„Du kennst die herausgeputzten jungen Männer mit pomadisiertem Bart und Haar, gestriegelte Gecken. Erwarte von ihnen keine Kraft, keine Festigkeit.“
Diese Zeilen sind zweitausend Jahre alt, sie stammen vom grossen Philosophen und Denker Seneca (1 bis 65 nach Christus).
2000 Jahre. Einigermassen erstaunt las ich sie im Buch „Briefe an Lucilius“.
Nach einigen Tagen des Nachdenkens und Reflektierens kam ich zum Schluss, dass dies doch eigentlich natürlich ist.
Denn in den wesentlichen Dingen verändert sich die Welt ja bekanntlich nicht.
Die Selbst-Darstellung (zu welchen Zwecken auch immer) scheint die Menschen zu beschäftigen, seit es sie gibt. Machen das die Tiere auch?
Nicht dass ich wüsste, nur die allerwenigsten, denke ich. Warum also der Mensch?
Weil wir schlauer, intelligenter sind als die Tiere? Oder das Gegenteil? Weil wir nach 2000 Jahren noch immer nicht herausgefunden haben, was die wahren Werte eines Menschen sind?
Dass „pomadisierte Haare und Bart“ zwar etwas über den Menschen aussagen, der sie trägt, aber wohl nicht das, wer dieser Mensch ist oder sein könnte.
„Erwarte von ihnen keine Kraft, keine Festigkeit“, meinte Seneca, der grosser Stoiker. So scheint es heute noch zu sein.
Sobald ich auf die Strasse trete (ich muss nicht mal in eine Bar, einen der besten Orte, um den Zirkus der Eitelkeiten, das Narrenschiff, das wir Menschen inzwischen haben, zu beobachten), sehe ich die Gecken.
Männer, die wohl nicht geboren werden, sondern alle aus derselben Druck-Presse stammen. Denn alle sehen sie gleich aus.
„Modisch“, so sagt man, Hochwasserhosen, „schnelle“ Schuhe, trendige Söcklein oder noch besser barfuss in den Sneakers, auch im Winter (sind ja harte Kerle), Bart und zu Knoten auf dem Kopf gebundenes Haar, pomadisiert natürlich.
Ich kann nur den Kopf schütteln ob so viel Eitelkeit. Und ja, natürlich, es dient einem Zweck. Der Zweck heiligt alle Mittel, wie wir wissen.
„Man“ ist erfolgreich, natürlich. Voller Energie und Tatendrang, man ist „in“, und man ist cool.
Und das Wichtigste wird ebenfalls erreicht: Man wird „geliebt“.
Aufmerksamkeit ist einem gewiss, und das wird nur allzu oft als „Liebe“ gedeutet. Was Menschen nur alles falsch verstehen und deuten können.
Nicht dass es für den Moment ein Fiasko geben würde. Nein, das geht eine Weile, bis die Ernüchterung einkehrt.
Das Resultat ist dafür umso erschütternder. Enttäuschte und verletzte Menschen, die sich nicht mehr getrauen, eine Bindung einzugehen, und sich fortan selbst einreden, dass man am glücklichsten ist, wenn man allein ist.
Menschen, die den Boden verlieren, weil sie sich nirgends mehr reflektieren, spiegeln können (im Aussen, in der sogenannten Mode, in der Wirkung, die man bei Frauen und auch sonstwo hat) und es nie gelernt haben, für sich selbst zu reflektieren, nackt, schonungslos und ehrlich.
Ich bin weit weg von Seneca und bin darum sicher, dass meine Zeilen bei weitem keine 2000 Jahre überleben werden. Ich bin ja nur schon froh, wenn sie die nächsten paar Tage überleben werden.
Oder wenn sie meine Tochter einmal lesen wird, wenn sie alt genug ist. Aber zuweilen frage ich mich schon, wie das Thema „Bling Bling“ in 2000 Jahren angeschaut werden wird.
Menschen (oder so was ähnliches) wird es wohl auch 4000 n.Chr. noch geben. Und ich glaube stark, dass sich die Grundstrukturen des Mensch-Seins auch in dieser Zeit nicht verändern werden.
Vielleicht wird dann auch mal jemand Senecas Zeilen (die werden wohl schon überliefert werden) lesen und gleich wie ich den Kopf schütteln und nachdenklich seine Mitmenschen (und sich selbst) betrachten.
„Im Liebenden ist Gott, nicht im Geliebten“ (Plato)
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das nennt sich metro-sexuell (nicht zu verwechseln mit der Wetter App) und wurde einst durch David Beckham geprägt. Dachte das vergeht wieder aber habe mich wohl geirrt. Wird nur noch schlimmer…
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Was schreiben Sie da, dass Tiere diese Selbstdarstellung nicht kennen würden. Haben Sie schon einmal Tieren beim Balzen zugesehen? Wie sie herumstolzieren, Urschreie ausstossen und ihr Gefieder aufplustern. Pfauen zum Beispiel, aber auch andere. Sie scheinen den Kontakt zur Natur verloren zu haben, dank der einseitigen Konzentration auf menschliche „Gecken“.
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War genau mein Gedanke. Der Kommunikationsberater und Märli-Onkel Presta hat den Ausdruck stolzierender Pfau wohl noch nie gehört, geschweige denn einen solchen gesehen. Er war wohl zu sehr mit sich selbst oder seinem imaginären Freund Marco beschäftigt.
Passt aber hervorragend zum Niveau auf diesem Hobby-Blog.
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Schön geschriebe und wahre Gedanken. Danke.
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Eulenfisch Andreas Thelen-Eiselen: „Der Mythos der Moderne, der selbstbestimmte Mensch könne sich aus eigenen Kräften eine Identität stiften, hat sich längst verflüchtigt. Der Einzelne braucht in einer schnelllebigen und unsicheren Zeit Orientierungsmarken außerhalb der eigenen Person..“
Darum wohl die Aussage: „Menschen, die den Boden verlieren, weil sie sich nirgends mehr reflektieren, spiegeln können..“
Mit anderen Worten, der Mensch braucht Leitfiguren und Vorbilder die den Weg weisen und keine Schaufenster-Puppen die nur hohle Phrasen ausspucken können.
Gunther Kropp, Basel
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In unserem heutigen Weltverständnis hat selbst der Begriff „Philosophie“ an Bedeutung verloren. Er bezeichnet nicht mehr „reflektierendes Wissen“, also eine „Wissenschaft“ im weitesten Sinne (Aristoteles), geschweige denn „die rationale Untersuchung von durch Abstraktion gewonnenen Begriffen“ (Bacon) oder „das Studium der Weisheit“ (Descartes), oder gar das ambitionierte „vollständigste einheitliche Wissen“ (Spencer) oder „die Suche nach den Prinzipien der Gewissheit“ (Cournot). Ein semantischer Wertewandel!
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Die Selbst-Darstellung (zu welchen Zwecken auch immer) scheint die Menschen zu beschäftigen, seit es sie gibt. Machen das die Tiere auch?
Ah ja noch nie einem balzenden Vogel gesehen?
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warum die Menschen alle gleisch aussehen und gleich aussehen wollen.
Individualität ist doch viel interessanter.
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Mal eine Frage: Wieso sehen Boomer alle gleich aus?