An einem Montag im März singt Gloria Gaynor „Never Can Say Goodbye“, als wäre der frühe Morgen, 06.46 Uhr, die Tageszeit für etwas High-Energy-Homo-Disco-Musik (von 1974).
Es folgt Piero Esteriore, heute vergessen als Schweizer Nullnummer des Eurovision Song Contest 2004, der zudem mit dem Auto die Eingangstür des Ringier-Pressehauses in Zürich rammte.
Nach den Nachrichten geht’s weiter bergab – Supertramps „It’s Raining Again“, ein Lied, das ich schon 1982 schlecht, genauer cheesy, fand.
Und um 07.19, bevor ich das Radio ausschalte beziehungsweise von SRF 1 zu einem anderen Sender wechsle, kommt „Come Puoi“ von Nino Colonna, was ich in Ordnung finde, da Nino mein Coiffeur war, als ich noch in Bümpliz wohnte und Haare respektive eine Popperfrisur hatte.
Was ich sagen will: Die SRG hat Schwein gehabt, dass ihre Gegner und Kritiker es bei der kürzlichen „200 Franken sind genug!“-Initiative verpassten, über das Musikprogramm von Radio SRF (1 zur Hauptsache, aber auch SRF 3) zu klagen.
Denn für die tagein, tagaus gespielte Liederauswahl verdienten die Verantwortlichen eine Geldstrafe in meinen Ohren.
Um fair zu sein, über Geschmack lässt sich nicht streiten. Tun wir es also: Es gibt Musik, die war bereits mittelmässig (höchstens), als sie erschien. Und seither ist sie schlecht gealtert.
Ihr Verdienst, wenn man es wohlmeinend beschreibt, ist, dass sie verhältnismässig wenige Leute herausfordert.
Es handelt sich dabei um sogenannte Middle-of-the-road-Produktionen oder die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Also um die Art Musik, die auf Radio SRF oft läuft.
Die Verteidigungslinien gegen obige Vorwürfe – neben der Geschmacksgeschichte – lauten: Der Algorithmus sei schuld sowie alles nicht so wichtig, nur wenige Leute hörten genau hin.
Hauptsache, es dudelt irgendetwas im Hintergrund.
Beides falsch. Radio SRF beschäftigt Musikredaktoren und Musikplaner, es handelt sich dabei um „Experten, die entscheiden, welche Songs in die Playlist aufgenommen und gespielt“ werden (Quelle: SRF-Webseite).
Und sie nehmen ihre Kuratorenaufgabe so ernst wie die Luchsohren ihres Publikums – ich habe mal einem das damals neue Stück „Blurred Lines“ von Pharrell Williams und Robin Thicke empfohlen.
Man erkannte auch als Laie nach drei Takten (und vor dem späteren Skandal), dass es ein Hit würde.
Worauf der Experte sagte: „Toller Track, logisch, aber wir können den nicht spielen – der Hörer würde ihn nicht mit unserem Sender identifizieren.“
Weshalb er, der Hörer, ihn, den Sender, sofort verlassen und nie mehr zurückkehren würde.
Stimmt ebenfalls nicht. Erstens ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und zweitens: Wer schimpft, der kauft (sehen Sie mich an).
„Blurred Lines“, übrigens, wurde dann doch noch gespielt, als es Platz 1 der Charts erreichte und sich dort sechs Wochen hielt (es war der zweiterfolgreichste Hit des Jahres 2013 in der Schweiz).

Freche Frage: Was spricht dagegen, dass Radio SRF gute, ach was, die vielleicht beste Musik spielt?
Mir fällt keine Antwort ein. Redaktionell, schon klar, kann sich unsere kleine, aber teure Anstalt – 7’100 Mitarbeiter gesamthaft, 1,6 Milliarden Franken Einnahmen – kaum mit den Grossen, zum Beispiel der BBC (21“000 Angestellte, 5 Milliarden Pfund), messen.
Zudem moderieren/kuratieren bei uns nicht Jarvis Cocker, Cerys Matthews, Gilles Peterson oder Iggy Pop.
