Seit dem 1. Juni ist das physische Dienstbüchlein der Schweizer Armee Geschichte. Nach rund 150 Jahren ersetzt die Armee das Büchlein durch den „Dienstmanager„.
DIM – die zentrale, digitale Plattform für alle Angehörigen der Armee (Ada).
Darin steckt alles: Militärkarriere, geleistete und künftige Dienste, persönliche Daten, Waffen-ID mit Seriennummer, Marschbefehle.

Urlaubs- und Verschiebungsgesuche, SwissPass-Verknüpfung, Mobilmachungsinfos und die DIM-Wallet-App.
Der Ausweis über die Erfüllung der Militärdienstpflicht lässt sich digital herunterladen. Das alte Büchlein gilt nur noch als Beweismittel für Einträge vor dem Stichtag und muss bis zur Entlassung aufbewahrt werden.
Die Armee preist den Fortschritt: Alles online, jederzeit, von überall. Kosten der gesamten Digitalisierung: rund 50 Millionen Franken.
Papier und Porto fallen in Zukunft weg. Jetzt kommt obendrauf der „Webshop“. AdA sollen im Shop persönliche Ausrüstung bestellen: T-Shirts, weiteres Material.
Gegen Quotenpunkte (Milizangehörige erhalten jährlich zwei). Lieferung nach Hause, Umtausch möglich.

Modern, schnell, digital – klingt gut. Nur: Der Webshop ist es kein integrierter Teil des Systems. Es handelt sich um einen blossen Link zu einem webbasierten Online-Shop.
Der läuft auf einem SAP-Server in der Microsoft-Azure-Cloud – Region eu20, also Westeuropa, physisch in den Niederlanden.
Die Domain verrät es: swissarmy-shop-prd.cfapps.eu20.hana.ondemand.com.
Schweizer Militärdaten und Bestellungen für persönliche Ausrüstung landen damit bei Microsoft in Holland.
Datensouveränität? Fehlanzeige. Was passiert, wenn ein staatlicher Akteur zuschlägt?
Der Dienstmanager ist das digitale Herzstück der Milizarmee. Er enthält die Personal- und Dienstdaten von Hunderttausenden Armee-Angehörigen:
Wer, wo, wann, welche Waffe, welche Funktion, Mobilmachungsbereitschaft, Adressen, Kontakte.
Ein erfolgreicher Angriff – sei es durch einen fremden Staat, eine Advanced Persistent Threat oder eine Insider-Lücke – ermöglicht:
– Vollständige Übersicht über die Wehrstruktur: Einheiten, Stärken, Schwachstellen, Schlüsselpersonen;
– Manipulation: Falsche Marschbefehle, gelöschte oder geänderte Diensttage, blockierte Urlaubsgesuche, gefälschte Waffen-IDs.
– Störung im Ernstfall: Mobilmachungszettel offline oder manipuliert, Zugänge gesperrt, Chaos bei der Einrückung.
– Zielaufklärung: Genaue Daten zu Wohnorten, Einrückungsorten und Ausrüstung – ideal für gezielte Aktionen.
– Über den Webshop: Bestellungen und Lieferadressen preisgeben, Supply-Chain-Angriffe oder Identitätsdiebstahl erleichtern.
Das System ist online erreichbar, mit AGOV-Login. Frühere Warnungen aus der Szene (etwa zu sensiblen Infos „für die ganze Welt“ zugänglich) wirken heute weniger abstrakt.
Die Armee selbst lagert kritische Logistik- und ERP-Prozesse ohnehin auf SAP – und kämpft parallel mit der Frage, wie kriegstauglich cloudbasierte Systeme überhaupt sind.
Ein einziger erfolgreicher Angriff – Diebstahl, Manipulation oder DDoS im kritischen Moment – kann bewirken, wofür es früher Sabotage an Hunderten Orten gebraucht hätte.
Genau dieses Risikoprofil wünscht sich ein staatlicher Akteur: Ein einziges Ziel, dessen Ausfall maximalen Schaden anrichtet.
Digitalisierung ist bequem.
Aber wenn der digitale Dienstausweis und der Ausrüstungs-Shop in einer amerikanischen Cloud in den Niederlanden hängen, stellt sich die Frage: Wer kontrolliert im Ernstfall noch die eigene Armee?
