Jetzt kann ich mir endlich einen Reim auf die Geschichte mit dem TV-Apparat meiner Grosseltern väterlicherseits in Süditalien machen.
Als Kind, in den 1970er Jahren im tiefen Süden Italiens, konnte ich mir nicht vorstellen, warum bei meinen Grosseltern ständig der Fernseher lief, Tag und Nacht. Und niemand hat zugeschaut.
Und was ich noch viel weniger verstand: Meine Grosseltern mussten stark aufs Budget schauen, Essgelage waren nicht drin, hungern mussten wir zwar nie, aber es war an allem knapp.
Warum in Dreiteufelsnamen aber haben sie sich einen Fernseher leisten können, fragte ich mich immerzu.
Ich dachte, es sei vielleicht ein Statussymbol, aber wirklich schlau wurde ich nicht. Natürlich habe ich nie gewagt, meine Überlegungen zur Sprache zu bringen.
Nicht allein sein – uns mit Leben umgeben. Heute ist mir klar, was das TV-Gerät meiner Kindheit für einen Zweck hatte.
Töne, Stimmen, zuweilen Musik sonderte das Gerät tagein, tagaus aus. Für alle im Haushalt ein Quell von Leben, von Bewegung und Fülle.
Das alles ist mir in diesen Sommerferien, Jahrzehnte danach, klar geworden. Abreisetag war ja im Hotel jeden Tag.
Die einen Touristen sind abgereist, die anderen angekommen, wenige sind länger geblieben. Da war beispielsweise die Gruppe aus Schweden, vier stämmige, lebensfrohe Menschen, die ihre Liegestühle am Pool wie eine Wagenburg drapiert haben.
Sie haben dazu beigetragen, die Poolumgebung mit Leben zu füllen. Abreisetag: Ihre vier Liegestühle standen verwaist und ohne Leben am Pool.
Oder das junge Paar, ich glaube es waren Niederländer mit ihrer kleinen Tochter mit dem blonden, langen Haar. Auch sie haben die Umgebung mit Leben gefüllt, eines Tages standen auch ihre drei Liegestühle verwaist da.
Ich schaute die leeren Liegestühle an, und auch wenn ich mit den Menschen, die sie mit Leben gefüllt haben, nicht gesprochen habe, vermisste ich sie.
Mir sind das Italien meiner Jugend, meine Grosseltern und ihr TV-Gerät in den Sinn gekommen.
Mir ist aber auch sehr klar geworden, wie sehr wir Menschen (wenigstens die allermeisten von uns) auf Gesellschaft angewiesen sind. Wir sind Herdentiere. Wir tun eigentlich nichts anderes, als uns ständig mit Leben zu umgeben.
Früher mit einem TV-Gerät, auf dem man nicht TV schaute, das man sich wohl auch kaum leisten konnte, heute mit Social Media.
Besser wäre natürlich, die Aura, das Leben, die Vitalität, die Gefühle, die Kraft und Energie eines Menschen, schlicht die Lebensenergie um uns zu wissen.
Da wir das alle immer weniger brauchen, wenigstens so redet es uns der Mainstream ein, füllen wir unser Leben mit virtuellem Leben.
Eben Social Media beispielsweise, die uns das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Bei uns älteren Semester kann diese Funktion auch noch ein Fernseher oder ein Radio erfüllen.
Auch eine Zeitung oder ein Buch erfüllt die gleiche Aufgabe – uns fremde Energie zuführen, die Aura anderen Lebens spüren lassen und uns die Gewissheit geben, nicht allein zu sein.
Wir können nicht allein sein, weil wir die Energie des Universums brauchen, Energie, die sich unter anderem in Lebewesen manifestiert.
Lebewesen machen die Gesamtenergie des Universums aus, und wer weiss, vielleicht steckt in allen Lebewesen der göttliche Funke, von dem wir alle träumen?
Einige von uns können besser allein sein, andere gar nicht. Aber ich habe mich bei all den vielen Begegnungen, mit so vielen Menschen, die meinen Lebensweg gekreuzt haben, sehr selten jemanden getroffen, der alleine lebt, also keine Angehörigen und Familie hat, und gerne allein ist.
Diejenigen, die gerne, wenigstens partiell, allein sind, hatten meist einen sicheren Hafen, Menschen, die auf sie warteten, während sie eine Auszeit in die Einsamkeit machten.
Auf diese Weise Einsamkeit zu erleben ist keine grosse Kunst. Wirklich tapfer sind Menschen, die allein leben und die Einsamkeit auch tatsächlich aushalten, dabei vielleicht sogar sich selbst finden.
