Im Krieg zwischen den USA und dem Iran herrscht ein informeller Waffenstillstand. Die Parteien haben Stand 28. Juli seit drei Tagen die gegenseitigen Angriffe eingestellt.
Dies erlaubt eine Reflexion über grundlegende Fragen der bisherigen Kriegsführung, und was die Schweizer Armee daraus lernen kann.
Dazu gehört insbesondere der Umgang mit Verlusten, Stellvertretungs-Regelungen und der Einsatz von Attrappen und Tarnmitteln.
Sowohl die USA als auch Israel versuchen, eigene Verluste möglichst zu verschleiern. Dazu werden verschiedene Instrumente eingesetzt.
Diese reichen von Zensurmassnahmen bis zur Darstellung von offensichtlichen Kampfausfällen als Unfälle oder „Medical Issues“.
Diese Verschleierung und Zensur erstreckt sich auch auf Satellitendaten. Die ambitionierte Open Source-Szene setzt bei der Analyse kommerzielle Satellitendaten ein.
Nun wurden die Anbieter offensichtlich von den USA unter Druck gesetzt. Das Ergebnis waren und sind verzögerte Datenlieferungen und teilweise sogar eine offensichtliche Manipulation der Rohdaten.
Dies erschwerte die Arbeit von OSINT-Analysten erheblich. Ein Grossteil der interessantesten Sattelitendaten stammte aus China.
Sie leisteten wertvolle Hinweise und zeichneten ein Bild des Kriegs, das sich fundamental von den Erzählungen des Pentagons oder den traditionellen Medien unterscheidet.
Dem gegenüber steht ein sehr offener Umgang mit eigenen Verlusten auf Seite des Irans. Dies ist eine kulturelle Frage. Im Schiitentum ist das Märtyrertum ein zentraler religiöser und kultureller Bestandteil.
Es gibt somit keinen kulturellen Anreiz, den Tod eines Soldaten oder auch einer Führungsperson zu verschleiern.
Vielmehr wäre ein solches Verhalten ein kulturellen Tabubruch, der Unmut bei Familienangehörigen auslösen würde.
Dies war bereits bei den jemenitischen Houthis, einer schiitischen Subgruppe, in ihren Kriegen mit Saudi-Arabien und den VAE zu beobachten.
Die Houthis stellten regelmässig ihre eigenen Verluste deutlich überhöht dar. Dies wäre sowohl für die USA als auch Israel ein undenkbarer Vorgang.
Das Verhalten ist äusserst verwirrend für westliche Journalisten und Analysten und führt regelmässig zu grundlegenden Fehleinschätzungen; weil sie sozialisiert sind durch einen völlig anderen Umgang mit dem Thema.
Eigene Verluste gehören zu jedem Krieg dazu. Ein etwas weniger defensiver Umgang im Westen wäre hier sinnvoll.
Verschleierung und Zensur reduziert die eigene Glaubwürdigkeit. Zudem ist es auch eine Respektlosigkeit gegenüber den Angehörigen eines Soldaten, einen Todesfall als „Medical Issue“ oder gar als „Trainingsunfall“ darzustellen.
Das zweite Thema ist der Umgang mit Risiken von politischen und militärischen Führungspersonen und die Resilienz von Kommandostrukturen. Hier kann man das Verhalten der israelischen mit jenem der iranischen Führung vergleichen.
Israelische Minister zeigten sich während des Kriegs im März und April kaum mehr in der Öffentlichkeit.
Pressekonferenzen wurden offensichtlich in Bunkerkomplexen abgehalten, und gemäss allen verfügbaren Berichten hielten sich militärische und politische Führer praktisch 24 Stunden am Tag in Bunkern oder zumindest in gehärteten militärischen Anlagen auf.
Demgegenüber lebten und leben grosse Teile der iranischen Führung weiterhin in normalen Wohnungen und pflegen ein weitgehend normales Familienleben.
Dies gilt selbst für die oberste Führungsebene. Entsprechend sind sie deutlich verwundbarer gegen gezielte Angriffe mit Lenkwaffen.
Hier zeigt sich ein fundamental anderer Umgang mit Risiken und der Bedeutung der eigenen Rolle. Exemplarisch dazu kann man ein Interview mit dem iranischen Aussenminister Abbas Araghchi Mitte März werten.
In diesem wurde er gefragt, ob er Angst vor einem gezielten Angriff habe. Er verneinte dies und wies darauf hin, dass er ausgezeichnete Stellvertreter habe, die seinen Posten jederzeit übernehmen könnten.
Auch dies ist verwirrend für westliche Beobachter und führt zu Missverständnissen. So wurde am 17. März Ali Laridschani, der Sekretär des Sicherheitsrats, von einem israelischen Angriff in seiner Privatwohnung getötet.
