!
    Happy trading!

  7. So ein Schwachsinn. Eine inverse oder verflachte Kurve auf einem Level von 5% bis 8% (früher) tat den Corporates und Governments viel mehr als eine Verflachung auf bescheidenen 2.5%…..

    Sturm im Wasserglas und unnötige Stimmungsmache

  8. „Bisher ist noch jeder Rezession eine „inverse Zinskurve“ vorausgegangen …“ Gilt das auch umgekehrt? Ist also die inverse Zinskurve ein (fast) sicherer Indikator für eine bevorstehende Rezession? Oder kommt diese mal und mal nicht wenn die Zinskurve invers ist?

  9. Wundert das alles?

    Auch die längste Hausse in der jüngeren Kapitalmarktgeschichte endet irgendwann.

    Wer aufgrund der Manipulation der Null- und Negativzinsen investierte, Immobilien errichtete oder erwarb, der tut dies so schnell nicht mehr wieder.

    Zumal einzelne Vermögensgütermärkte – speziell im Immobilienbereich – nach historischen Maßstäben heute stark überhitzt sind.

    Zudem steigen die Verdienste kaum, was beispielsweise im Bereich der Zinshäuser zukünftig mögliche Mieterhöhungen und Wertsteigerungen limitiert.

  10. Aktuell kein Problem, das Fed hat die Zinsen (vorausschauend, anders als die EZB) angehobn um später Spielraum f Senkungen zu haben, die bald kommen

    • @Kakerlake:
      Wir werden von der EZB innerhalb des bestehenden Finanzsystems keine nennenswerte Zinsanhebungen mehr erleben – es sei denn, dass die EZB willentlich ein EU-Land nach dem anderen in den definitiven Bankrott treiben möchte…

  11. Na ja so richtig invers ist die Yield-Curve ja nun nicht. Aktuell haben 2-jährige einen und 5-jährige zwei Basispunkte unter 1-jährigen.