58 Jahre alt, Lagerist, verheiratet, Ehefrau arbeitet Teilzeit, zwei Kinder. Wohnort Stadt Zürich, irgendwo am Manesseplatz, zwischen Bahngleis und Transitverkehr.
Monatslohn vor zwei Jahren 5’800 Franken, heute: 4’800 Franken. PFZ sei Dank. Restrukturierungen, friss oder stirb. Miete 3 1/2 Zimmer 2’150 Franken.
Monatslohn der Ehefrau, Teamleiterin Raumpflege, 2’100 Franken. Letzte Steuerrechnung, 6’200 Franken.
In zwei Jahren ist Schluss, Firma macht dicht. Als Bonus: Leerkündigung der Wohnung, Totalsanierung, neue Miete 2’750 Franken.
Neubewerbung notwendig. Dauer der Sanierung 14 Monate. Alle müssen raus. Langjährige nachbarschaftliche Freundschaften? Schulfreunde der Kinder? Verwurzelung im Quartier?
Nix da, Rendite hat Vorrang. Deshalb heissen solche Wohnblocks: Rendite-Objekte.
Jeden Tag eine neue Meldung. Pensionskasse aus Basel kündigt den Mietern zweier Liegenschaften in Genf, Gemeinde Kilchberg kündigt allen Mietern, ob jung oder alt, um Asylanten Platz zu machen und eine halbe Kiste pro Jahr einzusparen.
Alles Sugus – die Schweiz, das Land der Sugusblöcke.
Das Schweizer Leben ist unbeständig. Du bist niemand, ab 50 Jahren RAV-Futter und jederzeit das potentielle Opfer einer Leerkündigung.
Wie stehst Du da, vor deinen Kindern? Ihr müsst jetzt bald weg von eurer Schule, nach Hinterfutzikon an der Autobahnschneise im Achtung-Gefahr-Land.
Wir müssen offen sein, offen für Neues. Flexibel, ein Leben lang lernen. Netzwerk, Du brauchst ein Netzwerk, Vitamin B wäre gut, unter der Hand für Job und Wohnung.
Wie in Kairo, Istanbul oder Timbuktu. Geiles Land, die Schweiz des 21. Jahrhunderts, wirklich geil.
Halt. Bildung hilft. Sozialer Aufstieg dank Bildung. Bildung bringt Beständigkeit in dein Leben. Prokura, Ferien in der Karibik, fette Karre dank Leasing, 70 Prozent Hypothek für Stockwerkeigentum, schicke Ehefrau, Kinder am Gymnasium, Skifahren in Klosters am Wochenende.
Raus aus dem Renditeobjekt-Mief, willkommen bei Heinz und Brigitte, deutsche Nachbarn im Direktionsrang am Zürisee, siebte Reihe links hinter der Kurve mit Seeschlitz-Sicht mit dem Fernglas.
Plopp, Du bist dem Cost-Income-Ratio im Weg.
Sozialplan, Placement Alibi-Gugus, Neudeutsch, Schutt in den Hintern, Du bist eine Blick-Schlagzeile: Banker stehen beim RAV Schlange.
Alles kein Problem, 280 Bewerbungen im Monat ohne weiteres machbar, KI hilft.
Moment mal, KI hilft auch die Absagen zu schreiben, auf der anderen Seite.
Immerhin, dein Sohn ist in der Probezeit am Gymi, nach zehntausend Stutz Vorbereitungskurs. Probezeit? Unbeständigkeit halt, wie es der Schweizer mag.
Akademiker gibt es sowieso im Überfluss hier. Lieber ein Handwerker sein, Zudiener von Heinz und Brigitte, deutsche Nachbarn im Direktionsrang, oder gleich Lagerist beim Tagi, am Manesseplatz wohnend, zwischen Gleisen und Transitverkehr.
Grüezi, Herr Egger, Storchenegger? Egger ist immer gut. Hier ihre Hausbank. Sie sind nun 65 Jahre alt, haben die Schweizer Unbeständigkeit mit viel Glück überlebt, Job behalten, Frau nicht davongerannt, Kinder Probezeit und Matura bestanden.
