Neues Finanzsystem der Post wird massiv teurer

Gelber Riese führt zentralisierte Kontrolle ein – 80 Mio-Budget dürfte gesprengt werden – Im Schatten des Postauto-Skandals.

Die Post, eine der grössten und wichtigsten Arbeitgeberinnen des Landes, verstört mit Vietnam-Partyreisen. Vor allem sind ihre früheren Exponenten nach einem Subventionsbetrug über 200 Millionen im Visier der Polizei.

Im Schatten dieser Headlines dirigiert Post-Finanzchef Alex Glanzmann, einer der höchsten Köpfe des Gelben Riesen, ein Mammutprojekt. Glanzmann legt alle dezentralen Finanzsysteme der Posttöchter in einem einzigen Superprogramm zusammen.

Das schaffe ich: Glanzmann, Post-CFO (Bild: Die Post)

HWF 2021 lautet das Projekt, ausgeschrieben Harmonisierung Werteflüsse, geplanter Start ist 2021. Die grosse Post, erst jetzt mit einer zentralen Steuerung, was das Geld angeht? Erstaunlich.

Doch so ist es. Und wie so oft in Bern wird auch HWF 2021 die Rechnung massiv belasten. Laut Finanzchef Glanzmann sind für das Projekt 83 Millionen Franken vom VR der Post bewilligt. Bald dürfte dieser das Budget erhöhen.

„Wir sind am Prüfen, ob dieses erhöht werden soll, weil nun im Verlaufe des Projektes neue Erkenntnisse und zusätzliche Anforderungen aufgetreten sind“, meinte Glanzmann letzte Woche in einem Telefongespräch. „Der Entscheid ist hier noch nicht gefällt.“

Kritiker sehen hinter HWF 2021 den Versuch, von schweren Versäumnissen rund um die finanzielle Steuerung des Staatsmolochs abzulenken. Der Betrug bei der Tochter Postauto, bei dem die Chefs mit Wissen der Post-Zentrale Steuergelder erschlichen hatten, wäre mit einem zeitgemässen Finanzsystem nicht möglich gewesen.

Post-Finanzchef Glanzmann will dem nicht widersprechen, wiegelt aber ab: „Das neue System soll und wird Transparenz und eine bessere Kontrolle bringen. Wir müssen aber klar sehen: Wenn jemand gezielt Kontrollen umgehen will, ist dies auch mit dem besten System nur schwer zu verhindern.“ Das neue System würde dies aber „zumindest schwieriger“ machen, meint Glanzmann.

Was auffällt: Während vor ein paar Jahren unbemerkt von der Öffentlichkeit die riskanten Scheinbuchungen bei Tochter Postauto in der Post-Hierarchie immer klarer zum Vorschein traten, ergriff Finanzchef Glanzmann die Flucht nach vorn. Er trieb das Projekt eines zentralen Finanzsystems voran, bei dem die vielen dezentralen Systeme in einem zusammengefasst werden.

Es gehe nicht nur um ein zentrales Cockpit, das einem jederzeit zeige, wo man beim Geld stehe, meint Glanzmann. Sondern das Projekt der „Werteflüsse“ würde die ganzen Abläufe in allen Bereichen der Post auf den Prüfstand legen und diese wenn möglich neu so aufsetzen, dass sie optimal seien.

Das gehe weit. „Es handelt sich um eine Operation am offenen Herzen: Bei laufendem Betrieb wird ein komplett neues und hochkomplexes Finanzsystem für die ganze Post-Gruppe aufgebaut.“

Basis ist eine Computerplattform des deutschen Informatikriesen SAP. Laut einem Insider sei alles dafür getan worden, keine Konkurrenz zu SAP aufkommen zu lassen. Dafür habe Glanzmann Berater von Deloitte engagiert, die dann tatsächlich SAP empfohlen hätten.

Laut Glanzmann sei SAP eine der möglichen Partner für ein derart komplexes Vorhaben. Viele andere kämen dafür gar nicht in Frage. Beim Entscheid für SAP sei alles korrekt verlaufen.

Was HWF 2021 für die Mitarbeiter bedeutet, ist noch offen. Sicher ist: Es braucht weniger. Glanzmann hat rund 500 Leute unter seiner Führung, von denen ein Teil direkt bei ihm in der Zentrale sitzt und der Rest draussen in den Post-Bereichen und -Töchtern.

„Das System wird weitere Prozesse automatisieren und vereinfachen“, sagt Glanzmann. „Gleichzeitig brauchen wir weiterhin qualifizierte Mitarbeitende für die Steuerung und Analyse. Es ist noch zu früh abschliessend zu sagen, wie es sich auf Stellen auswirkt.“

Kommentare

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  1. Wurde nicht erst vor paar Monaten berichtet, dass eine SAP Einführung nach Jahren gestoppt wurde, die bis dahin bereits 500 Mio gekostet hatte?

    Aber einer Beratungsbude wie Deloitte glaubt man ja immer noch das Märchen, dass SAP eine Standard-Software ist und man sich selbst ja auch als Standard-Unternehmen sieht, mit all den Standard-Abläufen. Und pssst, über die Migration der Altdaten ins neue System, darüber spricht man erst später …

  2. HWF wurde schon vor dem Bekanntwerden der Buchungspraxis bei Postauto gestartet und hat mehr mit Kostenreduktion im Overhead, insb. Konzern, zu tun. Die Überlagerung mit dem Skandal hat das Ganze dann politisiert. Intern gibt es wohl aber — wie zu erwarten ist — sehr viel Widerstand.

