In der heutigen NZZ (Seite 38) bespricht Eflamm Mordrelle den Film von Arthur Rutishauser über den Untergang der schon vor 50 Jahren von Journalisten „Krepieranstalt“ genannten Selbstbedienungsbank von arroganten sowie von Politik, Behörden und Medien (NZZ insbesondere, leider) weitgehend in Ruhe gelassenen Masslosen.
Sehr zu Recht fällt dabei der Name von Rainer E. Gut (für die Spätphase fehlt auch hier jener von Walter Kielholz).
Über Rainer E. Gut erschien 2007 im NZZ-Verlag ein Buch des CS-hauseigenen Historikers, Joseph Jung. Meine damalige Buchbesprechung erscheint aus aktuellem Anlass hier nochmals.
Die kritische Grösse – Rainer E. Gut. Ein Buch als Machwerk
Das Buch von Joseph Jung ist lesenswert. Es liest sich sogar relativ leicht. 30 Jahre Bank- und teilweise auch Wirtschaftsgeschichte der Schweiz liegen in einer Form und Dichte vor, die man sich ohne Schaden lesenderweise zuführen darf.
Dass die Schrift von einem sehr treuen Jünger stammt, merkt man allerdings bald einmal (Gut ertrug auch nur sehr treue; er nannte es „Loyalität“; verwechselte es jedoch mit Unterwürfigkeit).
Der CS-Angestellte, Joseph Jung, schreibt im Vorwort, Rainer Gut habe seine Leistungen nie an die Grosse Glocke gehängt.
Jetzt liegt mit dem Buch des CS-Leiters „Ressort Foundations and Corporate History“ jedoch eine Beweihräucherung vor, für die wohl keine Glocke gross genug sein könnte. So etwas liesse sich gar nicht giessen.
Die Jugend Rainer Guts und seine berufliche Laufbahn bis zum Ausscheiden bei der CS Group:
Ganz knapp zusammengefasst könnte man formulieren: Rainer E. Gut wird an der Wall Street eigentlich aus dem Stand ein Stern.
Zurück in Zürich bei der SKA stellt er fest, dass bis Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die SKA eine lausig geführte Bank war, die ihren Rückstand auf die SBG und den SBV laufend vergrösserte.
Beim Austritt aus der CS Group im Jahre 2000 war die CS Group in Bestform – „wie keine andere europäische Bank war die Credit Suisse Group im Jahre 2000 auf der Weltkarte des International Business positioniert“ (Seite 224).
Sofort nach Übernahme der operativen Verantwortung, nach der Texon-Affäre von 1977, wird alles besser.
Für alles und jedes hat Gut einen Plan. Immer schon in der Schublade. Der muss jederzeit über eine geradezu unglaubliche Intuition und Inspiration verfügt haben.
Alles gelingt und alle andern, vor allem jene bei der Konkurrenz, unterliegen ihm.
Ebner und Schiltknecht werden im Fall Bank Leu in die Schranken verwiesen, und Robert Studer drückt sich die Nase breit, weil ihm Gut die Volksbank wegschnappt hat und bald danach auch noch die aargauische NAB ausspannt.
Es interessiert stark, ob und allenfalls wie die Herren Studer, Senn, Ebner und Schiltknecht auf die saftigen, sie betreffenden Passagen reagieren werden. Ich hoffe, es werde schreibenderweise, offen, ausgetragen.
Wo Gut nicht ans Ziel kommt, etwa bei der Fusion von Credit Suisse mit der SBG, fühlt sich Gut hintergangen. Speziell von Nikolaus Senn.
Auch sonst spart Joseph Jung bzw. der ihn inspirierende Rainer Gut nicht mit Kritik, manchmal gar Häme.
Der VR-Präsident der SKA, Oswald Aeppli, wird schon früh im Buch als wenig risikofreudig abgestempelt.
Und als sich die führenden Herren vor der schwierigen GV nach dem Texon-Skandal von 1977 im Garten Guts in Bassersdorf trafen, schlief Herr Aeppli („ihm fehlten Schlüsselqualifikationen“, Seite 159) nach dem Essen bald einmal im Liegstuhl ein.
Auch über den VR-Präsidenten Felix W. Schulthess lästert Gut schon beinahe wie ein Boulevard-Journalist (Seiten 117f). Nicht genug damit: Auch Adolf Jöhr bekommt Schelte (Seite 125).
Kein Wunder also, dass die Umstände geradezu nach einer Persönlichkeit, wie Rainer E. Gut sie war, riefen (Seite 151).
Kein Wunder auch, dass man bis zur Seite 182 vordringen muss, bis erstmals vom Eingeständnis eines Fehlers die Schreibe ist. Es geht dort um die misslungene Übernahme der österreichen Creditanstalt-Bankverein.
Das hindert jedoch Joseph Jung nicht daran, im Vorwort zu schreiben, sein Band (!) würdige das Lebenswerk Rainer E. Guts kritisch (!).