Aber was sie beispielsweise bei BBC Radio 6 Music in Salford near Manchester auf den Plattenteller legen, wie man früher sagte, können sie im SRF-Radiostudio in Zürich-Leutschenbach auch spielen.
Weil heute mit wenigen Ausnahmen (archive session tracks und andere Live-Aufnahmen) die meiste Musik mittels weniger Tastaturbefehle verfügbar ist.
Das heisst, statt „können“ müsste es wohl „könnten“ (sie in Zürich-Leutschenbach auch spielen) heissen. Die Verantwortlichen müssten sich nämlich getrauen, dem Publikum ein wenig mehr zuzumuten.
Doch es könnte ja sein, dass auch SRF-Hörer ihr Radio wegen der Musik einschalten, nicht trotz der Musik – Gloria Gaynor, Piero Esteriore, Supertramp –, so wie ich. Würde ich Liftmusik nachfragen, würde ich einen Aufzug benutzen oder ins Einkaufszentrum gehen.
Dieser Artikel von Mark van Huisseling erschien zuerst in der „Weltwoche“. Mehr von ihm auf Substack unter https://markvanhuisseling.substack.com/

Darum höre ich nur SRF3!
Wünscht euch doch etwas am Wunschkonzert!
Die Musigwelle der GenX.
Über Musikgeschmack lässt sich ja vortrefflich streiten. Statt irgendwelche SRF Sender höre ich Youtube Music. Dort wird das gespielt was ich mag. Abo ist sehr günstig wenn man weiss wie. Ansonsten auch gern mal das Lokalradio.
Ansonsten gibt es sicher in 10 Jahren wieder eine Reduktionsinitiative für das SRF. Bis dahin sind die Chancen gestiegen das die hälfte der verbliebenen Konsumenten friedlich entschlafen ist. Damit wird dann auch die Annahme wahrscheinlicher. Wir sind auf dem Weg, nur Geduld.
Srf 3 oder früher Drs 3 bringt seit Jahren nur unterirdische Musik. Ein Erlebnis ist mir dabei geblieben. Vor etwa 25 Jahren war ich auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto unterwegs. Da die ganze Zeit nur seichte Lumpenmusik gespielt wurde, wechselte ich aufs Kassettendeck (das gab es damals noch) und hörte einem Mix mit schnellen Punkrocknummern. Prompt wurde ich geblitzt und erhielt eine Busse von Fr. 40.-. Diese Busse hätte eigentlich das Staatsradio zahlen müssen, denn nur wegen deren miserabler Musikauswahl wurde ich zum Abschalten des Senders gezwungen.
Und allen die für die SRF Gebühren gestimmt haben und gestern „Fitze übernimmt“ geschaut haben, wünsche ich, dass sie ihren Entscheid nicht zu sehr bereuen….
rundfunk.fm – nur gute musik und null blabla.
Und trotzdem muss ich den anderen Misst bezahlen.
CHF Null Franken wäre genug. Zu Netflix und Internet Radio Zeiten überflüssig wie Winterkleider in Thailand.
Wer hat den den Esteriore wieder ausgegraben?
@Mark: Ich bin schon seit vielen Jahren ein grosser Fan deiner Artikel.
Wenn du mal in Thailand bist, ich gebe dir eine Mai Tai in Pattaya aus.
Die 200 Franken am Zoo für seine Voliere Geldvernichtung spenden wäre sogar weniger Geldverschwendung.
Jammeri, Gränni, schalten Sie einfach um.
Typisches Boomer-Thema: Sie hören Radio, regen sich über das Programm auf, das ihnen nicht passt, hören weiter den gleichen Sender (!), regen sich noch mehr auf und schreiben dann einen weiteren SRF-Bashing-Artikel. Krank. Die gute Nachricht, Leute: Streaming ist erfunden! Ihr könnt das hören, was ihr hören wollt und eigene Playlists zusammenstellen. Und wenn ihr dafür zu faul seid, dann gibt es Tausende von gut kuratierten Playlists. Im dümmlichen Artikel fehlt noch das zweite Boomer-Thema: Wir wollen auf Kosten der Allgemeinheit den ganzen Mist mit Rauschen und Chrosen über UKW hören!
