Den besten Beitrag zur Sichtweise der Schweiz lieferten Peter Blickle und sein Kreis vor 40 Jahren, einen Blick von aussen und ohne blindes Hurra von Leuten, die nur die Schweiz und sonst nichts kennen.
Sondern Blickle, Süddeutscher und ein Vierteljahrhundert lang Professor in Bern, fand die DNA der Schweiz im „Kommunalismus“, den er im Alten Europa überall vorfand – die Gemeinde, die Stadt als selbstverwaltender Hort der Freiheit.
Überall bildeten sich nach dem Jahr 1000 freie Städte, Reichsstädte, Landschaften. Doch nur in der Schweiz blieb die Freiheit bis heute erhalten, oder in grösserem Masse virulent als anderswo
Insofern hat die Schweiz das gute Tuch freier Gesellschaft bewahrt, der Sonderfall sind die vielen Gebiete, die es verloren.
So verbot die Verfassung des Alten deutschen Reiches freie Vereinigungen von Städten, Landschaften plötzlich 1356 in der „Goldenen Bulle“.
Mehrere Kriege des Adels und des Kaisers bliesen ihnen bis 1388 das Licht aus, doch die Eidgenossen bliesen dem ganzen herbeigeströmten Adel Süddeutschlands und dem Habsburger Herzog ein Jahr später das Lebenslicht aus – in Sempach.
Ihr Bund kam durch.
Kaiser Ferdinand verbot 1555 die freie Wahl der Konfession durch Gemeinden, Städte, denn „Gleiche können nicht untereinander das Gesetz machen“ – es muss von oben, vom Adel kommen.
Doch Zwingli und die Kantone hatten sich nicht darum geschert, liessen pro Pfarrei abstimmen, und das galt.
Blickle zeigte, dass der in der Schweiz sich durchsetzende Kommunalismus – in den Urschweizer Ländern, in den Stadtkantonen, als Bund der Kantone – vom alten Grundsatz ausging, dass sie „pro communi utilitate“ sich selbst Recht sprechen durften.
Zu gemeinsamem Nutz und Frommen, ohne weitere Herleitung durch Kaiser, Adel. Dies bezeichnet Blickle als ureigenen Charakter der Eidgenossenschaft.
Im Gegensatz dazu suchten die Reichsstädte Deutschlands, Süddeutschlands immer den Schutz des Kaisers, und sein Beamtenstab setzte die Bedingungen. Eigentliche Steuern wurden den Städten verboten, der Territorialfürst zog sie ein und lieferte sie ans Reich.
Dies bestritten die Eidgenossen erfolgreich im Schwabenkrieg 1499. Indem sich die Schweizer von Anfang an als „communitates“ oder „universitates“, also gesamte Vereinigungen der Landschaften, Städte bezeichneten, rundeten sie das Territoriium für sich und zwischen sich ab.
Die Reichsstädte hingegen verbanden sich zwar, bildeten aber keine geschlosssene Einheit. Oft verpfändeten Kaiser oder Territorialfürsten diese einzeln und hinter ihrem Rücken an andere Fürsten.
Auch die Hanse, die lombardischen, toskanischen Städte als mächtige einzelne Beispiele des Kommunalismus schafften diesen territorialen Zusammenhang nicht, die Vereinigten Provinzen Hollands jedoch schon.
Die Schweiz „konnte einen grossen Bezirk vom Gotthard bis zum Hochrhein in einen geschlossenen Friedensraum verwandeln“.
Das ist lange her, aber wenn er einmal da war, konnte er sogar durch das napoleonische Zwischenspiel nicht weggewischt werden. Die Schweiz dauert, und die Mentalitäten dauern auch.
Dies erklärt heute die immer noch eigenwillige, selbst rechtsetzende, die Autonomie hochschätzende Einwohnerschaft.
Die Volksrechte spitzten diese Haltungen seit Ende des 19. Jahrhunderts sogar noch zu – das Volk setzt Recht, nicht nur das delegierte Parlament, wie im übrigen Europa. Oder wie zunehmend die EU für alle, und von oben.
In der EU hat der unterstellte hohe Zweck der „immer engeren Union“ („ever-closer union“) die Herleitung der Gesetze vom seinerzeitigen Adel, Kaiser übernommen:
Bei Widerstreben werden die Mitgliedsländer – sogar Deutschland – immer an die höherstehenden Ziele erinnert, und überstimmt, weil man sich nicht entgegensetzen darf.
Das spielt gegenwärtig bei den riesigen Schuldenaufnahmen für das Paket „New Generation EU“ von 800 Milliarden, beim Rüstungspaket von 100 Milliarden und beim neuesten Ukraine-Paket von 90 Milliarden Euro.
