Prozess gegen Vincenz: Lachende Raiffeisen

Mitstreiter des Ex-CEOs haben nichts zu befürchten. Ihr Geheim-Lohnsystem bleibt tabu, bei Investnet machten sie Tabula rasa.

Verschiedene Medien berichten, dass die Zürcher Strafbehörden in Kürze Anklage gegen Pierin Vincenz und weitere Beschuldigte erheben könnten.

Laut einem Bericht in der NZZ am Sonntag sei niemand aus der alten oder aktuellen Raiffeisen-Führung unter jenen, die vor dem Richter antraben müssten.

Damit wird klar: Die Raiffeisen-Bosse haben es geschafft, das Seil zwischen sich und ihrem umstrittenen Ex-Chef zu kappen.

Dies gelangt durch gewagte, unzimperliche Manöver. Sie führten offenbar zum Erfolg.

Die Ermittler hatten zwar ganz zu Beginn ihrer Untersuchungen Vincenz-Nachfolger Patrik Gisel und Vincenz-Finanzmann Marcel Zoller ins Gebet genommen.

Doch eine Anklage haben weder Gisel noch Zoller zu befürchten. Zumindest geht das aus den Presseberichten hervor.

Wie das möglich war, obwohl Gisel und Zoller sowie weitere Ex-Spitzenleute der Raiffeisen Schweiz eng in verschiedene Konstrukte und Zahlungen involviert waren, hängt mit der Taktik der obersten Führung der Genossenschaftsbank zusammen.

Diese sah im Februar 2018 mit der unmittelbar bevorstehenden Verhaftung von Pierin Vincenz, welche sie durch die Zürcher Polizei vorab erfahren hatte, die grosse Chance, Tabula rasa zu machen.

Am Tag der Mitteilung der Zürcher Strafbehörden – am 28. Februar 2018 – lud Urs Gauch als Mitglied der Raiffeisen Schweiz-Geschäftsleitung und Verwaltungsrat der Investnet, um die es unter anderem beim Strafverfahren gegen Vincenz und weitere geht, zu einer ausserordentlichen VR-Sitzung ein.

Noch am gleichen Tag.

Ziel von Raiffeisen-Mann Gauch war es, die bisherigen starken Leute der Investnet ins Abseits zu bugsieren und das Kommando bei der Investnet zu übernehmen.

Gauch hatte dafür alles in die Wege geleitet. Nur mit einem rechnete er nicht: dass zwei der Investnet-Gründer an der VR-Sitzung am Abend des 28. Februar 2018 auftauchen würden.

Peter Wüst und Andreas Etter heissen die beiden, sie waren auf Seiten des Vehikels, das in KMUs investierte, die treibenden Kräfte. Auf Seiten der Raiffeisen hatte Pierin Vincenz das Sagen.

Vincenz sass zum damaligen Zeitpunkt weiter in Haft. Dort würde er noch mehrere Wochen lang bleiben. Wüst und Etter hingegen durften gehen.

So nahmen sie als „ungebetene“ Involvierte am Not-Treffen der Investnet-Führung teil. Wüst als Mitglied des VRs, Etter als Mitbesitzer der Firma.

Gauch musste nun gegen die beiden antreten. Die Suspendierung von Pierin Vincenz als Präsident der Investnet brachte der Raiffeisen-Manager durch.

Jene von Wüst als Mitglied und Delegierter des VRs hingegen nicht. Der Entscheid wurde nach hitzigem Hin und her vertagt.

So musste Raiffeisens Gauch anderweitig einen klaren Schnitt mit der Vergangenheit vollziehen. Er tat dies, indem er der Investnet in Herisau, wo die Firma ihren Sitz hatte, in den folgenden Monaten den Stecker zog.

Die Raiffeisen übernahm bei der Investnet als 60-Prozent-Mehrheitsaktionärin das Zepter und entschied, welche KMU-Beteiligungen weitergeführt würden.

Die Mitarbeiter der Investnet waren darauf die grossen Verlierer, ihre Firma verschwand.

Damit war das Kapitel Investnet fürs Erste bereinigt. Es bleiben teure Rechtskonflikte zwischen Raiffeisen und Gründer, bei denen es um hohe Summen geht.

Doch die Raiffeisen-Gruppe kann mit ihrer prall gefüllten Kasse auf Zeit spielen. Die lachenden Dritten sind die involvierten Anwälte – bezahlt von den Genossenschaftern.

Eine zweite Gefahrenquelle blieb unter Verschluss. Es geht um das geheime Lohnsystem der Raiffeisen-Geschäftsleitung.

Deren Entschädigungen waren jahrelang über die St.Galler Anwaltskanzlei von Eugen Mätzler gelaufen.

Grundgehalt, Bonus, Spesen, PK – alles wickelte der bekannte Ostschweizer Wirtschaftsjurist ab. Der genoss das Vertrauen von Pierin Vincenz. Dessen Beteiligungen an Firmen liefen teilweise über den Anwalt.

Das Meiste bleibt geheim. Die Nachfolger von Pierin Vincenz zuoberst bei der Raiffeisen haben sich nämlich entschieden, das geheime Lohnsystem von Eugen Mätzler nicht zu untersuchen.

Wie viel Spesen wofür? Es bleibt für immer im Dunkeln.

So hat die neue Raiffeisen-Spitze ihr Ziel erreicht. Die ganze Aufmerksamkeit fällt auf Ex-Chef Pierin Vincenz, der sich zusammen mit Mitstreitern ausserhalb des Raiffeisen-Imperiums vor dem Strafrichter verantworten muss.