Die Arbeit von Robert Jeker wird übrigens an verschiedenen Stellen erfreulicherweise ausführlich gewürdigt.
Zum Bankenplatz Schweiz im Zweiten Weltkrieg bzw. zur späten Aufarbeitung: Dieser Abschnitt kann gefallen.
Die Kritik am Bergier-Bericht, an Singer und insbesondere Eizenstat sowie die schonungslosen Bemerkungen zu den Machenschaften des amerikanischen Judentums empfehle ich zur integralen Lektüre und erinnere daran, dass für solches auch heutzutage vorschnell die Kritik des „Antisemitismus“ vorgebracht wird.
Im Vergleich zu dem, was Gut hier vorbringt, sind die kritischen Bemerkungen des Robert Holzach in einer Reportage der Jane Kramer im „New Yorker“ (wahrscheinlich war es 1997) Zuckerwasser.
Zur Swissair: Hier vernehme ich erstmals, dass Gut als Swissair-VR-Präsident vorgesehen war.
Gut gefällt mir, wie Gut sich die Herren Frank A. Meyer, Adolf Ogi und Moritz Suter als Totengräber von „Alcatraz“ vorknöpft. Suter kommt ganz schlecht weg; „Phoenix“ geisterte schon 1993 herum.
Zur Swiss: Moritz Suter ist nochmals Zielscheibe. Gut soll Mario Corti vor ihm gewarnt haben. Vergeblich. Leider.
Die UBS diktiert, beklagt Hans-Ulrich Doerig (Seite 356).
Zu Nestlé: Diesen Abschnitt kann man sich sparen. Reine PR.
Fazit: Dieser „Band“ ist ein Machwerk. Inspiriert von einem erfolgreichen Bankier einer etwas weniger erfolgreichen Bank. Geschrieben von einem treuen Diener.
Die Schrift legt Zeugnis ab von einem Machtmenschen, der für alle Formen der einigermassen offenen Kommunikation nicht etwa deshalb kein Verständnis hatte, weil er scheu oder zurückhaltend war.
Sondern weil er solches nur als Hindernis betrachtete, und weil er die Hauptträger der offenen Kommunikation, die Journalisten, auch hervorragende, als Belästigung empfand.
Manchmal sogar jene der „NZZ“, auf die er sich doch in so vielen Fällen verlassen konnte und nicht auf kritische Nachfragen einzugehen hatte.
Manchmal wusste sich Rainer E. Gut der Medien durchaus zu bedienen, wenn sie seinen Plänen dienlich sein konnten.
Zwar ist solches Tun und Denken längst allen CEO’s geläufig. Aber keiner hat’s so hart durchgezogen wie Rainer E. Gut. Erst Dan Vasella brachte diesbezüglich nochmals eine „Steigerung“ zustande.
Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Urs Rohner wird’s freuen, in diesem Bericht nicht erwähnt zu sein. Doch die vermeintliche Freude sei ihm vergönnt, denn 10 Jahre Misswirtschaft sind eine sehr, sehr lange Zeit, in welcher er und seine Adlaten – ein einziger Haufen von Unfähigen – die Fehler ihrer Vorgänger hätten korrigieren können, wenigstens teilweise.. . Dafür müssen er und seine Wasserträger nun endlich belangt werden, wie dies auch Arthur Rutishauser zu Recht fordert.
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Tja, die Dummheit der meisten Menschen kennt halt keine Grenzen. Das Problem sind nicht Leute wie der selige Herr Gut. Das Problem sind die dummen Leute, die sich darüber empören. Leute so wie ich. Herr Grübel hat übrigens bis zum Schluss gesagt, dass die CS am Investment Banking festhalten solle. Sonst könne man in Asien nicht wachsen. Er hat die CS-Aktie auch bis zum Ende zum Kauf empfohlen. Der Buchwert sei höher als der Börsenwert. Und im Vorwort zum Buch Die kritische Grösse hat er die Reorganisation von anno 1996 als historische Meisterleistung von Herrn Gut gerühmt. Heute ist Herr Grübel ein Hero und Liebling der Medien. Tja, es lebe die Dummheit von uns Menschen.
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Nicht DER Medien….für den ‚Blick‘ ist er der Grösste. Darf dort immer wieder etwas absondern. Wie überigens auch Dan Vasella.
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Warum wird seine Rolle beim Untergang der ehemals grundsoliden „Winterthur-Versicherung“ nicht erwähnt? Klar, sie war eine leichte Beute, denn der damalige VR-Präsident und CEO gleichzeitig Peter Spälti hat ihm mit seinem Unvermögen, einen Finanz-Konzern zu führen regelrecht in die Hände gespielt.