06:46 soll früher Morgen sein? Um die Zeit habe ich bereits trainiert und geduscht. Anyhow… wann wäre denn der richtige Zeitpunkt für „High-Energy-Homo-Disco-Musik“, wenn nicht am Morgen? Kurz vor dem Schlafengehen?
Und sowieso: Einer, der in den 80ern eine Popperfrisur hatte, sollte sich grundsätzlich nicht zu Geschmacksfragen äussern, schon gar nicht zu Musik. Das kann nur peinlich werden – wie man sieht. Aber ja… für das WW- und IP-Publikum ist das gut genug.
Das Radio schaltet man nicht wegen der Musik ein. Will man die Musik nach seinem Geschmack hören, soll man z.B. Spotify abonnieren. Werbefrei, ohne nervige Moderation und auch ohne Nachrichten, die man sich ohnehin besser im Netz holt. Also Herr MvH – passen Sie sich der Zeit an und ärgern Sie sich nicht mehr über Radio SRF.
Ja solche Tracks sind richtig übel. Es fehlt noch das unsägliche Trump-Lied oder weinerlicher Deutsch-Rap.
Es geht aber sogar noch schlimmer, Radio SRF spielt jetzt auch KI-generierte Musik „in den Randstunden“. Und für das zahlen wir auch noch.
jaja, lieber Herr Huisseling (ein Wusselding sind Sie ja nicht gerade): “wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben.”
Hören Sie sich doch einfach einmal die Musiksendungen von SRF3 unter der Woche ab 20.00 an, bevor Sie uns Ihr Musik”verständnis” erklären.
Gerne.
So weit sind wir:
Da will also einer, dass 24 h seine Musik gespielt wird.
Und IP gibt ihm noch eine Plattform dafür.
Oder könnte es auch sein, dass die SVP und ihre Komplizen (Weltwoche) den Initiativ-Flop noch immer nicht verdaut haben?
Ich muss übrigens für meine Musikrichtung immer einen ausländischen Sender hören. Trotzdem wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, für die Initiative zu stimmen.
Das permanente SRG-Bashing auf IP hat auch nichts genützt.
DRS3 hat folgendes Programm:
Morgen: Alle Hitparaden-Lieder durchspielen
Vormittags: 2 Stunden Ankündigung über „eine grosse Reportage“
Vor dem Mittag: „Die grosse Reportage (dauer 5 Minuten)
Mittags: Alle Hitparaden-Lieder durchspielen
Nachmittags: 2 Stunden Ankündigung über „eine grosse Reportage“
Vorabend: „Die grosse Reportage (dauer 5 Minuten)
Abends: Alle Hitparaden-Lieder durchspielen
Ratet mal, was am Sonntag kommt? Hitparade.
Bei Ihnen fängt der Abend wohl schon um 15.00 an und endet mit dem Sandmännchen um 19.00.
…lieben‘s und retten mit so Sound die Demokratie und den Qualitätjournalismus und die FakeNews grad auch noch.
Doch, MvH, noch darf mal umschalten, ausschalten oder sich eine eigene Playlist bei Spotify oder so machen. Noch.
Halten wir fest: dem Autor gefällt das Alltagsmusikprogramm bei SRF nicht, und darf das im eigenen Blog, in der Weltwoche und hier auf IP kundtun. Da er sich selbst wohl nicht als Durchschnittsmensch sieht, ist das nicht weiter überraschend.
Offen bleibt, ob er die Musik-Spezialsendungen von SRF kennt, in denen es oft Neues und Anspruchsvolles zu hören gibt. Musik für ein anspruchsvolles Publikum halt.
PS: It‘s raining again war in 1982 zwei Wochen lang an der Spitze der CH-Charts. So ganz schlecht kann der Titel also nicht sein.
Aber das Musikprogramm von SRF 1 ist weitgehend ok. Husselig hatte den Geschmack schon immer in der Hxxx.
Ursi Spaltensteins „Sternschnuppe“ war auch gratis!