Die dritte Bankenkraft im Land und die früheren Weggefährten von Ex-Chef Vincenz kommen ungeschoren davon. Statt dass sich die Affäre zu einem Fall Raiffeisen ausweitet, bleibt es beim System Vincenz.

Kommentare

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  1. Nach Einverleibung dieses Textes windet sich aus mir nicht gänzlich schleierhaften Gründen der Satz “ Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ raus.

  2. Das ganze wird durch die Anwälte von Vinzenz so lange verzögert werden bis es verjährt. Und die Staatsanwaltschaft wird dann sagen: Wir konnten leider keine Anklage erheben; Corona ist Schuld..

  3. und was ist eigentlich mit madame vincenz
    und ex chef juristin der bank??
    wäre doch eine story oder zwei wert.

  4. Hat schon jemand ausgerechnet wie viel Geld vor Vincenz und nach Vincenz bei Raiffeisen im Topf liegt! Wie viele andere Banker sind schuldig und CH-Banken haben Milliarden Bussen bezahlt? CEO-Vincenz ist mir nichts bekannt. Hoffe es geht ihm Gut. oder wer wirft den ersten Stein….

  5. Es geht ums Prinzip.
    Solange Entscheidungen zugunsten von Parteimitgliedern
    oder Führungskräften privater Gesellschaften gefällt werden dürfen,
    die diese privat bereichern, geht die Schweiz von innen kaputt.
    Deshalb:
    – Trennung von Amt und Privatinvestitionen: wer ein Amt hat muß vom Gehalt leben, nichts anderes darf erlaubt sein
    – per Gesetz
    – sofort

  6. Bekanntlich lockte mich im Jahr 2000 ein bekannter Basler Wirtschaftsanwalt aus einem daigigen Clan auf die deutsche Seite des Rheinknies, weil er meinte von dort aus könne man die Kohl-Spenden-Marbella-Affäre besser lösen, als er merkte was für ein Chaos er angerichtet hat tauchte er unter und die ganz grossen übernahmen die Sache. 2002 jobbte ich in Basel im Telemarketing. Ich sollte für eine grenznahe Raiffeisenbank vermögende in Deutschland anrufen, die Schwarzgeld in der Schweiz anlegen möchten. Ich weigerte mich, die Sache eskalierte, Herr Vinzenz suchte Schutz bei den ganz Grossen, Herr Vinzenz wurde zum Knecht, weil er wohl krummen Sachen anordnete und duldete, die von oben kamen. Es heisst, er bekam ein Trinkgeld, die ganz grosse Kohle die Grossen, so wie im Fall Dieter Behring.
    Gunther Kropp, Basel

  7. RB, CS, ZKB sind alles möchtegern Banker, wo zu viel Politik dabei ist. Die Manager sind neidisch auf UBS und Sergios 14 Mio Lohn. Es gibt aber eben einen Grund, denn die UBS ist Nr. 1. Die Kunden vertrauen Ihre Gelder der UBS an. Eine stabile Bank während alle anderen von Skandalen geprägt sind. Das führt zu Gebührenerhöhungen für Kunden ohne Ende, vorallem bei der PostFinance. Für normale Kunden zu E-Banking Ausfälle. Was mit Pierin jetzt passiert ist wurst. Hauptsache es wurde sehr intensiv untersucht, was eine Premiere ist. Das tut allen gut. Die Medien haben ihn blamiert. So gehört sich das. Weiter so!

    • Zu den Möchte-gerne-Banken gehört auch ganz besonders die UBS! Seit Jahrzehnten verpulvern die UBS-Mänägerlis Milliardenbeträge in den U.S.A. (Fehlkäufe, Bussen und sonstige schief gelaufene „Investitionen“) und haben es bis heute noch nie auch nur annähernd geschafft, in den U.S.A. zu den wirklich bedeutenden Banken aufzurücken.
      Fällt in den U.S.A. der Namen „UBS“ ….. kichern und schmunzeln die Leute.

  8. Das beschriebene Verhalten der ehemaligen Raiffeisen-GL ist typisch für Schlüssel-Mitläufer von gefallenen Autokraten: sie schieben alle Schuld auf den ehemals starken Mann ab und stellen sich als Unschuldslämmer dar, in dem sie Spuren beseitigen (Dokumente verschwinden, heikle Transaktionen bzw. Firmen/Organisationen auflösen) und eine gemeinsam entwickelte Legende in die Welt setzen, in der sie sich als das Gegenteil dessen präsentieren, was sie in Wirklichkeit waren: Mitverantwortliche.

  9. guter und informativer Artikel auf Inside Paradeplatz.
    Irgendwann kommt die Wahrheit immer ans Licht. Leider haben wir halt eine grosse Vetterliwirtschaft. Die Bevölkerung merkt langsam wies funktioniert,ich bin gespannt auf die nächsten Wahlen.

  10. Endlich mal wieder was mit Händen und Füssen, statt des jämmerlichen Pandemie Geschwafels der verschiedenen Kolumnisten…Hier ist eine heisse Spur, lieber LH, decken Sie das auf….
    Wir sind gespannt.

    • …und PV wird nach einer eventuellen Gerichtsverhandlung – wenn sie dann tatsächlich stattfinden sollte – auch sauber sein und wird reichlich für die in Zürich abgesessenen öden Tage entschädigt werden.

  11. Hollywood in der kleinen Schweiz. Ich würde es schade finden, wenn das Gericht Vincent hart anpacken würde. Er bietet mit seinen unzähligen Stücken beste Unterhaltung.