Wer diese Woche tagsüber SRF zwei einschaltet, landet mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem Radiostudio.
Von Montag bis Freitag sind insgesamt 30 Stunden und 25 Minuten „3 auf zwei“ programmiert.
Am Montag allein läuft das Format sieben Stunden. Am Dienstag sind es sechs Stunden und 50 Minuten, am Mittwoch sieben Stunden und 25 Minuten.
Erst das European Masters im Golf reduziert die Radiobilder am Donnerstag und Freitag.
SRF nennt „3 auf zwei“ selbst treffend „Radio zum Anschauen“. Das Format gibt es seit 2010.
SRF zwei schaltet live ins Studio von Radio SRF 3. Zu sehen sind Moderierende, Gäste, Mikrofone und der laufende Betrieb einer Radiosendung.
Musik, Nachrichten, Wetter, Spiele und Gespräche bleiben fürs Radio gebaut. Das Fernsehen schaut der Produktion zu.
Technisch ist das inzwischen einfach. Seit dem Umzug der SRF-Radios nach Leutschenbach stehen in der „Radio Hall“ automatisierte Kameras.
Vier davon erfassen bei Radio SRF 3 das Geschehen vor und hinter den Mikrofonen. SRF erklärte bereits beim Start 2022, mit dem Videomaterial liessen sich „Synergien nutzen“.
Das geschieht inzwischen ausgiebig.
„3 auf zwei“ wäre als einzelnes Format noch eine Besonderheit. Die Nachprüfung zeigt jedoch: Das Prinzip taucht quer durch die SRG auf.
Beim „SRF Newsflash“ dient die Tonspur der 22-Uhr-Nachrichten von Radio SRF als Grundlage einer Fernsehsendung. Der Videodesk ergänzt Themenbilder, Texteinblendungen und ein Ticker-Band.
Aus einer Radioproduktion entsteht mit zusätzlichem Bildmaterial Fernsehen.
Der Unterschied zu „3 auf zwei“ ist aufschlussreich. Der „Newsflash“ erhält wenigstens eine eigene visuelle Informationsschicht.
Bei „3 auf zwei“ besteht das Bild über weite Strecken aus der Radioproduktion selbst.
Auch in der Romandie ist Radio inzwischen Fernsehen. RTS deux zeigt am Morgen „La Matinale“ beziehungsweise „7h–8h de La Première“ als Videoausgabe der Radiosendung.
Noch weiter geht RSI. Auf La 2 beginnt der Werktag mit „Albachiara in TV“ von Rete Uno.
Dazwischen laufen die Radio-Nachrichten als „visualradio“. Danach folgt „Millevoci in TV“, ebenfalls gleichzeitig im Radio und im Fernsehen.
Zürich, Lausanne, Lugano: drei Sprachregionen, dasselbe Prinzip. Eine Produktion wird für Radio erstellt und mit zusätzlicher Bildtechnik auch auf einem Fernsehsender ausgespielt.
Daraus eine zentral angeordnete SRG-Strategie abzuleiten, wäre Spekulation. Eine solche Anweisung braucht es allerdings auch gar nicht.
Unter Spardruck ist die betriebswirtschaftliche Logik offensichtlich: Was bereits produziert wird, lässt sich mit geringem zusätzlichem Aufwand auf weiteren Kanälen verwerten.
SRF selbst liefert den Kontext dazu. Im Sparprogramm „SRF 4.0“ kündigte das Unternehmen 2025 an, seine Fernsehressourcen stärker auf die Primetime zu konzentrieren.
Zu nutzungsschwachen Zeiten sollen vermehrt Wiederholungen laufen. Eigenständige Produktionen ausserhalb des Hauptabends geraten damit zwangsläufig unter Kostendruck.
Visual Radio passt perfekt in dieses Modell. Eine Radioredaktion produziert ohnehin. Kameras stehen sowieso im Studio. Ausspielwege sind vorhanden.
Aus diesen Bestandteilen lässt sich zusätzliche Fernsehzeit gewinnen, ohne eine klassische Fernsehsendung produzieren zu müssen.
Wie gross die Ersparnis tatsächlich ist, lässt sich von aussen nicht beurteilen. SRF veröffentlicht keine Kostenrechnung von „3 auf zwei“.
Gerade deshalb wären einige Zahlen interessant. Wie viele Menschen sehen durchschnittlich zu? Wie lange bleiben sie dabei? Welche Altersgruppen erreicht das Format?
Wie hoch sind die zusätzlichen Kosten gegenüber der ohnehin produzierten Radiosendung? Und wie viele Stunden Visual Radio laufen inzwischen insgesamt auf den TV-Kanälen der SRG?
Die Grössenordnung auf SRF zwei ist jedenfalls bemerkenswert. Mehr als 30 Stunden innerhalb von fünf Werktagen entsprechen fast vier kompletten Arbeitstagen Fernsehen.
Ob daraus auch Fernsehprogramm wird, ist eine andere Frage.
Der einfachste Test bleibt banal: Schaltet man bei „3 auf zwei“ das Bild aus, funktioniert die Sendung weiter. Schaltet man den Ton aus, bleibt über längere Strecken wenig Information.
Das Audio trägt Inhalt und Dramaturgie. Das Bild zeigt vor allem, wie Radio hergestellt wird.
Visual Radio kann durchaus funktionieren. Interviews, Konzerte oder Gespräche können durch Bilder gewinnen. Entscheidend ist, ob die Bildspur einen eigenen publizistischen Wert schafft.
Bei mehr als 30 Stunden in einer einzigen Woche stellt sich deshalb eine simple Frage: Wie viel Fernsehen steckt noch in diesem Fernsehen?
Die Entwicklung dürfte weitergehen. Die SRG muss sparen und führt Radio, Fernsehen und digitale Angebote organisatorisch immer enger zusammen. Mehrfachverwertung gehört ausdrücklich zur neuen Logik.
Die eigentliche Innovation von Visual Radio findet hinter der Kamera statt. Dort werden Produktion und Distribution effizient miteinander verbunden. Vor der Kamera sitzt weiterhin ein Radiomoderator vor einem Mikrofon.
Gleiche Bilder gehören meistens zum gleichen Kommentator.
„Zu nutzungsschwachen Zeiten sollen vermehrt Wiederholungen laufen“. Mehr geht gar nicht. SRF ist Spitze in Wiederholungen. Deutsche Konserven, Mona, Donat, Gredig, Küchengeschichten, Arena mit dem Alpöhi Brotz. SRF ist TV für Vergessliche, die können eine Sendung dreimal sehen und sind immer wieder aufs neue überrascht!