Schulden immer zu Lasten der Mitgliedsländer, aber für den „guten Zweck“ einer starken Union.
Das Prinzip spielte auch seit zehn Jahren für die Walze der immer neuen Bürokratie aus den Richtlinien.
Dagegen kommen in der Schweiz in der Debatte um das neue Rahmenabkommen immer nur die Überlegungen bezüglich des Nutzens hoch, ob es „pro communi utilitate“ ausfallen könne. Und zuletzt wird das Volk solches Recht demgemäss setzen oder verwerfen.
Ins Spannungsfeld zwischen übergeordneten, damals adeligen Zwecken und dem Alltagsnutzen als Leitfaden der Gesellschaft setzte Peter Blickle glaubwürdig auch seine Interpretation des Bauernkriegs 1525 als „Revolution des Gemeinen Mannes“.
Nicht nur Bauern suchten eine freiheitliche, dem Nutzen verpflichtete Ordnung, sondern auch Städter, oder Bergknappen, also Arbeiter.
Alle standen sie auf gegen den Feudalismus, so in den „12 Artikeln“ der Menschenrechtserklärung der reichen Stadt Memmingen, der ersten der Welt.
Doch im gleichen Jahr 1525 pflügten Fürsten und Kaiser die Bauern- und Städteheere eins nach dem andern unter. Die tätigen, arbeitenden Kreise Europas waren aufgestanden gegen die Herrschaft von oben nach unten, durch nicht gewählte Beamte als Transmissionsriemen, aber sie verloren rasch.
Auch dieser Mentalitätszug zieht sich daher bis heute stärker in der Schweiz durch als sonstwo. Immerhin könnten sich „professionals“, Schichten mit Gestaltungskraft und Kompetenz, mit der Zeit gegen die entstandenen staatlichen und europäischen Bürokratien auflehnen.
Der neue „Gemeine Mann“? On verra.
Die grossflächigen, allzuständigen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts wie Frankreich, Deutsches Reich, Italien, haben dem Kommunalismus ein Ende gesetzt, weitgehender Selbstverwaltung also.
Sie sind mit Zehntausenden von Toten herbeikartätscht worden, in der Revolution, in den „Einigungskriegen“.
Der Reisende kann die Zeugen gescheiterten Kommunalismus‘ ausserhalb der Schweiz sehen in den stattlichen Rathäusern und fast puppenstubenartigen Reichsstädten, wie Memmingen, Biberach, Isny, Lindau, Rottweil, Wangen, in der Lombardei, in der Toscana, in der Hanse.
Oder aber den Triumph des Kommunalismus in Bern, Luzern, Solothurn, Genf, in Hollands Städten.
Seit wann gehört die Schweiz nicht mehr zu Europa?
ach, sind sie jetzt doch der EU beigetreten?
Ach herrje, was ein wunderbar nostalgischer Artikel. Zum Glück haben wir nicht 26 Währungen in der Schweiz. 26 verschiedene Spitalplanungen reichen völlig aus.
Italien hat jetzt sogar festgestellt, dass ihr 26 verschiedene Staatsanwaltschaften habt!
Zahle sowieso nur in Kantonswährung und ansonsten mehrheitlich in EUR. Will die Schweizer Unternehmen eben nicht noch tiefer in den Sumpf der fehlenden Fachkräfte reiten.
Diese Freiheit wollen alle Parteien ausser der SVP ganz einfach verschenken. Wir würden ausgenommen wie eine Wheinachtsgans. Wohlstand weg, direkte Demokratie weg, Selbstbestimmung z. B. über die Zuwanderung weg.
Die Autoren die von der Freiheit schwärmen, blenden immer den Fakt aus, dass der Mensch seit jeher abhängig von Geld, Macht und Sexualtrieben war. Soll das wirklich Freiheit sein? Träumen ist etwas, dass der Mensch ab besten beherrscht. Doch Träume sind nichts anderes als Schäume. Viel Spass beim Aufwachen …
Woher leiten Sie Ihren Kommentar her?
Haben Sie empirische Grundlagen oder Naturgesetze,die Ihr Postulat bestätigen?
Da gäbe es auch noch das Cassis de Dijon -Prinzip. Leider auch ausgehebelt durch unseren Cassis aus der Lombardei, dieser spendiert unsere Franken in die Ukraine und an die Ukrainer mit denen mich Null und rein gar nichts verbindet.
Geholt hat sie vor allem KKS. Haben bis jetzt 5 Milliarden gekostet wie ich gelesen habe.
Kommuni(ali)smus!