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Warum sollte denn Jung dies erwähnen ? Bei seiner Lobhudelei auf Gut…
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CS, Grössenwahn und Rainer E Gut
Folgendes zur Erinnerung:
Vertrauen ist Voraussetzung für ein funktionierendes Bankensystem. Auf diesem bauten SBG, SKA und SBV vorerst ihr Inlandgeschāft und spāter auch ihr Auslandsgeschāft auf.
Investmentbanken schnüren Transaktionen und werden dafür fürstlich entlöhnt. Die Partner kassieren ab und mit hohen Boni hālt man das Fussvolk zufrieden.
Das System Investmentbank (First Boston), hohe Vergütungen und Boni, infizierte die CS. Mit der CS im Rücken konnte ein noch grösseres Rad gedreht werden. Katastrophen waren damit vorprogrammiert und fuhren die CS an die Wand.
Rainer E Gut konnte den VR der SKA weichklopfen und ihm seine Idee Investmentbank verkaufen. Wäre dies Gut auch bei der damaligen SBG gelungen? Wohl kaum, nach seinem Einsatz als SBG Vertreter in New York hatte Gut Vorstellungen über seine SBG Zukunft. Diese wurden von Dr Alfred Schaefer abgeblockt. Der Rest ist Geschichte.-
Die SBG holte sich das Investmentbanking mit der Fusion mit dem Bankverein 1998 unter Ospel-Führung ins Haus. 2008 war dann Kassensturz mit Beinahpleite.
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Die Boni des harten Investmentbanking waren höchst verlockend. Die Privatbanker übernahmen das System sofort, ohne die verbundene Arbeit und ohne Risiko! Verluste im Privatbanking trägt der Kunde.
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Investmenbsnking ist die wahre Todesursache der CS. Haifische der Wall Street filetierten die Bank und sicherten sich exorbitante Boni auch bei Misserfolg. Mit Kravatte wurde die Bank ausgeraubt und GL und VR schauten amüsiert zu – beim Cüpli trinken.
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Mit den ersten Boygroups der Musikgeschichte entstanden auch die ersten Boygroups im Banking. Das etabliert traditionelle Kommerzbanking wurde aufgemischt. Securitization war das neue Zauberwort und der Beginn des Casino Gamblings.
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Wer war bei der Fusion Adia Inspectorate involviert? Wer verdiente bei der Akquisition von First Boston? Wir werden es nie erfahren.
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Den größten Fehler in seiner Laufbahn
machte er, als er sich mit Josef Ackermann verkrachte . Josef war noch schlauer, als der arogante Gut!! -
Guter Artikel. Zur Ergänzung Artikel 2023: Was über Rainer E. Gut weniger bekannt ist.
Mit Rainer E. Gut ist am vergangenen Mittwoch, 91-jährig, ein grosser Schweizer Bankier verstorben. Wie nur wenige andere Persönlichkeiten aus der hiesigen Finanzbranche hat er das Geschehen über mehrere Jahrzehnte massgeblich mitgeprägt. Viel ist über ihn bereits geschrieben worden, gleichwohl gibt es einige Fakten, die weniger bekannt sind.
1. Karriere zuerst bei der UBS
2. Aufstieg nach dem Chiasso-Skandal
3. Antithese zum Establishment
4. Von der Nobelbank zur Bank für alle
5. Die kritische Grösse
6. Credit Suisse First Boston als «Culture Clash»
7. Auf Augenhöhe mit den Amerikanern
8. Vergeblicher Fusionsversuch
9. Allfinanz als Fehleinschätzung
10. Hoffnung und Entsetzen über die Credit SuisseQuelle mit 10. Fakten: https://www.finews.ch/news/banken/59732-rainer-e-gut-ska-cs-credit-suisse-ubs-sbg-usa-investmentbanking-chiasso-skandal
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Ich habe Rainer E. Gut einige wenige Male mehr oder minder zufällig gesehen, so um 1995 – 1997.
Nie vorher oder auch nachher habe ich jemanden gesehen, der (oder die) eine derartige Arroganz verströmte.
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Rainer E. Gut hatte keine einfache Kindheit. Im Schwimmunterricht bekam er ab und zu eine Rüge, weil er immer über das Wasser lief, statt wie die anderen zu schwimmen. Die Eltern behielten ihn nur, weil der Wein, den er aus Wasser machte, dem Vater wirklich mundete. Die Mutter war jedoch sauer, weil das Aquarium und das Brotchörbli platzten, weil der die Fische und die Brote darin übrmässig vermehrte.
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Wie sagten wir doch früher in der SKA:
Gut ist uns nicht gut genug!
Rainer E. Gut hatte keine einfache Kindheit. Im Schwimmunterricht bekam er ab und zu eine Rüge, weil er immer über…
Wie sagten wir doch früher in der SKA: Gut ist uns nicht gut genug!
Ich habe Rainer E. Gut einige wenige Male mehr oder minder zufällig gesehen, so um 1995 - 1997. Nie vorher…