Ihre Rente ist leider viel zu gering, um die Tragbarkeit der Hypothek zu erreichen, bitte denken Sie nun an einen Verkauf der Wohnung. Willkommen in Hinterfutzikon – oder darf es gleich Pattaya einfach sein?
Einmal mehr ein Artikel auf unterstem Niveau. Aber Hauptsache meine Kommentare werden „überprüft“ sprich mit 3 Tagen Verzögerung (wenn überhaupt) publiziert.
Einfach die Realität.
Die Schweiz folgt dem Weg der USA, eine Firma, immer oefter geleitet von Interessen des Grosskapitals. Menschen als Verfuegungsmasse. Eine Art Teufelskreislauf den sich niemand zu durchbrechen traut. Am Ende wird es im Jammertal enden.
Und der RAV-Berater teilt Dir in klassischem Bühnendeutsch mit, was Du ein Leben lang falsch gemacht hast.
Nun ja, bei jedem anderen Artikel könnte man durchaus über die Sprache diskutieren. Hier besteht keine Notwendigkeit, der Artikel bringt es genau so auf den Punkt!
Es wird überall der letzte Franken für die Gewinnmaximierung ausgequetscht, für die sozialen Kosten schiebt man auf die Gesellschaft ab. Was machen die Politiker? Sie tun, mit wenigen Ausnahmen, was sie am besten können, sie verwalten das Problem. Wie lange lässt sich diese Rad noch drehen? Wann knallt es?
Grandios geschrieben, die Lektüre ist mit entsprechendem Galgenhumor sogar lustig. Tragischerweise trifft der Autor den Nagel der Wahrheit auf den Kopf.
Wow das beste und treffendste was ich heute gelesen habe. Zuwanderung langet!
Wie immer ein köstlicher Artikel von Isabel Villalon. Danke
So und nicht anders ist es!
5800 als Lagerist (vor 2 Jahren)? Also ich verdiene im gleichen Alter als kaufm. Angestellter mit zahlreichen Weiterbildungen weniger. Zitrone auspressen, wo es nur geht, liebe Arbeitgeber! Ironie Off. Ein Strassenbauer verdient schon direkt nach der Lehre 5500.– habe ich gehört.
Treffender beschrieben fast geht nicht.
Ja so geht es zu und her im Heidiland.
Nur was ist denn so geil in Zürich zu wohnen? Muss es denn immer Zürich sein? Überall gibt es dann doch nicht dauernd Leerkündigungen.
Alles korrekt, alles geregelt, und trotzdem gnadenlos. Man lebt auf Bewährung, fällt schnell in Ungnade und verschwindet geräuschlos. Ein Land, das Effizienz liebt, aber Menschen misstraut. Misantropie mit Excel-Tabelle. „They are destroying their country“, sagte doch kürzlich jemand in Washington über die Schweiz.
Grossartiger Artikel, genau auf den Punkt gebracht. Die ungeschönte Neue Realität. Bei Hinterfutzikon musste ich laut lachen 🙂
Wo geht denn die ganze Wertschöpfung unserer Arbeitskraft verloren?
Beim Lohn kommt sie nicht an. Das ist die richtige Frage auf diesen blabla Artikel, ein wenig oberflächlich.
Wir haben es mit einem zunehmend dysfunktionalen Kapitalismus zu tun. Das sage ich als überzeugter Kapitalist, der gut von ihm lebt. Aber der aktuelle Kapitalismus muss dringend rekalibriert werden. Sonst schafft er sich selber ab, wie Alois Schumpeter einst prognostiziert hat. Eine Wirtschaftsordnung muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt!
Sehr guter Artikel.
Aber der gleiche Bürger wird wieder auf die Propaganda der SP hereinfallen und am 8. März 2026 rot wählen in der Stadt Zürich und auch die Halbierungsinitiative ablehnen.
Dabei kann er viel sparen wenn er nicht rot wählt und ein JA zur SRG Initiative in die Urne einlegt.
Denn der Schweizer wählt lieber seinen eigenen Metzger vorher, weil man ja ein freier Schweizer sein will.