Ali macht den Unterschied !
Gepen auck geld vür Leasing!
Herr Kappeler, das ist ein sehr guter Artikel, welcher zum Nachdenken anregt. Bitte weitere solche von Ihnen hier bei inside Paradeplatz. Ich würde mich darüber sicher wieder freuen.
ja JO, da kannst du vor der Samstagnachmittagstoilette mit Resi im Heim noch mal ordentlich ne Runde sinnieren. Aber dann dalli, dalli inne Heia, klar?
Die Schweiz sollte vorsichtig sein. Zuwanderung limitieren, maximal 10 Millionen Einwohner.
Schveiz hapen genuug blatz!
Weitsichtig wäre längst schon, die Einwohnerzahl auf 9 Mio. zu begrenzen.
Derart ist unsere heutige Infrastruktur. Einerseits für die Ernährung, den Trinkwasser- und Stromverbrauch und anderseits das Transportwesen aller Art, die notwendigen Strassen und Immobilien.
Das mit Abstand wichtigste Element um eine gute Zivilsation aufzubauen ist Intelligenz. Nur der Mensch hat die Intelligenz eine menschliche Zivilsation aufzubauen. Der Affe, auch ein sehr inteligentes Wesen, lebt in Gruppen. Er hat jedoch nicht die geistigen Fähigkeiten eine Zivilisation aufzubauen.
Darum ist es sehr wichtig eine gute Elite zu haben. Eine schlechte Elite schrottet eine Nation, da nützt wenn sie nicht gestoppt werden die beste Verfassung nichts. Man kann vollkommene Gesetzbücher schreiben, wenn der Idiot/in das sagen hat, nützt das nichts.
Bürgergeld, Kindergeld, Geld für Wohnungseinrichtung was will man mehr?
Deutschland das Sozialparadies !
Du hapen auck geld fon pürger?
Da ist Trump angekommen- in der Schweiz noch nicht.
Pfister hätte bei diesen Prof studieren sollen statt in Fribourg, dann wäre er weniger geschichtsblind und opportunistisch.
Soziale Teilhabe wird mit Smartphone und Abo ohne Einschränkungen grosszügig auch Sprachunbegabten mit der Sozialhilfe grenzenlos ermöglicht.
Sehr geehrter Herr Kapeler (ich kenne Sie von früher von http://www.tagesanzeigdr.ch (eine Nexienseite ähnlich wie http://www.zackbum.ch von „Maeestro“ 😉wie wir ihn nennen(René Zeyer Betreiber) der auch (Sue ai h?ä) für sie Weltwoche und d Nzz (20stunden.ch:-) ) bitte weiter so Hans Gerhard
Mister Kapeler for President of the USA und swiss:-)
Thema Geld.
Die einen machen Schulden und anderen sammeln Schwarzgelder und Steuerflüchtlinge.
Kommunialismus.
Bei den einen entscheiden Beamten über Einbürgerungen und bei den anderen das „unfehlbare“ Volk und verweigert jemand die Einbürgerung, weil er Sonntags in der Trainerhose sich auf der Strasse zeigt
Massgebend sind die Menschen!!!
Beamtendiktatur oder Volksdiktatur? Cholera oder Pest?
„das Volk setzt Recht, nicht nur das delegierte Parlament, wie im übrigen Europa. Oder wie zunehmend die EU für alle, und von oben.“
Es ist nicht verboten den Kopf in den Sand zu stecken.
Sommerzeit, Übernahme von EU-Recht. So sieht der Alltag in den Alpen aus.
Nächste Abstimmung in den Gemeinden: Einführung einer eigenen Gemeindezeit. Es lebe der Kommunialismus!
Warum geht man nicht den eigenen Weg?
Die EU in Brüssel eine Art „Glückskette“ mit und für angegliederte Mitgliedstaaten. Jeder zahlt ein, einige bekommen was zurück. Da wird die Glückskette dann zum Sponsor oder gar big spender als Territorial-Gotte. Klar ist da die Schweiz als „never ending jackpot“ hochwillkommen. Das CH steht ja deutlich für CasH … und die langweiligen CH Politiker wollen auch mal im feudalen EU-Glaspalast die Beine hochlegen.
Beat Kappeler ist ein intelligenter Kommentator. Aber wenn er meint, in die Geschichte greifen zu müssen, dann kommt er aufs Glatteis.
Wer sagt, dass es vor 1000 Jahren, vor 500 Jahren Städte gab.
Wir wissen nichts darüber. Die Geschichte wurde erst viel später erfunden.
Bleiben wir bei der Gegenwart und der Zeitgeschichte.