Der Vorgang wurde von der Propaganda der USA und Israels intensiv ausgeschlachtet. Der Iran hingegen kommunizierte den Tod am gleichen Tag, und einen Tag später wurde mit Mohammad Bagher Zolghadr ein Nachfolger öffentlich kommuniziert.
Gegeben dem verfügbaren Lebenslauf des Nachfolgers ist dieser ein qualifizierter und erfahrener Nachfolger.
Es stellt sich die Frage, ob eine Strategie von gezielten Angriffen bei einem solchen Gegner überhaupt irgendeine messbare Wirkung hat; angesichts der hohen Kosten und den zivilen Opfern muss man hier ein Fragezeichen setzen.
Westliche Organisationen könnten durchaus vom „iranischen Modell“ lernen. Streitkräfte und zivile Behörden verfügen theoretisch über ein Führungssystem mit Stellvertretungen.
Nur wird dies in der Praxis oft nicht gelebt: Stellvertreter werden nicht in Entscheidungen eingebunden, und Informationen werden gehortet.
Dies rächt sich bei Verlusten, wo die Befehlskette bricht. Jede Führungskraft, egal ob im zivilen oder militärischen Umfeld, sollte sich die Frage stellen:
„Wenn ich heute ausfalle: Kann mein Stellvertreter sofort nahtlos übernehmen?“ Dies muss gewährleistet sein, egal ob in Friedens- oder Kriegszeiten.
Der dritte Faktor ist der Einsatz von Tarnung und Attrappen, eine Technik mit langer militärischer Tradition, die vor allem im 2. Weltkrieg intensiv eingesetzt worden war.
Leider ist diese Kunst seither etwas in Vergessenheit geraten. In den typischen Counter Insurgency-Kampagnen der letzten 40 Jahre spielten Attrappen oder Tarnungen keine grosse Rolle.
Der Iran hingegen setzte offensichtlich in grossen Mengen Attrappen ein. Moderne Attrappen verfügen über Energiesignaturen und sind in der Lage, auch modernste Sensoren zu täuschen.
Das Ergebnis ist, dass ein Marschflugkörper mit Stückkosten von 5 Millionen Dollar dazu eingesetzt wird, eine aufblasbare Attrappe mit Kosten von vielleicht 1’000 Dollar zu zerstören.
Für den professionellen Beobachter ist es erstaunlich, wie viele der vom Weissen Haus publizierten Angriffe offensichtlich nur Attrappen zerstören.
Unkritische Massenmedien übernehmen diese Videos gerne, obwohl sogar für interessierte Laien offensichtlich ist, dass es sich bei den Zielen nur um Attrappen handelt.
Gleichzeitig ist es bemerkenswert, dass die USA auf ihren Basen am Golf keinerlei Versuche unternommen haben, irgendwelche Attrappen oder Tarnmittel einzusetzen.
Als Beispiel kann man die grosse Radaranlage in Katar (AN/FPS-132) erwähnen. Diese wies Gesamtkosten von über einer Milliarde Dollar auf und ist gemäss zahlreichen unabhängigen Berichten irreparabel beschädigt.
Eine solche Radaranlage ist praktisch unersetzbar, vor allem weil es an dem dafür nötigen Gallium fehlt. China kontrolliert über 98 Prozent der weltweiten Raffineriekapazitäten in Gallium. Es besteht ein striktes Lizenzsystem, um die Endverwendung zu kontrollieren.
Trotzdem haben die USA keinerlei Versuche zur Tarnung der Radaranlagen unternommen. Es wäre beispielweise ein leichtes gewesen, auf dem Gelände mehrere Rad-Dome-Attrappen aufzustellen.
Dies hätte eine Beschädigung oder Zerstörung zumindest erschwert.
Auch auf den anderen amerikanischen Basen sind keine Schritte zur Tarnung oder zum Einsatz von Attrappen erkennbar; aus meiner Sicht eine geradezu kriminelle Nachlässigkeit.
Spätestens nach den Erfahrungen des 12-Tage-Kriegs im Sommer 2025 war absehbar, dass die US-Fliegerabwehr nicht in der Lage sein würde, die Basen am Golf zuverlässig gegen iranische Marschflugkörper und Drohnen zu verteidigen.
Mit geringen Mitteln hätte man die Resilienz deutlich erhöhen können.
Es ist auch in der Schweizer Armee an der Zeit, sich endlich ernsthaft mit dem Thema Attrappen auseinanderzusetzen.
Dies sowohl auf der operativen als auch auf der strategischen Ebene. Hier kann man mit sehr geringen finanziellen Mitteln Wirkung erzielen.