  3. „Konzernlösungen“ sehen gut aus und tönen nach Synergien nutzen. Nur dumm, wenn einzelne Unternehmensteile abgespaltet werden. Verselbständigung von Teilen dieses historischen Konglomerats sind denk- und wünschbar. Die Aufsichtgremien dieses Gemischtwarenladens haben bewiesen, dass sie den Laden nicht im Griff haben. Das hat weniger mit CVP-dominierten Organen zu tun, als mit der Tatsache, dass sich die Politik nicht in Unternehmensführung einmischen sollte. Frau ABr D.L. hat mit den diversen Debakeln bewiesen, dass sie als VR(P) eher ungeeignet ist.
    Also: Lieber einige agile und überschaubare Fregatten als ein träger schlecht steuerbarer Supertanker. Geht auch schneller, ist unabhängiger (von SAP) und sicherer – auch für die künftige Entwicklung des Unternehmens.

  4. Prognose: Das Projekt wird nach 5 Jahren und 160 Mio Kosten ergebnislos abgebrochen.

    Solche Projekte kenne ich zu genüge. Typisch Grosskonzern.

    Das läuft jeweils in etwa so:

    Als erstes werden externe Berater bemüht. Die sollen eine umfassende Analyse durchführen mit Glassklaren Empfehlungen in mindestens 3 Varianten, wie denn vorzugehen sei. Mindestend 10 Mio. sind dann schon mal weg. Ergebnis: sehr schöne Powerpoints.

    Danach wird eine Projektorganisation gegründet mit folgendem Aufbau. Steering Committee, Advisory Board, Financial Board, Project Office, Cross Divisional Stakeholder Soundingboard, Issue Resolution Working Group, Business Process & Architecture WG, IT Architecture WG, Cross Functional Business & IT Steering Board, Quality Assurance & Testing, Vendor Selection Committee, Vendor Testing WG, Project Communications.

    Macht 100-150 Personen, die da einbezogen werden müssen. Merkmal: Keinerlei produktive Aktivität. Alle diese Boards müssen organisiert, mit Informationen beliefert, durchgeführt, dokumentiert und untereinander abgestimmt werden. Das Project Office umfasst alleine um diese Strukturen zu betreiben 10-20 Personen. Kostenpunkt der Übung: 30-40% der Gesamtkosten.

    Die wesentlichen Aktivitäten Process Engineering, Software Engineering bleiben erst mal aussen vor. Nach etwa 6 Monaten fällt dann jemandem auf, dass mit Papier alleine keine Software entsteht. Die muss also dringend her. Zwei Entwickler werden eingestellt, „macht mal!“. Drei Monate später ist die Evaluation des externen Vendors abgeschlossen und mit einem 50 Mio Budget beauftragt.

    Einige Jahre später wird man feststellen, dass das Vorhaben wegen ungenügender Spezifikation nicht umgesetzt werden kann. Ist ja auch das weitaus komplexeste Projekt seit der Mondlandung.

    Ist jeweils sehr unterhaltsam

  5. Ich konnte nimmer aufhören mein Kopf zu schütteln als ich gelesen habe „Beim Entscheid für SAP sei alles korrekt verlaufen“.

    Das SAP Projekte statistisch am häufigsten schiefgehen und dass es mit dem unlogischen Grundprinzip des „Suchen- und Hinzufügen“-Modus von Stamm- und Bewegunsdaten und die mangelnde Nutzerakzeptanz und und und. Möchte man seine Mitarbeiter quälen und sie dazu drängen sich einen neuen Job zu suchen, dann führt bitte SAP ein.
    Ich würde mich nie bei einer Firma bewerben, die SAP im Einsatz haben. Good luck!

    • Da stimme ich voll und ganz zu. Als langjähriger SAP Nutzer ist mir noch immer völlig unverständlich, wieso die Führungen grosser Oranisationen SAP als alternativlos ansehen. Die Entscheidungträger müssen ja in der Regel auch nicht damit arbeiten, sonst wüssten Sie um die grossen Probleme dieser Systemarchitekur bescheid!
      Dazu kommt: es muss nicht alles digitalisiert werden was machbar ist. Die neuen Probleme und Risiken sind oft grösser als der bisherige Mehrauwand ohne überbordende IT.

  6. Millionen für ein neues #Post-Finanzsystem – wo es nicht einmal überrascht, dass mit gezielter Steuerung in Richtung SAP das Ganze noch viel teuer als geplant ist. Mit Blick auf die massiven Probleme beim Compliance der Post-Tochter PostFinance​ wo Post-VRP Schwaller und Postfinance-CEO und Management ebenso untätig bleiben wie die Politik als Oberaufsicht selber.

    Bleibt die Hoffnung, das wenn schon die Damen und Herren Politiker als Oberaufsicht wegschauen, sich unwissend geben oder auch einfach völlig überfordert sind, zumindest die #EFK dem Staatsbetrieb von Anfang an auf die Finger schauen wird.

  7. Lieber Herr Hässig – bietet dieser Bericht wirklich einen Mehrwert oder reiten Sie nicht einfach eine auslaufende Welle nochmals mit einer Pseudogeschichte ab? Die Essenz ist kaum erkennbar…

  8. Klingt nun mal nicht so falsch, wenn auch wieder mal sehr teuer.
    Koradi hätte sich besser, anstatt Doktorarbeiten bei befreundeten Professoren zu schreiben, um solche Themen gekümmert.