Ich bleibe aber bei der eingangs festgestellten Erkenntnis: Wir sind Herdentiere, wir brauchen anderes Leben um uns. Ich werde immer traurig sein, wenn die Liegestühle von Menschen, an die ich mich gewöhnt habe, eines Tages leer sein werden.
Ich werde immer wehmütig sein, wenn ich von einen Ort mit Menschen, die ich lieb gewonnen habe, verlassen muss und mir dabei sage, dass ich sie wahrscheinlich im Leben nie mehr sehen werde.
Und ich gebe es zu: Ich bin extrem wehmütig, wenn ich an das Süditalien meiner Kindheit zurückdenke, an meine Grosseltern, die schon so unendlich lange die Welt nicht mehr mit ihrer Energie beschenken, und an ihr TV-Gerät, das ständig gelaufen ist.
„Gib denen, die du liebst, Flügel, um weg zu fliegen, Wurzeln, um zurückzukommen, und Gründe, um zu bleiben“ (Dalai Lama)
Wahnsinnig spannend, IP sinkt täglich.
Inside Liegestuhl.🤔
WTF???
Ihr Kommentar sagt schon ALLES. Die Lebenserfahrung ist noch nicht so fortgeschrittenen, dass Sie das verstehen können. Aber das wird noch kommen.
Wenn nur noch die Kohle wichtig ist und die Qualität auf der Strecke bleibt, dann muss es IP sein. Die Besten Zeiten (wenn es die mal gab) sind endgültig vorbei.
Ich liege im Liegestuhl am Strand von Pattaya. Aber nicht alleine ;).
Entschuldigung, ich bin eingeschlafen, weiss nicht mehr was ich schreiben wollte…
Hä?
Herr Presta reist ab? Gute Reise!
Ich hoffe,ich habe mich nicht zu früh gefreut.
IP unglaublich schlimm und nur für Dummerchen.
Was ist aus IP gewordrn? I pee?
Sehr geehrter Herr Presto vielen Dank für Ihre Rechercheb,(Fremdwort für Sfdrs 😉 schaut das nicht jemand?? Ich nicht…ich habev(1980er Jahren) ein Monat in Rom verbracht…(vor Ibterbet…) itte weiter so
Herr Presto for president of the USA:-)
Ich find den Artikel gut.
An die anderen Kommentar-Jungs hier: Wenn Ihr mal genug Geld habt und sonst auch alles, dann merkt ihr, dass der Meister Presta Recht hat.
Bei den „social“ Media geht es neben „Kontakte“ aber auch um Neugier (Was passiert gerade) und Aufmerksamkeit (Instagram).
Aber in der Sache ist das schon wichtig, dass man mal das anspricht.Er hat Recht mit dem Herdentier.
Und jetzt nach Hause,alleine in die Überbauig „Mooslimatt“ (hohe Hypo, Erneuerungsfond,patziger Verwaltung,sinnfrei eingepfercht im Klötzli-Schuhkarton 4.Stock) und pflegt Eure Aktiendepots und Cryptos 😉
Ein sehr schöner Text. Danke, gerne gelesen.
Danke für das Artikel. Ich bin tatsächlich die eine, die mit Mitte 40 gar keine Familie hat. Das ist wirklich so wie wenn man allein in die Ferien reist. Da die Ablenkung durch Partner fehlt, beobachtet man mehr die „Fremden“, und nach dessen Abreise kommt Wehmut/Verlust Gefühl, auch wenn die vielleicht gar nichts von meiner Existenz mitbekommen haben
Lieber Herr Presta, ich rate Ihnen, sich einen Hund zuzulegen. Der hilft wirklich gegen die „gefühlte“ Einsamkeit, während viele Menschen diese Einsamkeit sogar noch vergrössern können.
Na ja, kann den Text zwar gut verstehen, mir bleibt aber immer ein Rätsel warum der Grossteil einer Gesellschaft nicht alleine sein kann bzw Mühe hat damit, denn Alleinsein ≠ Einsam. In der Stadt aufgewachsen und nach mehrjährigen London & NYC Aufenthalten wieder in CH, habe ich mich bewusst für ein Wohnort auf dem Land entschieden. Das Leben ist so viel langsamer & reflektierter. Ich brauche weder TV noch Menschen. Die meisten Leute möchten sich ja eh nur mit ihren Konsumgütern validieren, auch so eine Krankheit und eben, Ferien nur dort wo es die besten Bilder gibt & wo man sich zeigen kann
Das geht mir gleich. Ich bin eher unter oberflächlichen Menschen einsam.
Schöne Geschichte, tiefsinnig!